Norbert Patt, CEO Titlis Bergbahnen: «Das Verhältnis der ausländischen Gäste zum Berg ist komplett anders als das der Schweizer»

Das laufende Geschäftsjahr wird voraussichtlich weiter stark belastet sein

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Grosse Marketinganstrengungen sind in den vergangenen Jahren von Schweizer „Vorzeigegipfeln“ wie dem Titlis und dem Jungfraujoch in die Akquise von ausländischen, vorzugsweise asiatischen Touristen geflossen. Mit grossem Erfolg: Die Touristen aus Übersee und Asien haben den Bergbahnen, den Shops, Hotels und Restaurants Rekordeinnahme nach Rekordeinnahme beschert.

Unter dem Eindruck nicht versiegender Quellen wurden bedeutende Investitionen getätigt, z.B. über 300 Mio. CHF in die V-Bahn zur besseren Erschliessung der Jungfrau-Region, oder geplant: 120 Mio. CHF in das Projekt „Titlis 3020“. 

Alles unter dem Aspekt, das Erlebnis am Berg für die Besucher einzigartig zu machen, insbesondere auch für jene, die noch nie Schnee gesehen und gespürt haben. Nur: Die kommen zur Zeit nicht. Sie werden wohl frühestens 2022 wieder in Vorepidemie-Massen auftauchen, die ein Unternehmen wie die Titlis Bergbahnen benötigt, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

schweizeraktien.net sprach mit Norbert Patt, CEO der Titlis Bergbahnen, über den Einfluss von Corona auf sein Unternehmen, über den Unterschied zwischen Schweizer und ausländischen Touristen und welchen Einfluss die derzeitige Gemengenlage auf das Projekt „Titlis 3020“ hat.

Norbert Patt ist seit November 2010 CEO der Titlis Bergbahnen. Der Betriebswirt und -ingenieur aus dem Graubünden war zuvor bei mehreren anderen Bergbahnen tätig. Bild: schweizeraktien.net

Herr Patt, der Umsatz der Titlis Bergbahnen ist im Geschäftsjahr 2019/20 coronabedingt um über 50% eingebrochen. Machen Sie sich Vorwürfe, dass Sie diesen Gau für den Tourismus nicht antizipiert haben?

Im Sinne der Risikodiversifizierung haben wir unser Geschäftsmodell breit aufgestellt, insbesondere im Bereich der Marktbearbeitung. Diese breite Marktbearbeitung garantierte uns in den letzten 10 Jahren ein stetiges Wachstum der verschiedensten Märkte. Dass der Zusammenbruch der Tourismusindustrie weltweit und derart lange erfolgte, hatten wir selbst in den schlechtesten Worst-Case-Szenarien nicht abgebildet.

Vor Corona folgte Rekordjahr auf Rekordjahr bei den Titlisbahnen. Inwieweit helfen diese Rekordjahre über den Verlust von 19.6 Mio. CHF im letzten Geschäftsjahr hinweg?

In den letzten Jahren haben wir enorm viel in den Berg investiert und unsere Leistungen auf einen qualitativ hohen Stand entwickelt. Zudem ist die finanzielle Basis gestärkt worden, d.h. Fremdkapital wurde abgebaut und das Eigenkapital wurde von CHF 40 Mio. im Jahre 2010 auf über CHF 137 Mio. im Jahre 2020 mehr als verdreifacht. Dennoch schmerzt der hohe Verlust, der durch zusätzliche Abschreibungen belastet ist.

Vor allem das Sommergeschäft ist eingebrochen. Noch 2019 sagten Sie, dass der Shift in Richtung Sommergast gehe und dass Sie das auch so wollten. Müssen Sie jetzt umdenken?

Eingebrochen ist das internationale Reisegeschäft, welches hauptsächlich in den Sommermonaten stattfindet. Erfreulich ist die Entwicklung des Sommergeschäft im 2020 mit Schweizer Gästen. Wir durften doppelt so viele Schweizer Gäste begrüssen wie in den vergangenen Jahren.

Inwiefern unterscheidet sich der Schweizer vom ausländischen Touristen?

Es ist wirklich toll, dass wiederum so viele Schweizer Gäste den Titlis besuchten. Dennoch, das Verhältnis der ausländischen Touristen zu den Bergen ist komplett anders als das der Schweizer Gäste. Nur schon das Erlebnis für einen ausländischen Gast, das erste Mal im Leben Schnee berühren zu können, ist unvergesslich!

