Birgitte Olsen, Bellevue Asset Management: «Der Euroraum generiert positive makroökonomische Signale»

Fondsmanagerin des Bellevue Entrepreneur Swiss Small&Mid im Interview

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Der Bellevue Entrepreneur Swiss Small&Mid Fonds investiert in börsenkotierte, eigentümergeführte Unternehmen in der Schweiz, welche von einem Unternehmer oder einer Unternehmerfamilie mit mindestens 20% der Stimmrechtsanteile kontrolliert und massgeblich beeinflusst werden. Das Management-Team der Bellevue Asset Management identifiziert mittels eines fundamentalen Bottom-up-Ansatzes die attraktivsten eigentümergeführten Unternehmen mit kleiner, mittlerer als auch grosser Marktkapitalisierung und konstruiert aus 40 bis 50 Titeln ein über Sektoren diversifiziertes Portfolio.

Birgitte Olsen ist Leiterin Entrepreneur Investments und Portfolio Managerin bei Bellevue Asset Management. Bild: zVg.

Sie sprechen in Ihrem Ausblick auf das Marktgeschehen im Factsheet vom Januar 2026 davon, dass das «Buy-European»-Bewusstsein die Wettbewerbsfähigkeit sowohl der europäischen als auch der Schweizer Standorte stärken würde. Was führt Sie zu dieser Annahme?

Der Euroraum generiert positive makroökonomische Signale, die darauf deuten, dass sich das Wachstum wieder beschleunigt. Die Belebung, die wir in Deutschland gesehen haben, in puncto Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe, zeigt den psitiven Effekt der Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben. Aber auch die Auslandsnachfrage kurbelt wieder die Exporte in der Breite an. Davon werden auch Schweizer, und besonders Industrie- und Tech-Unternehmen profitieren, denn Deutschland ist unser wichtigster Auslandsmarkt.

Ihr Ausblick fällt alles in allem positiv aus. Inwiefern sehen Sie eine Blasen-Bildung insbesondere im US-Techsektor als Gefahr für die hiesigen Märkte an?

Der Konsens bleibt sehr pessimistisch, was den europäischen Ausblick betrifft, jedoch sprechen die Aktienmärkte seit letztem Jahr eine andere Sprache. Der US-Techsektor, gemessen an den Magnificent 7, läuft seit über einem halben Jahr seitwärts – eher ein Zeichen der Konsolidierung als für eine Überhitzung.

«VAT, Inficon oder Belimo werden am Markt mit höheren KGVs gehandelt als nvidia»

Die Sorge gilt den hohen KI-Investitionen, die statt historisch 30% der erarbeiteten Cashflows aktuell eher 85% ausmachen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Nvidia liegt derzeit bei rund 23x und bewegt sich damit keineswegs auf einem aussergewöhnlichen Niveau. Zum Vergleich: Hochwertige, technologieaffine Schweizer Industrieunternehmen wie VAT, Inficon oder Belimo werden am Markt mit höheren KGVs gehandelt. Entscheidend ist entsprechend weniger das Bewertungsniveau als die hohe Marktkonzentration, weshalb viele Investoren gezielt Diversifikation suchen.

Lassen Sie uns über Ihren Fonds sprechen. Der hat im vergangenen Jahr leicht besser performed als die Benchmark SPI EX. Was hat dazu geführt?

Der Bellevue Entrepreneur Switzerland erzielte im Börsenjahr 2025 eine Performance von +17.9% nach Kosten und lag damit rund einen Prozentpunkt über dem SPI Extra.

«Huber+Suhner, Montana Aerospace und Accelleron leisteten substanzielle Beiträge zur Wertentwicklung»

Besonders positiv wirkte sich unsere gezielte Selektion im Industriebereich aus. Titel wie Huber+Suhner (+95%), Montana Aerospace (+98%) und Accelleron (+32%) leisteten substanzielle Beiträge zur Wertentwicklung. Auch im Finanzsektor zahlte sich unsere Positionierung aus – unter anderem mit Swissquote (+42%) und Compagnie Financière Tradition (+56%). Weitere starke Impulse kamen von Aktien wie u-blox sowie von Helvetia.

Ihre grösste Position ist weiterhin Sandoz. Der Kurs hat sich in den letzten zehn  Monaten mehr als verdoppelt. Wäre es jetzt an der Zeit, Gewinne mitzunehmen?

