Stefan Geller, CEO Patiswiss: «Wir haben das Wachstumspotenzial noch nicht ausgeschöpft»

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Seit mehreren Jahren setzt der Nahrungsmittelhersteller Patiswiss konsequent eine Nachhaltigkeitsstrategie um. Auf den Einsatz von Palmöl wird verzichtet. Grundstoffe wie z.B. Schokolade und Nüsse stammen aus zertifizierter Produktion. 2019 setzte das Unternehmen, zu dessen Kundenkreis Confiserien, Gastronomie und Industriebetriebe gehören, 16.3 Mio. CHF um. Der Reingewinn betrug 424’000 CHF.

Stefan Geller leitet seit Anfang 2019 die Patiswiss AG. Bild: zvg

Mit der Übernahme der Schokoladendragée-Produktion von der Berner Gysi AG Chocolatier Suisse macht das Unternehmen in diesem Jahr einen wichtigen Wachstumsschritt. Im Gespräch mit schweizeraktien.net spricht CEO Stefan Geller über die Folgen der Corona-Krise für das Unternehmen und erklärt, wie Patiswiss auch in Zukunft wachsen will.

Herr Geller, es ist in diesen Tagen sehr heiss. Macht Ihnen das nicht zu schaffen, weil die Leute keine Schokolade mehr essen?

Vielleicht sind die derzeitigen Temperaturen nicht ideal für Schokolade. Zum Glück haben wir auch Zutaten für Glacé und Cornets im Sortiment (lacht).

Sie sind nun seit gut zwei Jahren CEO der Patiswiss AG. Wie haben Sie Patiswiss in dieser Zeit erlebt, und was haben Sie bereits geändert?

Wenige Monate nach meinem Amtsantritt haben wir mit dem Kaderteam organisatorische Veränderungen eingeleitet und neue Schwerpunkte in verschiedenen Bereichen wie Innovation, Kundenbetreuung und Prozesskosten gesetzt. Die teils neuen und auch angepassten Funktionen und Rollen wurden sehr schnell angenommen und umgesetzt. Die erfolgsorientierte und schnelle Umsetzungskompetenz der Patiswiss habe ich in dieser Zeit in einer für mich überdurchschnittlichen Form erfahren. Im gesamten Betrieb spüren wir daher eine gewissen Aufbruchstimmung.

Was sind Ihre weiteren Ziele mit Patiswiss?

Wir verfolgen eine nachhaltige Wachstumsstrategie in bestehenden, aber auch in neuen Bereichen. Ich bin überzeugt, dass wir in bestehenden Branchen das Wachstumspotenzial noch nicht ausgeschöpft haben und mit Innovationen und massgeschneiderten Dienstleistungen bestehende Kunden ausbauen und neue für uns gewinnen können. Zudem setzen wir weiterhin den Fokus auf unsere Prozesskosten und optimieren diese laufend weiter.

Die vergangenen Wochen und Monate standen ganz im Zeichen von Corona. Wie hat Patiswiss auf die Pandemie und den Lockdown reagiert?

Grundsätzlich haben wir konsequent die Empfehlungen des BAG umgesetzt. Mit wöchentlichen Informationen an alle Mitarbeitenden haben wir die Situation laufend beschrieben und erklärt, was wir aktuell umsetzen und vor allem auch wie. Die Umsetzung von Social Distancing, Hygienevorschriften, neue Besuchsregelungen, Homeoffice, Kurzarbeit usw. hat uns in dieser Zeit beschäftigt, aber auch Chancen aufgezeigt.

Bis jetzt hatten wir zum Glück keinen Krankheitsfall zu verzeichnen bzw. auch keine damit verbundenen weiteren Einschränkungen.

Gerade Ihre Gewerbe- und Gastro-Kunden, welche zusammen beinahe die Hälfte des Umsatzes ausmachen, fielen während des Lockdown zu grossen Teilen weg. Wie sieht es heute aus, und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung/Erholung ein?

Zeitgleich mit den Lockerungs-Schritten des BAG hat sich auch unsere Umsatzsituation wieder etwas entspannt. Bereits im laufenden Monat August entspricht unsere Auftragslage in etwa dem Vorjahr. Die Verluste aus den Lockdown-Wochen sind aber verloren und können definitiv nicht mehr aufgeholt werden. Die reduzierten Frequenzen in der Gastronomie und im Gewerbe sowie auch die fehlenden mittleren und grossen Anlässe werden mit Sicherheit eine längere Zeit ihre Spuren in unseren Gastro- und Gewerbe-Umsätzen hinterlassen.

