Macro Perspective: Ungleichheit – Wirtschaft und Gesellschaft am Scheideweg

Multi-Milliardäre gegen den Rest der Welt

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„Gerechtigkeit herrscht, wenn es in einem Volk weder übermässig Reiche noch übermässig Arme gibt.“ Thales von Milet, Philosoph, Begründer der abendländischen Astronomie und Geometrie, ca. 624 v. Chr. – ca. 545 v. Chr.

Das Nettovermögen von Elon Musk liegt derzeit bei 180 Mrd. USD, das von Jeff Bezos bei 198 Mrd. USD. Diese beiden allein besitzen so viel wie die unteren 40% der US-Bevölkerungspyramide. Nimmt man noch Gates (131 Mrd. USD), Ellison (100 Mrd. USD), Buffett (103 Mrd. USD) und einige Multi-Milliardäre mehr dazu, bleibt nur noch wenig übrig, was auf den Rest der Bevölkerung entfällt. Ist das der normale Lauf der Dinge oder vielleicht doch eher ein Zeichen für die End-Phase der laufenden Epoche?

Vermögenskonzentration und autoritäre Herrschaftssysteme gehen in der Geschichte meist Hand in Hand. Zu der Entwicklung passt, dass die USA, lange der globale Leuchtturm von Demokratie und freier Marktwirtschaft, strenggenommen, gar keine wirkliche Demokratie mehr sind. Im Demokratie-Ranking schmierten die USA insbesondere in den letzten 10 Jahren kontinuierlich ab und liegen nun gleichauf mit Argentinien und der Mongolei, aber hinter Panama und der Slowakei! Die Ära Trump markierte, hoffentlich, den absoluten Tiefpunkt. Kritisch betrachtet geht es vor allem um das antiquierte Wahlsystem, die Möglichkeiten der Manipulation von Wahlen, den Einfluss der Plutokratie und der Unternehmen auf die Gesetzgebungsprozesse, die Konzentration der Medienmacht in wenigen Händen, die Chancenungleichheit für Minoritäten, die Bereitschaft zur staatlichen Gewalt nach innen wie nach aussen – alles in allem: Ungleichheit.

Toxic USA vs. Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Superreiche und Unternehmen zahlen kaum Steuern; es sind hauptsächlich die Arbeiter und Angestellten, die das US-Haushaltsbudget bestreiten. Das Bild der USA, wie es in den europäischen Medien immer noch gern gezeichnet wird, ist nicht mehr als die Nostalgie vom weiten Westen und dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dass weite Teile des Landes vergiftet sind, wird gerne ausgeblendet. Beispiele sind der „toxic leak“ einer seit 20 Jahren stillgelegten Düngemittelfabrik in Florida und ein „toxic dump“ 12 km vor Los Angeles im Pazifik, wo seit den 1930er Jahren über Jahrzehnte grosse Mengen DDT entsorgt wurden.  Grosse Teile der Bevölkerung sind einer kontinuierlichen Kontamination durch Blei, Arsen, PFAS oder anderen toxischen Chemikalien ausgesetzt, die über die Wasserversorgung zu ihnen gelangen. Nicht in Manhattan oder Beverly Hills, aber fast überall dort, wo Milliardäre und Millionäre nicht leben.

Medien-Filter

Der jährliche Aktionärsbrief von Jamie Dimon, dem CEO von JP Morgan, findet in Wall-Street-Kreisen von Jahr zu Jahr mehr Gehör. Im jüngsten schreibt er, dass die bestehende Ungleichheit in der Gesellschaft die grösste Herausforderung für die USA ist. Er wird sehr deutlich. Die Institutionen, die das Vertrauen verloren haben – Regierung, Schulen, Medien und Unternehmen – müssen das Vertrauen wieder gewinnen und verstehen, dass Ungleichheit das zugrundeliegende Problem ist. Der enorme Reichtum unseres Landes, so Dimon weiter, falle nur einigen wenigen zu. In den angelsächsischen Medien bildete genau diese Aussage zumeist die Schlagzeile. Auf einer beliebten Financial Website, die von Schweizer Anlegern gerne konsultiert wird, liest sich die Schlagzeile zu dem aktuellen Brief an die Aktionäre dagegen so: Dimon warnt vor Konkurrenz durch Fintech und Schattenbanken. Kein Wort von Ungleichheit!