Die grösste Besucherzahl an Ersteintritten generierten Sie vor Corona durch Gruppenreisen. Diese sind jetzt praktisch ganz weggefallen. Wann kommen die Gruppen wieder auf den Berg?

Die Lust am Reisen liegt in den Genen der Menschen, das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Wir erhalten aus den meisten Märkten positive Signale. Insbesondere aus Indien sowie diversen südostasiatischen Ländern. Wir sind der Ansicht, dass gegen Ende 2021 erste vereinzelte internationale Reisegruppen kommen werden. Insgesamt schauen wir ab dem Jahre 2022 sehr zuversichtlich auf die kommenden Jahre.

Sie haben mit “Titlis 3020“ Grosses vor. 120 Mio. Investitionen sollen in dieses Projekt fliessen, ein Teil wurde auch schon investiert. Geplant war eine Fertigstellung im Jahr 2023. Inwieweit wird durch die Verluste im Geschäftsjahr 2019/20 der Baufortschritt verzögert? Wann rechnen Sie mit einer Fertigstellung?

Visualisierung des Projekts „3020“ der Star-Architekten Herzog & de Meuron. Bild: zVg.

Die Planungsarbeiten des Projektes „Titlis 3020“ sind weit fortgeschritten. Die Ausschreibungsplanung der 4 Teilprojekte Turm, Linie II Stand-Titlis, Bergstation und Inszenierung Stollen ist abgeschlossen. Aufgrund der Verzögerungen der Bewilligungen und der Krisensituation COVID-19 wurden in Absprache mit allen Projektinvolvierten die Planungen im Jahr 2020 sistiert. Wir gehen davon aus, dass Teileröffnungen in den Jahren 2023 oder 2024 möglich sind.

24 Mio. CHF Abschreibungen, auch durch eine Sonderabschreibung auf das Projekt „3020“ bedingt, weisen Sie für das letzte Geschäftsjahr aus. Wo ist Ihre Schmerzgrenze, was weitere Verluste anbelangt?

Unser Ziel ist, dass wir wiederum Gewinne und keine Verluste mehr schreiben wollen – jeglicher Verlust ist über der Schmerzgrenze! Wir prognostizieren, dass aufgrund der anspruchsvollen Marktsituation das laufende Geschäftsjahr immer noch stark belastet sein wird.

Sie haben im Gegensatz zu anderen Bergbahnen eine sehr hohe Eigenmittelquote von 80%. In Anbetracht der sich weiter hinschleppenden Pandemie und einem absehbaren Verlust im laufenden Geschäftsjahr mag das Sie und die Aktionäre etwas beruhigen. Wie weit dürfen die Eigenmittel „angezapft“ werden?

Der positive betriebliche Cashflow im abgelaufenen Geschäftsjahr ist für uns die relevante Kerngrösse. Die branchenübliche Eigenkapitalquote von 40% erfüllen wir ohne Probleme, insofern hält sich die Sorge um die Eigenkapitalquote in Grenzen.

Der Umgang der Politik mit Bergbahnen sorgt immer wieder für Kritik. Wie stehen Sie zu den politischen Massnahmen im Zusammenhang mit Corona und dem alpinen Tourismus?

Für uns hat die Gesundheit der Bevölkerung und auch die unserer Mitarbeitenden höchste Priorität. Dennoch, alle Massnahmen sollten begründbar und auch verständlich sein. Bei manchen Entscheiden hatten wir das Gefühl, dass die Bergbahnen als Symbol für gewisse Entscheidungen hinhalten mussten. Wir sind sehr froh, dass wir einen engen Austausch mit der Politik haben können.

Gibt es irgendetwas Positives, das Sie und Ihr Unternehmen aus dem letzten Jahr mitnehmen können?

Das letzte Jahr und die Corona Krise haben uns sehr gefordert. Wir mussten unseren MindSet ändern und versuchen, uns möglichst flexibel auf immer wieder ändernde Rahmenbedingungen einzustellen und uns auf die Kosten zu fokussieren – Agilität war gefragt. Doch generell darf schon gesagt werden: «Ein Geschäftsjahr, welches wir uns nicht mehr zurückwünschen!»

Herr Patt, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Die Aktien der an der SIX gehandelten Titlis Bergbahnen notieren derzeit  unter 50 CHF, Anfang März 2020 kosteten sie noch 74 CHF.

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