Im Brennpunkt: Energie, Strom, Inflation und Zinsen

Bleiben Teuerungsraten und Zinstrend weiter auf Klettertour?

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Inflation
In 2022 schossen Preise und auch die Inflationsraten in die Höhe. Die Höchstpunkte scheinen nun jedoch überschritten. Bild: adobe.stocks.com

Bis Ende 2021 zeichneten sich zwar eine noch moderat steigende Inflationsrate und eine zaghafte Zinswende ab, doch kaum jemand rechnete mit der Eskalation, die ab 24. Februar 2022 über die Märkte hereinbrechen sollte. Aus dem Stand schnellte der Schweizer Spotmarktpreis für eine MWh von 200 Euro auf 570 Euro. Die Hysterie ist geblieben, der Preis aber hat sich längst wieder auf Vor-Invasionsniveau zurückgebildet.

Warum eigentlich Euro? Weil die Strombörse EPEX SPOT SE in Paris sitzt. Von März bis Juni 2022 pendelte der Strompreis dann zwischen 120 Euro und 360 Euro, meist im Bereich 200 Euro. Als es nach den Verbalschlachten zwischen Russland und den EU-Führern schliesslich zum stufenweisen Zudrehen des Gashahns – Stichwort Nordstream I – kam, explodierte der Strompreis erneut und erreichte dann Anfang September in einer kurzen Spitzenbildung 720 Euro. Gegenwärtig bewegt sich der Spotpreis für die MWh im Bereich 160 Euro – und damit tiefer als vor dem Beginn der Kriegshandlungen. Die Preisentwicklung verläuft allerdings sehr volatil.

Spotmarkt Strom Schweiz
Die Spotmarktpreise für Strom in der Schweiz haben mittlerweile wieder korrigiert. Chart: www.bricklebrit.com
Öl- und Gaspreise zurück auf Vorkriegs-Niveau

Ein ganz ähnliches Bild zeigen die Entwicklungen von Ölpreis und Gaspreis. Der Preis für ein Fass Rohöl (WTI) erreichte im März und Juni 2022 eine Doppelspitze bei 130 USD, liegt jedoch gegenwärtig mit 77 USD tiefer als zum Jahresbeginn 2022! Auch der Preis für Erdgas liegt nicht mehr höher als Anfang 2022. Hervorzuheben ist, dass sich auch Biogas und blauer Wasserstoff am Erdgaspreis ausrichten. Deren Produzenten erfahren somit sogenannte «windfall profits», sofern sie zu Spotpreisen verkaufen. Es ist durchaus üblich geworden, dem an Endverbraucher gelieferten Erdgas beispielsweise 15% Biogas oder mehr zuzusetzen.

Inhomogener Energiemarkt

Durch die Liberalisierungsschritte ist der Energiemarkt für Aussenstehende nicht unbedingt transparenter geworden. Klar ist, dass Energieversorger mit eigener Stromproduktion den Marktpreisschwankungen weniger ausgeliefert sind. Wo der Handelsanteil hoch ist, nimmt die Abhängigkeit dagegen zu. Es kommt, ähnlich wie bei Banken, auf die Fristenkongruenz an. Wer Strom oder Gas zu billig verkauft hat und sich dann zu höheren Marktpreisen eindecken muss, erleidet Verluste. Viele Händler sind schon vom europäischen Markt verschwunden. Die systemkritischen Player werden wie Axpo vom Staat und damit vom Steuerzahler gestützt.

Preisbildung für den Endverbraucher

Die Energiepreis-Thematik ist also nicht ganz einfach, weil viele Faktoren, darunter Steuern und Abgaben, eine Rolle spielen. Bezahlen muss auf jeden Fall der Endverbraucher, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung. In der Schweiz müssen die Tarife jedes Jahr der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom) gemeldet werden. In machen Fällen ändert sich nicht viel, in anderen sind die Anhebungen beachtlich. Dies zeigt die Tarifübersicht der ElCom. In Fällen von deutlichen Preiserhöhungen ist auch zu vermuten, dass der Versorger keine weitsichtige Beschaffungspolitik verfolgt hat.

