Mythenregion: frisches Kapital für Rotenfluebahn

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Ab 1957 wurde die Südseite des Schwyzer Hausbergs Mythen, bestehend aus den zwei weithin sichtbaren Felspyramiden des Grossen Mythen (1’898 m.ü.M) und des Kleinen Mythen (1’811 m.ü.M), erstmals mit einer Seilbahn auf die dem Grossen Mythen vorgelagerte Rotenflue touristisch erschlossen. 1964 folgte die Inbetriebnahme der 1. unteren Sektion ab Rickenbach. Damit war auch der Talkessel von Schwyz direkt an die Mythen angebunden, und die neue Bahn mit ihren damals zwei Kabinen à 10 Plätzen diente als Hauptzubringer in die Mythenregion, einem beliebten Familienskigebiet.

Die sehr begrenzten Kapazitäten der touristischen Anfangszeit reichten irgendwann nicht mehr aus, um die Ansprüche einer wachsenden Gästezahl zu bedienen. Aufgrund fehlender Transportkapazitäten und fehlender Mittel für eine Verlängerung der Konzession wurde der Betrieb der fast 50 Jahre alten Pendelbahn auf die Rotenflue – im Rechtskleid einer Publikumsaktiengesellschaft – im November 2004 zunächst eingestellt und anschliessend die Liquidation der AG beschlossen.

Doch bereits am 21. September 2005 erfolgte die Aufhebung des Liquidationsbeschlusses durch die 47. Generalversammlung: Der Auftrag der GV an den neu antretenden Verwaltungsrat war – nicht einmal ein Jahr nach der Stilllegung – nichts Geringeres als die Erschliessung der „historischen“ Rotenflue mit einer zeitgemässen Anlage. Man kann ein solches Projekt mutig nennen – oder auch tollkühn. Es dürfte nicht wenige Aktionäre und auch Einheimische gegeben haben, die nach dem Liquidationsbeschluss – aber auch weit nach der späteren Aufhebung – angesichts vieler Schwierigkeiten nicht mehr an die finale Realisierung der Neubaupläne geglaubt haben. Zu komplex erschien das Projekt an vielen Stellen, und zu viele strukturelle wie rechtliche Fragen blieben ungeklärt, einschliesslich der Finanzierung!

Mit Mut und Beharrlichkeit haben die Initiatoren der neuen Rotenflue-Bahn über viele Jahre gegen äussere Widerstände angekämpft – und wurden am Ende für ihren Kampfgeist belohnt. Exakt 8 Jahre und viele Hürden später ist der Verwaltungsrat unter dem Vorsitz von Nathalie Henseler Pfyl dem Auftrag der GV des Jahres 2005 am symbolträchtigen „21. September“ des Jahres 2013 nachgekommen.

Anlässlich der Generalversammlung vom 21. September 2013 in der Kantonshauptstadt Schwyz, zu der neben Medienvertretern und Politikern auch 33 Aktionäre mit insgesamt nur 24.3% des Aktienkapitals vertreten waren, präsentierte der Verwaltungsrat u.a. eine vollständige Statutenrevision, die eine Wandlung der bisherigen 8’900 Inhaberaktien (7’900 Aktien à CHF 100 und 1’000 Aktien à CHF 10) in Namenaktien sowie eine Namensänderung in „Rotenfluebahn Mythenregion AG“ vorsieht. Daneben wurde – als zentraler Tagesordnungspunkt – eine Aktienkapitalerhöhung um „bis zu maximal CHF 4.8 Mio.“ durch Ausgabe von 9’600 neuen Namenaktien à CHF 505 (inkl. Emissionsabgabe) einstimmig beschlossen, um damit die „Finanzierungslücke“ für den Neubau der insgesamt CHF 23.6 Mio. teuren Rotenflue-Bahn zu finanzieren. Die nach dem Volumen durchaus sportliche Aktienkapitalerhöhung soll im Idealfall innerhalb der nächsten 3 Monate umgesetzt werden, um so auch den Schwung im Projekt zu halten.

Das Fremdkapital sowie weitere Eigenkapitalbeiträge durch Gemeinde- und Bezirksbeiträge sowie Sponsoring ist nach Aussagen der Verwaltung gesichert, so dass der letzte Baustein über maximal CHF 4.8 Mio. von den bestehenden bzw. insbesondere neuen Aktionären der Bahn zu leisten ist. Für ca. CHF 1 Mio. soll es bereits Absichtserklärungen einer Zeichnung geben, und es entsteht insgesamt der Eindruck, als ob das Projekt im Kanton Schwyz – und insbesondere im unmittelbaren Umfeld der Mythen – breit abgestützt ist und eine sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung geniesst. Das Vorgehen der Verantwortlichen in diesem Projekt – namentlich im Verwaltungsrat und in den Kommissionen – wirkt für ein Unternehmen dieser Grösse und Branche sehr professionell, wobei der Eintritt ins operative Bergbahngeschäft als Lackmustest noch bevorsteht. Die Hartnäckigkeit der Initianten verdient unabhängig vom wirtschaftlichen Ausgang des Projekts bereits in dieser Phase Respekt.

