Bernexpo Groupe: Seit der BEA 2022 geht es wieder aufwärts

Unternehmensleitung möchte wieder an das Vor-Pandemie-Niveau anknüpfen

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Peter Stähli (l.), VR-Präsident der Bernexpo Groupe, und Tom Winter (r.), CEO, mit Bundesrat Alain Berset, Regierungsrätin Beatrice Simon, und Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried anlässlich der Eröffnung der BEA 2022. Bild: zvg

Wenn Tom Winter an die Eröffnung der BEA am 29. April 2022 zurückdenkt, spricht er von einem «sehr emotionalen Moment». Denn mit der BEA öffnete nach zwei Jahren Corona-Pause nicht nur die beliebte Berner Publikumsmesse. Die Eröffnung war auch der Startschuss für ein Messejahr ohne weitere Einschränkungen. Das gesamte Team habe diesem Moment entgegengefiebert, so der CEO des Messeveranstalters Bernexpo Groupe im Gespräch mit schweizeraktien.net. Und die Mitarbeitenden wurden nicht enttäuscht. Über 300’000 Besucher kamen in den zehn Tagen auf das Messegelände im Nordosten der Bundesstadt. Weit mehr als erwartet und auch mehr als vor der Pandemie im Jahr 2019.

Besucher und Aussteller sind wieder zurück

Nach dem erfolgreichen Restart der BEA ging es Schlag auf Schlag. Die Besucher an den eigenen Fachmessen und zahlreichen Fremdveranstaltungen kamen ebenfalls rasch wieder zurück. Zu den weiteren Highlights für Tom Winter und sein Team gehörten in diesem Jahr die Schweizer Berufsmeisterschaften SwissSkills mit über 1’000 Teilnehmenden sowie das Herofest. Letzteres fand zum 3. Mal in dieser Form statt und zog über 20’000 begeisterte Besucher aus der eSports- und Cosplayer-Szene an.

«Schwarze Zahlen» für 2022 erwartet

Obwohl die Bernexpo Groupe noch im ersten Quartal 2022 wegen der pandemiebedingten Massnahmen rund 20% des Jahresumsatzes verloren hat, rechnet Tom Winter damit, dass das Unternehmen im 2022 «dort anknüpfen kann, wo wir 2018 und 2019 aufgehört haben». 2019 lag der Umsatz bei 49.7 Mio. CHF, im Jahr 2018 waren es sogar 62.6 Mio. CHF. «Wir sind gut auf Kurs und werden im Geschäftsjahr 2022 wieder schwarze Zahlen schreiben», ergänzt Peter Stähli, Verwaltungsratspräsident der Gruppe.

Positiv wirken sich auf das Ergebnis auch die Effizienzsteigerungsmassnahmen aus, die während der Pandemie eingeleitet wurden. «Covid hat uns hier sicherlich geholfen», so Stähli. Aber auch ohne die Pandemie wären die Prozesse optimiert und die Strukturen vereinfacht worden. Heute sitzt beispielsweise das gesamte Bernexpo-Team an einem Ort. Vor der Pandemie waren die Mitarbeitenden auf mehrere Standorte auf dem Bernexpo-Areal verteilt.

Publikumsmesse in Bern zwischen Tradition und Moderne

Dass das Flaggschiff BEA nach der Corona-Pause so gut wieder gestartet ist, überrascht Tom Winter und Peter Stähli nicht. Dies, obwohl an anderen Orten wie Zürich und Basel schon vor der Pandemie die traditionellen Publikumsmessen eingestellt wurden. «Wir zelebrieren die Tradition genauso wie die Moderne», umschreibt Winter das Konzept. So konnte sich die BEA zu einem Ökosystem entwickeln, das mit seinen unterschiedlichen Themenwelten für alle Besucher etwas zu bieten hat. «An der BEA trifft der traditionelle Landwirt auf den Urban Gardener», so Winter. Das sorge für einen interessanten Austausch. Solange dieser Spagat gelingt, macht sich das Führungsteam auch um die Zukunft der Publikumsmesse wenig Sorgen.

Digitale Formate ergänzen Fachmessen

Etwas herausfordernder ist hingegen das Format der Fachmessen. Hier sieht Tom Winter Potenzial für eine Ergänzung mit neuen digitalen Plattformen, in welche die Bernexpo in den letzten Jahren investiert hat. Auch wenn im B2B-Bereich mittlerweile viel über diese digitalen Kanäle laufe, so wolle sich auch das Fachpublikum immer noch persönlich treffen. «Diese Begegnungen wollen wir ermöglichen», so Winter. Digitale Formate ersetzen die Veranstaltungen vor Ort nicht, sie schaffen aber Reichweite, die über den physischen Anlass hinaus geht.

Besonders gut funktioniert dies auch im Bildungs- und Karrierebereich, wo die Bernexpo Gruppe 2019 die Plattformen Talendo und Together übernommen hat. «Hier spüren wir eine starke Nachfrage aufgrund des aktuellen Fachkräftemangels», berichtet Winter. Selbst hat die Bernexpo Gruppe keine Probleme mit fehlendem Personal, obwohl derzeit nach einer Covid-bedingten Reduktion auf 82 Vollzeitstellen wieder neue Mitarbeitende gesucht werden.

