Internet der Dinge (IoT): Smarte Aufzüge streiken nicht

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In einem moderneren Aufzug wäre unser Autor nicht stecken geblieben. Im Zeitalter der IoT würde der Lift bei technischen Problemen sofort mit der Einsatzzentrale kommunizieren. Bild: fotolia.com

An Heiligabend letzten Jahres steckte ich in einem Lift fest. Bis die Rettungskräfte kamen, hatte ich genügend Zeit festzustellen, dass mir das in einem Aufzug des Traditionsunternehmens Schindler wohl nicht passiert wäre. Oder zumindest hätten nicht die Hausbewohner die Feuerwehr alarmieren müssen. Schindler hat an der letzten Cebit-Messe in Hannover demonstriert, wie Maschinen untereinander kommunizieren, damit alle Fahrten im Lift reibungslos verlaufen. Etwas simpel ausgedrückt senden Lifte und Rolltreppen ständig Daten über ihren Zustand, diese Daten werden analysiert, und falls Unregelmässigkeiten auftauchen, wird gleich ein Techniker gerufen. Eingebettet ist das Ganze im sogenannten Internet der Dinge (IoT).

Mit Technik-Trendwörtern ist das so eine Sache. Jeder verwendet sie, alle sprechen darüber, doch nur wenige vermögen ganz genau zu sagen, was es ist, und wie es funktioniert, so dass es auch kluge Zwölfjährige begreifen.

Verwirrung durch verschiedenste Wortkreationen

Bedauerlicherweise tragen die Technologieunternehmen mit eigenen Wortkreationen zu dieser Verwirrung bei. Cisco spricht etwa vom «Internet of Everything», Ericsson vom «Web of Things», GE (General Electric) fokussiert mit «Industrial Internet» auf industrielle Anwendungen, während IBM mit «Watson IoT» gleich einen eigenen Produktnamen kreiert.

Dabei ist das Internet der Dinge (IoT) eigentlich vom Namen her einleuchtend. IoT verbindet ganz verschiedene «Dinge» beziehungsweise Geräte wie Industriemaschinen, Motoren, Trams oder Fitnessarmbänder zu einem Netzwerk. IoT versteht sich als Erweiterung des Internets. Streng genommen sind PCs und Smartphones Vorläufer des IoT, da dies ja auch Geräte sind. Manchmal ist auch von «M2M-Kommunikation» die Rede (Machine to Machine), da eine Maschine mit einer anderen Maschine «spricht». Oft sind die Geräte im Netzwerk mit einem Sensor bestückt. Dieser misst beispielsweise die Temperatur einer Maschine oder die Bewegungsdaten eines joggenden Menschen. Für die riesigen Datenmengen (Stichwort «Big Data») braucht es zuerst mal Speicherplatz (Stichwort: «Cloud-Technologie»), bis diese ausgewertet werden. Tipp: Dieses Lernvideo erklärt das ein bisschen ausführlicher.

Werdet wie die Kinder

Kinder dürfen simple, aber auch entwaffnende Fragen stellen. Die effektivsten Fragen sind die nach dem Warum und Wozu. Vielleicht ist im Zusammenhang mit IoT die Frage «warum jetzt» erhellender. Schliesslich ist die Trendwelle der künstlichen Intelligenz in den letzten Jahrzehnten ein paar Mal aufgetaucht, ohne aber die Welt, wie wir sie kennen, grossartig umzukrempeln. Was spricht also dafür, dass sich das Internet der Dinge wirklich bis auf Stufe Alltag hin durchsetzt?

Also zum einen bietet die bereits reife Cloud-Technologie die dafür nötigen Rechenleistungen. Parallel dazu sind die Preise für Kommunikationsdienste, Speicherressourcen und Sensoren deutlich gesunken. Einziger grosser Wermutstropfen: Noch hat sich in der IoT-Technik kein allgemeiner Standard durchgesetzt, jeder Anbieter bastelt an seiner eigenen Lösung. Stellen Sie sich vor, es gäbe für Steckdosen zehn verschiedene Anbieter. Zudem ist die Sicherheitsfrage noch nicht schlüssig beantwortet. Unvorstellbar, wenn es Hackern gelänge, medizinische Geräte in einem IoT-Netzwerk zu manipulieren. Oder ein Ampelsystem in einer Grossstadt lahmzulegen.

Gemäss dem Gartner-Unternehmen Machina Research dürften bis 2023 26,1 Milliarden Geräte vernetzt sein. Den Löwenanteil der gegenwärtig vernetzten Geräte macht mit 21 Milliarden das vernetzte Wohnen aus. Das Smart House ist ja schon immer ein Liebhaberprojekt des Microsoft-Gründers Bill Gates gewesen. Tatsächlich hat der Milliardär laufend Intelligenz in sein Riesenanwesen eingebaut. Ein Besuch dort hat den Groove einer Space Odyssee 2001. Für hiesige Hausbesitzer ist Smart Metering interessant. Dieses System steuert die Stromzähler und sorgt nebenbei auch für einen sparsameren Stromverbrauch.