Auf Grundlage des GV-Beschlusses soll eine moderne Gondelbahn mit 23 Gondeln à 8 Personen installiert werden. Die Förderkapazität soll nach den Planungen 500 Personen je Stunde betragen. Daneben sollen weitere Investitionen in Parkplätze und ein Aussichtsrestaurant erfolgen. Im aktuellen Stadium ist die bisherige Seilbahn Rickenbach-Rotenfluh AG, deren Aktien zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal bei der OTC-X gelistet sind und die überwiegend im Besitz von Einheimischen im unmittelbaren Umfeld der Standortgemeinde Schwyz sind, nichts mehr als eine Projektgesellschaft.

Mit dem vorgelegten „Business Plan“ des Verwaltungsrats, der angesichts der günstigen geographischen Lage von Schwyz und der verkehrsmässigen Anbindung an andere Landesteile der Schweiz nicht unrealistisch und für die beteiligten Partner der Mythenregion zur Einführung eines qualitativ hochwertigen Ganzjahresangebots auch strategisch sinnvoll erscheint, zielt die neue Bahn – und damit auch die „Mythenregion“ – insbesondere auf den nationalen Tages- und Halbtagestourismus im Nahbereich der Schweiz. Die zugrundeliegenden Plandaten, die im Winter auch starke Verlagerungseffekte innerhalb der Region berücksichtigen, erscheinen vordergründig anhand der vorgelegten Zahlen nachvollziehbar. Gerade diese „Verlagerungen“ innerhalb der Destination – fast ausschliesslich im Winter – sind einkalkuliert, während der neu einsetzende Sommertourismus – bisher entfällt 90% der Jahresumsätze der Region auf den Winter – von einem deutlichen Zuwachs an neuen Frequenzen ausgeht. Insgesamt soll der Anteil des Wintergeschäfts mit den neuen Angeboten der Rotenfluebahn auf 62% fallen, womit die Bahnen der Mythenregion zum Ganzjahresbetrieb werden: Südseite im Sommer (und Winter), Nordseite nur im Winter.

Dadurch kommt es jedoch auch – schon heute absehbar – in Teilbereichen innerhalb des Gästemix zu einer erheblicher Konkurrenzierung im Anbieterverhalten mit anderen Tourismusdestinationen der Region, namentlich etwa der OTC-gelisteten Rigi, aber auch Sattel-Hochstuckli oder Hoch-Ybrig, obwohl letztere als Kooperationspartner eingebunden werden sollen. Auch das eher kleine Familien-Skigebiet Klewenalp nahe Luzern sowie die Region Engelberg mit Titlis und Brunni dürften betroffen sein, wenn die Mythen aus Richtung Schwyz/A4 – wieder – besser erschlossen werden und dem Gast Neues bieten können.

Mit der Erschliessung der Mythen aus Richtung Schwyz und der Anbindung an die Autobahn Zürich / Küssnacht – Gotthard gewinnt die heute zersplitterte und eher schwierig zugängliche Destination „Mythenregion“ über die Rickenbach-Rotenflue-Bahn im Schweizer Tourismusmarkt erheblich an Bedeutung. Gerade in der Zusammenlegung ihrer Angebotswelten und der gerade erst einsetzenden Destinationsbildung – auch flankiert vom neuen Projekt Rotenflue – wird die „Mythenregion“ zu einem nationalen Wettbewerber bestehender Akteure. Solange der Kuchen nicht gesamthaft wächst, können etwaige „Kannibalisierungseffekte“ für einzelne Anbieter allerdings schmerzhaft sein, da ein Zugewinn an Frequenzen an der einen Stelle einen Rückgang an der anderen Stelle bedeutet. In der Tendenz gibt es im Bergbahnensegment der Schweiz schon heute in einer wirtschaftlichen Gesamtbetrachtung reichlich Überkapazitäten, so bedeutend einzelne Projekte auf kommunaler oder auch politischer Ebene sein mögen.

