Solar 21: Energie-Start-up möchte grösster Solarstromverkäufer der Schweiz werden

Start-up mit erfahrenen Branchenkennern und Energiepolitik-Urgesteinen

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Michael Escher, CEO des äusserst ambitionierten Start-ups Solar 21. Bild: zVg

Solar 21 will Solarstrom an breiter Front verfügbar machen. Das Start-up baut Dach-Solaranlagen – und übernimmt dann den Strom zum Fixpreis für 25 Jahre. Mit an Bord sind auch Renato Tami, der frühere ElCom-Chef, sowie Walter Steinmann, der einst dem Bundesamt für Energie vorstand.

Ein Preis, drei Komponenten. So sieht es aus, wenn bei Frau und Herr Schweizer die Stromrechnung ins Haus flattert (oder als eBill auf dem Screen auftaucht): Die Hälfte des bezahlten Strompreises entfällt auf die bezogene Energie. Ein sattes Drittel wird für die Nutzung der Stromnetze fällig, der Rest geht als Steuern und Abgaben an den Bund, den Kanton und die Gemeinde. Will ein Start-up also Strom direkt vom Hausdach an die Mieter verkaufen, ist das in erster Linie eine gute Idee: Die Elektrizität wird dort verkauft, wo sie auch produziert wurde. In zweiter Instanz ist es eine Bedrohung für die kommunalen Energieversorger mit ihren Verteilnetzen: Sie dienen dann nur noch als «Reststrom-Lieferanten» und «Versicherung». Etwa in der Nacht – und während Zeiten geringer Sonneneinstrahlung. Das Start-up Solar 21 setzt exakt auf dieses Geschäftsmodell. Möglich ist das, weil sogenannte «Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch“» (ZEV) gesetzlich erlaubt sind. Mehrfamilienhäuser und Unternehmen dürfen also die eigene Solaranlage auf dem Dach nutzen, Überschüsse ins Netz rückspeisen und für den Rest auf das EVU ihrer Gemeinde vertrauen.

Start-up mit erfahrenen Branchenkennern und Energiepolitik-Urgesteinen

Solar 21 baut auf eine Riege von erfahrenen Branchenkennern, Strategen und energiepolitischen Urgesteinen. CEO Michael Escher etwa sass in der Geschäftsleitung des Schweizer Solarunternehmens Meyer Burger (Chief Commercial Officer), CFO Michel Hirschi war ebendort Group CFO. Richtig spannend wird es, wenn man sich die zwei Namen ansieht, die unter ferner liefen als Beiräte genannt werden: Rechtsanwalt Renato Tami, der ehemalige Geschäftsführer der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom, sowie Walter Steinmann, der 2001 bis 2016 Direktor des Bundesamtes für Energie war. Unter Steinmann entstand die Energiestrategie 2050, welche 2017 vom Volk angenommen wurde. Die Strombranche wartete seinerzeit bis 5 vor 12, um die Vorlage dann doch noch zähneknirschend zu unterstützen. Über die Jahre hatte sich in der Branche ein Graben vertieft. Der Graben zwischen Anhängern des «alten Geschäftsmodells», wonach Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) in erster Linie Stromverkäufer waren, die ihr Monopol schützen mussten – und Anhängern des neuen Modells: EVU als integrierte Energieberater und auch Verkäufer von Dienstleistungen – wie etwa Solarstrom aus einer Hand. Profiteure dieser Spaltung in der Stromwelt sind nicht zuletzt Start-ups wie Solar 21, die keine eigene Produktion besitzen und auch kein Verteilnetz bewahren müssen, sondern einfach ihr Know-how und eine findige IT-Infrastruktur.

