Im Brennpunkt: Wenn der Strom knapp wird

In der Schweiz droht Strommangel. Wer gehört zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern?

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Stromausfall in der Stadt Zürich am 27.3.2019 um 17:20 Uhr Bild: PD (limmattalerzeitung.ch/Lina Giusto)

Vor wenigen Wochen informierte der Bund die Schweizer Unternehmen über eine mögliche Stromknappheit im Winter und welche gravierenden Folgen diese haben könnte. Offiziell umschreibt man die dramatische Situation, von der mehr als 30’000 Unternehmen in der Schweiz direkt betroffen sein könnten, als Strommangellage. In der Praxis bedeutet das aber nichts anderes, als dass Firmen mit einem Verbrauch von mehr als 100’000 kWh jährlich zeitweise keinen Strom mehr erhalten. Zu den Betroffenen dürften auch Unternehmen wie die SBB und die Post gehören. Im Fall einer Strommangellage ist es das Ziel, die Stromversorgung insgesamt auf reduziertem Niveau aufrechtzuerhalten. Und das funktioniert so: Normalerweise hat das Stromnetz eine Frequenz von 50 Hertz. Sinkt die Frequenz, weil zu wenig Strom produziert wird, müssen ab einer Frequenz von 49,8 Hertz Leistungsreserven von den Kraftwerksbetreibern aktiviert werden. Das geht aber nicht beliebig schnell. Je nach Kraftwerk kann die Leistung pro Minute um höchstens 20% gesteigert werden. Reagieren die Kraftwerke und Stromnetzbetreiber zu langsam, kann die Netzfrequenz weiter sinken. Dann werden ab 49 Hertz bis zu 15% der Verbraucher vom Stromnetz genommen. In dieser Strommangellage erhalten bestimmte Grossverbraucher keinen Strom mehr.

Blackout in Sicht

Sinkt die Netzfrequenz auf nur noch 47,5 Hertz, werden alle Kraftwerke vom Stromnetz getrennt, und es kommt zum Blackout. Am 8. Januar 2021 um 14:05 Uhr kam es zu einem plötzlichen Abfall der Netzfrequenz um 250 mHz im europäischen Stromnetz nach einer Störung in Südosteuropa. Damit drohte ein Blackout in ganz Europa. Teile des Stromnetzes in Südosteuropa wurden sofort vom europäischen Netz abgetrennt, in Frankreich und Italien wurden Grossverbraucher abgekoppelt, und in einigen Ländern wurden Stand-by-Kraftwerke hochgefahren. Nach einer Stunde hatte sich die Lage normalisiert. Das Beispiel zeigt, wie schnell es zu Problemen in der Stromversorgung kommen kann. Doch wie real ist die Gefahr der Stromknappheit in der Schweiz? Im Jahr 2020 wurde in der Schweiz der Strom zu 58.1% aus Wasserkraft produziert. Rund 33% des Stroms wurden durch Kernkraft, 2.3% aus fossilen und 6.7% aus Erneuerbaren Energien erzeugt.

Die Lücke von 21% wurde durch Stromimporte gedeckt. Deutschland war dabei mit einem Anteil von rund 53% mit Abstand der wichtigste Lieferant. Genau hier könnte sich eine gefährliche Lücke für die Schweiz öffnen. Der sogenannte Netzentwicklungsplan der Deutschen Bundesregierung sieht bis zum Jahr 2035 ein Stromdefizit von 36 GW vor. Diese gewaltige Strommenge will Deutschland importieren. Dabei ist aber völlig unklar, woher, denn alle Nachbarländer Deutschlands beziehen deutlich mehr Strom aus Deutschland, als sie selbst nach Deutschland exportieren – so auch die Schweiz. Damit wird das deutsche Stromdefizit auch zu einem Schweizer Problem. Der Strombedarf steigt auch in der Schweiz, und die wichtige Stromquelle Wasserkraft kann nicht beliebig ausgebaut werden. Von der Atomkraft verabschiedet man sich auch in der Schweiz in Raten, und damit wird das Problem nicht kleiner. Ein fehlendes Stromabkommen mit der EU ist eine weitere Hürde. Praktikable Lösungen für das absehbare Problem der Stromknappheit in der Schweiz über den aktuellen Winter hinaus gibt es wenige. Klar ist nur eins, neue Kraftwerke müssen her. Daraus ergeben sich Chancen für Schweizer Unternehmen. Der Verein Powerloop beispielsweise plant zur Lösung der Stromknappheit den Bau von 2000 kleinen Gaskraftwerken bis 2050 in der Schweiz.

