Der IPO-Markt ist in vollem Schwung – weltweit und insbesondere in der Schweiz! Innert weniger Tage haben sich nun gleich vier Börsenkandidaten mit ihren bestens vorbereiteten IPO-Kampagnen an die Öffentlichkeit gewandt, um ihre Neuemissionen erfolgreich zu platzieren. Der Blick auf den ersten Kandidaten Sensirion zeigt einen hochinnovativen Marktführer und Pionier in der wachstumsstarken Sensorik, der neue Aktionäre zu überzeugen versteht.

Die Details zu dem Zeichnungsangebot hatte Sensirion schon am 12. März bekannt gegeben. Relevant ist zunächst der Zeitfaktor, denn die Zeichnungsfrist endet bereits am 21. März. Damit bleibt von der Ankündigung des IPOs bis zum Ende der Zeichnungsfrist ein nur sehr kurzer Zeitraum zur Information und „Due Diligence“. Dies macht die Evaluierung und Entscheidungsfindung für den privaten Anleger, der nicht über ein Heer von Bankberatern verfügt, nicht einfach.

Als ETH Spin-off 1998 gegründet

Bei diesem IPO scheint auf den ersten und den zweiten Blick alles zu stimmen und zusammenzupassen. Insbesondere das Zahlenwerk. 20 Jahre nach der Gründung als Spin-off aus der ETH Zürich, die weltweit als Technologie-Think-Tank Anerkennung findet, ist aus dem Start-up der Physiker ein rapide wachsender und auch hochprofitabler Markt- und Technologieführer geworden.

Wachsende Dynamik

Die Produktion von Sensirion-Sensoren in Stäfa. Bild: sensirion.ch

Die Sensorik ist ein Feld, das immer grösser wird und sich zunehmend ausdifferenziert. Es ist auch eine Querschnittstechnologie, die im Smartphone ebenso wie im Automobil oder im medizinischen Alltag zur Verwendung kommt. Durch die kontinuierliche Digitalisierung von immer neuen Prozessen herrscht in der Sensorik eine Dynamik, die strukturell ist und nicht einfach nur eine überbordende Nachfrage, die morgen auch wieder abflauen kann.

Energieeffizienz durch Sensoren

Ein gutes Beispiel für einen Mega-Trend bildet der Energieverbrauch in Gebäuden gestern und heute sowie die Zielsetzung, die „Smart Building“ genannt wird. Die Sensoren sind der Schlüssel zu einem Grossteil der möglichen Einsparungen und Optimierungen in Gebäuden, die dann dafür sorgen, dass die Energieeffizienz steigt. Durch die „Energiestrategie 2050“ sind die Schweizer ja besser als die Bürger der meisten Länder mit den Zahlen und Potenzialen vertraut. 40% des globalen Energieverbrauchs findet in Gebäuden statt, also ist auch dort der Hebel am höchsten. Es geht um Temperatur und Feuchte, um Luftqualität und Heizung, Gase und Flüssigkeiten. Das Besondere an der systematischen Herangehensweise der Wissenschaftler von Sensirion sind die hervorgebrachten ganzheitlichen Lösungen – denn das ist genau, was die Welt heute benötigt. Trotz hoher Regulierungsdichte, immer mehr Hochtechnologie und immer mehr Experten, soweit das Auge reicht, sind doch überwiegend nur partikulare Lösungen im Einsatz. Elektronisch gesteuerte Geräte können beispielsweise sehr falsche Ergebnisse bringen, wenn die Messgeräte selbst Temperatur entwickeln oder ausgasen!

Sensorik und Smart Homes

Smart Homes greifen wiederum in andere Bereiche über, z.B. Telemedizin für die Versorgung von Patienten und Pflegebedürftigen zuhause. Voraussetzung für solche Lösungen sind Sensoren, die in Real Time den Medikamentenfluss oder das Atemgerät steuern. Das Internet-of-Things (IoT), also die Interaktion von Maschinen untereinander, z. B. rund um das Wohnen, wäre ohne spezifische, aber eben ganzheitliche Sensoren kaum entwicklungsfähig. Und auch die sogenannten Wearable Technologies brauchen Sensoren, um die gewünschten Messwerte liefern zu können oder cloudbasierte Services zugänglich zu machen.