Zusammenarbeit mit Bern Welcome und dem Kursaal

Für die nächsten Jahre setze die Bernexpo auf höhere Produktivität, neue Geschäfte und Zusatznutzen für Besuchende und Ausstellende, erläutert Peter Stähli die strategischen Stossrichtungen der Gesellschaft. Ein wichtiger Vorteil oder neudeutsch «USP» ist auch der Standort mitten in der Schweiz. Bei der Vermarktung des Messe- und Kongressstandorts arbeitet die Bernexpo eng mit Bern Welcome und der Kursaal Bern AG zusammen (siehe auch Interview Kursaal Bern AG). Eine Fusion mit dem Kursaal schliesst Stähli allerdings aus. Man wolle unabhängig bleiben.

Neue Festhalle kommt nun 2025

Ihren Fokus richtet die Gruppe jetzt vor allem auf das Jahr 2025: dann soll die Neue Festhalle auf dem Bernexpo Gelände eröffnet werden – ein Jahr später als geplant. Bis zu 9’000 Personen werden darin Platz haben. Der Baustart wird nun im Mai 2023 nach dem Abschluss der BEA erfolgen. Das Projekt soll neue Massstäbe in puncto Funktionalität bieten, einen der höchsten Digitalisierungsgrade der Schweiz aufweisen und im Minergie-Standard erstellt werden. Die Finanzierung läuft über die Messepark Bern AG, an der die Bernexpo AG noch zu 32,6% beteiligt ist. Zudem haben Stadt und Kanton Bern 30 Mio. CHF an öffentlichen Geldern für das Projekt gesprochen.

Hohe Agilität statt Langfristplanungen

Für das Team wird die Vermarktung der Neuen Festhalle eine grosse Herausforderung, obwohl sie für den Standort Bern grosse Chancen bietet. Denn langfristige Planungen lassen sich in der heutigen Zeit nicht mehr machen. «Wir haben gelernt, auf Sicht zu fliegen», so Tom Winter mit Blick auf die kommenden Monate. Die Feedbacks für 2023 seien gut, ebenso der Buchungsstand. «Wichtig ist, dass wir die Agilität hochhalten», so Peter Stähli.

Auf die gestiegenen Energiepreise reagiert Bernexpo mit Effizienzmassnahmen, allfällige Mehrkosten sollen durch Preisanpassungen kompensiert werden. Trotz der vielen Unsicherheitsfaktoren im Markt sind Stähli und Winter zuversichtlich, dass die Bernexpo nicht nur auf den Erfolgspfad zurückkehrt, sondern auf diesem wieder rasch voranschreitet. «Wir haben in der Pandemie gelernt, mit konstant kürzeren Planungszeiten umzugehen und neue Standbeine aufgebaut», so Winter. Dies werde auch die Basis für den Erfolg in der Zukunft sein.

Fazit

Ohne staatliche Hilfen wie Härtefallgelder und Kurzarbeitsentschädigung würde es Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche wie die Bernexpo heute nicht mehr geben. Doch das Management hat aus der Pandemie gelernt. Heute kann die Gruppe viel flexibler agieren und effizienter wirtschaften. Diese Effekte könnten sich schon in der Erfolgsrechnung für das Jahr 2022 zeigen. Angesichts der guten Geschäftsentwicklung seit Mai 2022 könnte der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr im Bereich von 40 bis 50 Mio. CHF und damit an das Jahr 2019 anknüpfen. Auch schwarze Zahlen sollen wieder möglich sein.

Setzt sich die positive Geschäftsentwicklung fort, dürften die Aktien der Bernexpo AG ihren Tiefpunkt durchschritten haben. Chart: otc-x.ch

Derzeit werden die Aktien der Bernexpo zu Kursen von 285 CHF ausserbörslich auf OTC-X gehandelt, was ungefähr dem Buchwert je Aktie von 287 CHF entspricht. Wenn die Pandemie nicht wieder aufflammt und mit Schliessungen dem Eventgeschäft erneut einen Strich durch die Rechnung macht, ist die Bernexpo-Aktie angesichts der guten Perspektiven auf dem aktuellen Kursniveau nicht zu teuer. Denn die hohe Eigenkapitalquote von 67,4% sorgt für Stabilität. Ebenso sind u.a. in der Beteiligung an der Messepark Bern AG stille Reserven zu vermuten. Der Anteil könnte nach erfolgreicher Fertigstellung der Neuen Festhalle noch reduziert, der Verkaufserlös dann in neue Projekte fliessen oder für eine Sonderausschüttung verwendet werden. Spekulationen auf Ausschüttungen sind allerdings verfrüht: Wegen der Corona-Hilfen darf die Gesellschaft bis 2025 keine Ausschüttungen tätigen; es sei denn, sie zahlt bezogene Hilfsgelder vorher zurück.

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