Künstliche Intelligenz: Effizienzgewinne und Personalabbau in Schweizer Unternehmen

Wie Schweizer KMU mit KI umgehen

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Die Online-Apotheke DocMorris erhofft sich grosse Effizienzgewinne mit KI, gewisse Abläufe und Prüfaufgaben werden bewusst durch Personen ausgeführt. Quelle: DocMorris, Tobias Zeit 2016

Es gibt zahlreiche Parallelen zwischen KI-Boom und Dot-Com-Euphorie. Da wäre einmal die Befürchtung, dass die rasanten Kursanstiege der KI-Unternehmen zu einer Bewertungsblase führen, die wie jene zur Jahrtausendwende mit verheerenden Folgen für Börse und Konjunktur platzen könnte. Eine weitere Gemeinsamkeit: Kaum ein Unternehmen – vor allem, wenn es an der Börse ist – kann es sich noch leisten, KI zu ignorieren und nicht den Einsatz der neuen Technologie zu verkünden.

Auch in der Dot-Com-Blase überschlugen sich die Unternehmen mit Ankündigungen zu Dot-Com-Initiativen, auch wenn das oft nur Power-Point-Konzepte waren und wenig davon in die Realität umgesetzt wurde. Aktuell gibt es kaum ein Unternehmen, vom Weltkonzern bis zum KMU, das nicht den Einsatz von KI im eigenen Unternehmen propagiert. Für Aussenstehende ist dabei noch kaum etwas Messbares feststellbar – ausser Zurückhaltung beim Personalaufbau – oder sogar -abbau. Manchmal drängt sich auch der Verdacht auf, «KI-Initiativen», die zu Umstrukturierungen und Entlassungen führen, müssten notwendige Restrukturierungen, die durch den schleppenden Geschäftsgang nötig wurden, überdecken.

Ein Marathon und kein Sprint

Die BIZ, die «Zentralbanken der Zentralbanken», geht in ihrem jüngsten Jahresbericht auf die Auswirkungen von KI in der Wirtschaft ein. In den aggregierten Wachstums- und Produktivitätsdaten schlage sich die neue Technologie bisher kaum nieder. Die KI-Durchdringung in der Breite der Wirtschaft, insbesondere bei KMU und in traditionellen Sektoren, brauche Zeit, betonen die Ökonomen der BIZ. Der volkswirtschaftliche Durchbruch sei, wie bei früheren Innovationswellen auch, ein Marathon und kein Sprint.

Der vermehrte Einsatz von KI dürfte die Produktivität von Volkswirtschaften langfristig fördern. Während mikroökonomische Studien auf Unternehmensebene teils bereits massive Zuwächse zeigen, ist der makroökonomische Effekt in den offiziellen Statistiken der Volkswirtschaften jedoch bisher kaum messbar. In den USA zeigen Branchen mit einer hohen KI-Durchdringung überdurchschnittliche Produktivitätsgewinne. Allerdings geschehen diese Anstiege teilweise auf Kosten eines geringeren Beschäftigungswachstums im Vergleich zu anderen Sektoren – d.h. die Margen legen auch zu, weil die Personalkosten zurückgehen.

Wenn die Finanzierung ausbleibt

Die BIZ-Ökonomen warnen, dass die sehr hohen Investitionen in KI den Boom in eine Krise verwandeln könnten. «Enttäuschende Renditen könnten die Finanzierung abrupt versiegen lassen und den Investitionsboom in einen lang anhaltenden Einbruch verwandeln – mit möglichen Auswirkungen auf die Finanzmärkte», schreiben sie. Die BIZ-Ökonomen führen historische Beispiele an: den Elektrifizierungsüberschwang der goldenen 1920er Jahre oder die britische Eisenbahn-Manie in den 1840er Jahren. Diese Phasen hatten ein gemeinsames Merkmal: Der technologische Durchbruch zog Kapital in einem Ausmass an, das die kommerziellen Renditen nicht rechtfertigen konnten. Diese Episoden lösten jeweils gesamtwirtschaftliche Rezessionen aus.

Zudem sieht es so aus, dass Einsparungen beim Personal vorerst die grössten – und bisher einzigen – messbaren Faktoren der KI-Integration sind. Grosse US-Unternehmen wie Oracle, Microsoft und Cisco, die zu den grössten Profiteuren des KI-Investitionsbooms gehören, haben in den vergangenen Monaten jeweils Tausende von Entlassungen ausgesprochen, weil sich Arbeitsprozesse mit künstlicher Intelligenz effizienter gestalten lassen.

