Patrik Jäger, Leiter Asset Management IFS: «Fast jede Firma ist auf Lieferanten aus China angewiesen»

Anlegen in Zeiten der Corona-Krise

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Independent Financial Services IFS ist eine unabhängige Schweizer Vermögensverwaltungsboutique, spezialisiert auf Anlageberatung und Vermögensverwaltung für institutionelle und private Kunden. IFS führt den IFS Swiss Small & Midcap Equity Fund mit einem Fondsvolumen von knapp 40 Mio. CHF.  Dabei wird ein aktiver Ansatz verfolgt, mit dem Ziel, eine nachhaltige Outperformance zur Benchmark (SPI Extra) zu erzielen.

Performance des IFS Swiss Small & Midcap Equity Fund und der Benchmark SPI EX. Quelle: ifsag.ch

Patrik Jäger verantwortet als Leiter Asset Management und Portfoliomanager den IFS Swiss Small & Midcap Equity Fund. Im Gespräch mit schweizeraktien.net erläutert er, welche Auswirkungen der Ausbruch der Corona-Epidemie auf sein Portfolio kleiner und mittelgrosser Schweizer Unternehmen hat und welche Massnahmen er deshalb ergreift. Und warum er an Titeln wie Straumann, Schindler, Georg Fischer, Comet und Logitech festhält.

Herr Jäger, sind Sie überrascht, dass die Anleger und damit die Börsen erst in dieser Woche so richtig auf den Ausbruch der Corona-Epidemie reagieren?

Patrik Jäger (40) trägt die Verantwortung für das Asset Management der IFS AG. Zuvor war er bei der BZ Bank als Fondsmanager und Finanzanalyst tätig. Er verfügt über einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre der Universität St. Gallen. Bild: schweizeraktien.net

Da die ersten Krankheitsfälle, welche Anfang Februar im Westen aufgetreten waren, relativ gut in Schach gehalten werden konnten, gingen die Märkte wohl davon aus, dass sich das Problem bis auf weiteres auf China beschränkt. Die von dort gemeldeten sinkenden Fallzahlen liessen darauf hoffen, dass sich der Ausbruch doch noch in den Griff kriegen lässt. Die Ausbrüche in Italien und dem Iran, welche sich nicht mehr direkt nach China zurückverfolgen lassen, haben aber klar gezeigt, dass sich das Virus schwer kontrollieren lässt und es wahrscheinlich zu weiteren Ausbrüchen kommen wird.

Sie selbst haben in Ihrem Portfolio einige Titel, die sehr direkt betroffen sind. Bevor wir auf die einzelnen Titel eingehen: Ein erfahrener Portfoliomanager wie Sie, der seit 10 Jahren als Fondsmanager arbeitet, hat natürlich schon so manche Krise erlebt. Wie gross ist die Gefahr einer Abstumpfung? So nach dem Motto: Wir haben das schon bei SARS erlebt, nach ein paar Monaten ist das wieder vergessen.

Die Börse kann hier wohl recht gut differenzieren und folgt nicht stur irgendwelchen historischen Mustern, sondern der aktuellen Situation und den damit einhergehenden realwirtschaftlichen Auswirkungen. Dabei ist es eigentlich gar nicht so wichtig, wie gefährlich das Virus im Vergleich zur normalen Grippe nun wirklich ist. Zentral ist die Wahrnehmung und Reaktion der Bevölkerung. Ein wichtiger Aspekt ist hier wohl auch die Angst der Leute vor dem Neuartigen. Wir alle wissen, wie sich eine normale Grippe anfühlt, und viele Leute verzichten auf eine Impfung, obwohl die Mortalität je nach Saison ja auch relativ hoch sein kann. Zum neuen Coronavirus fehlen uns die Referenzpunkte, was eine Ansteckung bedeutet. Das macht wohl vielen Angst.

Sie sagen, dass fast alle Unternehmen Ihres Portfolios vom Virus betroffen sind. Wie ist das zu verstehen?

Mit der Globalisierung sind die Lieferketten inzwischen so global und vernetzt, dass praktisch jedes produzierende Unternehmen auf Lieferanten aus China angewiesen ist, sei es direkt oder indirekt. Leider reicht oftmals ein einziges fehlendes Teil, um die Produktion stillstehen zu lassen. Und selbst, wenn man selber noch liefern kann, bleibt die Gefahr, dass die Produktion eines Endkunden stillsteht, weil ein anderer Zulieferer Probleme hat. Die Situation ist somit für viele Firmen eher schwierig einzuschätzen und oftmals ausserhalb ihrer direkten Kontrolle.

Von den 45 Investments Ihres Portfolios bezeichnen Sie 19 als direkt betroffen. Wie gehen Sie jetzt mit diesen um?

Grundsätzlich hängt der langfristige Erfolg einer Firma nicht von solchen Ereignissen ab, womit sich an unserer Portfoliozusammensetzung eigentlich nichts ändert. Unser Anlagefokus liegt auf gut geführten Unternehmen mit hohen Margen und soliden Bilanzen. Solche Firmen können diese Unwägbarkeiten problemlos meistern bzw. solche Krisen manchmal sogar nutzen, um den Vorsprung zur Konkurrenz weiter ausbauen. Zudem ist davon auszugehen, dass manche Firmen einen gewissen Aufholeffekt spüren dürften, sobald sich die Lage wieder normalisiert.

