SGV Holding: Pandemie trifft das Schifffahrtsunternehmen doppelt hart

CEO Stefan Schulthess rechnet mit hohen Verlusten in 2020

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Die MS Winkelried kam seit der Wiedereröffnung der Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee als Ersatzschiff zum Einsatz, um den durch die Corona-Auflagen und den damit reduzierten Passagier-Kapazitäten entstandenen Nachfrageüberhang auszugleichen. Bild: elvis.abaecherli.ch

Tourismus, Hotellerie und Gastronomie sind Branchen, die besonders unter den Folgen der Pandemie leiden. Auch nach dem Ende des Lockdowns sind die Zukunftsaussichten alles andere als rosig. Der Tourismusindustrie fehlen die ausländischen Gäste, und es ist alles andere als klar, wann sie wieder zurückkommen. Die Gastronomie darf zwar wieder ihre Besucher verköstigen, aber einerseits sind diese noch sehr zurückhaltend, und andererseits lassen die strengen Abstandsregeln keine Vollauslastung zu.

Tourismus und Gastronomie sind die beiden wichtigsten Ertragspfeiler der SGV Gruppe. Die Unternehmensgruppe kriegt deshalb die Folgen der Corona-Krise doppelt zu spüren. «Die Auswirkungen für uns und die ganze Tourismusbranche, vor allem in den Städten, sind dramatisch, da die Nachfrage auch jetzt nach dem Lockdown nur ca. 50% beträgt», sagt Stefan Schulthess, CEO der SGV Holding AG, gegenüber schweizeraktien.net.

Hohe Verluste erwartet

So sind die Gästezahlen bei der SGV AG, dem Freizeitverkehr auf dem Vierwaldstättersee, im Juni gegenüber dem Vorjahresmonat um 50% zurückgegangen. Noch stärker ist die Tavolago AG, die Gastronomie-, Hotel- und Catering-Tochter der SGV Holding AG betroffen. «Die Krise ist bei beiden Tochtergesellschaften noch lange nicht ausgestanden. Bei beiden Gesellschaften rechnen wir im laufenden Jahr mit hohen Verlusten im einstelligen Millionenbereich».

Noch im Januar zeigte sich Schulthess im Interview mit schweizeraktien.net sehr optimistisch, was den Geschäftsverlauf in 2020 betrifft. Vor allem in der Hotellerie sah er weiteres Wachstumspotenzial. Das ist jetzt passé.

Schiffbau-Tochter macht (noch) Freude

Alleine die 2012 gegründete und damit jüngste und – noch – umsatzschwächste Tochter der SGV Holding AG, die im Schiffbau tätige Shiptec AG, sorgt für einen Hoffnungsglimmer in diesen düsteren Zeiten. «Aktuell macht uns die Shiptec AG als einzige Gruppengesellschaft Freude. Langfristig werden sich die Auswirkungen der Corona-Krise aber natürlich auch in der Investitionsgüterindustrie nachteilig auswirken. Alle Unternehmen, die um ihr finanzielles Überleben kämpfen, werden in den nächsten Jahren ihre Investitionen auf ein Minimum beschränken, da machen wir uns keine Illusionen», schränkt Schulthess aber jede Euphorie ein.

Anfang 2020 konnte die Shiptec AG einen Grossauftrag mit einem Umfang von 57 Mio. CHF für den Bau von zwei Fähren für die Westschweizer CGN an Land ziehen, der mit Abstand grösste Einzelauftrag in der Geschichte der Shiptec AG. Die Inverkehrssetzung der beiden Schiffe auf dem Genfersee verzögere sich jetzt leicht, sagt Schulthess, er rechnet mit einer Wasserung im Herbst 2022 bzw. im Herbst 2023.

Fragen und keine Antworten

Kommt eine zweite Welle? Wann kommen die internationalen Gäste zurück? Wie werden die Schweizer Touristen sich im Sommer verhalten? Die Ungewissheit ist extrem gross, wann es im Tourismus zu einer gewissen Erholung kommt oder ob gar ein weiterer Tiefschlag in Form einer zweiten Welle zu noch höheren Umsatzeinbussen führt. Jede Prognose ist deshalb reine Kaffeesatzleserei.

Welche Massnahmen ergreift unter diesen Vorzeichen die SGV und die Tavolago, um aus dem Tal der Tränen rauszukommen? «Die eine oder andere Verkaufsaktion, meistens in Zusammenarbeit mit Partnern, machen wir zwar, aber wir verfallen nicht in grosse Hektik und schon gar nicht in einen Aktionitis. Ausländische Gäste fehlen ja fast vollständig, und einheimische Touristen verbringen ihre Sommerferien in diesem Jahr eher in Bergregionen und nicht in Städten, da helfen auch keine kurzfristig angelegten Marketingkampagnen, ganz abgesehen, dass wir momentan im Sparmodus sind», so Stefan Schulthess.

Fazit
Kurs der SGV Aktie in den letzten drei Jahren. In 2020 verlor die Aktie bis heute 11%, konnte sich aber vom Jahrestief im März bei 220 CHF wieder etwas erholen. Grafik: otc-x.ch

Das Geschäftsjahr 2019 war für die SGV sehr erfolgreich, auch wenn es nicht an das Rekordjahr 2018 anschliessen konnte. Im wichtigsten Geschäftsbereich, der Schifffahrt, gingen die Beförderungszahlen um 2% zurück, der Umsatz sank um 1.5%. Besser lief es bei der Tavolago (+10%) und der Shiptec (+5%). Der Erfolg auf Stufe EBITDA stieg nochmals um knapp 0.5 Mio. CHF auf 11.16 Mio. CHF; wegen der sehr offensiven Abschreibungspolitik der SGV ging das Ergebnis auf Stuf EBIT von 3.48 Mio. auf 3.2 Mio. CHF zurück, unter dem Strich blieb ein konsolidierter Gewinn von 1.79 Mio. CHF (Vorjahr: 2.26 Mio.). Es wird weiterhin keine Dividende ausgeschüttet. Der Aktienkurs der auf OTC-X gehandelten Aktie steht seit Jahresbeginn unter Druck.

Die SGV schreibt im Geschäftsbericht, dass sie aktuell gut finanziert und die Liquidität sichergestellt sei, auch dank Kurzarbeitsentschädigungen.

Es hängt jetzt viel davon ab, wie sich das Sommergeschäft auf dem Vierwaldstättersee entwickelt und ob im Bereich Gastronomie eine gewisse Entspannung eintritt. Aber klar ist auch, dass nach 10 Jahren stetig steigender Umsätze und Gewinne 2020 so oder so ein bitteres Geschäftsjahr mit hohen Verlusten wird.

Gibt es dennoch irgendetwas Positives in dieser Situation? «Aus Sicht eines Tourismusunternehmens in der Stadt Luzern ist es etwas schwierig, in der derzeitigen Krise irgendetwas Positives zu sehen (lacht) … vielleicht der Zusammenhalt der Mitarbeitenden in der SGV Gruppe und die trotz Krise gute Stimmung und Freude, endlich wieder Kunden, wenn auch deutlich weniger als letztes Jahr,  begrüssen zu dürfen», sagt Stefan Schulthess abschliessend.       

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