Nun «frisst» sich KI auch in Schweizer KMU. Die Meldungen über Stellenstreichungen häufen sich hier, weil die neue Technologie menschliche Arbeit übernimmt. Doch manchmal stellt sich die Frage, ob ein allgemeiner Kriechgang der eigenen Geschäftstätigkeit Anlass für Entlassungen ist und KI nur ein gutes Argument, damit die Anleger nicht verstimmt werden – und das Ganze im besten Fall sogar Applaus einträgt.

Lastminute streicht ein Viertel der Stellen

Mitte Juni gab der Reiseanbieter Lastminute bekannt, er richte sein Geschäft auf den verstärkten Einsatz von KI aus und streiche im Zuge einer Reorganisation voraussichtlich ein Viertel der rund 1600 Stellen. Die Umstrukturierung soll bis Ende 2026 umgesetzt werden und ab nächstem Jahr zu jährlichen Kosteneinsparungen von rund 16 Mio. Euro führen. Lastminute ist einer der grössten europäischen Anbieter von Pauschalreisen. Das Unternehmen kombiniert Flüge, Hotels und weitere Reiseleistungen auf einer eigenen Plattform. Zum Online-Reiseanbieter zählen neben der Marke lastminute.com auch Volagratis, Rumbo, weg.de, Bravofly, Jetcost und Hotelscan.

Die Reisenden beginnen beim Zusammenstellen von Reiearragements vermehrt auf die «kostenlose» KI zu setzen, das bekommt das Unternehmen zu spüren. KI verändert die Reisebranche grundlegend und beeinflusst sowohl das Such- und Buchungsverhalten der Kunden als auch die Organisation der Reiseanbieter. Mit der Neuausrichtung will Lastminute eine Vorreiterrolle in der Branche einnehmen, schreibt das Unternehmen in einer Medienmitteilung. «KI und Automatisierung sind schon seit einiger Zeit Teil unserer Überlegungen. Bereits 2023 haben wir mit KI bei der Reiseplanung experimentiert, als wir als eines der ersten Reiseunternehmen mit ChatGPT arbeiteten», sagt ein Unternehmenssprecher auf die Frage, wann Lastminute begonnen haben, den Einsatz von KI vorzubereiten. Als das Unternehmen Anfang 2025 parallel zu den Ergebnissen für 2024 seinen Dreijahresplan vorstellte, wurde KI als wichtiger Faktor für die Umsetzung der Strategie identifiziert.

Auf Wertschöpfung konzentrieren

2025 habe Lastminute eine eigene Automatisierungsabteilung geschaffen, die neben Technologie und Daten im Zentrum des Führungsmodells stehe, und sei von der Grundlagenarbeit zur Umsetzung übergegangen, sagt der Mediensprecher. «Wir haben unseren ersten Model Context Protocol-Server für Flüge gestartet, in Grossbritannien einen KI-gestützten After-Sales-Assistenten eingeführt und sind sowohl in Claude als auch in ChatGPT live gegangen. Als wir im Juni 2026 unseren Wandel zu einem KI-gestützten Reiseunternehmen einleiteten, war das ein Schritt nach vorne in unseren Ambitionen, kein Start aus dem Stand.»

Aktienkurs Lastminute in CHF, Chart: six-group.com

Lastminute will nach eigenen Angaben nicht grundsätzlich beim Personal sparen. «Wir ersetzen nicht Menschen durch KI», sagt der Sprecher. Lastminute überdenke, wie Arbeit erledigt werde. KI verändere die Möglichkeiten in der Branche. Das Unternehmen will dem Wandel einen Schritt voraus sein. Das erfordert eine andere Organisationsstruktur. Das Leitprinzip sei dabei, menschliches Fachwissen zu ergänzen, nicht es zu ersetzen. «Wir sehen KI als Inspiration – aber man braucht nach wie vor ein voll lizenziertes Reiseunternehmen, um Ferienbuchungen tatsächlich zu tätigen, mit der damit verbundenen rechtlichen Verantwortung, den Zahlungen und dem Kundensupport», so der Unternehmenssprecher. Der Reisekonzern wolle die Mitarbeitenden von sich wiederholenden administrativen Aufgaben befreien, damit sie sich auf die wertschöpfenderen Teile ihrer Arbeit konzentrieren könnten, bei denen menschliches Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein zählten.

