Urs Grunder, Leiter Handel BEKB: «Digitale Wertrechte haben das Potenzial, eine neue Epoche einzuleiten.»

Marktplatz für digitale Wertrechte soll im 1. Halbjahr 2021 starten

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Urs Grunder leitet bei der BEKB seit 2018 die Bereiche Handel und Financial Institutions. Zusammen mit dem OTC-X-Team wird die BEKB das Ökosystem für tokenisierte Vermögenswerte entwickeln. Bild: zvg

Die Berner Kantonalbank (BEKB) ist mit ihrer elektronischen Handelsplattform OTC-X führend im Handel der nichtkotierten Schweizer Aktien. Aktuell sind 273 Aktien auf OTC-X gelistet. Am 10. September gaben BEKB, Daura und Hypi Lenzburg bekannt, gemeinsam ein Ökosystem für tokenisierte Vermögenswerte entwickeln zu wollen. Das Projekt soll eine Weiterentwicklung der OTC-X-Handelsplattform werden und in Zukunft auch den Handel mit «tokenisierten Aktien» ermöglichen. Im Fokus ist vor allem die junge, digital-affine Unternehmergeneration, wie Urs Grunder, Leiter Handel und Financial Institutions bei der BEKB, im Interview mit schweizeraktien.net sagt. Ein Ziel sei es auch, mit dem Projekt erste Erfahrungen in der Anwendung der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) zu sammeln.

Herr Grunder, seit vielen Jahren betreibt die BEKB den Handel mit ausserbörslichen Aktien. Vor etwas mehr als 15 Jahren wurde die elektronische Handelsplattform OTC-X lanciert. Welche Bedeutung hat das Geschäft mit den «Nebenwerten» für die BEKB?

Die elektronische Handelsplattform der BEKB für Titel von kleinen und mittleren Unternehmen, die nicht an der Börse kotiert sind, hat die Liquidität und die Transparenz im ausserbörslichen Handel in den letzten Jahren nachhaltig verbessert. Die BEKB verfolgt die Ziele, die Transparenz im Segment der Nichtkotierten stetig zu erhöhen, den Markt auf der elektronischen Handelsplattform zu beleben und das Interesse an den Titeln von kleinen und mittleren Gesellschaften bei privaten und institutionellen Anlegern zu erhöhen. Seit vergangenem Mai präsentiert sich die Website OTC-X in einem neuen Erscheinungsbild, und die Mobile-Version ist wesentlich anwendungsfreundlicher. Dies zeigt gut auf, dass wir das Segment unverändert als bedeutend betrachten.

Als Kantonalbank betonen Sie immer wieder die Regionalität; der Fokus im Kerngeschäft liegt vor allem auf dem Wirtschaftsraum Bern-Solothurn. Auf OTC-X werden Aktien aus der ganzen Schweiz gehandelt. Warum sind Sie hier schweizweit unterwegs?

OTC-X bietet allen Schweizer KMU eine Alternative zu einer teuren – und in vielen Fällen mit unverhältnismässig grossem Aufwand verbundenen – Börsenkotierung. Eine Plattform einzig für unseren Wirtschaftsraum ist nicht sinnvoll. Die Anleger denken nicht in kantonalen Grenzen.

Mit dem Ökosystem für tokenisierte Assets steigen Sie in einen Markt ein, der heute schon international funktioniert. Wie global wird die BEKB durch das neue Projekt werden?

Wir werden uns auch im neuen Markt für tokenisierte Assets auf den Schweizer Markt fokussieren. Somit ist das Ökosystem eine logische Weiterentwicklung unserer bisherigen Tätigkeit im Sekundärhandel für Schweizer KMU.

Welche Art Unternehmen, die tokenisierte Assets ausgeben, visieren Sie mit dem neuen Ökosystem an? Sind dies eher bestehende OTC-X-Firmen, KMU auf Expansionskurs oder Start-ups mit Venture Charakter?

