Favoriten auf dem Prüfstand: Setzt sich der Höhenflug von Swissquote fort?

Halbjahreszahlen von Kundenwachstum und Expansion geprägt

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Als es am letzten Jahreswechsel darum ging, die Favoriten für das Börsenjahr 2021 auszuwählen, fiel die Entscheidung für Swissquote leicht. Das Unternehmen hatte sich seit der Gründung 1996 und dem IPO im Jahr 2000 kontinuierlich entwickelt und bekleidete bereits eine starke Marktposition. Das sollte sich mit Blick auf die Auswirkungen der Pandemie zugunsten von Swissquote auswirken. Die Wahl fiel vor allem deshalb leicht, weil sich die Aktie bis Dezember 2020 noch vergleichsweise wenig bewegt hatte – was sich dann im bisherigen Jahresverlauf furios ändern sollte.

Im ersten Halbjahr 2021 konnte Swissquote fast 50’000 neue Kundinnen und Kunden gewinnen. Bild: Swissquote (Sicht vom Unternehmenssitz in Gland/VD)

Mehrere Faktoren spielten zusammen. Die fortgesetzte Börsen-Hausse lockte verstärkt auch Privatanleger an den Markt, die sich die scheinbar leichten Gewinne nicht entgehen lassen wollten. Der Kostenführer mit einer immer breiter werdenden Palette von Produkten und Finanzdienstleistungen Swissquote war zwangsläufig die erste Wahl für die Börsennovizen. Dazu kam, dass viele Wirtschaftssubjekte durch die Einschränkungen infolge der Pandemie und deren Bekämpfung durch Beurlaubung oder Kurzarbeit auch die Zeit hatten, um sich intensiver mit der Börse, Aktien und anderen Anlage- und Spekulationsobjekten zu beschäftigen.

Stark im Krypto-Handel

Dabei spielte die neuerliche Prominenz von Krypto-Währungen spätestens seit der Überwindung der alten Höchststände – 20’000 USD pro Bitcoin – eine wesentliche Rolle. Im laufenden Jahr kletterte der Bitcoin bis auf 65’000 USD, und mit ihm die meisten anderen Krypto-Währungen. Für Schlagzeilen sorgten über Monate hinweg die wechselnden per Twitter verlautbarten Einschätzungen von Elon Musk. Viele der Krypto-Adepten interessieren sich gar nicht für Aktien, Anleihen, Gold oder Derivate, sondern ausschliesslich für das Krypto-Universum. Die tradierten Kapitalmärkte gelten als Spielwiese eines korrupten Finanz-Establishments mit Playern wie Grossbanken und Mega-Asset-Management-Gesellschaften. Nur 10% des Krypto-Handelsumsatzes entfiel im ersten Semester 2021 auf Multi-Assets Investors, 90% dagegen auf Krypto-only Kunden.

Markantes Wachstum des Krypto-Handelsumsatzes. Quelle: Swissquote, Halbjahresresultate 2021
Exponentielles Kundenwachstum

Für Swissquote entpuppten sich die genannten Trends als Wachstumstreiber. Im ersten Halbjahr 2021 wurden fast 50’000 neue Kundinnen und Kunden gewonnen. Die Assets der Kunden stiegen um 4.9 Mrd. CHF auf nun 50.2 Mrd. CHF. Diese neuen Kunden sorgten für 9% der Nettoerträge, die durchschnittliche Grösse der Kundenkonten stieg weiter auf über 109’000 CHF. Krypto-Trading spielte eine herausragende Rolle; 30% der Handelsumsätze entfielen im ersten Halbjahr darauf – das ist die Spitzenposition vor Aktien mit 26%. Inzwischen bietet Swissquote den Handel mit 24 Krypto-Währungen an.