Diese Umstrukturierung soll voraussichtlich ab 2027 zu jährlichen Kosteneinsparungen von etwa 16 Mio. Euro führen. Der Beitrag der KI zeigt sich gemäss Lastminute auf zweierlei Weise – zum einen durch die Umschichtung von Kapital in KI-Anwendungen mit Kundenkontakt und in die Dateninfrastruktur, zum anderen durch einen höheren operativen Hebel bei der Skalierung.

Wegbereiter der Strategie

Bei weniger Personal entsteht die Sorge, dass die Kundenbetreuung wenig individuell ist oder Fehler entstehen könnten. Der Unternehmenssprecher beruhigt: «Es geht darum, Reibungsverluste und Entscheidungsmüdigkeit zu beseitigen, damit Kunden ein massgeschneidertes und vertrauenswürdiges Erlebnis erhalten. Als einer der wenigen vollständig lizenzierten europäischen Anbieter übernehmen wir die Verantwortung für den gesamten Kundenprozess. Dies ändert sich in einem KI-gestützten Modell nicht.»

Lastminute kombiniere Automatisierung mit menschlicher Unterstützung und beziehe Menschen dort mit ein, wo menschliches Urteilsvermögen gefragt sei. Vertrauen und die richtige Lösung für den Kunden würden weiterhin im Vordergrund stehen, während diese Tools einführt werden. Das sei zudem erst der Anfang. Im Dreijahresplan von Lastminute ist KI als Wegbereiter der Strategie identifiziert. Das Unternehmen will KI nicht nur nutzen, sondern ein KI-gestütztes Reiseunternehmen aufbauen.

Virtueller Gesundheitsbegleiter bei DocMorris

Ähnlich klingt es bei DocMorris. Wie Lastminute hatte auch die Thurgauer Online-Apotheke in den vergangenen Jahren mit Problemen zu kämpfen und ist an der Börse ebenfalls unter die Räder gekommen. Das Unternehmen, das unter dem Namen «Zur Rose» startete, will die Umsetzung der «AI-First»-Strategie beschleunigen. Diese Automatisierungen und Prozessoptimierungen werden im Unternehmen zum Abbau von rund 100 Vollzeitstellen führen.

Aktienkurs DocMorris in CHF, Chart: six-group.com

«DocMorris hat die Entwicklung von KI schon früh aufmerksam verfolgt und setzt bereits seit längerem KI-Tools in unterschiedlichen Arbeitsprozessen und Bereichen der Gesundheitsplattform ein. Im August 2025 wurde dann die erste Beta-Version des KI Assistant gelauncht, der als Gesundheitsbegleiter für Kunden bzw. Patienten ausgebaut wird», sagt Reiner Kern, Sprecher von DocMorris. Der AI-First-Ansatz sei unter anderem durch eine Partnerschaft mit Google vorangetrieben worden. Im Frühjahr 2026 erfolgte gemäss Kern eine systematische Überprüfung aller Bereiche und Prozesse mit Blick auf die Optimierungs- und Automatisierungspotenziale des Einsatzes von KI, die in entsprechende Anpassungen mündet.

KI-Einsatz in Software-Entwicklung und Marketing

Effizienzsteigerungen durch KI lassen sich gemäss Unternehmenssprecher in nahezu allen Arbeitsbereichen erzielen. KI erlaube vielerorts den Verzicht auf externe Dienstleistungen, reduziere damit Ausgaben und erhöhe die Produktivität von Mitarbeitenden durch den Einsatz spezifischer Tools, z.B. bei der Software-Entwicklung oder Mediengestaltung. «Naturgemäss sind aber nicht alle Tätigkeiten gleichermassen für eine Automatisierung geeignet», fügt er an.

Mit dem verstärkten Einsatz von KI will das Unternehmen gemäss Pressmitteilung Arbeitsprozesse automatisieren und Kapazitäten für kundennahe Services und Innovationen freisetzen. Auf die Frage, was dies effektiv für Veränderungen bringe, antwortet der Sprecher: «KI kann beispielsweise in der Software-Entwicklung eingesetzt werden. Das Schreiben von einfachem Code muss oft nicht mehr von Software-Entwicklern händisch übernommen werden. Auch im Marketing kann KI Prozesse beschleunigen, etwa wenn schnelle Visualisierung gebraucht wird oder ein Video gekürzt werden muss.»

