Birgitte Olsen, Bellevue Asset Management: «Eine Normalisierung der Zinsen und der Inflation ist wünschenswert»

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Der Fonds Bellevue Entrepreneur Switzerland investiert in börsennotierte eigentümergeführte Unternehmen in der Schweiz, welche von einem Unternehmer oder einer Unternehmerfamilie mit mindestens 20% der Stimmrechtsanteile kontrolliert und massgeblich beeinflusst werden. Das Management-Team der Bellevue Asset Management identifiziert mittels eines fundamentalen Bottom-up-Ansatzes die attraktivsten eigentümergeführten Unternehmen mit kleiner, mittlerer als auch grosser Marktkapitalisierung und konstruiert aus 40 bis 50 Titeln ein über Sektoren diversifiziertes Portfolio.

Birgitte Olsen managt den Fonds Bellevue Entrepreneur Switzerland wie auch den kürzlich neu aufgelegten Bellevue Entrepreneur SwissSmallMid.

Frau Olsen, zurzeit nimmt die Volatilität an den Märkten deutlich zu. Insbesondere Wachstumstitel haben mit Blick auf mögliche Zinserhöhungen in 2022 einen schweren Stand. Von welchen Entwicklungen gehen Sie aus, und wie antizipieren Sie diese in Ihrem Fonds?

Eine Normalisierung der Zinsen und der Inflation sowie ein Übergang von einem liquiditäts- zu einem gewinngetriebenen Markt ist grundsätzlich wünschenswert, auch wenn dies in der Anpassungsphase für Volatilität sorgen wird. In diesem Kontext gilt es, mit aufgeblähten Multiples vorsichtig umzugehen. Value ist da besser orientiert. Mit ca. 25% Value und einem Untergewicht in defensive Wachstumssektoren sollten die Entrepreneur Fonds auch 2022 gut abschneiden.

Mit der oben skizzierten Entwicklung rücken Value-Titel wieder verstärkt in den Fokus der Anleger. Wie gehen Sie mit dieser Entwicklung um? In welche Value-Title investieren Sie?

Value ist eine Herausforderung im Schweizer Aktienumfeld aufgrund historisch hohen Bewertungen und starken Bias zu defensiven Sektoren wie Gesundheit und Basiskonsumgüter.  Wir mögen Swatch Group, Valora und Aryzta. Die Tourismusbranche notiert immer noch weit unter den Vor-Corona-Niveaus, z.B. Flughafen Zürich oder Lastminute. Ublox und Gurit könnten irgendwann auch qualifizieren.

Wie gehen Sie auf der anderen Seite mit Wachstumstiteln um?

Manches Derating finden wir übertrieben, eröffnet jedoch neue Einstiegschancen. Swissquote, SIG Combiblock und Zur Rose sind z.B. auf diesen Niveaus besonders interessant. Die Investment Cases Pierer, LEM Holding und Kühne & Nagel bleiben in unseren Augen intakt mit mehr Upside. Wir wollen unsere Investitionen eher in der Kategorie GARP ausbreiten – High Growth macht aktuell ca. 20% unserer Portfolios aus.

Bleiben wir bei Wachstumstiteln: Als wir vor gut einem Jahr miteinander sprachen, gehörte Zur Rose noch zu den zehn grössten Positionen im Fonds. Mittlerweilen haben Sie die Position reduziert, die Ihnen übers letzte Jahr herbe Verluste eingebracht haben dürfte, ging der Kurs doch von über 500 CHF auf jetzt unter 200 CHF zurück. Halten Sie das aktuelle Kursniveau interessant für einen Wieder-Ausbau der Position?

Ja, der Kurseinbruch war ein Schock, und wir hatten sicherlich nicht mit einer Verschiebung der e-Skript-Einführung in Deutschland gerechnet. Die neue Regierung ist jedoch definitiv pro Digitalisierung und sieht die Notwendigkeit von Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem. Wir rechnen mit einer obligatorischen Einführung noch in diesem Jahr, denn die aktuellen Tests laufen, soweit wir hören, gut, und die Ärzte sind ausgerüstet. Durch erfolgreiches Traden der Position konnte Zur Rose 2021 für die Fonds sogar einen positiven Beitrag leisten.