Insofern sind die Leistungserbringer in den angrenzenden Wettbewerber-Destinationen schon heute gefordert, mit Blickrichtung des erwarteten Markteintritts der Rotenflue-Bahn gegen Ende 2014 entsprechende Strategien für ihren eigenen Gästemix zu entwickeln und auch manche Strategie in der Gästeansprache zu überdenken, um die Frequenzen gesamthaft steigern zu können bzw. in einem umkämpften Markt keine Marktanteile an die Mythen zu verlieren. Dies gilt neu sowohl für den Sommer- als auch für den Wintertourismus. Es ist schon heute absehbar, dass die erweiterte „Mythenregion“ insbesondere auf das Inland und Schweizer Gäste zielen wird. Mit dem Abjagen von Marktanteilen untereinander ist bei weitgehend gleichbleibenden Gästezahlen in einer Gesamtbetrachtung nichts gewonnen – es kommt ohne neue Ersteintritte vor allem zu Verlagerungen, was wiederum einen gefährlichen Investitionswettlauf um die modernsten Anlagen und Angebotswelten auslösen kann, der wiederum die die Substanz der Bahnen schwächt. Insofern steckt die Branche bei einem aus individueller Sicht oftmals sinnvollen Kapazitätsausbau insgesamt in einem Dilemma, und es muss oberste Priorität aller Verantwortlichen sein, den Kuchen insgesamt zu vergrössern, als diesen nur neu zu verteilen.

Vom Neubau der Gondelbahn auf die Rotenflue und die touristische Erschliessung aus Richtung Schwyz mit einer modernen Bahn wird die Mythenregion als Ganzes sicherlich profitieren. Dies gilt insbesondere auch für die Tourismusunternehmungen auf der – von der Kantonshauptstadt Schwyz aus gesehen – „Rückseite“ der Mythen, die bisher verkehrstechnisch deutlich umständlicher nur über Einsiedeln und Alpthal erschlossen werden und deshalb abseits der grossen Verkehrsachsen wirtschaftlich eher benachteiligt sind. Hierzu gehören in der Region die OTC-Unternehmen AG Sportbahnen im Mythengebiet sowie Skilifte Brunni-Haggenegg AG. Beide Unternehmen leben vom Wintersportgeschäft und sind keine Ganzjahresbetriebe. Mit der neuen Rotenflue-Bahn rückt die Erschliessung der Mythen-Ski- und neu auch Wandergebiete über Schwyz in greifbare Nähe, was ungeachtet gewisser interner Verlagerungseffekte insgesamt zu deutlich verbesserten Frequenzen dieser Bahnen führen dürfte und die Ertragslage ab Ende 2014/Anfang 2015 nach Fertigstellung auch verbessern dürfte.

Aus heutiger Sicht erscheint es mit Blick auf die vorhandenen Strukturen naheliegend, dass sich andere Partner im Mythengebiet – allen voran die AG Sportbahnen im Mythengebiet – an der bevorstehenden Kapitalerhöhung der Rotenfluebahn AG beteiligen werden, um diese zu einem Erfolg werden zu lassen. Anlässlich der Generalversammlung war die touristische Aufbruchstimmung deutlich spürbar, die auch die AG Sportbahnen im Mythengebiet und andere Partner erfasst hat. Die neue Rotenfluebahn Mythenregion AG sowie die AG Sportbahnen im Mythengebiet kooperieren bereits bei einem innovativen „Lebensabo“ zur Finanzierung der Bahn, und einzelne Vertreter der AG Sportbahnen im Mythengebiet sind schon heute in Kommissionen der Rotenfluebahn vertreten. Gleichwohl: Die neue Rotenfluebahn wird unabhängig sein und wohl auch bleiben.

Eine Zeichnung der Aktien in der anstehenden Kapitalerhöhung dürfte vor allem für Aktionäre mit direktem Bezug zur Mythenregion interessant sein, da eine branchenübliche Naturaldividende in Aussicht gestellt wird. Bardividenden dürften auf absehbare Zeit nicht ausbezahlt werden. Angesichts der Notierung der Aktien der Nachbarbahnen AG Sportbahnen im Mythengebiet und Skilifte Brunni-Haggenegg AG im OTC-Bergbahnensegment erscheint auch ein OTC-Listing der Rotenfluebahn Mythenregion AG als Neuzugang der OTC-X auf mittlere Sicht nicht ausgeschlossen.

Thorsten Grimm, Grisonia Consult GmbH, 22. September 2013

1 KOMMENTAR

  1. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit hat die Rotenfluebahn in der zurückliegenden Woche – etwas früher als geplant – die Betriebskonzession erhalten.

    Deshalb nimmt die neue Gondelbahn auf die Rotenflue bereits ab Montag, 8.12.2014, den Betrieb auf – eine Woche vor dem ursprünglichen Eröffnungstermin.

    http://www.bote.ch/vermischtes/rotenflue-gondeln-laden-ab-montag-zur-fahrt-ein

    http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/zentralschweiz/sz/schwyz/So-ist-die-Fahrt-mit-der-neuen-Rotenfluebahn;art96,456144 (noch mit dem ursprünglichen Terminplan)

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