Das digitale Rezept

Ein Knackpunkt für DocMorris ist das digitale Rezept in Deutschland. Die verspätete und dann schleppende Einführung stellte das Unternehmen vor grosse Probleme. Ist nun KI der Schlüssel zum Erfolg beim digitalen Rezept? «Bei der Prüfung und Verarbeitung von Rezepten spielt KI gar keine so entscheidende Rolle, zumal diese schon lange vor dem Aufkommen von KI-Tools sehr stark digitalisiert und automatisiert waren. Apotheken setzen dafür seit Jahren Scanner, Datenbanken und Softwaremodule ein, die z.B. Papierrezepte in digitale Information übersetzen oder Wechselwirkungen zwischen Medikamenten eines Patienten anzeigen», sagt Kern. Es seien weiterhin Menschen, die prüften, ob beim Scan alle Daten der immer noch genutzten Papierrezepte korrekt übertragen wurden, und es seien weiterhin pharmazeutische Fachkräfte, die Medikationsrisiken bewerteten, bei Fragen die Kommunikation mit Arzt oder Patient übernehmen und am Ende die Belieferung eines Rezeptes freigeben würden.

Die Online-Apotheke schätzt die Produktionsgewinne wie folgt ein. Bis Ende 2027 sei durch nicht personelle und personelle Massnahmen mit wiederkehrenden Produktivitätsgewinnen von 15 Mio. CHF jährlich zu rechnen, die sich entsprechend positiv auf die Finanzsituation auswirken würden. Die Sorgen, dass etwa die Kundenbetreuung weniger individuell sei oder dass Fehler entstehen könnten, seien fehl am Platz. «Der Einsatz von KI für Routineaufgaben schafft die Möglichkeit, Kundenbedürfnisse schneller und zielgenauer zu adressieren. Er setzt damit Ressourcen frei, die gezielt für die persönliche Betreuung der Kunden an den Punkten genutzt werden können, wo sie wirklich wichtig ist.»

Der «human in the loop» bleibt gemäss Kern zur Sicherung von Qualität und persönlicher Ansprache. KI-Instrumente entwickeln sich derzeit in rasender Geschwindigkeit weiter. Mit dieser Entwicklung müssten gerade E-Commerce-Unternehmen natürlich Schritt halten und dauerhaft in Adaptionsprozessen bleiben, fügt der Sprecher an.

Fazit

Gerade Unternehmen, die in den vergangenen Jahren Probleme hatten, erhoffen sich durch KI eine Verbesserung der Lage – effektiv in den Geschäftsabläufen und auch im Image bei den Anlegern. Vorerst passen zahlreiche Unternehmen erst ihre Prozesse an, ob sich so auch Rentabilität und Gewinn verbessern, muss sich noch zeigen. Die Börse lässt sich vorerst von KI-Ankündigungen blenden. Sowohl DocMorris und Lastminute konnten vom KI-Bonus profitieren, der zuvor Zulieferer wie Belimo, Huber+Suhner und andere Schweizer Unternehmen erfasst hat, die bereits höhere Auftragsbestände und Einnahmen dank dem Boom von neuen KI-Rechenzentren erzielen.

Was auch bereits sichtbar ist, sind die Folgen am Arbeitsmarkt: Vor allem bei gewissen IT-Berufen und stark sprachbasierten Funktionen hat sich der Stellenmarkt wegen KI verschlechtert. Allgemein werden weniger Einstiegspositionen ausgeschrieben. Es bleibt abzuwarten, ob hier der Markt wieder ins Gleichgewicht kommt.

Weiterhin herrscht in der Unternehmensführung die KI-FOMO (Fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen). Laut der aktuellen Studie des US-Netzwerkausrüsters Cisco «How CEOs see AI in 2026» befürchten 65% der befragten CEOs weltweit, zu wenig in KI-Technologien zu investieren. Gleichzeitig erreicht der KI-Optimismus unter CEOs einen neuen Höchststand: 91% sagen, dass sie mit Blick auf das Potenzial von KI optimistischer sind als im Vorjahr. Solch ein sich gegenseitig hochschaukelnder Optimismus hat in der Vergangenheit schon zu mancher Blase geführt.

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