
Unter dem Leitthema «Resilience in times of crisis» präsentierten sich am 2. Juni 2026 am SIX ConventionPoint in Zürich sechs Schweizer Industrieunternehmen einem konzentrierten Investorenpublikum. Im Zentrum stand die Frage, wie sich der Industriestandort Schweiz im Umfeld aus Frankenstärke, Handelszöllen und Margendruck behauptet. Und ob eigentümergeführte Unternehmen Krisensituationen besser bewältigen können.
Bossard wächst um 8,6%, Margenziel bleibt in Reichweite

Komplexitätsreduktion bei Verbindungselementen ist das Geschäftsmodell der Bossard Holding mit Sitz in Zug. Das 1831 gegründete Familienunternehmen wird von der 7. Generation geführt und beschäftigt 3’000 Mitarbeitende an 84 Standorten in 33 Ländern. Bei einer Schraube oder einem ähnlichen C-Teil entfallen lediglich 15% der Gesamtkosten auf das Bauteil selbst. Der Rest entsteht durch Konstruktion, Logistik und Montage. Die Strategie 200 bündelt sieben Initiativen mit Fokus auf Wachstumsindustrien wie Luftfahrt, Robotik und Rechenzentren. Der Flugzeugbauer Pilatus schloss mit Bossard zunächst einen Fünfjahresauftrag über 40 Mio. CHF ab, der seither auf 100 Mio. CHF ausgebaut wurde.
Der Nettoumsatz stieg 2025 um 8,6% auf 1’068.9 Mio. CHF nach einem Vorjahresrückgang von 7,9%. Die EBIT-Marge verharrt mit 10,0% unter dem Zielband von 12 bis 15%, der freie Cashflow drehte auf minus 8.7 Mio. CHF nach plus 31.2 Mio. CHF im Vorjahr. Zum Kurs von 177 CHF resultiert rechnerisch ein KGV von 19.0. Die Dividendenrendite beträgt bei gleichbleibender Ausschüttung 2,2%.
R&S Group: Auftragsbestand bis 2028, neues Werk in Polen

R&S Group produziert seit über 100 Jahren missionskritische Transformatoren für die Energiewende und betreibt neun Werke in Europa und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Portfolio umfasst ölgefüllte Verteilertransformatoren, Giessharztypen sowie grosse Leistungstransformatoren. CFO Matthias P. Weibel hob die Agilität als Kernvorteil hervor. Sie mache das Unternehmen weniger abhängig von Grossprojekten, selektiver und profitabler als Konglomerate.
Der Nettoumsatz stieg 2025 um 8,6% auf 414.8 Mio. CHF bei einer EBITDA-Marge von 20,9%. Die Netto-Finanzverbindlichkeiten sanken deutlich, für Leistungstransformatoren ist die Auftragslage bis Q1 2028 gesichert. In Lodz in Polen entsteht derzeit ein neues Werk für Leistungstransformatoren, das im vierten Quartal 2026 in Betrieb gehen soll. Zum Schlusskurs von 24.46 CHF resultiert rechnerisch ein KGV von 15.7 und eine Dividendenrendite von 2,0%.
Plaston Holding: 70 Jahre, neuer Ankeraktionär, Expansion nach Indien

Plaston Holding feiert 2026 ihr 70-jähriges Bestehen. Das Widnauer Unternehmen ist nach eigener Einschätzung weltweit führend bei kundenspezifischen Kunststoffkoffern und produziert daneben technische Kunststoffteile sowie Luftbehandlungsgeräte der Marke Boneco. Rund zwei Drittel des Umsatzes entfallen auf Koffer. Zu den wichtigsten Kunden zählt Hilti, für die Plaston exklusiv produziert und liefert. CEO Alexander Gapp brachte die Bedeutung des Koffers für die Marke Hilti auf den Punkt. «80% des Markenbildes von Hilti laufen über den Koffer.» Ende Februar 2026 gab die Gründerfamilie Frei die Aktienmehrheit an die Grapha Holding ab. Mit dem neuen Ankeraktionär visiert Plaston weiteres Wachstum an, auch durch M&A. Ab 2028 ist die Aufnahme der Produktion in Indien geplant. Im Geschäftsjahr 2024/25 erzielte Plaston einen Nettoumsatz von 62.78 Mio. CHF bei einem EBIT von 3.01 Mio. CHF nach einem Verlustjahr 2023/24. Der Kurs notiert bei 5’200 CHF, rechnerisch ein KGV von 22.6. Der Spread von 3,9% spiegelt die eingeschränkte OTC-X-Liquidität wider.
Orell Füssli: Sicherheitsdruck stark, Procivis-Option bleibt

Orell Füssli ist ein 1519 gegründetes Zürcher Unternehmen, das Sicherheitsdruck für Zentralbanken weltweit (Banknoten, Pässe, 37% des Umsatzes) mit dem Schweizer Buchhandelsmarktführer Orell Füssli Thalia und einem wachsenden Verlagsgeschäft kombiniert. Die Schweizerische Nationalbank hält ein Drittel der Aktien. CFO Reto Janser bezeichnete das Unternehmen als «alten, aber attraktiven Titel» und verwies auf die schuldenfreie Bilanz mit einer Eigenkapitalquote von 66%.
Im Geschäftsjahr 2025 stieg der Umsatz um 8% auf 272.8 Mio. CHF, der bereinigte EBIT um 32% auf 29.8 Mio. CHF. Für 2026 warnte Janser vor einem Ergebnisrückgang, weil ein margenträchtiger Grossauftrag bereits im vierten Quartal 2025 ausgeliefert wurde. Zum Kurs von 161.50 CHF liegt die Dividendenrendite rechnerisch bei 3,6%. Geht der Gewinn zurück, steigt das KGV über den aktuellen Wert von 13.8 weiter an. Eine ausführlichere Analyse findet sich in unserem Porträt vom April 2026.
CMSA: Buchwertabschlag von 73% bei laufender Diversifikation

