Chris Tanner, Cosmo Pharma: „In 3 Jahren schauen wir hoffentlich auf stark steigende Umsatzerlöse zurück und schütten wiederum eine höhere Dividende aus“.

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Chris Tanner ist "Head of Transactions Office" und "Head of Investor Relations" bei Cosmo Pharmaceuticals sowie CFO bei Cassiopea. Bild: zvg
Chris Tanner ist „Head of Transactions Office“ und „Head of Investor Relations“ bei Cosmo Pharmaceuticals sowie CFO bei Cassiopea. Bild: zvg

Vor 20 Jahren aus einer Opportunität heraus entstanden ist Cosmo Pharmaceuticals nach erfolgtem IPO an der SIX heute mit 2,4 Mrd. CHF Börsenwert längst kein Leichtgewicht mehr. Jahre der Forschung und Entwicklung haben nun neben den zwei bestehenden auslizensierten Produkten vier neue hervorgebracht, die sukzessive innert der nächsten 24 Monate am Markt eingeführt sein sollten. Hauptindikationsbereich ist Darmkrebs, der immer noch eine der häufigsten Todesursachen unserer Zeit ist. Chris Tanner ist Head of Transactions Office und Head of Investor Relations, Cosmo Pharmaceuticals, sowie CFO bei Cassiopea. Er gibt im Interview mit schweizeraktien.net interessante Einblicke und Hintergründe für Aktionäre und interessierte Anleger, auch zum Spin-off von Cassiopea.

Herr Tanner, bei Cosmo beginnt nun eine spannende Phase der Unternehmensentwicklung. Legen Sie unseren Lesern doch bitte kurz dar, welche Produkte die Zulassung schon haben, welche sie voraussichtlich bald bekommen und was das für die Umsatz- und Gewinnentwicklung der Folgejahre bedeutet.

Die Zulassung haben Lialda/Mezavant/Mesavancol (an Shire und Giuliani auslizensiert, Anm. der Redaktion) Uceris/Cortiment (an Valeant und Ferring auslizensiert, Anm. der Redaktion) und Eleview, das wir selbst in den USA vermarkten und in Europa noch auslizensieren wollen. Wir gehen davon aus, dass LuMeBlue und Zemcolo 2018 zugelassen werden und Remimazolam dann Ende 2018 oder anfangs 2019.

Was ist das grundsätzlich Neue an den Cosmo-Produkten?

LuMeBlue macht krebsgefährdete Gewebsstrukturen sichtbar und wird somit helfen, die Dickdarmkrebsrate substanziell zu reduzieren; ein solches Produkt gibt es bisher nicht. Eleview ermöglicht dem Endoscopisten die schnelle und sichere Entnahme von schwierigen Geweben im Verdauungstrakt; auch da gab es bisher nichts Ähnliches. Zemcolo ist in den USA ein neues Antibiotikum, das wir gezielt in den Dickdarm bringen können, womit die Nebenwirkungen stark reduziert werden.

Darmkrebs ist ja eine der häufigsten Todesursachen, dabei könnte die Todesrate durch Früherkennung signifikant gesenkt werden. Was können Sie zu den Pharmacoeconomics sagen?

Man sagt, dass jeder Mensch etwa eine 5%-ige Gefahr läuft, von Dickdarmkrebs betroffen zu werden. Dank Kolonoskopien gibt es in den USA 2016 unseres Wissens aber „nur“ ca. 150’000 Dickdarmkrebsdiagnosen. Die Kosten pro Fall können, je nach Schweregrad, 200’000-300’000 USD betragen. Dazu kommen noch die nicht monetären Faktoren, denn die Lebensqualität der Betroffenen, wovon noch immer fast 40% an der Krankheit sterben werden, leidet stark. All dies und natürlich die Kosten könnte man vermeiden, wenn es gelänge, die Adenomas zeitig zu finden und herauszunehmen. Denn jeder Dickdarmkrebs stammt von einem Adenoma.

Und was ändert sich aus Patientensicht?

Wenn ein Patient sich regelmässig eine LuMeBlue Kolonoskopie machen lässt und der behandelnde Endoscopist sein Metier versteht, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient mit Dickdarmkrebs diagnostiziert wird, substanziell.

Wie kam es eigentlich zur Gründung von Cosmo Pharmaceuticals?

Eine kleine Fabrik von Warner Lambert/Parke Davis sollte geschlossen oder verkauft werden. Mauro Ajani kaufte sie für 1.5 Mio. Euro 1996 und übernahm damit auch die 40 Mitarbeiter. Dann gab er den Anstoss zur Entwicklung der MMX Technologie, die zu Lialda und Uceris führten. Jetzt sind es fast 300 Mitarbeiter weltweit.

Und wie haben Sie die verschiedenen Finanzierungsschritte erfolgreich durchgeführt?

In einer ersten privaten Finanzierungsrunde wurden 20 Mio. Euro eingeworben. Danach erfolgte der IPO in 2007, in welchem 30 Mio. Euro eingeworben wurden.

Im Jahr 2015 hatten Sie mehr Gewinn als Umsatz, was extrem rar ist. Wie kam es dazu?

Wir hatten unsere Hautaktivitäten an Medicis, das grösste unabhängige Dermatologieunternehmen in den USA, auslizensiert. Dann wurde Medicis von Valeant übernommen, und wir befürchteten, dass das Entwicklungsprogramm leiden würde. Also haben wir auf die fälligen Erfolgsprämien verzichtet und das Programm zurückgenommen. Diese Projekte waren in der Bilanz zu null bilanziert. Als wir sie in eine separate Unternehmung namens Cassiopea einbrachten, den CEO aus dem ehemaligen Medicis Team einwarben und 55% der Aktien von Cassiopea an der Schweizer Börse verkauften, entstand somit ein hoher Gewinn.