Ein Flusskraftwerk der Axpo. Bild: axpo.com

Rund 70 Kraftwerke pro Jahr müssen geplant, gebaut und ans Stromnetz angeschlossen werden. Dennoch dürfte das Problem der Stromknappheit so nicht gelöst werden, da nach diesen Plänen die Stromknappheit bis zu 15 Jahre anhalten dürfte. Der Bund wiederum möchte die durchschnittliche Jahresproduktion von Elektrizität aus Wasserkraft bis 2035 um 659 GWh pro Jahr steigern. Bestehende Wasserkraftwerke sollen erneuert oder ausgebaut, aber auch neue Kraftwerke gebaut werden. Doch auch das dürfte nicht genügen.

Wege aus der Mangelwirtschaft

Die Energiestrategie 2050 der Schweiz sieht vor, dass der Stromverbrauch in der Schweiz um 13% gegenüber dem Stand im Jahr 2000 abnehmen soll. Aus der Energiestatistik des Bundes wird aber deutlich, dass der Stromverbrauch in der Schweiz seit dem Jahr 2000 um rund 6,4% gestiegen ist. In den nächsten 30 Jahren müsste der Stromverbrauch demnach gegenüber heute um über 18% sinken, um dann wieder das Niveau von etwa 1985 zu erreichen. 1985 waren das Internet, die Digitalisierung aller Lebensbereiche und Elektroautos jedoch noch pure Science-Fiction, und die Bevölkerung der Schweiz ist seither um rund 35% gestiegen. Entsprechend stieg auch der Stromverbrauch in der Schweiz in den letzten 30 Jahren um rund 20%. Die Schweiz wird also mehr Kraftwerke benötigen – und zwar schnell. Für Investoren lassen sich daraus mögliche Empfehlungen ableiten.

Stromim- und -export in die Schweiz. Quelle: swissgrid.ch

Schweizer Unternehmen bieten Lösungen

Zu den Schweizer Unternehmen, die von der drohenden Stromknappheit profitieren dürften, gehören zahlreiche börsenkotierte Gesellschaften, so beispielsweise Landis & Gyr. Das Unternehmen aus Cham ist auf Messtechnik für die Stromwirtschaft wie etwa für das Verteilnetz und intelligente Stromzähler spezialisiert. Die sogenannten smarten Stromnetze werden eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Strommangellagen spielen. In smarten Stromnetzen wird der vorhandene Strom zumindest theoretisch optimal zugeteilt, wenn er in der Praxis nicht in ausreichender Menge zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass beispielsweise der Strom für den Bäcker nicht morgens um 5 Uhr zur Verfügung steht, wenn er frisches Brot backen möchte, sondern der Strom über das smarte Stromnetz erst zwei Stunden später zugeteilt werden kann, weil die Nachtschicht in einem Industriebetrieb endet. Burckhardt Compression ist der führende Anbieter rund um das Verdichten, Kühlen oder Verflüssigen von Gas. Dazu gehört auch der Energieträger Wasserstoff, der eine wichtige Rolle für die künftige Energieversorgung spielen dürfte. Für die oben erwähnten Pläne des Vereins Powerloop, dezentrale Gaskraftwerke zu bauen, nimmt Burckhardt Compression eine Schlüsselrolle ein. Als Hersteller von Verbundwerkstoffen, die u.a. in Windturbinen für die Erzeugung von nachhaltigem Strom zum Einsatz kommen, ist Schweiter sehr gut positioniert, um am geplanten Ausbau der Windenergie zu partizipieren. Lösungen und Dienstleistungen für die intelligente und nachhaltige Elektrifizierung bietet ABB an. Damit ist das Technologieunternehmen in den wichtigsten Schlüsseltechnologien aktiv, um den drohenden Strommangel in der Schweiz zu bekämpfen. Interessant könnten auch die Valoren der kotierten Stromproduzenten sein, die von einem knapperen Stromangebot profitieren könnten. Dazu gehören die BKW, Energiedienst Holding und Romande Energie. BKW produziert hauptsächlich mit Wasserkraftwerken CO2-freien Strom, transportiert und vertreibt diesen über das eigene Stromnetz. Energiedienst Holding AG ist ein regionaler Energiedienstleister in der Schweiz und mit 36 eigenen Wasserkraftwerken am Hochrhein. Das Unternehmen versorgt mehrere 100’000 Menschen mit Ökostrom. Romande Energie beliefert rund 300’000 Kunden in der Westschweiz wie auch 300 Gemeinden in den Kantonen Waadt, Wallis, Fribourg und Genf mit Strom, der aus Wasserkraft, Biomasse, Windenergie und Sonnenenergie produziert wird. Damit zeigt sich, dass der latent drohende Strommangel für Investoren auch Chancen bieten kann.

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