Martin Lehmann, 3V Asset Management: «Qualität findet man in den Bereichen Technologie und Healthcare»

Der Portfoliomanager erläutert im Interview, warum er SIG Combibloc für unterbewertet hält

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Der 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fonds investiert in Schweizer Nebenwerte und misst sich am SPI Small & Middle Companies Index. Maximal 20% des Fondsvermögens werden in grosskapitalisierte Werte aus dem Swiss Market Index (SMI) investiert.

Bei der Auswahl der Unternehmen fokussiert sich 3V Invest auf Markt-, Technologie- und Kostenführer in den jeweiligen Märkten. Die Spezialität des Fonds ist das Übergewicht in Investments in Technologiefirmen. Das Fondsvermögen mit einem Volumen von 120 Mio. CHF ist in einem Mix aus Value- und Growth-Aktien in 25 bis 30 Gesellschaften angelegt (High Conviction Portfolio).

Im Video äussert sich Portfoliomanager Martin Lehmann zu der grössten Fonds-Position Logitech, zur Neuaufnahme SIG Combibloc und warum er im Halbleiterbereich Comet VAT vorzieht. 

Herr Lehmann, bei unserem letzten Gespräch im Oktober 2019 waren Corona und die Folgen noch kein Thema. Dennoch waren Sie schon damals überdurchschnittlich in den Sektoren Technologie und Healthcare investiert. Beide Sektoren haben seither weiteres Gewicht in Ihrem Portfolio erhalten. Ist das auf Kursgewinne oder aktive Umschichtung zurückzuführen?

Die 12 grössten Positionen per Ende Januar 2021 im 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fonds. Quelle: 3vam.ch

Bei den Kernpositionen in unserem Fonds steht die Qualität im Vordergrund, also strukturelles Wachstumspotenzial, gutes Margenprofil, möglichst tiefe Verschuldung oder sogar Net Cash und erfahrenes Managementteam. Das findet man oft im Bereich Technologie und Healthcare. Wir haben nicht spezifisch ausgebaut, aber die beiden Bereiche haben im Pandemiejahr einfach sehr gut performt.

Die stärkste Position im Tech-Sektor haben Sie weiterhin mit Logitech. Der Kurs der Aktie scheint zurzeit nur eine Richtung zu kennen. Wann ist die Schmerzgrenze nach oben erreicht?

Man muss immer aufpassen, dass man sich nicht von einem optischen Kursbild verleiten lässt. Denn bei Logitech sind die Gewinne stärker gestiegen als der Kurs. Die Firma hat geliefert, der Kursanstieg ist deshalb gerechtfertigt. Natürlich ist die Pandemie hier ein massiver Beschleuniger, aber sie hat den strukturellen Wandel nicht angeschoben. Der Trend zum Homeoffice und zu Videokonferenzen war sowieso schon da, es ist jetzt einfach schneller gegangen. Ein Ende dieser Transformation ist nicht abzusehen. Logitech ist schuldenfrei, sehr gut gemanaged. Ich bin überzeugt, diese Aktie wird uns weiter viel Freude bereiten.

„Man muss immer aufpassen, dass man sich nicht von einem optischen Kursbild verleiten lässt.“ Kursverlauf der Logitech Aktie im letzten Jahr. Quelle: six-group.com

Welche anderen Tech-Aktien in Ihrem Portfolio möchten Sie besonders hervorheben?

Insbesondere unsere beiden Investments im Halbleitersegment, Comet und VAT, mit den Megatrends Digitalisierung, AI und zu einem späteren Zeitpunkt autonomes Fahren, sind hier zu nennen. VAT ist der Champion, qualitativ sicher das Beste in diesem Bereich in der Schweiz. Comet ist mit einem neuen Management in einer Turnaround-Situation. Beide Titel haben uns in der Vergangenheit bereits viel Freude gemacht, und sie werden es weiter tun.

Als dritten Titel möchte ich Also erwähnen. Das Unternehmen wurde lange als „langweiliger“ IT-Distributor wahrgenommen, ist aber stark in Richtung Cloud-Lösungen vorgedrungen und macht in diesem Bereich einen sehr guten Job – entsprechend ist auch die Kursentwicklung.

Nochmals zu VAT. Das war lange eine Ihrer grössten Positionen im Portfolio. Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, hatte VAT noch einen Anteil von 5%. Warum haben Sie diese doch deutlich reduziert?

Wir sehen mehr Opportunitäten in Comet – die aktuell mit 6%-Anteil zweitgrösste Position in unserem Portfolio – wollten aber nicht ein zu grosses Gewicht im Bereich Halbleiter legen und haben deshalb unseren Anteil an VAT etwas runtergefahren. Das spricht aber überhaupt nicht gegen VAT. Wenn wir hier negativ wären, hätten wir sie ganz verkauft. Mit 3,5% ist das immer noch eine Kern-Position in unserem Portfolio.

Lassen Sie weiterhin die Finger von ams? Oder hat ein Umdenken stattgefunden?

