Stephan Weigelt, CEO Acrevis Bank: „Acrevis ON ist vorerst ein reines Finanzierungsvehikel.“

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Stephan Weigelt, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Acrevis Bank AG. Bild: zvg

Die Ostschweizer Regionalbank Acrevis erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2016 einen Reingewinn von 18.3 Mio. CHF, wie aus dem jüngsten Geschäftsbericht hervorgeht. Dies entspricht einer Steigerung um 1.3% gegenüber dem Vorjahr. Auch der operative Gewinn legte um 1% auf 23.3 Mio. CHF zu, obwohl der Geschäftserfolg mit 21.4 Mio. CHF (- 7.1%) unter dem Vorjahreswert lag. Dies ist insbesondere auf Wertberichtigungen zurückzuführen, die im Zusammenhang mit der Gründung der Digital-Tochter Acrevis ON AG entstanden sind. Während der Erfolg aus dem Zinsengeschäft dank geringeren Wertberichtigungen und Verlusten auf 40.9 Mio. CHF (+5.5%) gesteigert werden konnte, waren die Erträge aus dem Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft sowie dem Handelsgeschäft rückläufig. Die Aktionäre sollen an der Generalversammlung vom 31. März einer unveränderten Dividende von 32 CHF je Aktie zustimmen. Im Interview mit schweizeraktien.net erklärt CEO Stephan Weigelt, wie die Regionalbank künftig weiter wachsen möchte und beschreibt die Aufgaben der neu gegründeten Acrevis ON AG. 

Herr Weigelt, die Acrevis Bank hat 2016 die Hypothekarvolumen um 3.7% steigern können. Welches Potenzial sehen Sie für die Zukunft?

Wir budgetieren grundsätzlich die Entwicklung des Finanzierungsgeschäftes insgesamt, unterteilen dabei nicht in Hypothekar- und andere Kreditarten. Bei unveränderten Märkten gehen wir von einer durchschnittlichen Steigerung der Kreditvolumen pro Jahr von 2 bis 3% aus. Allerdings genügen 2% aktuell kaum, um die schrumpfenden Margen aufzufangen.

Und wie wollen Sie künftig die sinkenden Margen im Hypothekengeschäft dann kompensieren?

Es wird eine grosse Kunst sein zu wachsen, ohne die Risiken stärker zu erhöhen. Tiefere Risiken bringen naheliegenderweise geringere Margen. Also muss ein grösseres Volumen erarbeitet werden, was aufgrund der Marktverhältnisse eben als „Kunst“ oder „Spagat“ bezeichnet werden kann. Wenn wir eine Priorität zwischen Sicherheit und Wachstum definieren müssen, liegt unser Fokus auch künftig auf der Sicherheit und einem ausgewogenen Risiko. Dieser „Spagat“ zwischen Wachstum, Sicherheit, Bonität und verantwortbaren Zinsänderungsrisiken ist eine Herausforderung für alle Banken, nicht nur für Acrevis. Allerdings besteht die Chance, die Margensituation zu verbessern, wenn die Zinsen dann doch wieder einmal steigen.

Wie entwickelt sich der Immobilienmarkt in Ihrem Marktgebiet, und welche Risiken sehen Sie?

Wir gehen hier von einer Seitwärtsbewegung aus. Grosse Ausschläge sind nicht zu erkennen, und wir denken, dass wir die maximalen Preise gesehen haben. Aufgrund der niedrigen Zinsen bleibt die Nachfrage am Immobilienmarkt aber intakt und das Umfeld stabil.

Im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft ist der Ertrag um 4.5% zurückgegangen. Wo liegen die Gründe?

Dies sind bei uns natürlich die gleichen Gründe, auf die auch die anderen Banken verweisen: vor allem die fehlenden attraktiven Anlagemöglichkeiten im Obligationenmarkt. Auch die Börse war letztes Jahr recht volatil, so dass sich viele Anleger unsicher fühlten, um mehr in Aktien zu investieren. Ausserdem sehen wir im Private Banking eine generelle Strukturbereinigung. Das Geschäft und die Margen sind auch hier unter Druck. Mit einem Rückgang um 4.5% hat es uns noch weniger getroffen als die meisten Mitbewerber. Hinzu kommt, dass 2015 die Erträge im Handelsgeschäft von der Freigabe des Euro-Mindestkurses profitieren konnten. Dieser Effekt ist 2016 weggefallen.

2015 haben Sie im Private Banking das neue Produkt Spectrum lanciert. Wie kommt Ihr Produkt an, und welche Erfahrungen haben Sie hier gesammelt?

Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und feststellen dürfen, dass Acrevis Spectrum einem echten Bedürfnis der Kunden entspricht. Denn gemeinsam mit dem Kunden teilen wir sein Portfolio entsprechend seinem Risikoprofil in sicherere und risikoreichere Anlagen ein. In die Anlagestrategie fliessen dabei die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Verhalten der Finanzmarktteilnehmer mit ein, was als Behavioral Finance bezeichnet wird.

Trägt das Angebot denn schon einen wichtigen Beitrag zum indifferenten Geschäft bei?