Die bestehenden Emittenten auf OTC-X sind nicht in erster Linie die Zielgruppe. Das heisst nicht, dass wir diesen den Schritt in die digitale Welt nicht offenhalten wollen. Für viele dieser Traditionsunternehmen drängt sich dieser Schritt aber aufgrund ihrer Aktionärsstruktur aktuell nicht auf. Vielmehr wollen wir eine attraktive Lösung bieten für (Jung-)Unternehmen, die den Schritt zur Publikumsgesellschaft vollziehen und ihren Eignern auch einen Sekundärmarkt anbieten wollen.

Gibt es bereits erste Interessenten für eine Tokenisierung der Aktien über Ihr Ökosystem?

Es gilt zu unterscheiden zwischen der Tokenisierung der Aktien und dem Wunsch, diese dann auch am Sekundärmarkt handelbar zu machen. Wir haben für beide Aspekte der Lösung bereits Signale erhalten, dass diese Lösung interessant sein könnte.

Mit wieviel Neulistings von Token rechnen Sie jährlich?

Das können wir heute noch nicht sagen. Wir und unsere Partner stellen aber ein wachsendes Interesse fest. Auch aus der Blockchain-Szene hören wir vermehrt, dass das Bedürfnis für Listings besteht. Zudem lässt sich aufgrund der heranwachsenden digital-affinen Unternehmergeneration in Zukunft ein Potenzial ableiten. Fakt ist, dass es heute noch keinen entsprechenden Marktplatz für digitale Wertrechte für Schweizer Nebenwerte gibt.

Wie sehen Sie langfristig das Potenzial für tokenisierte Assets in der Schweiz?

Digitale Wertrechte haben das Potenzial, eine neue Epoche einzuleiten. So wie dies damals beim Schritt vom Wertpapier zum Buchwert der Fall war.

Was sind generell Ihre Erwartungen an dieses Projekt?

Mit diesem Projekt will die BEKB den Handel von Nebenwerten in einer neuen technologischen Umgebung ermöglichen und ihr Know-how und Netzwerk als Betreiberin der erfolgreichen Handelsplattform OTC-X in ein Ökosystem einbringen. Sie will damit einerseits Firmen- und Anlagekunden mit einer innovativen Handelsplatz-Lösung bei attraktiven Transaktionskosten neue Märkte erschliessen. Andererseits wird dadurch der Zugang zum Kapitalmarkt und das Management des Aktionariats für Unternehmen deutlich einfacher und effizienter. Die BEKB wird so als innovative Bank zudem erste Erfahrungen in der Anwendung der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) sammeln.

Warum haben Sie Partner wie die Hypi Lenzburg und Daura gewählt? Es gibt derzeit ja eine Vielzahl an Projekten in diesem Bereich, wie bspw. die SIX Digital Exchange oder das neue OHS der Zürcher Cryptobank Sygnum.

Wir verfolgen die verschiedenen Initiativen in diesem Bereich schon seit einiger Zeit. Keine davon hat aber den Fokus auf Schweizer KMU – das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft – gelegt. Da wir in diesem Bereich über grosse Erfahrung verfügen, wollen wir hier aktiv werden.

Wie sieht Ihr Zeitplan für das Projekt konkret aus, und welche werden die nächsten Schritte sein? Wie gross ist der Investitionsbedarf aufseiten BEKB für dieses Projekt?

Die Inbetriebnahme des organisierten Handelssystems ist im ersten Halbjahr 2021 geplant.

Hat die Corona-Krise dazu beigetragen, dass Sie ein solches zukunftsträchtiges Projekt gerade jetzt gestartet haben?

Nein, die Pandemie hatte bei diesem Entscheid keinen Einfluss. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt haben wir Kontakt zu den Akteuren und Exponenten der Blockchain-Community in der Schweiz gesucht. Intensiv mit der Thematik DLT-Technologie und mit der diesbezüglichen Anwendung bei der Lancierung eines entsprechenden Markplatzes analog zu unserem Handelssystem OTC-X beschäftigen wir uns seit Sommer 2019. Im Rahmen eines Proof of Concepts haben wir die Machbarkeit Ende Januar von diesem Jahr belegen können, also noch bevor COVID-19 allgegenwärtig war. Die weiteren Schritte wurden dann planmässig vorangetrieben.

Danke für das Interview.

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