Wir bleiben trotz der starken Performance von Sandoz positiv. Als weltweit führender Anbieter von Biosimilars ist Sandoz gut positioniert, um einen bedeutenden Anteil an dem 300-Mrd.-USD-Markt für Biologika zu erobern, deren Exklusivität in den nächsten zehn Jahren ausläuft. Darüber hinaus bietet das bevorstehende Auslaufen des Patentschutzes für Semaglutide (GLP-1 von Novo Nordisk) in Kanada, Indien und Brasilien im Jahr 2026 einen weiteren potenziellen Katalysator. Die Aktien werden derzeit zwar mit einem Aufschlag gehandelt, doch halten wir dies angesichts des überdurchschnittlichen strukturellen Wachstumsprofils und der starken Wettbewerbsposition für gerechtfertigt.

Kursverlauf der Sandoz-Aktie in den letzten zwei Jahren. Quelle: six-group.com

Sie haben Ihre Position Polypeptide ausgebaut. Der Kurs der Aktie dümpelt seit drei Jahren um einen Kurs von 25 CHF. Er war zuvor allerdings schon über 100 CHF. Was hat sich bei diesem Unternehmen geändert, dass Sie nun verstärkt investieren?

Polypeptide befindet sich derzeit in einer Transformationsphase, die bei erfolgreicher Umsetzung zu einer erheblichen Wertsteigerung führen könnte. In der Vergangenheit war das Unternehmen in erster Linie als CDMO tätig, das sich auf die Produktion kleiner Mengen (im Kilogrammbereich) konzentrierte und einen starken Fokus auf die Versorgung im klinischen Bereich legte. Heute skaliert es seine Produktion auf Tonnenebene, angetrieben durch die steigende Nachfrage nach Peptiden in grossen Mengen, insbesondere im Zusammenhang mit GLP-1-Therapien. Mit Blick auf die Zukunft erwarten wir, dass die nächste Innovationswelle – darunter GLP-1-Therapien der dritten Generation und Kombinationsprodukte – eine weitere Nachfrage nach der grosstechnischen Herstellung von Peptiden generieren wird. Angesichts des derzeitigen Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage würde es uns nicht überraschen, wenn das Unternehmen weitere umfangreiche Verträge bekannt geben würde.

Kursverlauf der Polypeptide-Aktie in den letzten zwei Jahren. Quelle: six-group.com

Das Schweizer Pendant zu Polypeptide ist das Baselbieter Unternehmen Bachem. Warum präferieren Sie Polypeptide gegenüber Bachem, dessen Kursentwicklung in jüngerer Vergangenheit zu mehr Zuversicht führt?

Wir sind in beide Unternehmen investiert, da sowohl Bachem als auch Polypeptide strukturell vom starken Wachstum im Peptidmarkt profitieren. Der CDMO-Markt für Peptide ist oligopolistisch, mit hohen Eintrittsbarrieren und einem deutlichen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bei grossen Kapazitäten.

Als Marktführer baut Bachem seine Kapazitäten aus, um die starke, durch GLP-1 getriebene Nachfrage zu bedienen. Im Gegensatz zu Polypeptide befindet sich das Unternehmen nicht in einer Umstellung, und die Margen bleiben strukturell robust. Daher sehen wir etwas weniger Aufwärtspotenzial, aber auch ein geringeres Ausführungsrisiko.

Die Position Galderma haben Sie reduziert, Gewinnmitnahmen in diesem Investment-Case machen sicher Sinn nach den deutlichen Kursgewinnen in den letzten Jahren. Können Sie sich vorstellen, diese Position wieder auszubauen? Bei welchem Kursniveau würden Sie einen Wiedereinstieg begrüssen?

Galderma ist weltweit führend im Bereich Dermatologie und medizinische Ästhetik und verfügt über eine einzigartige Positionierung in den Segmenten verschreibungspflichtige Medikamente, Verbraucherprodukte und Injektionspräparate. Die integrierte Dermatologie-Plattform des Unternehmens und das starke Vertriebsnetz aus Ärzten und Kliniken bieten eine Grösse und Verteidigungsfähigkeit, die nur wenige Wettbewerber erreichen können.

Kursverlauf der Galderma-Aktie in den letzten zwei Jahren. Quelle: six-group.com

Wir erwarten eine Margenausweitung, da Galderma sich zunehmend auf die margenstärkere Ästhetik konzentriert, einen Markt, der sich aufgrund steigender verfügbarer Einkommen und einer breiteren Akzeptanz von Behandlungen in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich verdoppeln wird. Das Unternehmen verfügt ausserdem über Optionen für zukünftige Produkteinführungen, darunter potenzielle Biosimilar-Produkte im Bereich der dermatologischen Biologika.