Wie ist Ihre weitere Prognose für das laufende Geschäftsjahr?

Wir haben mit den ersten Erfahrungen, oder besser gesagt Befürchtungen, welche während des Lockdown entstanden sind, im letzten Aktionärsbrief eine Umsatzreduktion von gegen 20% prognostiziert. So schlimm wird es wohl nicht kommen. Die Kostendisziplin halten wir hoch und versuchen, in einem sehr schwierigen Jahr ein akzeptables Ergebnis zu schreiben.
Eine genaue Prognose kann aber zurzeit noch nicht gemacht werden, da nach wie vor viele Unsicherheiten bestehen. Wenn sich die epidemiologische Lage nicht wieder verschlechtert und es nicht zu einem nochmaligen Lockdown kommt, sollte ein positives Resultat möglich sein.

Patiswiss bezieht weltweit Rohstoffe von Lieferanten und exportiert die eigenen Produkte seinerseits ebenfalls in alle Welt. Wie funktioniert die Lieferkette nach der Krise? Sind Engpässe zu erwarten?

Unsere Befürchtungen, dass unsere Lieferketten instabil werden, sind glücklicherweise nicht eingetroffen. Wir haben zu Beginn der Krise sehr schnell reagiert, unsere Kontrakte abgerufen und die Rohwaren bei uns eingelagert. Aktuell erwarten wir keine relevanten Engpässe, unsere Kunden weltweit beliefern zu können. Ich denke, die reduzierte Nachfrage ist eher das grössere Problem.

Wie sieht es in der Türkei aus, dem wichtigsten Land für ihre Haselnussimporte?

Auch hier bestehen keine Lieferengpässe. Allerdings hat die türkische Regierung erst kürzlich wieder die Haselnusspreise erhöht. Dafür sind die Preise für kalifornische Mandeln im Keller, da eine Rekordernte bei geringerer Nachfrage erwartet wird

Immer wieder war zu hören, dass jede Krise zugleich auch eine Chance darstellt. Welche Chancen hat Patiswiss während der Corona-Krise genutzt?

Wir haben während des Lockdown einige Projekte umgesetzt, welche wir schon Monate vor uns hergeschoben haben. Neu verfügen wir über ein CRM-System, welches uns sehr in der Kundenbetreuung und Dokumentation unterstützt.

Unser Verkauf hat mit der Entwicklung sehr viele Kundenanfragen umgesetzt, welche bereits in der zweiten Jahreshälfte dazu beitragen werden, das Umsatzloch wieder etwas zu stopfen.

Seit jeher schon wird Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen grossgeschrieben. Wie setzen Sie diese Thematik bei Patiswiss um? Auf welchen Bereichen liegt der Fokus?

Auch im laufenden Jahr haben wir Projekte zur Förderung der Nachhaltigkeit im Unternehmen realisiert. Einerseits haben wir technisch in eine neue Drucklufterzeugung investiert, um die Energieverluste in diesem Bereich erheblich zu reduzieren, und anderseits beschaffen wir neu sämtliche Haselnüsse in UTZ-Qualität. UTZ ist eine Stiftung mit Hauptsitz in Amsterdam. Sie zertifiziert unter anderem Agrarprodukte wie Haselnüsse oder auch Kakao nach ökonomischen, sozialen und ökologischen Standards.

Wie lassen sich die weltweiten Lieferketten mit den nachhaltigen Zielen vereinbaren?

Wir haben interne Beschaffungsrichtlinien erstellt, welche unsere SCM-Organisation konsequent und unter den Aspekten der Nachhaltigkeit umsetzt. Zudem gehen wir nach Möglichkeit nur eine Zusammenarbeit mit Händlern ein, welche unseren Beschaffungsrichtlinien entsprechen.

In welchen Bereichen der Nachhaltigkeit können Sie sich als Unternehmen noch steigern?

Wir sehen aktuell für uns spannende Megatrends in der Ernährung, welche pflanzliche Alternativen zu herkömmlichen Produkten fordern. Hier sind wir in der Entwicklung sehr aktiv, da einige unserer bestehenden Rohstoffe die Basis dafür sind. Zudem prüfen wir grössere Investitionen im Bereich der Erzeugung von Solarstrom und gleichzeitig weitere Umstellungen von bestehenden Technologien weg von fossilen Brennstoffen auf elektrische Energie.