Ebenfalls keine Freude dürfte Ihnen die Gurit-Aktie machen, die in 2021 deutliche Verluste hinnehmen musste. Was sind die Gründe dafür, dass es mit der Aktie konstant gen Süden geht?

Unsere beide Entrepreneur Fonds gehörten 2021 mit +24.4% resp. +26.3% Rendite zu den Outperformers in der Schweiz. Die Gurit-Position kostete uns dabei ca. 100 bps. Ein Blick auf Vestas oder Siemens-Gamesa offenbart das Ausmass der Profitabilitätskrise der Windindustrie, und Gurit kann sich dem nicht entziehen. Erst vergangene Woche veröffentlichte Siemes-Gamesa erneut ein Profit Warning. Die Gründe sind teilweise hausgemacht und manche vorübergehend. Fest steht, dass die Welt strukturell noch viel mehr Windkapazität braucht, und es ist nicht die Frage ob, sondern wann der Investmentzyklus wieder durchstartet.

Ihre grösste Position ist Lindt & Sprüngli. Der Kurs des Schokoladenherstellers kennt eigentlich nur eine Richtung – nach oben. Welche Gründe sprechen dafür, am Umfang dieser Position festzuhalten?

Lindt hat seit Jahresanfang gut 19% korrigiert und ist in unseren Augen wieder kaufenswert. Schokolade ist ein Dauerbrenner, und Lindt geniesst eine einmalige Position im high-end-Segment. Die Umsatzwende war 2021 beeindruckend, und wir befinden uns umsatzmässig schon über dem Niveau von 2019. Auch in Sachen Inflation ist Lindt gut geschützt mit einer vernünftigen Preissetzungsmacht und einer schwachen Inflationsproblematik auf der Kakao-Seite.

Auch Swissquote ist eine Erfolgsgeschichte. Wie sehen Sie die Zukunft dieses Finanzdienstleisters? Was macht er besser als die Konkurrenz?

Swissquote ist heute eine diversifizierte digitale Bankgruppe und nicht nur eine Plattform. Wir alle leben und kaufen immer mehr digital, und dieser Wandel macht vor dem Investieren keinen Halt. Dafür ist Swissquote, wie kein anderer Finanzdienstleister in der Schweiz, top positioniert. Mehr Kunden und mehr Transaktionen treffen auf ein innovatives und stetig wachsendes Produktangebot, was steigende Neugelder und hohe Profitabilität bedeutet. Im europäischen Kontext bleibt die Aktie unterbewertet trotz der starken Performance der letzten 2 Jahre und bleibt in unseren Top 10.

In unseren vergangenen Gesprächen hoben Sie immer wieder Pierer Mobility hervor. Wie gehen Sie mit dieser Position um, nachdem sich der Kurs seit Beginn der Pandemie von unter 30 CHF auf über 90 CHF mehr als verdreifacht hat? Ist ein Ende der Rallye absehbar?

Keinesfalls. Ich kann mich noch an Kommentare erinnern, als wir die Aktie in Mai 2020 im Portfolio aufgenommen haben, ob dies doch nicht zu spät wäre. Für 2022 rechnen wir mit einem zweistelligen Umsatzwachstum, was aktuell nicht im Konsensus abgebildet wird. Die Wachstumsperspektive ist für Pierer Mobility 2022 intakt, und die Bewertung hat somit Luft nach oben.

Ihr Blick auf das Börsenjahr 2022?

Mit Blick auf 2022 bleiben wir positiv gestimmt. Auf der Risikofront kreuzen immer wieder Wolken auf, jedoch sind diese oft auch Opportunitäten. Die Wirtschaft entwickelt sich in der Schweiz und in Europa recht positiv. Punkto Wachstum dürfte Europa die USA überflügeln mit einem wesentlich günstigeren Inflationsbild. Dies sollte sich in einem soliden Gewinnwachstum und überdurchschnittlichen Aktienrenditen niederschlagen. Wir fokussieren uns auf GARP, Value und Qualität – was unseren Entrepreneur-Stil stark definiert.

Besten Dank für dieses Gespräch, Frau Olsen.

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