Schweizer Tourismus: Eine Branche konnte nur kurz aufatmen

Ukraine-Krieg macht die Hoffnungen auf einen raschen Aufschwung zunichte

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Eigentlich hätten die Schweizer Tourismusfirmen nach dem Ende der Corona-Massnahmen aufatmen und durchstarten können. Doch der Krieg in Osteuropa macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Bild: flughafen-zuerich.ch

Auf eine Krise folgt die nächste. Während vor zwei Wochen fast alle Corona-Schutzmassnahmen aufgehoben worden waren, belastet jetzt der Russland-Ukraine-Krieg die Märkte. Es war also nur ein kurzes Aufatmen für den Tourismussektor. Dieser war besonders hart von der Pandemie betroffen. Er wird auch die Auswirkungen des Krieges stark spüren, wie Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus gegenüber 20 Minuten erklärte. schweizeraktien.net hat die Aktien der börsenkotierten Tourismusunternehmen genauer angeschaut und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft.

Rund 360’000 russische Übernachtungsgäste

Während Schweizer Tourismusunternehmen, wie beispielsweise Bergbahnen, in den letzten zwei Jahren hauptsächlich von inländischen Gästen gelebt haben, dürften durch das Ende der Pandemie ab sofort auch ausländische Gäste wieder vermehrt zu Besuch kommen. Durch den Ukraine-Krieg und die damit verbundene Inflation des Rubel, sowie der eingeschränkten Flugverbindungen, wird aber ein Grossteil der russischen Gäste erneut ausbleiben. In einem Durchschnittsjahr zählt die Schweiz rund 360’000 russische Übernachtungsgäste. Dies sind nach Angaben von Schweiz Tourismus rund 2% der gesamten Schweizer Übernachtungen.

Einreise wieder uneingeschränkt möglich

Auch wenn die Dauer des Krieges in Osteuropa und die Folgen derzeit noch nicht absehbar sind, so sollte das Nachholbedürfnis für Reisen in die Schweiz nach der Pandemie mittelfristig weiterhin gross bleiben. Da seit dem 17. Februar 2022 wieder die gleichen Einreisebestimmungen wie vor der Pandemie gelten, steht einem Urlaub in der Schweiz theoretisch nichts mehr im Wege. Dies dürfte sich positiv auf die ganze Wertschöpfungskette in der Tourismusbranche auswirken, unter anderem auch auf die Aktienkurse der drei börsenkotierten Bergbahnen Jungfrau, Titlis und der zur BVZ-Gruppe gehörenden Bahnen im Wallis.

Schon seit Anfang 2021 bewegt sich der Aktienkurs der Jungfraubahnen im Bereich um die 80% des Vorkrisenwertes. Quelle: SIX Swiss Exchange

 

Der Aktienkurs der Titlis Bergbahnen ist schon seit einiger Zeit wieder relativ konstant und erlebte in der laufenden Wintersaison nochmals einen kleinen Aufschwung. Im Vergleich zum Höchststand im Februar 2020 betrug der Wert einer Aktie Ende Pandemie jedoch erst 66%. Seitdem ist er im Zusammenhang mit dem Krieg wieder um rund 10% gesunken. Quelle: SIX Swiss Exchange

 

Nach dem Rekordhoch im Januar 2020 und dem darauffolgenden Fall im März 2020 sinkt der Aktienkurs der BVZ-Gruppe noch immer. Mit dem Ende der Pandemie könnte sich das bald ändern, jedoch ist Zermatt normalerweise bei russischen Gästen beliebt, welche in der nächsten Zeit ausbleiben werden. Quelle: SIX Swiss Exchange
Auch internationale Unternehmen betroffen

Neben den inländischen Unternehmen hätten natürlich auch internationale Konzerne von den Öffnungen profitiert. Beispielsweise sind das der Flughafen Zürich sowie Dufry mit den weltweiten Duty-Free-Shops an den Flughäfen. Selbstverständlich haben nicht nur Ausländer das Bedürfnis nach Reisen in die Schweiz, sondern auch umgekehrt. Schweizerinnen und Schweizer werden ihre Ferien wieder häufiger im Ausland als in den heimischen Bergen verbringen, wie eine Kundenumfrage von Hotelplan 2021 gezeigt hat. Das wird diesen zwei börsenkotierten Aktiengesellschaften (weiteren) Aufschwung verleihen. Doch auch hier hinterlassen die kriegerischen Auseinandersetzungen und insbesondere Sanktionen wie Flugverbote ihre Spuren in den Aktienkursen.

Der Flughafen Zürich war bis zur Eskalation des Konfliktes in der Ukraine zahlenmässig am Aufholen. Im Vergleich zum Vorjahr 2021 wurden im Januar 2022 rund 212% mehr Passagiere transportiert. Das sind 898’084 Personen, was aber immer noch weniger als die Hälfte im Vergleich zum Januar 2019 sind. Es werden auch wieder mehr Flugbewegungen und Fracht-Tonnen abgewickelt. Die Flüge von und nach Russland sind nun aber gestrichen, gemäss der Fluggesellschaft Swiss bis mindestens Ende März.

Der Aktienkurs vom Flughafen Zürich ist wieder auf dem Vorkrisenniveau angelangt, hat aber in den letzten Tagen wieder rund 8% an Wert eingebüsst. Quelle: SIX Swiss Exchange
Der Aktienkurs von Dufry hat sich seit dem Sturz im März 2020 nur minimal erholt und ist tendenziell eher wieder sinkend. Quelle: SIX Swiss Exchange

Auch die Online-Buchungsplattform lastminute.com würde von der Rückkehr zu Auslandsreisen und dem boomenden E-Commerce profitieren. Sie hat seit dem Tief im 2020 mittlerweile wieder an Wert gewonnen und wird sich durch das Fernweh der vielen Daheimgebliebenen aus dem In- und Ausland noch weiter steigern. Auch im Hinblick auf die kommenden Frühlingsferien könnte der Aktienwert steigen, sofern auch hier nicht der Krieg in Osteuropa zu Stornierungen führt.