Interessant. Das heisst, wegen der Probleme bei Valeant gibt es erst Cassiopea. Und wie kam es zu der Namensgebung?

Alle unsere Firmen haben Namen eines Sternbildes.

Wo wollen Sie mit Cosmo Pharmaceuticals in drei Jahren stehen, und welche Hürden sind zu überwinden?

In 3 Jahren, also Ende 2019, schauen wir hoffentlich auf die stark steigenden Umsatzerträge aus LuMeBlue, Eleview, Zemcolo und Remimazolam zurück, vermelden klinische Resultate aus der nächsten Produktegeneration und schütten wiederum eine höhere Dividende aus.

Mit 2,4 Mrd. CHF Marktkapitalisierung und der anstehenden Markteinführung der Produkte ist Cosmo bestimmt auf dem Radar institutioneller Anleger. Sehen Sie da mehr Interesse für die Aktie?

Die Cosmo-Aktie ist seit dem IPO ein Highflyer an der Schweizer Börse. Chart: www.moneynet.ch
Die Cosmo-Aktie ist seit dem IPO ein Highflyer an der Schweizer Börse. Chart: www.moneynet.ch

Da können und werden wir uns sicher noch verbessern. Die Verantwortlichen bei den institutionellen Investoren werden sich spätestens, wenn sie Kinder in der Pubertät haben, an Cassiopea erinnern; wenn sie 50 werden (dann sollte jeder eine Kolonoskopie machen lassen!) wäre es weise, wenn sie an uns denken.

Wie wollen Sie die Liquidität steigern?

Ich gehe davon aus, dass der ESOP (Employee Stock Ownership Plan) im Markt platziert wird, und dass auch einzelne der Investoren, die seit dem Anfang dabei waren und langsam ins Alter kommen, einen Teil der Aktien umplatzieren. Das würde aber geordnet geschehen.

Manche Schweizer Biotechfirmen gehen ja an die NASDAQ oder die Euronext. Würden Sie heute wieder die SIX vorziehen, welche Vorteile sehen Sie?

Wenn wir eine irrsinnig schwierig zu verstehenden Technologie hätten, dann wäre die NASDAQ besser, aber bei Cosmo ist das ja nicht so. Wir würden jederzeit wieder an die SIX, vor allem, weil diese sich durch den für kleinere Firmen wichtigen grossen Pragmatismus auszeichnet.

Wie ist das eigentlich mit den Leerverkäufen bei einer Kotierung an der SIX? In den USA sind ja gerade Biotech-Firmen oft Ziel von Short-Attacken.

Das kommt darauf an, wer die Aktionäre sind, denn diese müssen ja zuerst willig sein, die Aktien auszuleihen; naked shorts sind meines Wissens in der Schweiz nicht legal. Viele unserer Aktionäre wären bestimmt unglücklich, wenn man ihre Aktienbestände nutzen würde, um diese auszuleihen, um den Kurs zu drücken, denn dies ist ja nicht in ihrem Interesse. Verliert ein Aktionär den Glauben in die Firma, dann macht es mehr Sinn, die Aktien zu verkaufen als diese auszuleihen.

Wie würden Sie mit einer Übernahmeofferte wie bei Actelion umgehen?

VR und Management kontrollieren fast 50%, und ich kenne Aktionäre, die zusammen sicher weitere 20% kontrollieren. Da macht ein heimliches Vorgehen eines Angreifers keinen Sinn. Käme eine Offerte, könnten wir also sehr schnell feststellen, ob sie attraktiv genug ist, um sie als prüfenswert zu betrachten. Somit ist die Gefahr von gezielten Indiskretionen, wie im Fall Actelion, kleiner.

Was wünschen Sie sich von den Schweizer Anlegern für 2017?

Es gibt viele Anzeichen für eine erhöhte Volatilität. Da wünsche ich dem Anleger ruhig Blut, aber auch die Weisheit, echte sich anbahnende Änderungen zu erkennen.

Vielen Dank für die Einblicke.

Genau 20 Jahre nach Gründung und 10 Jahre nach dem Börsengang an der SIX tritt Cosmo Pharmaceuticals nun in die erwachsene Phase im Unternehmenslebenszyklus ein. Die Entscheidung, die innovativen Produkte in manchen Märkten, vor allem in den USA, selbst zu vermarkten, birgt Chancen wie auch Risiken. Gelingt der Sprung zum integrierten Pharmaunternehmen von der Forschung bis zum Vertrieb, werden auch die Umsätze und Gewinne stark steigen, was den Aktienkurs mit neuem Schub versehen wird.

Unabhängig vom Vertriebskonzept kommt es für die Realisierung der Wachstumspotenziale aber auch darauf an, sich mit den Versicherungsträgern in den jeweiligen Ländern über Kostensätze und -übernahme zu verständigen. Die Produkte adressieren Marktsegmente, deren Bedürfnisse bisher nicht befriedigt werden konnten. Bedenkt man, dass sie Leben retten, Siechtum vermeiden und massiv volkswirtschaftliche Kosten reduzieren helfen, kann von einer hohen Akzeptanz der Innovationen ausgegangen werden.

Die Aktien der Cosmo Pharmaceuticals werden ebenso wie die Titel der Cassiopea an der SIX Swiss Exchange gehandelt. Zuletzt wurden Kurse von 169.90 CHF (Cosmo) und 29.35 CHF (Cassiopea) für eine Aktie bezahlt.

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