Hohe F&E-Quote

Bei kombinierten Feuchte- und Temperatursensoren liegt der Weltmarktanteil von Sensirion bei über 50%. Die selbst entwickelte Technologie von Sensirion ist nicht einfach so zu kopieren, da die über Jahrzehnte der Forschung und Entwicklung gewonnene Expertise nicht ohne Weiteres repliziert werden kann und zudem patentrechtlich geschützt ist. Das drückt sich auch in anhaltend hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung aus. 2017 lag die F&E-Quote bezogen auf den Umsatz von 148 Mio. CHF bei 23%. Es gibt zwar viele Technologieunternehmen, doch wenige investieren dauerhaft ähnlich viel in Innovationen für die Märkte von morgen und übermorgen.

Innovation Umweltsensoren

Innovative Gassensoren von Sensirion. Bild: sensirion.ch

Die jüngsten Innovationen sind sogenannte Umweltsensoren, die u.a. CO2, Feinstaub und flüchtige organische Verbindungen messen können. Das Produkt „Multi-Pixel-Sensor“ misst auf kleinstem Raum integriert zahlreiche Schadstoffe und dient somit in vorbildlicher Weise den Zielen der Verbesserung der Sicherheit und der Gesundheit.

Vorbildliche Transparenz

Das Zusammenkommen von Hochtechnologie und deren sinnvoller und konstruktiver Verwendung ist es, was Sensirion über andere, vergleichbare Unternehmen emporhebt. Nicht nur ist es dezidierte Zielsetzung, dass die Produkte einen sinnvollen Zweck wie die Einsparung von Energie verfolgen, sondern das Unternehmen legt ebenfalls bei sich selbst eine hohe Messlatte an, die auch erfüllt wird. Auf der Website wird umfangreich dokumentiert, welche Normen erfüllt und welche Zertifikate erworben wurden. Selbst was Apple und andere Technologie-Stars nicht zustande bekommen – die Transparenz bei der Herkunft von sogenannten Konfliktmineralien – ist bei Sensirion selbst recherchierbar. Das schafft Sympathie, Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Beeindruckende Zahlen

Die Zahlen sprechen für sich. 2017 war der Umsatz um 17 Mio. CHF auf 148 Mio. CHF geklettert. Für 2018 erwartet das Management 15-18% Wachstum und auf längere Sicht 10-15%. Die EBITDA-Marge lag 2017 bei 18%, längerfristig ist das Ziel 20%. Das klingt zwar ambitioniert, ist aber durch die bisherige Entwicklung stark untermauert.

* Das bereinigte EBITDA wird berechnet als Gewinn / (Verlust) für die Periode vor Nettozinsaufwand, Ertragssteuern und Abschreibungen und Wertberichtigungen (EBITDA), bereinigt um die Nettofinanzkosten ohne Nettozinsaufwand, den Gewinnanteil von Beteiligungsunternehmen, die nach der Equity-Methode konsolidiert werden, abzüglich Steuern, Wertberichtigungen und bestimmten Sonderposten, die nach Ansicht des Managements kein Massstab für die operative Leistung des Unternehmens sind. Im Berichtszeitraum handelt es sich bei diesen Sonderposten um (i) Einnahmen aus der Veräusserung von Aktiven; (ii) Forschungs- und Entwicklungskosten mit Bezug auf Aktiven, die im Berichtszeitraum veräussert wurden; (iii) Kosten in Verbindung mit Akquisitionen und (iv) Kosten in Verbindung mit dem Börsengang. Die EBITDA-Bereinigungen beliefen sich im Jahr 2017 auf insgesamt CHF 9,7 Mio., 2016 auf CHF 0,4 Mio. und 2015 auf CHF 11,6 Mio. ** Die bereinigte EBITDA-Marge wird berechnet als prozentualer Umsatzanteil des bereinigten EBITDA in der Berichtsperiode. *** CAGR
Quelle: sensirion.ch