Im Mai vermeldeten Sie die Übernahme der Schokoladendragée-Produktion der Gysi AG Chocolatier Suisse. Was waren die Beweggründe für diese Transaktion?

Die Schokoladendragées, welche wir mit dieser Übernahme in die Patiswiss integriert haben, passen hervorragend in unser Produktportfolio und Strategie. Wir haben vor diesem Schritt Dragées in kleinen Mengen für den B2B Markt produziert. Mit der Übernahme und Integration haben wir den B2B Bereich massiv ausbauen können und gleichzeitig mit der Produktion von Handelsmarken den Zugang in den B2C Bereich realisiert.

Wie ist die Transaktion konkret abgelaufen, und welche Umsätze erwarten Sie durch die Gysi-Produkte?

Wir konnten sämtliche Anlagen für die Dragée-Produktion von Gysi übernehmen. Mit den Anlagen produzieren wir mittlerweile die Dragées an unserem Firmensitz in Gunzgen. Von hier aus werden wir in Zukunft sowohl die bisherigen Kunden von Gysi als auch unsere bestehenden und neue Kunden beliefern. Der Umsatz liegt bei etwa einer Millionen Franken. Wir sehen durchaus weiteres Potenzial.

Die Dragées sind eine weitere Ergänzung des Halbfabrikat-Sortiments, welches ohnehin bereits den umsatzstärksten Bereich darstellt. Wie soll sich der Produktmix in Zukunft zusammensetzen?

Mit dem Schritt zur Produktion von Dragées unter Handelsmarken eröffnen sich in diesem Bereich neue Möglichkeiten, den Produktemix breiter abzustützen und weiter auszubauen.

Wo sehen Sie noch Wachstumspotenzial für Patiswiss?

Die vielen Projekte, welche wir in der Industrie, im Gewebe, aber auch in der Gastronomie momentan abwickeln, zeigen klar auf, dass in diesen Bereichen noch einiges an Potenzial vorhanden ist, welches von uns genutzt werden kann. Zudem glauben wir fest daran, dass wir im Bereich pflanzlicher Alternativen zu herkömmlichen Produkten die eine oder andere «echte Alternative» bieten können. Ein Beispiel dafür ist ein pflanzlicher Parmesan-Ersatz.

Der letztbezahlte Kurs der Patiswiss-Aktie auf OTC-X liegt bei 515 CHF. Der Buchwert liegt gemäss dem Geschäftsbericht bei rund 222 CHF und somit nicht einmal der Hälfte. Wie erklären Sie sich diesen grossen Unterschied?

Ich gehe davon aus, dass viele Aktionäre den effektiven Substanzwert der Patiswiss deutlich höher bewerten, als er in der nach Aktienrecht bzw. OR-Kriterien erstellten Bilanz ausgewiesen wird. Durch die kontinuierlichen und stetigen Abschreibungen auf der Geschäftsliegenschaft und den übrigen Anlagen dürften auf diesen Realwerten deutliche Mehrwerte vorhanden sein, so dass eine Marktkapitalisierung von in letzter Zeit stabil über CHF 15 Mio. nicht unangemessen erscheint.

Der Aktienkurs von Patiswiss bliebt auch in der Krise relativ stabil. Chart: otc-x.ch

Zudem sind im Aktienkurs bestimmt auch gewisse Erwartungen in die künftige Marktentwicklung der Patiswiss vorhanden. Weiter dürfte die effektive und seit Jahren stabile Dividendenrendite von rund 1,5% für unsere treuen Aktionäre beim derzeitigen Zinsniveau bestimmt nicht unattraktiv sein.

Gerade erst für 2019 wurde die Dividende um 0.5 CHF auf 8 CHF je Aktie erhöht. Wie sieht die weitere Dividendenpolitik aus? Dürfen sich Aktionäre auch in Zukunft auf höhere Ausschüttungen freuen?

Wir haben uns in der Patiswiss AG zum Ziel gesetzt, mit sämtlichen Projekten und der zielgerichteten Umsetzung von Massnahmen einen echten Mehrwert zu schaffen. Das führt natürlich bei Erreichung der geplanten Resultate unweigerlich zu Dividendendiskussionen, welchen wir uns auch gerne stellen.

Herr Geller, Vielen Dank für das Gespräch.

Mitarbeit: Daniel Eichenberger

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