Begrenzte Nahrungsmittel-Inflation in der Schweiz

Nahrungsmittel sind verständlicherweise neben Energie der Inflationstreiber, den alle täglich im Blickfeld haben. Sogar Notenbanker sind bei ihren Einkäufen über die stark gestiegenen Preise einer Packung Pasta besorgt geworden. Manche Grundnahrungsmittel haben sich um zweistellige Prozentsätze verteuert. Das schränkt die verfügbaren Einkommen weiter Bevölkerungskreise mehr oder weniger stark ein. Insgesamt blieb die Nahrungsmittel-Inflation in der Schweiz jedoch mit 4% Stand Ende 2022 relativ begrenzt. Die Einzelhandelsumsätze liegen Stand Ende November um 1,3% unter dem Vorjahresniveau. Die Kauflust geht zurück, der Index für das Konsumentenvertrauen bewegt sich zum Jahreswechsel bei -46.6 Punkten.

Weizenpreis 1 Jahr
Der Preis für Weizen hat sich mittlerweile wieder auf dem Niveau von vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine eingependelt. Chart: tradingeconomics.com
Agrar-Rohstoffe meist billiger

Der Weizenpreis liegt aktuell 2,7% unter dem USD-Niveau vor einem Jahr. Kaffee hat sich um 40,5% verbilligt, Rapsöl um 27,4%, Sonnenblumenöl um 9,6%. Zucker kostet dagegen 7,2% mehr, Mais ist 9,7% teurer, und Reis hat sich um 21,9% verteuert. Tatsächliche Preissenkungen für die Endverbraucher sind bei den genannten Nahrungsmitteln jedoch nur sehr selten zu verzeichnen. Ein Grund sind die Transportkosten inklusive Energie. Aber auch die Transportkosten haben sich inzwischen gegenüber den Spitzen der Vorjahre wieder deutlich ermässigt.

Baltic Dry Index 5Y
Die Transportkosten sind, gemessen am Baltic Dry Index, wieder auf einem langjährigen Durchschnittsniveau angelangt. Chart: tradingeconomics.com

Die Vermutung liegt also durchaus nahe, dass die Nahrungsmittel-Produzenten kräftige Preiserhöhungen durchgesetzt haben. Die meist rückläufigen Rohstoffpreise führen somit zu einer Ausweitung der ohnehin auskömmlichen Margen. Für die Handelsunternehmen dürfte nur ein kleiner Teil des Kuchens bleiben, da deren Margen in aller Regel dünn sind.

Dr. Copper signalisiert weitere Inflation

Dr. Copper gilt zurecht als zuverlässiger Frühindikator für die globale Konjunktur. Die Kupfer-Hausse seit März 2020 dauerte bis ins zweite Quartal 2022. Dann jedoch folgte eine Phase schwächerer Preise. Seit November 2022 hat der Trend gedreht und seit Jahresanfang noch einen Schritt nach oben vollzogen.

Kupferpreis 5 Jahre
Beim Kupferpreis zeichnet sich ein weiterer Anstieg ab. Chart: tradingeconomics.com
Unsicherheiten in 2023

Die Rohstoffmärkte sind zwar sensible Barometer und Früh-Indikatoren für die Wirtschaft, doch 2023 ist kein gewöhnliches Jahr. Es ist immer noch von der Pandemie überschattet und steht unter dem Damokles-Schwert der schwer abwägbaren weiteren Entwicklung im Ukraine-Krieg. Eskalationen sind möglich, auch solche, die sich niemand vorstellen will. Konkreter ist da noch die Notenbankfrage, obwohl damit zu rechnen ist, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer die mehr oder weniger delphischen Aussagen der Akteure nicht unbedingt richtig deutet.

Fed-Speak

Fed-Präsident Powell hat die in der Trump-Ära zumindest kompromittierte Glaubwürdigkeit als Chef der mächtigsten Notenbank der Welt durch sein entschlossenes Agieren wieder zurückgewonnen. Nichts hatte bei dem ersten Zinsschritt um nur 0,25% darauf hingewiesen, dass in schneller Folge weitere 400 Basispunkte folgen sollten. Wer denkt, dass es das war oder nicht mehr viel kommt, liegt wohl falsch.

