Meyer Burger: Strohfeuer oder langfristig heisse Wachstums-Story?

In der Solar-Aktie ist sehr viel Zukunftsfantasie eingepreist

0
7187
Meyer Burger Aktie Prognose
Installation von Meyer Burger Premium Solardachziegeln. Bildquelle: meyerburger.com

Das Thuner Solarunternehmen Meyer Burger hat in den letzten drei Monaten knapp 50% an Börsenwert zugelegt. Diverse «Good News» flankieren das Kursfeuerwerk. Können Anleger nun noch beherzt zugreifen?

Dezidiert grün in der Ausrichtung – klar rot in der Buchhaltung: Eine Realität, die für Meyer-Burger-Anleger inzwischen zur Normalität geworden ist. Das Thuner Solarunternehmen, das technisch zur europäischen Spitzenklasse gehört, hatte 2019 eine umfangreiche Neustrukturierung angekündigt, um seinen drohenden Niedergang abzuwenden. Seit Mitte 2021 produziert es ausschliesslich eigene Solarzellen in Deutschland, statt Sägen für Silizium-Wafer zu verkaufen. Die Kehrtwende war nötig, um der grossen Solarkonkurrenz aus China mit technologischem Vorsprung und «sauberer» Premium-Qualität die Stirn zu bieten. Im Gegensatz zu den Produzenten aus dem Reich der Mitte verzichtet Meyer Burger bei der Fertigung auf das giftige Schwermetall Blei – und auch Dumpinglöhne sowie Zwangsarbeit («forced labor») sind kein Thema.

Wirtschaftspolitisches Umfeld und Nachfrage: Alle Zeichen auf Grün

«Meyer Burger ist fraglos ein Liebling bei den Fondsmanagern», sagt Dr. Eugen Perger, Senior Analyst bei Research Partners. «Zum einen besticht das Unternehmen durch seine Bemühungen im Bereich der Nachhaltigkeit (ESG), die für Anleger zunehmend ein wichtiges Kriterium beim Kauf ist. Zum anderen vertrauen die Endabnehmer, vor allem die Retail-Kunden, den chinesischen Modulproduzenten weniger als den Schweizern – etwa in Bezug auf die Langlebigkeit der Solarmodule.» Sonnige Aussichten herrschen gegenwärtig auch wegen der Kombination aus Ukraine-Krieg und «Netto-Null»-Bemühungen der Regierungen.

Besonders augenfällig ist in der Hinsicht der Fall Deutschland. Noch im Januar 2021 stammten 53,2% der deutschen Gas-Importe aus Russland. Per September 2022 beträgt dieser Anteil 0%. Bis 2030 will die deutsche Bundesregierung 80% des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Ressourcen decken, die fossilen Energien also weiter verdrängen. «Wind- und Solarenergie müssen dreimal schneller als bisher ausgebaut werden – zu Wasser, zu Land und auf dem Dach», so der ebenso entschlossene wie martialische O-Ton auf www.bundesregierung.de. Die Module von Meyer Burger gehen denn auch schneller weg, als sie produziert werden können: «Die Produktion des Solarunternehmens ist bis ins zweite Quartal 2023 hinein ausverkauft», sagt Eugen Perger.

Produktionsvolumina, erwarteter Gewinn und Preis: Die mögliche Sackgasse

«Das Unternehmen ist im Peer-Vergleich ein kompetitiver und attraktiver Player», sagt Eugen Perger. «Empfehle ich die Aktie also gegenwärtig zum Kauf? Nein, ich empfehle aber, sie zu halten.» Produktionsvolumina und die lang ersehnte schwarze Null seien nach wie vor mehr ein Versprechen als eine Gewissheit. «1300 bis 1400 Megawatt Peakleistung hätten 2022 produziert werden sollen, dann kamen 1150 Megawatt», so Perger. «Die Guidance wurde im Herbst 2022 kassiert – nun hoffen wir, dass es damit bis Ende 2023 klappt. Dasselbe gilt in Bezug auf den schon per Dezember 2022 erwarteten Break-even.» Sollte 2023 aber wieder einen operativen Verlust mit sich bringen, werde Meyer Burger einen Teil der neu aufgenommenen Mittel aus der Kapitalerhöhung im Herbst ’22 nur zu dessen Deckung verwenden müssen. «Und das wäre für den weiteren Kapazitätsausbau hinderlich.» Also ein möglicher Teufelskreis aus zu wenig produzierten Solarpanels, zu wenig Umsatz und erneut zu wenig Geld für die Produktion von genügend Peakleistung usw.

Meyer Burger Aktie Prognose
Aufwärtstendenz beim Titel von Meyer Burger. Chart: six-group.com

Und der veritable Investoren-Rush auf die Aktie in den letzten paar Monaten? «Von viel Hoffnung befeuert worden», sagt Perger. Hoffnung, die auch immer wieder durch positive News genährt wird, welche neue Fantasien wecken. Zum Beispiel «Meyer Burger erhält Auszeichnung für Solardachziegel und gibt ersten Vertriebspartner bekannt» oder «Meyer Burger schliesst neue Partnerschaften zur Entwicklung von Hochleistungs-Solarmodulen mit Perowskit-Technologie ab». «Die Aktie ist bei Preisen ab 60 Rappen eigentlich ‚priced for perfection‘. Das heisst, der aktuelle Preis reflektiert eine Zukunft, in der alles exakt wie geplant läuft», so Eugen Perger. Genau in Bezug auf diese Erwartung hat sich Meyer Burger allerdings schon öfter von der sprichwörtlichen Schattenseite gezeigt.

«Erfreulich ist die hohe Bereitschaft zu Investitionen in Meyer Burger», resümiert Perger. «Wir können nicht ausschliessen, dass 2023 weitere Mittel zugeführt werden müssen, eventuell nochmals in Form von Hybrid- oder Eigenkapital.» Ende 2023 sieht er die Aktie des Thuner Solarunternehmens bei 40 Rappen. «Langfristig rechne ich aber mit dem Erfolg der Firma. Schlimmstenfalls nach der genannten Kapitalerhöhung».

Mehr zu Meyer Burger finden Sie hier:

Unter SIX Swiss Exchange finden Sie zudem weitere Schweizer Small Caps.

Transparenz-Hinweis: Der Autor hält Aktien von Meyer Burger.

 

Kommentar verfassen