Expansion auf Kurs

Das frische Geld kam nicht etwa nur aus der Schweiz allein, denn die Internationalisierung von Swissquote schreitet forsch voran. 29% des fresh money entfallen auf Hongkong und Singapur, 6% auf die Vereinigten Arabischen Emirate, 8% auf UK, Luxemburg und Malta – sowie, mit fallender Tendenz, noch 57% auf den Heimatmarkt. Das Wachstum des internationalen Geschäfts liegt seit 2017 um den Faktor 2,3 höher als beim Inlandgeschäft. Höhere Wachstumsraten liefert auch das B2B-Geschäft mit Banken, Brokern, Fondsgesellschaften und Asset Managern, die im ersten Halbjahr 2021 für bereits 22% Umsatzanteil stehen, im Bereich Trading sogar für 49%. Hier liegt das Wachstum seit 2017 um den Faktor 2,6 über dem bei Privatkunden. Zu beachten ist, dass sowohl das Geschäft mit den Institutionen als auch das ausserhalb der Schweiz von durchschnittlich weit höheren Volumina gekennzeichnet ist.

Starker Kursanstieg seit Jahresbeginn bei Swissquote. Chart: money-net.ch
Gewinn hat sich mehr als verdoppelt

Das stürmische Wachstum schlägt sich auch im Zahlenwerk nieder. Die operative Marge stieg von 30% auf 50,9%, die Nettogewinnmarge beträgt 44%, und der Halbjahresgewinn schoss von 50.4 Mio. CHF auf 116.4 Mio. CHF. Der Gewinn je Aktie beträgt 7.71 CHF nach 3.35 CHF in der Vorjahresperiode. Im Verlauf des Jahres 2020 hatte die Aktie von 49 CHF auf 86 CHF zugelegt. Bis zum 20. August 2021 hat sich der Swissquote-Aktienkurs bereits annähernd verdoppelt.

Ist die Aktie somit zu teuer oder nimmt zu viel der erwarteten weiteren positiven operativen Entwicklung vorweg? Nicht, wenn die Dynamik in der Neukundengewinnung, in der internationalen Expansion und beim Ausbau des institutionellen Geschäfts anhält. Und genau danach sieht es aus. Zwar mag der Impuls, der von Pandemie und Lockdown bei gleichzeitig steigenden Kursen ausging abflachen oder sogar abklingen, durch die Diversifikation nach Ländern und Aktivitäten ist aber sehr wahrscheinlich mit weiteren Impulsen zu rechnen, etwa im Krypto-Bereich oder aus Asien.

Die Profitabilität hat an Schub gewonnen. Quelle: Swissquote, Halbjahresresultate 2021
Niedrige Bewertung

Selbst unter der konservativen Annahme, dass der Gewinn im zweiten Halbjahr nicht höher als im ersten liegt, errechnet sich ein KGV 2021 von gerade 10! Das ist nicht zu hoch für ein dynamisch wachsendes Unternehmen mit zahlreichen Alleinstellungsmerkmalen und hoher Profitabilität, das zudem wegen der bestehenden Eintrittsbarrieren durch Wettbewerber kaum zu schlagen ist. Das drückt sich auch im hohen Bekanntheitsgrad der Marke Swissquote aus, der gleichauf mit dem von UBS liegt, aber höher als der von CS oder ZKB ausfällt!

Fazit

Da es sich bei Swissquote zum weit überwiegenden Teil um strukturelles Wachstum handelt und nicht nur um einen einmaligen Lockdown-Effekt, erscheint die Bewertung trotz dem substanziellen Kursanstieg fast lächerlich niedrig. Ein KGV von 10 ist wohl bei zyklischen Finanztiteln, deren Kursverläufe hauptsächlich vom Auf und Ab der Zinsen bestimmt sind, angemessen, nicht jedoch bei innovativen Marktführern der Digital-Ökonomie, die von starken Aufwinden profitieren. Die Kursprognose bleibt somit positiv, wenn es auch zeitweilig zu Gegenwinden und Korrekturen kommen mag.

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