Hochpräzisions-Metallbearbeitung für Luxusuhren, Medtech und Industrie ist das Kerngeschäft der CMSA Holding mit Sitz in Biel. Das Unternehmen umfasst zehn Schweizer Produktionsstandorte und verfügt über mehr als 140 Jahre Erfahrung. CEO Philipp von Büren stellte es als vertikal integrierten Contract Manufacturer vor, also als Auftragsfertiger entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Luxus-Anteil von 59% am Umsatz bildet im Umfeld der schwachen Uhrenindustrie ein Klumpenrisiko. Die Diversifikation Richtung Medtech und Halbleiter ist jedoch im Gang.
Der Nettoumsatz stieg 2025 um 3% auf 232.1 Mio. CHF, das EBITDA ging leicht auf 51.6 Mio. CHF zurück. Die Dividende sinkt 2026 auf 125 CHF nach 140 CHF im Vorjahr, das zweite Jahr in Folge rückläufig. Die Aktie wird auf OTC-X zu 500 CHF mit einem Abschlag von 73% zum Buchwert gehandelt. Per 3. Juni 2026 trat ein Aktiensplit 1:10 in Kraft, bei dem eine Aktie in zehn aufgeteilt wurde, um die Handelbarkeit zu verbessern.
SKAN Group: Marktführer in der Nische, Margenkorrektur nach Ausnahmejahr

SKAN Group ist seit 1968 im Geschäft und globaler Marktführer für Isolatoren zur aseptischen Abfüllung von injizierbaren Biopharmazeutika. Isolatoren sind sterile Schutzkabinen für den Abfüllprozess, die das Kontaminationsrisiko bei Krebsmedikamenten, GLP-1-Präparaten und Zell- und Gentherapien eliminieren. 2006 wurde das Unternehmen als private Firma in den FDA-Aseptik-Richtlinien zitiert. CFO Burim Maraj erläuterte, dass 65% des Umsatzes auf Equipment und 35% auf Services sowie Verbrauchsmaterialien entfallen. Letztere sollen strategisch weiter ausgebaut werden.
Im Geschäftsjahr 2025 sank der Nettoumsatz nach mehrjährigem zweistelligem Wachstum auf 333.3 Mio. CHF, die EBITDA-Marge fiel auf 11,6%. Für 2026 erwartet das Unternehmen eine Margenrückkehr auf 13 bis 15%. Das KGV von rechnerisch rund 70 auf Basis des Gewinns 2025 ist wegen des Ergebnisrückgangs wenig aussagekräftig. Zum Kurs von 50.30 CHF notiert die Aktie deutlich unter dem Allzeithoch von 95.20 CHF aus dem Jahr 2021.
Panel: Abseits vom Quartalsdenken

Im Gespräch mit den Moderatoren Remo Rosenau, Head Research der Helvetischen Bank, und Björn Zern, Co-Gründer von schweizeraktien.net, legte CEO Daniel Bossard seinen Führungsansatz offen. Die zentrale Erkenntnis ist, dass Familienunternehmen Krisen nicht trotz, sondern wegen ihrer Eigentümerstruktur überstehen. Kurze Entscheidungswege über die Kolin Holding, langfristiges Denken und eine Unternehmenskultur, die Jahre vor der nächsten Krise aufgebaut werden muss, seien die eigentlichen Resilienzfaktoren. Die Corona-Pandemie habe bestätigt, dass eine bereits etablierte Kollaborationskultur dem Unternehmen geholfen habe, die schwierige Phase ohne Kulturbruch zu bewältigen. Bei kritischen Produkten setzt das Unternehmen auf Mehrfachlieferanten aus verschiedenen Kontinenten. Daniel Bossard betrachtet die Kombination aus Familienunternehmen und Börsenkotierung als Stärke. Langfristdenken und Kapitalmarkttransparenz würden sich hier ideal ergänzen.
Fazit
Der Branchentalk Industrie 2026 zeigte sechs Profile für unterschiedliche Anlegertypen. Bossard ist der Qualitätsindustrielle mit Wachstumspipeline, dessen Bewertung die Margenwende vorwegnimmt. CMSA ist eine Substanzwette mit tiefem Buchwertabschlag, die auf die Diversifikation weg von der schwächelnden Uhrenindustrie angewiesen ist. R&S Group ist das verlässliche Energiewende-Profil mit gesichertem Auftragsbestand und starker Marge. Plaston ist der Nischenweltmarktführer mit neuem Ankeraktionär und Indien-Option, dessen OTC-X-Liquidität einen langen Atem verlangt. Orell Füssli ist der Dividenden-Dauerläufer mit unbepreister Procivis-Option, bei dem ein Gewinnrückgang 2026 das KGV kurzfristig steigen lässt. SKAN Group ist der Technologieführer in einer strukturell wachsenden Nische, dessen Kurs nach dem Ausnahmejahr 2025 Raum nach oben lässt.
Die Präsentationen der Referenten finden Sie hier zum Download.