In der Zollstrasse 58/62 in Zürich hat Solar21 ein Referenzobjekt für nachhaltiges Bauen der Allreal Holding AG realisiert. Bild: zVg

Rasantes Umsatzwachstum und EBITDA-Break-Even nach zwei Jahren

«Wir möchten der grösste Solarstromverkäufer der Schweiz werden», sagt Solar 21-CEO Michael Escher. Zum grössten Teil walte man derzeit als eine Art Solar-Generalunternehmer. «Wir analysieren den Stromverbrauch von Wohn- und Geschäftsliegenschaften, dann planen, bauen und betreiben wir die Solaranlagen auf den jeweiligen Dächern.» In Einzelfällen war Solar 21 auch nur als Dienstleisterin tätig, wenn das Start-up etwa Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV) für Kunden organisierte, die bereits eine bestehende Photovoltaik-Anlage besassen. Solar 21 garantiert den Eigentümern jeweils eine attraktive Rendite von 8% per annum auf ihre Solaranlage – und zwar während 25 Jahren. Primäre Kunden sind Eigentümer von Wohn- und Gewerbe-Immobilien, Investmentfonds sowie Pensionskassen. Und die Mieter der besagten Liegenschaften? «Ihnen garantieren wir sauberen Solarstrom zu einem Preis, der 10% tiefer ist als das, was sie dem lokalen EVU für das ‹Standardprodukt› bezahlen müssten», so Escher.

Ein Geschäftsmodell, das sich bisher bewährt hat: «In den letzten zwei Jahren konnten wir den Umsatz je verfünffachen, nun erwarten wir nach 2 Jahren operativer Tätigkeit eine schwarze Null beim EBITDA.» Nachdem Solar 21 «viel Geld» in die eigene Abrechnungsplattform investiert hat, ist das Geschäftsmodell jetzt im grossen Stil skalierbar. «Low assets, low manpower und quasi null variable Kosten», so die Aussage von CEO Michael Escher.

Als Konkurrenten prädestiniert wären die kommunalen Energieversorger (EVU) selbst. Doch mit ihren kostenintensiven Netzausbauten, ihrem gesetzlichen Auftrag und der geringeren Flexibilität betreiben diese ein anderes Geschäft, mit anderen Voraussetzungen. Escher streicht aber auch den Nutzen seines Unternehmens für die EVU heraus: «Die Netzbelastung ist dank unserer Solaranlagen wesentlich kleiner. Zudem sorgt Solar21 mit intelligenten Steuerungen und allenfalls lokalen Speichern dafür, dass Netzschwankungen geringer ausfallen.» Am gefährlichsten für das Start-up wären wohl regulatorische Schwenker des Bundes. Zum Beispiel Netzabgaben, die rein anschlussbasiert entfallen würden, ungeachtet des Verbrauchs – so wie man auch beim Breitband-Internet nur noch für die Leistung bezahlt, statt für die genutzten Gigabytes. Genau solche Netzgebühren fordert denn auch die Strombranche seit Jahren – bisher aber mit bescheidenem Erfolg.

Vollmundiges Versprechen und Selbstverständnis: «Wir sichern die Zukunft mit der Sonne.» Bild: Website solar21.ch

Friends-and-Family-finanziert, vielleicht auch in der zweiten Runde

Gründungs-Investitionen «von Freunden und Familie» verhalfen Solar 21 zu einem fulminanten Start. Weitere 1.5 bis 2.0 Mio. CHF möchte sich das Start-up nun in der zweiten und letzten Finanzierungsrunde besorgen. Am 20. Juli hat Solar 21 die Anstellung des Ex-Meyer-Burger CFOs Michel Hirschi als neuem Finanzchef kommuniziert. Und CEO Michael Escher sagt offen: «Wenn wir auch die zweite Finanzierungsrunde wieder im engen Kreis über die Bühne bringen können, werden wir das so machen.» Eine öffentliche Finanzierung über die digitale Aktienplattform daura sei ebenfalls eine Option. «Private Equity und Finanzinvestoren sind interessiert, und wir evaluieren unsere Möglichkeiten», so Escher. Wenn man zu früh Strategen an Bord hole, beschneide man damit aber zu einem gewissen Grad die eigenen Handlungsoptionen.

Aktuell hat Solar 21 ca. 60 Gigawattstunden Strom unter Vertrag, was dem Jahresverbrauch von 10’000 bis 13’000 Schweizer Haushaltungen entspricht. «Bis 2025 möchten wir bei über 250 Gigawattstunden sein», sagt Escher – also etwa dem Vierfachen.

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