Die 10 grössten Positionen des IFS Swiss Small & Midcap Equity Fund. Quelle: ifsag.ch

Unter den direkt betroffenen Unternehmen Ihres Portfolios sind Börsenlieblinge wie Straumann, Schindler, Georg Fischer. Halten Sie denen jetzt die Treue, komme was wolle?

Die drei genannten Unternehmen haben eine überzeugende Strategie, gute Marktpositionen und sind solide finanziert. Die Geschäftsmodelle werden durch den Ausbruch des Virus nicht tangiert. Temporäre Rückschläge sehen wir hier eher als Kaufgelegenheiten.

Ihre zweitstärkste Position ist Logitech. Inwiefern sehen Sie hier Gefahren für den weiteren Geschäftsgang des Unternehmens?

Logitech erwirtschaftet rund einen Viertel des Umsatzes in Asien, was vergleichsweise wenig ist. Falls sich das Virus global ausbreitet, werden aber natürlich auch die anderen Absatzregionen betroffen sein. Jedoch eignen sich die Produkte von Logitech auch sehr gut für den sowieso immer wichtiger werdenden Onlineversand. Die aktuelle Situation, wo Arbeitnehmer nicht reisen können und im Home Office arbeiten müssen, könnte manchen Firmen auch vor Augen führen, dass es Sinn macht, eine moderne und effiziente Video-Collaboration-Infrastruktur zu haben. Hier könnte Logitech sogar profitieren. Ein ernstes Risiko ist für Logitech sicher die Supply Chain der Produktion. Obwohl Logitech im Rahmen des Handelskonfliktes bereits letztes Jahr damit begonnen hat, die Produktion zu diversifizieren, ist die Produktionsstätte in Suzhou nach wie vor ein wichtiger Pfeiler der Produktion. Dabei ist die aktuelle Situation sicherlich herausfordernd. Teilweise läuft die Produktion, teilweise ist man jetzt daran, diese wieder hochzufahren.

Mit Comet halten Sie einen weiteren Technologie High-Flyer. Ist das Potenzial hier nicht langsam ausgereizt?

Die von Heinz Kundert umgesetzte Strategieanpassung ist absolut überzeugend. Als Zulieferer für die Halbleiterindustrie ist Comet in ihrer Nische Marktführer. Einhergehend mit der Erweiterung des Produkteportfolios ergeben sich signifikante Wachstumsmöglichkeiten. Zudem ermöglichen neue Technologien dermassen grosse Produktivitätsfortschritte, dass die Preise und somit das Margenpotenzial sehr gut sind. Wir sind überzeugt, dass Comet in einigen Jahren bezüglich Umsatz und Marge auf einem deutlich höheren Level sein wird, als dies aktuell noch der Fall ist. Man sollte sich somit nicht allzu stark auf die aktuelle Bewertung abstützen.

In diesen Zeiten der Unsicherheit: Welche Unternehmen werden da für einen Portfoliomanager wieder interessant? In welche Werte, die Sie zurzeit nicht in Ihrem Portfolio haben, würden Sie investieren?

Kaum direkt betroffen sind sicherlich Immobilien- und Telekomwerte. Weiter sind auch Pharma- und Medtech-Firmen wenig betroffen. Wir planen aber nicht, hier jetzt zu investieren, sondern halten noch an der aktuell recht hohen Bargeldquote fest, um dann zu gegebener Zeit zyklische Qualitätstitel zu kaufen, welche zu stark abgestraft wurden. Qualitätstitel wie zum Beispiel SFS sind in einer etwas längeren Betrachtung nun wieder recht attraktiv bewertet.

Seit Anfang 2019 sind die Börsen wieder im ununterbrochenen Aufwärtsmodus. Inwieweit kann da ein „Schuss vor den Bug“ wie jetzt heilsam sein, weil er eine notwendige Korrektur vorwegnimmt?

Ich glaube nicht, dass eine Korrektur in diesem Ausmass in der jetzigen Phase unumgänglich war. Dank der Entspannung im Handelsstreit begann sich das wirtschaftliche Umfeld jüngst ja wieder etwas aufzuhellen. Dieser Trend hätte sicher noch eine Weile anhalten können. So gesehen ist der Ausbruch des Virus schon etwas unglücklich. Jedoch haben die jüngsten Daten gezeigt, dass insbesondere in den USA auch die Inflation der Löhne und Inputkosten nun wieder ansteigt. Diese Daten decken sich auch mit anekdotischen Beobachtungen vieler Firmen, welche den US Arbeitsmarkt als eher angespannt beschreiben. So gesehen hätte die US Notenbank wohl früher oder später eine Trendumkehr bei den Zinsen einleiten müssen, was wahrscheinlich ebenfalls zu Volatilität geführt hätte. Dieses Szenario ist mit dem Virus nun etwas weiter in die Zukunft gerückt.

Was wäre jetzt das beste Szenario, das Sie sich selbst und den Anlegern wünschen?

Für die Anleger, aber vor allem auch für die betroffene Bevölkerung wäre eine erfolgreiche Eindämmung der Epidemie sicher ein Glücksfall, wobei die jüngsten Ausbrüche zeigen, dass das nicht so einfach sein dürfte. Das eigentliche Best Case Szenario ist wohl, dass es bis auf weiteres bei lokal kontrollierbaren Ausbrüchen bleibt, bis ein Impfstoff getestet und zugelassen wird.

Herr Jäger, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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