Vernetzte Autos liegen mit 1,7 Milliarden Verbindungen auf dem zweiten Platz. Interessant ist hier das mit Messsensoren funktionierende UBI-Versicherungsmodell (Usage Based Insurance), das den Versicherungstarif anhand der tatsächlichen Verwendung des Autos berechnet. Vernetzte Städte («Smart Cities» oder «Responsive Cities») haben zurzeit mit 750 Millionen Verbindungen einen bescheidenen Anteil. Schliesslich fallen noch 950 Millionen Verbindungen auf industrielle Anwendungen in den Bereichen Flottenmanagement, Logistik oder Handel.

Die Schweiz macht langsam vorwärts

Noch steht der Schweizer Markt im Hinblick auf die Entwicklung von IoT am Anfang. Die derzeitigen Projektumsätze bewegen sich im Vergleich zum ICT-Gesamtmarkt noch in marginaler Höhe. In der ersten Schweizer Studie des Consulting-Unternehmens MSM Research hat sich gezeigt, dass die Mehrheit der Befragten mit dem Begriff «Internet of Things» noch die Maschinenkommunikation M2M und «Industrie 4.0» verbinden. Nicht so erstaunlich, denn die Digitalisierung hat bereits sehr früh in der Fertigungsindustrie Einzug gehalten. Automatisierung der Produktion und Robotik sind keine neuen Schlagwörter, sondern gehören beispielsweise in der Autoindustrie schon lange Zeit zur Normalität.

Die Swisscom hat laut eigenen Aussagen schon mit uber 100 Unternehmen IoT-Projekte realisiert. Beispielsweise vermögen Mobility-Autos der Zentrale ihren Aufenthaltsort via Funk mitzuteilen, während sich die E-Bikes des Unternehmens Stromer dank eingebauter SIM-Karte aus der Ferne warten oder aufspüren lassen. Ferner hat der Bierproduzent Feldschlösschen einige seiner Biertanks in der Gastronomie mit Sensoren ausgestattet. Wenn der Tank einen kritischen Tiefstand erreicht, wird automatisch eine Bestellung ausgelöst, damit die Gäste nicht plötzlich auf dem Trockenen sitzen.

Die drei Anwendungen basieren auf Mobilfunktechnologie, welche die Swisscom gemein- sam mit der schwedischen Ericsson anbietet. Doch diese Systeme stossen angesichts der explosionsartigen Zunahme neuer Sensoren an ihre Grenzen. Wenn Milliarden von Dingen Daten senden, wird das Datenvolumen explodieren.

Intelligente Briefkästen und Müllcontainer

Das «Low Power Network» (LPN) soll Gegenstände verbinden, die nur kleine Datenmengen übertragen und dabei wenig Strom verbrauchen. Bei herkömmlichen Mobilfunklösungen ist der Stromverbrauch hoch, so dass Anwendungen im entscheidenden Moment ihren Geist aufgeben könnten wie der Akku im Handy. Bei LPN genügt eine herkömmliche Batterie, um einen Transponder bis zu zehn Jahre mit Energie zu versorgen. In Genf und Zürich hat Swisscom bereits Pilotprojekte gestartet. Von den Anwendungen interessant sind zum Beispiel intelligente Briefkästen, die via Handy melden, wenn Post eintrifft. Ein anderes System funkt der Müllabfuhr, wenn genügend Säcke im Container sind. Realisierbar wäre auch ein Parkleitsystem, das Autofahrern anzeigt, wo es noch freie Abstellplätze gibt.

Die Swiss Prime Site, Eigentümerin des Zürcher Prime Towers, spürte jüngst die Schattenseiten der industriellen Vernetzung. Theoretisch hätten schlaue Hacker über eine fälschlicherweise öffentlich zugängliche Webapplikation alle Lichter in einem Parkhaus löschen können. Heikler war, dass die Benutzungszeiten der Mieter mitsamt ihren Namen zugänglich waren. Somit hätten Diebe mit diesen Informationen leichte Beute machen können. Dieses Mal ist das Unternehmen noch mit dem Schrecken davongekommen. Vor diesem Hintergrund scheint es nicht erstaunlich, dass in einer vor zwei Jahren durch MSM Research veröffentlichten Umfrage 66 Prozent der Befragten die Sicherheitsaspekte als Hemmfaktoren und Hürden identifiziert haben. Seit 2016 in einem breit angelegten Angriff («Mirai-Attacke») rund 500’000 Geräte im IoT mit Schadsoftware infiziert wurden, ist Sicherheit zur ersten Priorität aufgerückt, doch bis zur Realisierung einer konsistenten Sicherheitsstrategie ist es noch ein weiter Weg.

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