Steuererhöhungen bilden Anlass zu Gewinnmitnahmen

Dimon spricht das offensichtliche Thema an, und der neue Präsident Biden hat auch schon Kurskorrekturen auf den Weg gebracht oder angekündigt. Die Erhöhung der Steuersätze für Unternehmen und Vermögende dürfte allerdings schon den ersten Test bilden. Wie es aussieht, kann Biden bei der Unternehmensbesteuerung nicht mehr erreichen, als die die Senkungen der Sätze durch seinen Vorgänger Trump rückgängig zu machen. Die Unternehmensbesteuerung könnte wieder auf 28% bis 31% angehoben werden, was im internationalen Vergleich immer noch recht niedrig ist. Die zahlreichen Ausnahmeregelungen und Schlupflöcher, die von der Lobby über die Jahre und Jahrzehnte in den Gesetzgebungsprozess eingebracht worden sind, lassen sich nicht so ohne Weiteres eliminieren. Anders sieht es bei der Einkommensteuer aus. Die Steuer auf Einkommen über 1 Mio. USD p.a. könnte sich glatt verdoppeln.

Hohe Kursgewinne bei Tesla. 5-Jahres-Chart: money-net.ch

Eine börsenrelevante Konsequenz daraus ist, dass die Realisierung der im Zuge der Aktienhausse aufgelaufenen „capital gains“ zu den noch günstigen Steuersätzen zu massiven Aktienverkäufen führen wird. Davon betroffen sind in erster Linie Aktien, die hohe Kursgewinne verzeichnen wie AMD mit 1’880% Gewinn in den letzten fünf Jahren, Nvidia mit 1’540% und Tesla mit 1’320%. Darüber hinaus stellt auch der Renditeanstieg am Bondmarkt auf immerhin über 1,6% von 0,5% im letzten Jahr einen guten Anlass dar, um Gewinne glattzustellen.

Kursgewinne von 1’880% bei Advanced Micro Devices. Chart: money-net.ch
Anspruch und Wirklichkeit

Auch Bezos ist sich der sozialen Problematik bewusst; sein mit 10 Mrd. USD ausgestatteter Earth Fund will sich vor allem der sozialen Ungleichheit widmen. So bemerkenswert es ist, dass Wall-Street-Persönlichkeiten wie Dimon und Bezos die Herausforderung beim Namen nennen, so ist nicht minder bemerkenswert, dass beide in ihrem direkten Einflussbereich genug zu tun hätten, um wirklich glaubwürdig und konsistent zu erscheinen. Ein Arbeiter bei Amazon in den USA verdient durchschnittlich 31’000 USD im Jahr, etwa die Hälfte des US-Durchschnittseinkommens und kaum ausreichend, um über die Runden zu kommen. Bezos geht kompromisslos gegen die Bildung von Gewerkschaften vor und feuert die Aktivisten. Musk ist auch nicht besser, Hunderte von Beschäftigten haben sich in Kalifornien mit dem Corona-Virus infiziert, weil die Fabrik zu früh geöffnet wurde und auch Kranke arbeiten mussten oder, alternativ, gefeuert wurden. Das passt nicht recht zusammen mit dem Image, das beide von sich erzeugen wollen.

Ölindustrie und JP Morgan

Dimon ist CEO der Bank, die vor allen anderen die Ölindustrie finanziert. Es ist auch die einzige US-Grossbank, bei der ausnahmslos alle im Board of Directors Vertretenen engere Beziehungen zur Ölindustrie unterhalten. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Emissionen der finanzierten Unternehmen das 700fache dessen betragen, was bei Banken und anderen Finanzunternehmen direkt anfällt.

Chip-Engpass wird durch Wassermangel verschärft

Über den Klimawandel sprechen alle, und viele kündigen Net-Zero-Ziele an, die nur selten 2030 als Frist nennen und oft 2050. Die Auswirkungen sind jedoch bereits heute brennend. Aktuell herrscht beispielsweise eine „Chip Shortage“, die nun noch dadurch verstärkt wird, dass Taiwan von einer Dürre heimgesucht wird. Die Flüsse sind ausgetrocknet, Regenfälle bleiben aus. Ein Drittel aller weltweit produzierten Chips wird in Taiwan gefertigt – und dafür werden Unmengen von Wasser benötigt, die nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Produktionskürzungen und -ausfälle sind absehbar. Die Preise der hochgradig zyklischen Chips werden weiter steigen.