Aevis Victoria ist ebenfalls eine Schweizer Aktiengesellschaft mit Beteiligungen im Gesundheits-  und Hospitality-Bereich. Dazu gehören Luxushotels in Zürich, Bern, dem Wallis und Graubünden. Diese würden genauso von der erleichterten Einreise in die Schweiz profitieren, sofern die Bedingungen für die Rückreise ins Heimatland nicht allzu kompliziert sind. Über den Einfluss des Ukraine-Kriegs und die Anzahl russischer Gäste in den Hotels und Kliniken der Gruppe ist bisher nichts bekannt.

Ähnlich verhält es sich bei der Orascom Development Holding (ODH) mit ihren Hotels in verschiedenen Ländern. Dazu gehört auch die Andermatt Swiss Alps Gruppe, welche das Chedi und das Radisson Blu in Andermatt betreibt, vor allem aber Ferienwohnungen entwickelt und verkauft. Ferienwohnungen waren schon in Pandemiezeiten sehr beliebt, gerade im Zusammenhang mit der Homeoffice-Pflicht. Nun können auch die ganzen Hotelanlagen wieder ohne Einschränkungen besucht werden. Andererseits können Schweizerinnen und Schweizer weltweit Hotels der Orascom Gruppe, vorwiegend im arabischen Raum, besuchen und ohne Quarantänepflicht wieder nach Hause zurückkommen. Mit El Gouna hat die ODH eine autarke Feriendestination am roten Meer entwickelt und aufgebaut, wo sich unter anderem 17 Hotels befinden. Natürlich profitieren die ausländischen Hotels der Orascom auch von Reisenden anderer Herkunft. Auf Ukrainer und Russen kann im Moment aber wegen des Kriegs nicht gehofft werden. In „normalen“ Jahren reisten aus diesen beiden Ländern mehrere Millionen Menschen nach Ägypten in die Ferien. Zusammen mit Besuchern aus Deutschland und Grossbritannien machen sie das touristische Hauptgeschäft aus. Momentan ist der Aktienkurs leicht sinkend. Bei der Gesellschaft gibt man zur Zeit noch Entwarnung: „Der Grossteil der ausländischen Gäste von Orascom stammt aus Westeuropa, vor allem aus Deutschland und der Schweiz. Russen und Ukrainer machten 2021 weniger als 2% der gesamten ausländischen Gäste in El Gouna aus“, heisst es auf Nachfrage bei ODH. Bislang habe es auch keine Stornierungen für Hotelbuchungen in diesem Monat gegeben.

Der Kurs der Lastminute.com-Aktie ist durchschnittlich eher steigend. Quelle: SIX Swiss Exchange

 

Seit 2 Jahren war der Aktienkurs der Aevis Victoria nicht mehr so hoch wie Mitte Februar dieses Jahres. Nun ist aber eine kleine Kurseinbusse erkennbar. Quelle: SIX Swiss Exchange

 

Die Aktie der Orascom Development Holding ist seit März 2020 zwar gestiegen, momentan aber eher wieder sinkend. Die Lockerungen in der Schweiz könnten einen Aufschwung begünstigen. Der Ukraine-Krieg hat hingegen einen negativen Einfluss auf den Aktienkurs, er ist jedoch nicht so rasant gesunken wie am Anfang der Pandemie. Quelle: SIX Swiss Exchange
Fazit

Generell profitiert der Tourismussektor zwar von der Abschaffung aller pandemiedingten Einschränkungen. Durch die erleichterte Einreise könnten also wieder mehr ausländische Gäste in die Schweiz kommen. Deren Ausbleiben hat in den vergangenen zwei Jahren gerade in der Jungfrauregion oder in Zermatt zu hohen Umsatzeinbussen geführt. Voraussetzung für ihr Erscheinen ist jedoch, dass sie auch ohne schwerwiegende Einschränkungen, wie zum Beispiel eine Quarantäneregelung, wieder nach Hause zurückkehren können.

Doch durch den Ukraine-Krieg werden jedoch ukrainische und russische Gäste in der Schweiz ausbleiben, und auch auf Buchungen aus anderen Teilen der Welt dürfte der Krieg mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit einen negativen Einfluss haben. Diese könnten ganz Europa nun als Kriegsgebiet ansehen, so Schweiz Tourismus-Chef Martin Nydegger. Zudem haben sich die Flugrouten geändert, so dass die Flüge aus Asien wesentlich länger dauern. Hinzu kommt, dass die Rohstoffpreise, allen voran fossile Brennstoffe wie Öl und Gas, steigen, wovon ebenfalls die ganze Wertschöpfungskette der Tourismusbranche betroffen sein wird.

Hingegen könnten Schweizerinnen und Schweizer nach dem Pandemie-Ende wieder vermehrt ins Ausland reisen, was den internationalen Tourismusunternehmen zugutekommen wird, aber einen negativen Effekt auf die heimische Tourismuswirtschaft haben könnte. Der durch das Ende der Pandemie erhoffte Aufschwung im Schweizer Tourismus wird jedoch durch die Unsicherheiten gedämpft, welche der Ukraine-Krieg mit sich bringt.

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