Dividendenstrategie 2027: Verlustvermeidung duch Aktien-Stresstest

Härtere Marktbedingungen trennen Gewinner und Verlierer

0
200
Stabile Dividenden erfordern in einem anspruchsvolleren Marktumfeld Unternehmen mit robuster Ertragskraft, solider Bilanz und nachhaltigem Wachstum. Bildquelle: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)

Die Dividendensaison ist vorbei. Die Blicke der Anleger richten sich darauf, was 2027 zu erwarten sein wird. Die Unsicherheiten haben durch den andauernden Iran-Krieg und seine Auswirkungen auf den Ölmarkt nicht abgenommen. Werden die Unternehmen die Dividenden weiter erhöhen können oder drohen gar Kürzungen oder Streichungen?

In der längerfristigen Betrachtung der Schweizer Börse machen Dividenden die Hälfte des Total Returns für Aktionäre aus. Bei Reinvestition der Ausschüttungen steigt der Anteil sogar auf rund 70%. Während der letzten fünf Jahre hat die Börsenentwicklung aussergewöhnlich hohe Steigerungsraten aufgewiesen, sodass der Anteil der Dividenden am Total Return entsprechend tiefer als 50% ausfällt. Auf längere Sicht ist die Börse jedoch vom Prinzip der Rückkehr zum Mittelwert bestimmt.

Rückkehr zum Mittelwert

Praktisch heisst das, dass es nicht überraschend wäre, wenn die Aktienperformance nun für eine Zeitspanne unterdurchschnittlich verläuft. Die Wirtschaft in Europa stottert, der Inflationsdruck ist nicht zu übersehen, wenn auch zeitweilig rückläufig. Zinserhöhungen liegen in der Luft. Nicht alle Unternehmen werden 2026 und in den nächsten Jahren ihre Gewinne und Dividenden erhöhen können. Ein gründlicher Stresstest kann Risiken erkennen helfen und die Optimierung des Dividenden-Portfolios begünstigen. Denn in einer auf Dividendeneinkommen fokussierten Aktienauswahl, schränken Fehlentscheidungen unmittelbar die verfügbaren Mittel ein.

Aktien im Stresstest

Bei der Top-down-Analyse sind Faktoren wie Zinsveränderungen, Rohstoff- und Energiepreisentwicklung, aber seit 2025 auch Zölle, die Neuordnung der Lieferketten und Reshoring zu berücksichtigen. Weiterhin gibt es Wirtschaftssektoren, die durch den technologischen und geopolitischen Wandel an Bedeutung gewinnen, andere jedoch verlieren. Da sich die Dividendenstrategie von schweizeraktien.net einzig auf Schweizer Aktien beschränkt, muss die Auswahl der Valoren das Beste aus dem machen, was möglich ist.

Big Pharma im Anpassungsmodus

Die Life Sciences sind in ihren vielen Spielarten die grösste Stärke der SIX. Hier finden sich mit Novartis und Roche zwei international bedeutende Pharma-Hersteller mit einer langen Historie von Dividendenerhöhungen. Durch Innovationen am Medikamentenmarkt, Akquisitionen, schnelle Anpassungen an Veränderungen und ein umsichtiges Management bleiben die Perspektiven ungetrübt. Der Zugang zum wichtigen US-Markt wird durch Multi-Milliarden Investments in Produktionskapazitäten verbessert. Rückschläge bei einzelnen Produktkandidaten, juristische Auseinandersetzungen oder Führungswechsel gehören zum Geschäft und ändern an den positiven Perspektiven nichts. Der Pharma-Sektor ist an den Börsen lange Zeit vernachlässigt geblieben, da sich fast alles um KI drehte. Inzwischen hat jedoch eine Trendwende eingesetzt. Die teils günstig bewerteten Pharma-Aktien sind in den institutionellen und privaten Portfolios eher untergewichtet.

Galenica beschleunigt Wachstum

Dem Life-Sciences-Sektor sind auch die Apothekenkette Galenica, die Beteiligungsgesellschaft HBM Healthcare und, im erweiterten Sinn, auch der Intralogistik-Anbieter Kardex, der auf Logistik für Spitäler sowie Life-Sciences-Unternehmen und Institutionen spezialisiert ist, zuzurechnen. Galenica ist eine von nur zwei Aktien mit binnenorientiertem Geschäft. Das andere ist der Telekomanbieter Sunrise. In den ersten vier Monaten 2026 hat sich das Umsatzwachstum von Galenica von 5,5% in 2025 auf 7,3% beschleunigt. Dazu trugen starke Medikamentenumsätze in den Apotheken und im Grosshandel bei. Mit 11,7% Zuwachs glänzte das zuletzt durch die Übenahme von Labor Team gestärkte Diagnostikgeschäft. Die Ziele für 2026 wurden mit 5% bis 7% Umsatzwachstum und einer Zunahme des adjustierten operativen Gewinns um 6% bis 8% bestätigt.