Nahrungsmittelpreise klettern

Kaum in den Schlagzeilen, ziehen auch die Nahrungsmittelpreise kontinuierlich an. Das mag in der Schweiz verkraftbar scheinen, doch in weiten Teilen der Welt sind Nahrungsmittel für den Grossteil der Bevölkerung noch immer der grösste Ausgabeposten. Hungerkatastrophen wie in der Sahelzone, im Jemen, aber auch in den USA und UK geben aber keine Schlagzeilen her, die Auflagen, Einschaltquoten oder Klickraten verbessern. Realität bleibt der Hunger trotzdem, auch wenn ausgeblendet. Das gilt auch für die Schweiz mit ihren vielen Millionären und Milliardären; die Armut ist auch da und Hunger spielt eine wachsende Rolle. Das zeigt die starke Nachfrage bei der Schweizer Tafel. Bereits vor der Pandemie lebten 8,7% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze!

Entwicklung der Armutsgrenze in der Schweiz. Grafik: BFS – Erhebung über die Einkommen und Lebensbedingungen, ohne fiktive Mieten.
Flucht von der Erde

In einer zynischen Lesart der Geschehnisse scheint es vor allem den Multi-Milliardären längst klar zu sein, dass die Zukunft auf dem Planeten Erde wegen der Überbevölkerung, der Kontamination und der zahlreichen Polarisationen ernüchternd aussehen wird und daher die Zeit für die Besiedelung extraterrestrischer Himmelskörper gekommen ist. Es ist kein Zufall, dass neben Musk und Bezos auch Richard Branson (4.4 Md. USD), Larry Page (100 Mrd. USD), Marc Benioff (9 Mrd. USD) und Mark Zuckerberg (110 Mrd. USD) in die Raumfahrtindustrie investieren. NASA, ESA und andere etablierte Raumfahrtbehörden spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Geschätzte 80% des Raumfahrtgeschäfts wird inzwischen von privaten Gesellschaften wie Space X und Virgin Galactic abgewickelt.

Mond und Mars als Alternative zu Schweiz und Neuseeland

Es hat Tradition bei der Oberschicht, sich in sichere Gefilde zurückzuziehen, etwa während der Pest-Epidemien, während Kriegen und Revolutionen. Da der Planet inzwischen so überbevölkert, vergiftet und ohne sichere und komfortable Rückzugsgebiete ist und sich auch die letzten Bastionen wie Schweiz und Neuseeland in zunehmender Isolation befinden, bleibt nur noch das All – auch wenn dies illusorisch scheinen mag. Der Mond und der Mars sind jedoch erreichbar, wenn auch nicht sonderlich einladend. Centi-Milliardären mag es dennoch sicherer erscheinen, sich dort einzurichten. „Nach mir die Sintflut“ ist ein bekanntes Zitat, das eigentlich immer vor dem Ende einer Epoche der Ungleichheit aufkommt.

Megalo-Manie oder perfider Plan?

Die Ambitionen der Multi-Milliardär-Astronauten sind natürlich ausgesprochen infantil und scheinen von der derselben „Kultur“ der Science-Fiction-Filme inspiriert, die auch Notebook, Smartphone und Alexa hervorgebracht hat. Wahrscheinlich sehen sich die Centi-Milliardäre schon als „Imperator Musk“ und „Bezos-Dynastie“, die in intergalaktischen Kämpfen die Vorherrschaft gegen die „Page Dynastie“ und „Skywalker Branson“ erringen wollen. Die Frage ist, ob die Gesellschaft solche kindischen Träumereien und darauf basierende Verhaltensweisen einiger weniger zu ihren eigenen Ungunsten zulassen sollte. Haben die Irren endgültig die Anstalt übernommen? Oder ist es doch ein perfider Plan der Plutokratie, die durch ihre sogenannten sozialen Medien erfolgreich über ihre anti-sozialen Pläne hinwegtäuschen will? Die Medien werden jedenfalls kaum ihrer Pflicht zur Aufklärung und Ursachenforschung oder gar ihrer Rolle als „vierte Macht“ in der Demokratie gerecht, was wiederum noch durchgeknallteren Verschwörungstheorien Vorschub leistet – Camouflage im doppelten Sinn. Kein Wunder, dass die Regierenden zunehmend wie Hampelmänner und Marionetten wirken. Keine besonders guten Voraussetzungen für die Wiederwahl und die Widerstandsfähigkeit der Demokratie.

Es gibt zwar viele Proteste und Demonstrationen, doch mit einer echten Revolution ist angesichts der geistigen Degeneration unserer Zeit nicht zu rechnen. Dafür fehlt es an Überzeugungen und auch an Bewusstsein. So bleibt Thales Erkenntnis von vor 2’600 Jahren: „Nichts ist so stark wie die Notlage, weil alle ihr sich unterwerfen.“ Die unerwartete Pandemie von 2020 stellt schon eine Art Notlage dar, in der bereits viele Masken gefallen sind oder abzublättern beginnen.

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