Im Kontext: Die Schweiz und Luxus – eine vielschichtige Beziehung

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Touristen in der Schweiz auf Shoppingtour: Uhren und Schmuck sind gefragt. Bild: www.fotolia.de
Touristen in der Schweiz auf Shoppingtour: Uhren und Schmuck sind gefragt. Bild: www.fotolia.de

Ein Reisecar mit chinesischen Touristen hält am Schwanenplatz in der Luzerner Innenstadt. 38 Frauen und Männer strömen in die Fussgängerzone und verschwinden gleich in den luxuriösen Uhren- und Schmuckboutiquen. Man sieht den Gästen nicht an, dass innert nur 20 Minuten einige Hunderttausend Franken den Besitzer wechseln. „Am liebsten kaufen unsere chinesischen Kunden Rolex, lieber gleich zwei oder drei“, sagt die charmante Verkäuferin, die sogar leidlich Mandarin zu sprechen vermag. Ihre Position ist wichtiger denn je, weil vor allem die zahlreichen russischen Touristen in den letzten beiden Jahren spürbar weniger wurden. Auch aus der EU kommen weniger Gäste. Wie Deloitte in seiner zweiten Studie zur Schweizer Hotellerie, die im Juni 2015 veröffentlicht wurde, feststellt, deckt sich der Rückgang der Logiergäste aus Nachbarländern zwischen 2008 und 2015 mit minus 23.5% fast exakt mit dem Anstieg des Franken gegenüber dem Euro von 23.3% in dieser Zeitspanne. Diese beiden Kundengruppen waren zuvor über viele Jahre hinweg für die Schweiz von entscheidender Bedeutung, insbesondere für die Luxusindustrien wie Hotellerie, Uhren, Schmuck, Kunst, Antiquitäten usw. Hier schlagen sich die Spannungen zwischen den Supermächten, die Sanktionen, der schwache Ölpreis und die Schulden- und Währungsproblematik der EU-Länder nieder.

Ansturm der chinesischen Touristen gewinnt an Fahrt

Daher sollte man annehmen, dass die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China sowie der Crash an der Börse Shanghai auch den Touristenstrom aus China und die Ausgabebereitschaft negativ beeinflussen würde. Doch diese Annahme ist falsch. Bislang gibt es noch keine Anzeichen eines Abebbens der Begeisterung der Chinesen für Reisen in die Schweiz. Ein Hotelier im Zentrum des Geschehens ist überzeugt, dass so schnell keine Änderung eintritt: „Unsere chinesischen Gäste lieben die Schweiz, manche sind schon das zweite oder dritte Mal da, bringen Familie und Freunde mit.“ Bei der Schilthornbahn machen chinesische Besucher dieses Jahr bereits 25% des Gästeaufkommens aus, letztes Jahr waren es noch 15%. CEO Egger sagt, dass der Crash in Shanghai bisher keine Auswirkungen hat und der Markt so schnell nicht zusammenbrechen wird, ja, er sagt sogar, dass die chinesischen Gästezahlen explodieren.

Source: Global Blue Analytics © copyright Global Blue (2013), Barclays Research
Die Chinesen geben pro Kauf 846 Euro aus. Quelle: Global Blue Analytics, Barclays Research

Touristische Geldströme im Wandel der Zeit

Doch von den chinesischen Touristenströmen profitieren nicht alle Regionen und Subbranchen gleichermassen. Die Gruppen aus China bestehen in der Regel aus vielen Reisenden, die in kurzer Zeit viel ausgeben. Dabei liegen die Chinesen mit einer durchschnittlichen Transaktionsgrösse pro Kauf von 846 Euro in der Spitzengruppe, wie Barclays in der im April 2015 veröffentlichten Studie zu den European Luxury Goods ermittelte. Wie die Points-of-Sale im Einzelnen zustande kommen, hat mit Standort-Marketing und darüber hinaus auch viel mit dem kulturellen Kontext und gut geölten Beziehungen zu tun. Beispielsweise muss sich der Reiseführer in unsere Reisegruppe im oben genannten Reisecar gegen zahlreiche Konkurrenten einkaufen. Seine Investition. Nachdem die 38 Kunden aus dem Souvenir- und Luxury-Geschäft herauskommen, steht unser Führer in Türnähe unauffällig bereit, um die Provision des Handels einzustreichen. Ähnliche Mechanismen sind wohl bei den Hotels, Transportfirmen, Juwelieren usw. vorherrschend.

Im nächsten Teil der Luxus-Serie lesen Sie, welche Regionen und Industrien in der Schweiz besonders vom chinesischen Geldsegen profitieren.

Mit dem neuen Format „Im Kontext“ beabsichtigen wir von schweizeraktien.net,  in periodischen Artikel-Serien den gewohnten analytischen Blick auf das Micro-Level von einzelnen Aktien und Branchen durch einen breiteren und tieferen Kontext zu ergänzen, hin zu einem „Grossen Bild“. Dieses soll unseren Lesern in eher prosaischer Form und lebendig, bisweilen auch vergnüglich, wirtschaftliche, gesellschaftliche und historische Zusammenhänge vermitteln und Anregungen für die eigene Analyse der behandelten Sujets und Anlagethemen bieten, die oftmals im hektischen Tagesgeschäft in den Hintergrund gedrängt werden, aber für die fundierte Meinungsbildung „Im Kontext“ unabdingbar sind.

Den Start macht eine 10-teilige Serie zum Thema „Schweiz und Luxus – ein vielschichtiges Verhältnis“.

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