Trendwende bei HBM

Bei HBM Healthcare häufen sich die Erfolge. Der NAV der Beteiligungen ist bis 15. Juli auf 301.88 CHF angestiegen. Mehrere Beteiligungen waren Ziel von Übernahmen mit teils stattlichen Prämien. Der Kurs der HBM-Aktie hat nach einer zweijährigen Seitwärtsbewegung die Trendwende nach oben vollzogen, ist aber mit einem Discount zum NAV von 20% immer noch attraktiv bewertet. Vor dem Hintergrund der guten Geschäftsentwicklung war die Dividende für das letzte Geschäftsjahr von 2.60 CHF auf 9 CHF erhöht worden. Der Ausblick bleibt positiv, nicht zuletzt, weil Big Pharma Unternehmen weiterhin ihre Pipelines durch Akquisitionen auffrischen.

Der Kurs der HBM-Aktie hat nach einer zweijährigen Seitwärtsbewegung die Trendwende nach oben vollzogen. Chart: six-group.com

Kardex bleibt auf Wachstumskurs

Kardex ist trotz des Kursrückgangs auf Wachstumskurs. 2025 stieg der Umsatz um 7,5%, der Auftragseingang sogar um 24,1%. Der Auftragsbestand Ende 2025 betrug 981.6 Mio. Euro, der Jahresumsatz 850.4 Mio. Euro. EBIT und Gewinn gingen dagegen um 2,8% auf 101.2 Mio. Euro respektive 48% auf 41.8 Mio. Euro zurück. Gründe sind u.a. höhere Aufwendungen für F&E, Vertrieb und Marketing sowie Verschiebungen im Umsatzmix. Der Hauptgrund ist aber die Übernahme der Mehrheit an Rocket Solutions, die zur Abschreibung zuvor gewährter Darlehen führte. Die Dividende wurde dennoch bei 6 CHF je Aktie belassen. Für 2026 strebt Kardex ein Umsatzwachstum von 15% bis 20% an. Das Wachstum beim Auftragseingang wird in gleicher Höhe erwartet. Wegen weiterhin hohen Investitionen dürfte allerdings das EBIT unter dem Vorjahresniveau bleiben. Bis 2029/2031 soll der Umsatz auf 1.5 Mrd. Euro ansteigen. Wachstumstreiber sind der Trend zur Automatisierung, Personalmangel und Reshoring.

ABB wächst zweistellig

Der Sektor Industrie ist mit Sulzer, ABB, Belimo und Phoenic Mecano in der Dividendenstrategie vertreten. ABB ist eine der bestlaufenden Aktien an der Schweizer Börse, auch wenn immer wieder Wellen von Gewinnmitnahmen einsetzen. Doch eine Abschwächung des Wachstums zeichnet sich nicht ab. Im zweiten Quartal stieg der Auftragseingang um 28% auf 12 Mrd. USD an. Dazu trugen alle Geschäftsbereiche bei, wobei insbesondere die Nachfrage der Rechenzentren für starke Impulse sorgte. Der relevante Auftragseingang nahm um 58% auf 7 Mrd. USD zu. Der Umsatz im Quartal erhöhte sich um 14% auf 9.5 Mrd. USD. Der Quartalsgewinn stieg um 7% auf 1.2 Mrd. USD. Die Prognosen für das Gesamtjahr wurden leicht angehoben. Seit Jahresbeginn hat ABB mehrere Übernahmen durchgeführt oder angekündigt, die die Marktstellung stärken und das Wachstum beschleunigen sollen.

Blow-out-Zahlen von Belimo

Belimo ist der zweite Titel, der starke Impulse aus dem Data-Center-Boom erhält. Der darauf entfallende Umsatzanteil beträgt über 20%, Tendenz wachsend. 2025 lag das Wachstum in Lokalwährungen bei 23,3%, die EBIT-Marge bei 20,8%. Im ersten Halbjahr 2026 beschleunigte sich das Wachstum weiter und erreichte 29,6% in Lokalwährungen. Das EBIT erhöhte sich um 19,1%, die Marge belief sich auf 22,5%. Der Halbjahresgewinn stieg um 23,3%. Mehr als die Hälfte des Zuwachses entfällt auf Kühllösungen für Rechenzentren. Zu erwarten ist eine fortgesetzt hohe Nachfrage und ein Wachstum auf hohem Niveau. Die Aktie ist zwar relativ hoch bewertet, dürfte jedoch weiterhin gefragt bleiben, denn nur sehr wenige alternative Aktien bieten eine ähnlich herausragende Wachstums- und Gewinndynamik.

Die Aktien von Belimo haben zwar kurzfristig einen Dämpfer erlitten, befinden sich aber nach wie vor in einem Aufwärtstrend. Chart: six-group.com

Nahost-Krieg bremst Sulzer

Bei Sulzer wurden schwächere Auftragseingänge im ersten Quartal verzeichnet. Alle drei Geschäftsbereiche waren betroffen. Verzögerungen und der Krieg im Nahen Osten schlugen sich nieder. Während die Region im ersten Quartal 2025 noch einen grossen Anteil an den Aufträgen hatte, fielen diese nun vor allem im Wassergeschäft deutlich zurück. Im Vorjahresquartal war auch ein grosser Biopolymerauftrag eingegangen, der eine hohe Vergleichsbasis schafft. Sulzer erwartet auf dem soliden Auftragsbestand basierend ein starkes zweites Halbjahr.

