Favoriten auf dem Prüfstand: Bossard-Strategie geht auf

Aktie bleibt mit einem KGV von 12 unterbewertet

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Bossard bietet Lösungen für die intelligente Fabrik. Bild: bossard.com

Viele Unternehmen werden von Materialmangel, Lieferengpässen und -verzögerungen auf dem falschen Fuss erwischt. Oder ihre Kunden, was zu Rückkopplungseffekten führt. Das trifft jedoch nicht auf Bossard zu. Im ersten Halbjahr 2022 stiegen Umsatz, EBIT und Gewinn deutlich zweistellig. Trotz des positiven Zahlenwerks und eines relativ guten Ausblicks bleibt die Aktie noch weit hinter ihren Höchstkursen zurück.

Ein Grund für die im ersten Halbjahr beeindruckende Performance trotz schwieriger werdender Marktbedingungen ist bestimmt die Fokussierung auf Effizienz, Prozessoptimierung und Kostensenkung im eigenen Unternehmen, aber auch bei den Kundenprojekten. Bossard profitiert von den starken Nachfrage-Trends der Unternehmen aus den Bereichen Elektromobilität, Eisenbahn-, Elektro- sowie Luftfahrtindustrie. Auf diese Industrien hat sich Bossard sukzessive spezialisiert. Ihnen ist der rapide Strukturwandel gemein, den die Kunden jeweils aktiv in ihren Geschäftsfeldern mitgestalten wollen. Dazu müssen sie schlagkräftig sein, schnell bei den Anpassungsprozessen und schon aus Wettbewerbsgründen auch super-effizient.

«Proven Productivity»

Hinter den Schlagworten verbirgt sich die optimale Vernetzung der Produktionsprozesse auf dem geringstmöglichen Raum mit so wenig Energie wie möglich. Der allgemeinen Kostenexplosion kann nur durch Effizienz- und Produktivitätsgewinne entgegengewirkt werden. Und genau das ist das Kerngeschäft von Bossard. Das Motto lautet «Proven Productivity». Bossard ist erfolgreich vom ehemaligen Schraubengeschäft zum in der Wirtschaft anerkannten Experten für Produktivitätssteigerungen geworden. Logistik, Lagerhaltung, Automation und Robotik wirken zusammen, um die Kapitalbindung der Kunden zu minimieren und die Unternehmensprozesse zu optimieren. Das beginnt inzwischen schon bei der Konzeption von Produktionsstätten.

Der Wiederbeschaffungsprozess mit dem Bossard Last Mile Management-System. Abb.: www.bossard.com
Industrie 4.0

Bossard wird zu Recht als Pionier der hochgradig integrierten Industrie 4.0 geschätzt. Sowohl Bossard selbst als auch die Kunden zeichnen sich durch hohe Investitionen aus. Dies steigert die Wettbewerbsfähigkeit und führt zu Marktanteilsgewinnen. Vom Trend zum Near-Shoring vieler Unternehmen als Reaktion auf die gestörten globalen Lieferketten, die Transportkostenexplosion und die neuen geopolitischen Realitäten profitiert Bossard. Dazu kommt als zunehmend wichtiger Faktor der Fachkräftemangel und die Lohninflation, was zu beschleunigten Automatisierungsinitiativen bei den Unternehmen führt.

Zahlenwerk 1. Halbjahr 2022

Im ersten Halbjahr 2022 nahm der Umsatz um 18,4% auf 586 Mio. CHF zu. Das EBIT stieg um 14,9%, die Marge gab leicht auf 13,2% nach. Der Reingewinn erhöhte sich um 14% auf 59.9 Mio. CHF. Das Wachstum wurde von allen Regionen getragen. Möglich war die positive Entwicklung, weil Bossard eine vorausschauende Lagerpolitik verfolgt und deshalb stets liefern konnte. Der höhere Umsatz führte auch zu höheren Aussenständen sowie höheren Lagerbeständen. Dies wiederum führte zu einer Bilanzverlängerung, wobei die Eigenkapitalquote mi 40,8% komfortabel geblieben ist.

Kosten des Wachstums

Forsches Wachstum, hohe Investitionen und steigende Kosten forderten dennoch ihren Tribut. Der Free Cashflow drehte von positiven 35.3 Mio. CHF im ersten Semester 2021 auf negative 36 Mio. CHF. Ein Teil der Investitionen fliesst in die neue digitale Unternehmensplattform, die über die kommenden Jahre graduell bei allen Ländergesellschaften eingeführt wird. Den Anfang machten im Juni Dänemark und Schweden. Ziel ist die gruppenweite Steigerung der Effizienz. Bossard ist in 32 Ländern mit 2’737 Mitarbeitenden aktiv.

Auftragsboom

Der Ausblick von Management und Verwaltungsrat ist trotz der zahlreichen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten im Grundton positiv. Der Optimismus gründet auf den vollen Auftragsbüchern der Kunden, vor allem aus den bereits genannten Industrien wie Elektromobilität und Luftfahrt. Für Bossard als strategischen Partner spricht aus Sicht der Kunden nicht zuletzt die zuverlässige Lieferfähigkeit. Die allgemeinen Preiserhöhungen werden, wenn auch mit Zeitverzögerung, an die Kunden weitergegeben. Insofern ist zu erwarten, dass die Profitabilität in den kommenden Quartalen wieder steigt.

Guidance

Nach dem Investitionskraftakt der letzten Jahre wird nun das Investitionsniveau voraussichtlich weniger hoch ausfallen, was ebenfalls zur Ausweitung der Gewinnmarge beitragen wird. In Aussicht gestellt wird im Semesterbericht unverändert ein durchschnittliches Umsatzwachstum von mehr als 5% sowie eine EBIT-Marge im Bereich 12% bis 15%. Das Unternehmen zählt zu der Klasse, die nicht unbedingt viel verspricht, aber regelmässig die Erwartungen übertrifft.

Ihren Höchstkurs erreichte die Bossard-Aktie im November 2021. Chart: moneynet.ch
Auf und Ab der Aktie

Mitte März 2020 war die Bossard-Aktie im breiten Corona-Ausverkauf kurzzeitig unter 100 CHF abgetaucht. Danach entwickelte sich die Aktie zur Lokomotive der Hausse. Bis November 2021 kletterte Bossard auf 362 CHF. Zu diesem Zeitpunkt bewegte sich das KGV bei 27. Zwischenzeitlich hat die Korrektur die Aktie bis auf 180 CHF im Juli fallen lassen. Der Kurs hat sich somit gegenüber dem Hoch halbiert. Auf dieser Basis beträgt das KGV nur noch 12,2, bezogen auf das annualisierte Halbjahresergebnis von 15.17 CHF Gewinn je Aktie.

Fazit

Mit Blick auf den starken Geschäftsgang und die anhaltend hohe Profitabilität ist die Aktie im Verhältnis zum Gesamtmarkt und zu im weitesten Sinne vergleichbaren Unternehmen an der Schweizer Börse unterbewertet. Das bietet zugleich einen Puffer, sollte es zu weiteren Korrekturbewegungen an den Börsen kommen. Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA ist hoch, und eine Baisse an der Wall Street würde auch die europäischen Börsen belasten. In dem nun schwierigeren Anlageumfeld werden Aktien von Unternehmen mit positiver Geschäftsentwicklung wie Bossard besser performen als solche mit durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Entwicklung.

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