Christoph Egger, Direktor der Schilthornbahn AG: «Unser Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft»

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2018 steigerte die Schilthornbahn AG in Mürren den Umsatz auf 30.9 Mio. CHF. Dabei verzeichnete die Gruppe, die im Berner Oberland nebst der bekannten Seilbahn auf den Ausflugsberg Schilthorn auch noch die Standseilbahn auf den Allmendhubel und die Wintersportanlagen in Mürren betreibt, einen Gästerekord. Total wurden 5,54 Millionen Passagiere auf den Anlagen befördert, gut 17% mehr als im Vorjahr.

Sowohl im Wintergeschäft als auch im Sommergeschäft wurden höhere Frequenzen verzeichnet. Die Besucherzahl stieg in den Monaten Januar bis April und Dezember um 15% auf 3,04 Mio. Passagiere. Im Sommergeschäft gab es ein Plus von 20% auf 2,49 Millionen.

Der Grindelwaldner Christoph Egger ist seit 2012 Direktor der Schilthornbahn AG. Dazu hält er mehrere Verwaltungsratsmandate bei verschiedenen Tourismusorganisationen inne. Bild: www.schilthorn.ch

Christoph Egger, Direktor der Schilthornbahn, äussert sich im Interview mit schweizeraktien.net zur Problematik des Gästeansturms und wie er diesem Herr werden will, warum er weiteres Ausbaupotenzial sieht, und was attraktive Inszenierungen auf dem Berg bedeuten.

Herr Egger, besser gehts nicht. Der vergangene Winter war für viele Bergbahnen ein Traumwinter. Auch für die Schilthornbahnen?  Oder macht man sich bereits Sorgen, weil er kaum mehr zu toppen sein wird?

Die letzte Wintersaison 2018/2019 war tatsächlich hervorragend. Früher Schneefall, hervorragende Schnee- und Pistenverhältnisse, und auch das Wetter hat in den Hauptferienzeiten mitgemacht. Das ist sehr erfreulich. Sorgen machen wir uns deshalb aber nicht. Die Besucherzahlen können auch durch attraktive Angebote und ein aktives Marketing positiv beeinflusst werden.

Der Platz wird knapp, denn die Touristenströme steigen weltweit Jahr für Jahr weiter an. An vielen besonders beliebten Destinationen ist bereits eine Art Rationierung eingeführt worden. Ist der knappe Platz auch für die Schilthornbahnen ein Problem?

Ja, die Platzverhältnisse sind bei uns topografisch bedingt knapp, sowohl auf dem Schilthorn als auch bei der Mittelstation Birg. Aus diesem Grund haben wir in der Vergangenheit mittels neuer Attraktionen wie THRILL WALK, PIZ GLORIA VIEW oder 007 WALK OF FAME versucht, zusätzliche Gästeverkehrsflächen zu schaffen. Unsere bestehende Luftseilbahn stellt allerdings den begrenzenden Engpass dar.

Wie müsste man sinnvoll mit diesem Problem umgehen? Mittels der Preispolitik, mit automatischer Platzzuteilung oder mit Verlosen?

Jede Destination und jedes Unternehmen befindet sich in einer anderen Situation. Es ist aber fast immer ein Mix aus verschiedenen Steuerungsmassnahmen, die den Erfolg bringt. In unserem Fall wird der Gästestrom durch die Zufahrtsstrasse und die Bahnkapazität beschränkt.

Viele Touristikunternehmen versuchen, mittels dynamischen Preismodellen ihre Ertragslage zu verbessern. Ein sinnvoller Weg?

Wir halten an unseren bestehenden Preismodellen fest. Im Winter sind wir in die Jungfrau Ski Region eingebunden, im Einzelreiseverkehr müssen wir uns an das Tarifsystem des direkten Verkehrs halten.

Der digitale Wohnungsvermittler AirBnB fasst auch in den Bergregionen immer stärker Fuss. Ein Segen oder ein Fluch?

Wir dürfen in den Bergregionen nicht stillstehen und müssen uns mit neuen Trends befassen und diese aktiv nutzen. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Der Erfolg von AirBnB zeigt, dass ein Angebotsbereich sehr erfolgreich ist, der lange Zeit gar nicht als Bedürfnis erkannt oder nicht aktiv und attraktiv genug verkauft wurde.

Die Schilthornbahnen gehören zu den langfristig erfolgreichsten unseres Landes. Was sind ihre Erfolgsgeheimnisse?

Es gibt mehrere Gründe: Die einzigartige Lage mit dem besten Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau sowie die Vergangenheit mit dem James-Bond-Film „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ sind unkopierbare Alleinstellungsmerkmale. Wir mussten diese nur gut inszenieren und unseren potenziellen Besuchern bekannt machen.

Welches sind Ihre erfolgreichsten Neuerungen?

Wir haben in den letzten fünf Jahren zahlreiche Attraktionen geschaffen, um den Schilthorn-Ausflug attraktiver und werthaltiger gestalten zu können. BOND WORLD 007 oder THRILL WALK sind nur zwei Beispiele. Neben den Attraktionen haben wir auch eine neue Corporate Identity eingeführt. Schliesslich haben wir die Marketing- und Verkaufsaktivitäten stark ausgebaut und intensiviert. Die zahlreichen Neuheiten haben uns den Zugang zu den Reisveranstaltern stark erleichtert. Die Kombination aus all diesen Massnahmen hat unser Image enorm geschärft und unsere internationale Bekanntheit innerhalb kurzer Zeit spürbar verbessert.