Dies ist schwierig zu ermitteln. Denn wir wissen nicht, wie die Ertragsentwicklung im indifferenten Geschäft ausgesehen hätte, wenn Spectrum nicht lanciert worden wäre. Viel wichtiger ist uns die langfristige Entwicklung unseres Angebotes im Private Banking. Acrevis Spectrum war hier ein erster Schritt. Weitere werden folgen.

Sie haben einmal angekündigt, dass Acrevis 50% der Erträge im indifferenten Geschäft erwirtschaften soll. Im letzten Jahr hat der Anteil des Zinsengeschäftes sogar leicht zugenommen und liegt bei über 60%. Wie wollen Sie das 50-zu-50 Ziel erreichen?

Auch dies ist eine langfristige Zielsetzung, an der wir festhalten. Sie soll aber auch zeigen, dass wir beiden Bereichen die gleich hohe Bedeutung beimessen. Derzeit ist es sicherlich nicht einfacher geworden, im indifferenten Geschäft zu wachsen, wie ich bereits erläutert habe. Daher ist das 50-zu-50-Ziel im aktuellen Marktumfeld eine ehrgeizige Zielsetzung. Allerdings wird sich das Marktumfeld auch wieder ändern.

Sie haben nun eine „offensive Digitalstrategie“ angekündigt. Ein Bestandteil ist die Gründung der Acrevis ON AG. Was genau haben Sie geplant?

Wir sind diesbezüglich zurückhaltend in der externen Kommunikation, da bei diesem Thema viele eine PR-getriebene Ankündigungspolitik betreiben. Dies möchten wir vermeiden. Lieber darüber sprechen, wenn man wirklich auch liefern kann. „Lifere anstatt Lafere“ – heisst es doch so schön.

Aber können Sie schon etwas konkreter sagen, was Sie in diesem Bereich machen werden?

Es handelt sich aktuell um fünf Hauptprojekte: das Onboarding (Konto-/Depoteröffnungen), erste Angebote im Anlage- und Finanzierungsbereich, die Automatisierung der Kreditabwicklung und die Entwicklung neuer Kundenschaltermodelle. Wir rechnen damit, noch in diesem Jahr erste Ergebnisse präsentieren zu können.

Wer sind Ihre Partner, und wie offen ist diese Plattform für Dritte?

Die Projekte werden alle operativ von der Finanz-Logistik AG abgewickelt und von der Acrevis ON AG finanziert. Die Acrevis ON AG ist also vorerst ein reines Finanzierungsvehikel. Über die Finanz-Logistik AG ist auch unser Partner, die Alpha Rheintal Bank, in das Projekt eingebunden. Natürlich können wir neue Dienstleistungen auch weiteren Kunden (Drittbanken) der Finanz-Logistik AG anbieten.

Warum haben Sie das 9.9 Mio. CHF Investment in Acrevis ON 2016 direkt abgeschrieben? Glauben Sie nicht an den Erfolg?

Natürlich glauben wir an den Erfolg. Für uns gilt aber auch hier das Vorsichtsprinzip: Es ist heute noch schwer abzuschätzen, ob, wie und wann Acrevis ON Erträge generieren wird. Daher haben wir uns als vorsichtige Kaufleute dafür entschieden, diesen Betrag zu Lasten der Erfolgsrechnung abzuschreiben bzw. eine entsprechende Rückstellung vorzunehmen.

Im letzten Jahr wurde die erste Tranche der genehmigten Kapitalerhöhung erfolgreich platziert. Jetzt möchten Sie das genehmigte Kapital verlängern. Wann rechnen Sie mit der nächsten Kapitalerhöhung, und wie möchten Sie das Kapital einsetzen?

Es handelt sich bei diesem Antrag um eine vorsorgliche Massnahme, die uns Flexibilität geben soll. Zwar rechnen wir in absehbarer Zeit nicht damit, dass wir das genehmigte Kapital benötigen. Allerdings könnte es sein, dass wir beispielsweise bei einer möglichen Akquisition kurzfristig handlungsfähig sein müssen. Bereits bei der ersten Tranche haben wir kommuniziert, dass das neue Kapital für zwei Zwecke verwendet werden soll: einerseits für Akquisitionen, andererseits, um steigenden regulatorischen Anforderungen entsprechen zu können. Mit der ersten Tranche haben wir in einem diesbezüglich günstigen Marktumfeld unser Eigenkapital gestärkt und können nun eine Kernkapitalquote von 18% und eine Leverage Ratio von 8.7% ausweisen. Damit liegen wir deutlich über den regulatorisch geforderten 12.1% bzw. 3%. Solide aufgestellt können wir uns so auf die Weiterentwicklung des Geschäfts fokussieren.

Die Aktien der Acrevis Bank werden ausserbörslich auf OTC-X und bei der Gesellschaft direkt gehandelt. Zuletzt wurden Preise von 1’320 CHF für eine Aktie bezahlt. Die Dividendenrendite von 2.4% auf Basis des letztbezahlten Kurses ist für eine Regionalbank vergleichsweise attraktiv.

Hinweis in eigener Sache: Am 13. Juni 2017 findet der 4. Branchentalk Regionalbanken ab 15.30 Uhr in Bern statt. Im Fokus stehen „Geschäftsmodelle in der Transformation“. Weitere Informationen unter schweizeraktien.net/branchentalk.

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