Zwischen den Zeilen ist durchaus erkennbar, dass die Leitzinsen solange angehoben werden, bis die Inflation sich in Richtung des Zielwertes von 2% bewegt. Auch wenn die Inflationsraten wegen des Basiseffektes zwangsläufig im Jahresverlauf nachgeben werden, die Zahlen aus der Wirtschaft und von Konsumenten sind bisher noch viel zu gut, um eine signifikante Abschwächung der Nachfrage anzuzeigen. Daher dürfte die Rezession länger als von den meisten Marktteilnehmern erhofft dauern. Im Umkehrschluss heisst das, dass die Zinsen noch steigen und länger hoch bleiben, als gegenwärtig angenommen wird. Zudem sind die Transmissionsmechanismen zu berücksichtigen. Die Gewinnrezession der US-Unternehmen muss zeitlich nicht mit der Rezession des BIP zusammenfallen. Höhere Finanzierungskosten schlagen sich beispielsweise erst mit Zeitverzögerung nieder.

Signale der Bond-Märkte

Die Bondmärkte haben schon immer eine eher nüchterne Einschätzung zu Inflation und Zinsen. In den USA, Deutschland und etlichen EU-Märkten zeigt sich seit einigen Monaten eine inverse Zinsstrukturkurve, nicht jedoch in der Schweiz. Dieses Signal ist der ultimative und nahezu immer zutreffende Indikator für eine bevorstehende Rezession. Die hohe Volatilität der Anleiherenditen mit zuletzt rückläufiger Tendenz sollte nicht voreilig als Zinswende gefeiert werden.

Cyber-Risiken und Naturkatastrophen

Zu den Risiken zählen auch die stetig zunehmenden Cyber-Attacken, die die Volkswirtschaften in Milliardenhöhe schädigen. Cyber-Risiken sind kaum noch versicherbar. Naturkatastrophen sind hochgradig inflationär, vor allem wenn sie in Serie auftreten, wie in den letzten Jahren.

Es macht zwar keine Schlagzeilen, aber 2022 musste ein Prozent der US-Bevölkerung, oder 3,2 Mio. Menschen, wegen Stürmen, Bränden, Überflutungen und Erdrutschen ihr Haus und ihre Heimat verlassen. Viele haben alles verloren, da die meisten gar nicht und die anderen meist zu gering versichert waren. Die Prämien sind zwischenzeitlich für die meisten Amerikaner auch gar nicht mehr bezahlbar. Ein anderes Beispiel sind die Überschwemmungen in Pakistan, die den Grossteil der Bevölkerung betroffen und Ernten vernichtet haben.

Fazit

Relativ zu vergleichbaren Ländern bleibt die Schweiz auch im Krisenjahr 2023 die vielzitierte «Insel der Glückseligen». Die negativen Auswirkungen bleiben eng begrenzt, die Inflation ist zuletzt wieder unter 3% auf 2,8% gefallen. Die Stimmung der Konsumenten ist zwar gedämpft, aber nicht wirklich schlecht. In der Wirtschaft dagegen herrscht trotz aller Unsicherheiten Zuversicht vor. Der Business Confidence Index stieg im Dezember auf 92.2 Punkte, der Manufacturing PMI auf 54.1 Punkte. Die Kapazitätsauslastung ist leicht auf 84.36% zurückgegangen, was auch mit dem starken Abbau der im Vorjahr angelegten Lager zusammenhängt. Erst in Richtung 90% Kapazitätsauslastung drohen Inflationsgefahren. Die volkswirtschaftlichen Rahmenzahlen der Schweiz zeigen insgesamt ein recht robustes Bild. Wenn der Wettbewerb funktioniert, sollten die «Übergewinne» der Nahrungsmittelhersteller und der Energieunternehmen sukzessive verloren gehen. Die allgemeine Berichterstattung würde durch weniger Hysterie und mehr Orientierung an den Fakten und tatsächlichen Preisänderungen an den Märkten nicht nur an Qualität, sondern auch an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Für die Börse gilt, dass die Schweiz ein «Sweet Spot» bleibt. Eine Abkopplung der Finanzmärkte vom internationalen Geschehen wird es aber nicht geben. Insofern geben die US-Börsen weiterhin den Trend vor. Und solange Krieg am Rande Europas geführt wird, bleibt der Kontinent aus verständlichen Gründen für internationale Investoren mit einem Risiko-Discount behaftet. Zudem ist nicht auszuschliessen, dass andere Rohstoffe wie Uran, Mangan, Titan oder «strategische Metalle» 2023 in einer weiteren Eskalationsstufe als Waffe eingesetzt werden oder Cyber-Attacken gegen Energie-Infrastrukturen zu neuen Inflationsschüben führen.

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