Elektrifizierungsgewinner Phoenix Mecano

Phoenix Mecano ist ebenfalls vom Nahost-Krieg negativ betroffen, dennoch verzeichneten zwei der drei Geschäftsbereiche im ersten Quartal eine positive Entwicklung. Die Segmente Industrial Components und Enclosure Systems steigerten die Umsätze um 15% respektive 4,2%. Im Komponentengeschäft profitiert Phoenix Mecano als Zulieferer von Stromsensoren vom Boom der Rechenzentren. Dagegen fiel der Umsatz des Komfort- und Pflegemöbelsegments Dewert Okin um 6,3%. Hier forderten die US-Zölle und die abgeschwächte Nachfrage in Teilen Asiens ihren Tribut. Wie schon länger im Raum stand, soll Dewert Okin nun 2027 an eine Börse in Asien gebracht werden, so CEO Rochus Kobler in einem Interview. Laut Kobler ist das Momentum weiterhin intakt. Phoenix Mecano profitiere von Elektrifizierung und Digitalisierung. Im ersten Quartal 2026 erhöhten sich der Umsatz um 2,2% auf 201 Mio. Euro, das EBIT um 22% auf 16.4 Mio. Euro und der Gewinn um 5,2% auf 10.7 Mio. Euro.

CFT auf Rekordhoch

Swiss Re und CFT sind die beiden Finanztitel in der Dividendenstrategie. Beide Aktien legten in den letzten drei Monaten nach vorheriger Korrektur wieder zu. Die Unternehmen verdienen gut, haben die Dividende für 2025 angehoben und kaufen eigene Aktien zurück. CFT meldete den Abschluss des Aktienrückkaufprogramms von 2023 im Mai 2026. Insgesamt wurden fast 3,3% der ausstehenden Aktien aus dem Markt genommen. Gleichzeitig wurde ein neues Aktienrückkaufprogramm gestartet, das 300’000 Aktien oder rund 4% des Aktienkapitals umfasst und bis Juni 2029 läuft. Im ersten Quartal 2026 setzte sich der Wachstumskurs fort. In Lokalwährungen stieg der Umsatz um 17,4% auf 339.7 Mio. CHF. Die Stärke des USD und die Volatilität an den Devisenmärkten führten zu einem auf 5,5% abgeschwächten Wachstum in CHF. Der Ausblick bleibt positiv. Die Aktie kletterte zwischenzeitlich auf ein neues historisches Hoch von 323 CHF.

Der Kurs von CFT legte wieder zu. Chart: six-group.com

Swiss Re mit Gewinnanstieg

Swiss Re steigerte den Gewinn im ersten Quartal um 20% auf 1.5 Mrd. USD. Der Krieg im Nahen Osten dämpft das Geschäft. Geringere Schäden durch Naturkatastrophen wirkten positiv. Das erhöhte Zinsniveau wird die Kapitalerträge bei Wiederanlagen höher ausfallen lassen. Der KI- und Datencenter-Boom wird neue Spezialversicherungen in erheblichem Volumen notwendig machen, was das Geschäft beflügeln könnte. Wegen des starken Gewinns kaufte Swiss Re für 1 Mrd. USD Aktien zurück. Laut dem im März angekündigten Programm sollten jährlich 0.5 Mrd. USD in Rückkäufe fliessen. Bei allen Unwägbarkeiten des Rückversicherungsgeschäfts bleibt der Ausblick für Swiss Re positiv.

8% Dividendenrendite bei Sunrise

Bei Sunrise waren die Umsätze im ersten Quartal erwartungsgemäss wenig verändert. Das EBIT nahm um 2,5% zu, der Nettoverlust allerdings weitete sich auf 39.4 Mio. CHF aus. Der Grund sind nicht realisierte Verluste aus Devisenabsicherungsgeschäften. Für das Gesamtjahr werden ein zum Vorjahr unveränderter Umsatz und Gewinn erwartet. Die Dividendenrendite beträgt 8%. Für August kündigte Sunrise Preiserhöhungen an.

Fazit

Aus aktueller Sicht zeichnen sich bei den 12 Dividendentiteln keine Dividendenkürzungen für das Geschäftsjahr 2026 ab. Dennoch ist angesichts der konjunkturellen und geopolitischen Realitäten nicht unbedingt zu erwarten, dass 11 der 12 Unternehmen, wie für 2025, die Dividende anheben werden. Seit der letzten Dividendenstrategie vom April sind die Kurse von acht Titeln mehr oder weniger angestiegen, zwei tendierten seitwärts, zwei gaben nach. Längerfristig folgen die Aktienkurse der Gewinnentwicklung, die auch die Dividendenpolitik bestimmt.

Kommentar verfassen