Politik und Sensorik

Tatsächlich wirkt es sogar so, als ob die Erwartungen jetzt gedämpft werden, um sie dann umso furioser zu übertreffen. Sensirion sagt, dass die eigenen Produkte den Energieverbrauch in Gebäuden um 10% reduzieren können. Das ist im Rahmen der Schweizer „Energiestrategie 2050“ schon ein gewaltiger Schritt – mit überschaubaren Investitionskosten. Und die Schweiz ist damit nicht allein. So formuliert Japans Premier Shinzo Abe die Gesellschaft 5.0 als Ziel, in der dank der Produktivitätsrevolution und breit verfügbaren Technologien wieder die Gesellschaft und das Wohlbefinden aller Bürger im Zentrum stehen sollen. Eines der Hauptziele ist, Energie einzusparen, ein anderes die Integration von Älteren, von Frauen, von allen Teilen der Gesellschaft durch die Möglichkeiten des IoT, der Künstlichen Intelligenz und der Robotik. Sensirion ist u.a. in Japan stark vertreten, und auch in China, wo die gravierende Luft- und Umweltproblematik erkannt und durch entsprechende Massnahmen bekämpft wird.

Umweltproblematik und Wachstumspotenziale

Vor dem Hintergrund der massiven weltweiten Umweltprobleme und der kontinuierlichen und sich verschärfenden Debatte um Klimawandel und Temperaturerhöhung ist es mit Blick auf die zukünftige Entwicklung bei Sensirion nicht abwegig, auch Szenarien mit Wachstumsraten über 15% p.a. durchzuspielen. Drei Jahre weitergedacht, würden Bewertungen an der Börse mit Blick auf die für 2022 geschätzten Zahlen prognostiziert werden. Bei 15% Wachstum p.a. würde der Blick auf 2022 dann 250 Mio. CHF Umsatz und 50 Mio. EBITDA offerieren, wovon schätzungsweise 65% als Reingewinn übrig bleiben würden, also 32,5 Mio. CHF. Bei 20% Wachstum lägen die 2022er Werte bei 300 Mio. CHF und 60 Mio. CHF bzw. 39 Mio. CHF Reingewinn. Auch 25% Wachstum erscheinen nicht ganz aus der Welt, weil es sich bei der Sensorik nicht um lineares Wachstum handelt, sondern um exponentielles. Daher ist keine Abflachung der Wachstumsraten zu erwarten, sondern vielmehr eine Beschleunigung. Aktien von Unternehmen, deren Wachstumsraten sich mit zunehmender Grösse beschleunigen, werden an der Börse jedoch weit höhere Multiples zugestanden, weil es eben sehr viel mehr an zukünftigen Erträgen zu diskontieren gibt. Amazon ist ein eindrückliches Beispiel hierfür.

Hohe institutionelle Nachfrage zu erwarten

Geht man davon aus, dass die Neuemission vollständig gezeichnet und am oberen Ende der Bookbuilding-Spanne zugeteilt wird, so läge die Market Cap bei 545 Mio. CHF, nicht gerade günstig, aber bestimmt nicht überzogen. Noch ein wenig weitergedacht ist jedoch schon heute klar, dass sowohl Technologiefonds und -ETFs als auch nachhaltig investierende institutionelle wie private Anleger Sensirion-Aktien haben wollen. Der Free-Float wird unter maximalen Annahmen mit 318 Mio. CHF allerdings nicht hoch genug sein, um alle Kaufinteressierten zu bedienen, also muss der Kurs steigen.

Fazit: Uneingeschränkte Zeichnungsempfehlung

Daher ist diese Neuemission, vielleicht die erste 5.0-Aktie der Schweiz, mit einer äusserst seltenen uneingeschränkten Zeichnungsempfehlung zu versehen. Mag sein, dass die Aktie kurzfristig steigt, doch ihr wirkliches Kurssteigerungspotenzial wird sich erst auf längere Sicht erfüllen. Man könnte sich an der 5%-Vinkulierungsgrenze stören oder daran, dass der weit überwiegende Teil des Emissionsertrags nicht dem Unternehmen zufliesst, doch die Abgabe der Aktienmehrheit ist nach erfolgreichem Aufbau des Unternehmens beim Going Public üblich, gut und sinnvoll, da ein zu geringer Free-Float und ein dominierender Mehrheitsaktionär die Bewertungsfantasie in aller Regel dämpfen. Und die Vinkulierung sichert die langfristige Unabhängigkeit und ermöglicht es den Aktionären somit, sogar in den vollen Genuss der langfristigen Entwicklung zu kommen, da eine Übernahme auf halbem Weg ausscheidet.

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