«Ein KGV von 42 für 2026 ist sehr anspruchsvoll»

Trotz der starken Umsetzung und des beschleunigten Umsatzwachstums ist die Bewertung mit einem KGV von 42 für 2026 sehr anspruchsvoll. Obwohl wir das Unternehmen mögen, haben wir es aus Bewertungsgründen veräussert.

Belimo haben Sie ausgebaut. Der Kurs dieser Aktie hatte Mitte Februar bereits am Alltime-High gekratzt, ist allerdings in der letzten Februarwoche deutlich eingebrochen. Hat Belimo Sie auf dem falschen Fuss erwischt?

Belimo ist auch nach der Korrektur seit Jahresanfang 3.8% im Plus und damit nur leicht schwächer als der SPI Extra, nach +32% Performance im letzten Jahr.

Die Ergebnisse 2025 waren sehr gut mit +23% Umsatzwachstum und fast 21% EBIT-Marge. Der Ausblick für 2026 fiel etwas konservativ aus – auch wegen der USD-Schwäche – jedoch bleibt Belimo auf Wachstumskurs und profitiert stark vom Rechenzentren-Boom, insbesondere in den USA.

«Gesundheit ist ein wichtiger Sektor für Schweizer Nebenwerte»

Welche anderen Investments in Ihrem auf Eigentümer-geführte Unternehmen spezialisierten Fonds möchten Sie herausstreichen?

Gesundheit ist ein wichtiger Sektor für Schweizer Nebenwerte und macht ca. 27% des SPIEX Extra Index aus. Industriewerte sind mit 38% in unserem Portfolio ebenfalls sehr stark vertreten. Ich würde da attraktive Werte wie Burckhardt Compression oder Sulzer  herausstreichen.

Viele Anleger fragen sich, warum sie in Fonds wie den Ihren investieren sollen, die höhere Kosten verursachen, wenn gleichzeitig Investitionen in ETFs deutlich günstiger zu haben sind. Was erwidern Sie diesen Skeptikern?

Viele Anleger vergleichen aktive Fonds naturgemäss mit kostengünstigen ETFs oder Indexfonds. Entscheidend ist dabei weniger die Kostenfrage allein, sondern die Anlagephilosophie und das Anlageziel. Ein passives Produkt bildet einen Index systematisch ab und partizipiert damit an der Marktentwicklung – inklusive ihrer Übertreibungen nach oben wie nach unten.

«ein tiefes Verständnis der Geschäftsmodelle und eine disziplinierte Bewertung stehen im zentrum»

Unser Ansatz im Bellevue Entrepreneur Switzerland ist ein klar qualitätsorientiertes, aktives Stock-Picking. Wir investieren gezielt in unternehmerisch geprägte Schweizer Unternehmen, die wir fundamental analysieren und langfristig begleiten. Dabei stehen intensive Unternehmensgespräche, ein tiefes Verständnis der Geschäftsmodelle und eine disziplinierte Bewertung im Zentrum. Viele unserer Kunden schätzen genau diesen aktiven Dialog und die Transparenz unseres Investmentprozesses. Zudem ist es unser Anspruch, über einen vollständigen Marktzyklus hinweg nach Kosten einen Mehrwert gegenüber der Benchmark zu erzielen – was uns seit Auflegung im Jahr 2006 mit einer Outperformance von annualisiert 1.3% gelungen ist.

Letztlich ist es keine Entweder-oder-Entscheidung: Passive und aktive Strategien können sich im Portfolio sinnvoll ergänzen. Aber gerade im Nebenwertesegment, das wenig Analystenabdeckung findet, entstehen Marktineffizienzen, denen sich ein aktiver Manager gezielt zunutze machen und damit Alpha generieren kann.

Wir haben in den vergangenen Jahre viele Gespräche miteinander geführt. Was würden Sie mir, der ich jetzt in einen neuen Lebensabschnitt eintrete, raten, damit ich im Alter eine finanziell sorgenfreie Zukunft vor mir habe?

Für  die nächsten 20 Jahre würde ich Ihnen raten, gut diversifiziert ins Anlagerennen zu gehen. Dazu gehört eine für Sie sinnvolle Aufteilung zwischen Liquidität für Flexibilität, stabilisierenden Elementen für Einkommenssicherheit und wachstumsorientierte Anlagen, um die Kaufkraft langfristig zu erhalten.

Disziplin ist und bleibt zentral, denn emotionale Entscheidungen – insbesondere in volatilen Marktphasen – können langfristig Wert vernichten. Im Namen von Bellevue Asset Management bedanken wir uns herzlich für die stets sehr inspirierende Zusammenarbeit und wünschen Ihnen alles Gute für den neuen Lebensabschnitt!

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