Ich habe vorher die Qualität genannt, die stimmen muss. Dafür war ams lange nicht qualifiziert. Es hat jetzt aber ein Umdenken stattgefunden. Wir haben im letzten Dezember, als der Kurs ziemlich tauchte, eine opportunistische Position aufgebaut. Mit der Übernahme von Osram und dem entsprechenden Rückenwind im Automotive Bereich sowie dem absehbaren Verkauf von Teilbereichen liegt ams im richtigen Zeitfenster.

Die Probleme der Firma sind aber immer noch die gleichen: grosse Abhängigkeit von einem Kunden, nämlich Apple, auch wenn dies nach der Übernahme von Osram nicht mehr ganz so stark der Fall ist. Auch muss ams sehr stark investieren und schauen, dass der technologische Vorsprung erhalten bleibt. Darum auch die teure Übernahme von Heptagon, was natürlich Gefahren birgt. ams ist für uns aber sicher keine Kernposition in Sachen Qualität.

Im Bereich Healthcare fällt auf, dass Sie Zur Rose nicht in Ihrem Portfolio haben. Haben Sie da nicht eine Gelegenheit verpasst?

Das kann passieren, wenn man Portfoliomanager eines High Conviction Portfolios ist und nicht zu viele Positionen haben möchte. Dann ist man eben auch nicht überall dabei. Aber klar: Zur Rose haben wir verpasst. Jetzt ist ein anderes Segment von Investoren auf den Wert aufmerksam geworden: Broker, Investoren aus den USA, die den Titel anders anschauen als wir Schweizer Investoren, die mehr auf die Profitabilitäts-Kennzahlen achten, während die Amerikaner stärker das Verhältnis zum Umsatz sehen.

Der Titel ist bereits sehr, sehr gut gelaufen, ich würde ihm deshalb nicht nachrennen.

Auf welche Werte setzten Sie im Healthcare-Bereich?

Bei den Medtech-Werten sind das Straumann und Sonova, die genau den Qualitätskriterien entsprechen, die wir unseren Investments zugrunde legen.

Den Bereich Pharma decken wir mit Vifor ab. Der Kursverlauf war enttäuschend, weil Vifor wie die Aktien der Big-Pharma-Unternehmen Verlierer der Pandemie sind. Operationen wurden verschoben, Teilnehmer für Studien konnten nicht rekrutiert werden. Aber wir sind von Vifor mittelfristig absolut überzeugt.

„Der Kursverlauf war enttäuschend“, kommentiert Martin Lehmann die Performance der Vifor-Aktie im letzten Jahr. Quelle: six-group.com

Stark ausgebaut haben Sie SIG Combibloc. Was sind die Gründe für Ihr Engagement in den Verpackungshersteller?

Den Hersteller von aseptischen Verpackungen für die Getränke- und Lebensmittelindustrie, der zusammen mit Tetrapak ein Duopol bildet, haben wir schon länger beobachtet. SIG Combibloc hat gerade im sehr schwierigen Pandemiejahr ihr sehr widerstandsfähiges Geschäftsmodell unter Beweis gestellt. Viel Potenzial hat das Unternehmen in Schwellenländern. Das Unternehmen ist qualitativ hoch einzustufen, aber es ist immer noch ein Bewertungsabschlag im Vergleich zu anderen Schweizer Top-Unternehmen vorhanden, der ungerechtfertigt ist.

Das Fondsvolumen ist von Januar 2020 bis in den Januar 2021 von 120 Mio. auf 111 Mio. CHF gesunken, während Sie gleichzeitig eine Kursperformance von 15% hinlegten. Worauf ist der Rückgang zurückzuführen?

Wir hatten 2020 ein Outperformance-Jahr, unser Fonds lag 8% über der Benchmark. Nach dem Taucher des Gesamtmarktes im März 2020 erholte sich der Fonds relativ schnell wieder. Das führte dazu, dass wir wieder im positiven Bereich waren und dann Gewinnmitnahmen einsetzten. Viele Anleger konnten sich während und nach den Lockdowns nicht vorstellen, dass die Verluste bereits im Juni wieder ausgeglichen wären.

Aber Stand heute sind wir wieder fast bei einem Fondsvolumen von 120 Mio. CHF. Wir sind überzeugt, dass Potenzial in unserem Segment vorhanden ist und bestrebt, dass wir das Fonds-Volumen weiter steigern können. Jetzt liegt es an uns, die Anleger davon zu überzeugen.

Im letzten Jahr gab es kein echtes IPO an der SIX. Rechnen Sie in diesem Jahr mit Börsengängen?

Die Pipeline ist da; ja, ich gehe davon aus, dass das Fenster aufgehen wird. Insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, wenn dann hoffentlich auch wieder eine gewisse Normalisierung eintritt.

Wie sieht Ihre Prognose für 2021 aus?

Ich bin zuversichtlich. Der Start ist schon mal mit über 5% im Plus gut geglückt. Es ist jetzt viel Hoffnung da – Stichwort Reopening Trade –, dass wieder Normalität einkehrt. Solange die Pandemie noch tobt, wird der Markt mit Geldern der Notenbanken geflutet. Mit einer Normalisierung könnte aber natürlich durchaus auch der Blues Einzug halten. Grundsätzlich aber sehe ich keine grösseren Wolken am Horizont auftauchen.

Herr Lehmann, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

 

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