Als erstes Unternehmen in der Schweiz setzt SAG künftig auf eine Funifor-Pendelbahn. Was ist das Spezielle am Projekt Schilthornbahn 20XX?

Die Luftseilbahn muss aus Altersgründen erneuert werden. Wir haben zwar immer viel in die Instandhaltung der Bahnanlagen investiert und auch zahlreiche Erneuerungen vorgenommen. Wichtige tragende Infrastrukturen wie Fundamente und Betonbauten stammen aber aus den 1960er Jahren und sind noch im Originalzustand.

Mit der neuen wird nun alles besser?

Vieles schon. Die neue Luftseilbahn, die auf den Abschnitten Mürren – Birg und Birg – Schilthorn als Funifor gebaut wird, wird eine ganzjährige Erreichbarkeit des Ausflugsberges Schilthorn – Piz Gloria ermöglichen. Die Funifor-Bahnen sind zweispurig, die einzelnen Spuren aber als komplett unabhänige Bahnanlagen konzipiert. Dadurch kann eine Spur betrieben werden, während auf der anderen Spur Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden. Und die Funifor-Seilbahn ist aufgrund der breiten Tragseilspur und der kurzen Gehänge sehr windstabil und ermöglicht es uns, sehr kompakte Stationsgebäude zu realisieren.

Wie wird sich dies auf die Anzahl der Passagiere, Umsatz und Ertrag auswirken?

Grundsätzlich steht einer weiterhin positiven Entwicklung nichts im Weg; unser Nachholpotenzial auf grosse Mitbewerber ist noch nicht ausgeschöpft. Voraussetzung für diese weiterhin positive Entwicklung sind aber wirtschaftlich und politisch stabile Märkte. Dies scheint momentan der Fall zu sein. In den letzten Jahren konnten wir neue Märkte wie Südostasien erschliessen und uns in wichtigen Märkten wie China, Korea oder den Golfstaaten etablieren.

In welchem Bereich sehen Sie das grösste Potenzial? Wo die grössten Probleme?

Wir haben in zahlreichen Märkten noch grosses Potenzial: Unsere Marktdurchdringung kann in zahlreichen Märkten noch deutlich verbessert werden, was längerfristig wachsende Besucherzahlen grundsätzlich ermöglicht. Weiteres Potenzial besteht zweifellos auch in der Ausdehnung der Wertschöpfungskette. Neue Angebote sollen auch zu Nebenerträgen führen.

Braucht es immer wieder neue Produkte?

Der Markt, die Reiseveranstalter, der Gast: Sie alle wünschen sich immer wieder attraktive Neuheiten. Wer keine Neuheiten bieten kann, verliert im Markt automatisch an Attraktivität und Anziehungskraft.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung durch die Politik?

Nein, die Politik muss uns nicht unterstützen. Unserer Branche wäre schon sehr gedient, wenn die ewige Verhinderungspolitik eliminiert werden könnte. Was nützt kantonale oder nationale Wirtschaftsförderung, wenn uns dieselben Institutionen in doppeltem Ausmass be- und verhindern?

Suchen die Schilthornbahnen auch nach neuen Geschäftsfeldern?

Neue Geschäftsfelder sind für uns interessant, wenn diese eine Ergänzung zum Kerngeschäft darstellen oder unser Image weiter stärken.

Was sind andere wichtige Grossprojekte ausserhalb des Bahnbereichs?

Wir setzen auch weiterhin auf attraktive und passende Inszenierungen. Dabei handelt es sich allerdings nur selten um Grossprojekte. Gelungen inszenierte Attraktionen bringen oftmals mehr als gesuchte, grosse Würfe. Ein grosses Projekt verfolgen wir allerdings gemeinsam mit dem Generalbauunternehmer Steiner AG und Marco Hartmann in Mürren: das Hotelprojekt THE MYRRHEN, mit dem wir 300 neue Hotelbetten schaffen möchten. Das Projekt beschäftigt momentan aber noch die Juristen.

Wo hoch ist bei Ihnen der Anteil der Auslandsgäste? Und was unternehmen Sie, um diesen Anteil zu steigern und insbesondere bei den Asiaten zu punkten?

35% unserer Gäste sind Schweizer. Wir sind froh, dass unser Heimmarkt auch immer noch der wichtigste Markt ist. Entsprechend möchten wir auch nicht um jeden Preis die Gästezahlen pushen: Der Mix der Gäste darf nicht unterschätzt werden, hier müssen wir eine gesunde Balance im Auge behalten. Unsere Gäste sollen sich auf dem Schilthorn wohlfühlen, nur so empfehlen sie das Schilthorn ihren besten Freunden weiter.

Herr Egger, ich danke Ihnen für dieses Gespräch. 

Die Aktie der Schilthornbahn ist auf der OTC-X-Plattform der BEKB gelistet und wurde zuletzt bei 2’000 CHF gehandelt.

Hinweis in eigener Sache: Am 17. September 2019 findet in Andermatt der nächste Branchentalk Tourismus statt. Im Fokus stehen Erfolgsfaktoren für touristische Grossprojekte in der Schweiz. Mit dabei sind neben Samih Sawiris, VR-Präsident der Orascom, unter anderen Urs Kessler von den Jungfraubahnen und Norbert Patt von Titlis Rotair. 

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