ESG-Leader am Schweizer Aktienmarkt: 3-Jahresperformance schlägt Referenzindex um Längen

Warum SIG Combibloc, Belimo, Geberit und Bucher Industries den Markt schlagen

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Über dem Durchschnitt: Nachhaltig geführte Unternehmen performen besser als der Gesamtmarkt. Bild: stock.adobe.com

Die Börse dient nicht nur der Kapitalbeschaffung und dem Handel von Aktien, sie ist auch ein grosses Analyse-Labor. Die Forschungsergebnisse sollen den Investoren bei der Erzielung systematischer Überrenditen dienen. Ob sich die Investment-Hypothesen als richtig erweisen, zeigt erst die Zeit. Gerade die letzten drei Jahre waren reich an unerwarteten Einflüssen und zeigen deshalb recht eindrücklich, was falsch und was richtig war.

Zwischen Ende August 2019 und Anfang Oktober 2019 stellte schweizeraktien.net mit SIG Combibloc, Belimo, Geberit und Bucher Industries vier Schweizer Mid-Caps vor, die aufgrund ihrer klaren ESG-Ausrichtung eine bessere Performance als der Markt versprachen. Die Investment Hypothese zu dieser Zeit war, dass ESG im Mainstream ankommen würde und durch die entsprechenden Umschichtungen bei institutionellen Anlegern die Gewichtungen klarer ESG-Leader erhöht werden würden. Zudem war die Erwartung, dass die nachhaltig orientierten Produkte und Dienstleistungen der vier Unternehmen auch in schwierigen Zeiten eine nachhaltige Nachfrage erfahren werden.

Zwischenbilanzen

Im August 2021, also in der Hochzeit der Nach-Corona Hausse, war die Zwischenbilanz äusserst positiv ausgefallen. Durchschnittlich erzielten die vier Aktien eine im Verhältnis zum SPIEXX-Index doppelt so gute Performance: 76% vs. 38% beim Referenzindex! Der Geschäftsgang lag sogar über den Erwartungen. Sechs Monate nach Kriegsbeginn und einer deutlichen Korrektur des Aktienmarktes ist nun ein guter Zeitpunkt für eine erneute Zwischenbilanz.

Anatomie der Baisse 2022

Die Weltbörsen neigen schon seit November 2021 zur Schwäche. Was als normale Korrektur in einem heiss gelaufenen Aktienmarkt begann, entwickelte sich schnell zu einem regelrechten Bärenmarkt. Erst waren es steigende Preise für Rohstoffe und Energie sowie anziehende Inflationsraten, dann Transport- und Lieferengpässe sowie höhere Anleiherenditen, die der Hausse den Boden unter den Füssen wegzogen. Erst die Invasion Russlands in der Ukraine und der Kriegsbeginn liessen dann jedoch die Kurse richtig rutschen. Auch wenn es die letzten Wochen zu einer deutlichen Erholung der Kurse kam, der SPIEXX-Index liegt gegenwärtig immer noch 22% unter dem Stand vom Jahreswechsel und 23% unter dem Indexniveau vor 12 Monaten.

Der SPIEXX-Index liegt 22% unter dem Jahresende 2021. Chart: six-group.com
3 Jahre im realen Stresstest

Gegenüber der Zeitspanne Ende August 2019 bis Anfang Oktober 2019, also drei ereignisreiche Jahre später, steht der SPIEXX heute gerade 7% höher – und das ist immerhin eine positive Performance. Wie haben sich SIG Combibloc, Belimo, Geberit und Bucher Industries in diesem Zeitraum geschlagen? Bleibt die relative 3-Jahresperformance gegenüber der 2-Jahresperformance ähnlich gut, hat sie sich ausgeweitet oder gar ins Gegenteil verkehrt?

Performancezahlen


Kaum überraschend ist, dass auch die Kurse der vier ESG-Leader unter ihren Höchstkursen liegen. Die Bucher-Aktie erreichte bis August 2021 Kurse von über 500 CHF und bewegt sich nun um die 350 CHF. Doch gegenüber dem Vorstellungskurs von 297 CHF liegt die Aktie doch 19% höher. Noch ausgeprägter ist die Überrendite von Belimo. Die Aktie liegt zwar deutlich unter ihrem Rekordstand von 580 CHF bei 387 CHF, doch das reicht für eine 3-Jahresperformance von beachtlichen 49%. Am besten sieht es bei SIG Combibloc aus. Das Hoch von über 28 CHF ist nicht sehr weit vom aktuellen Kurs von 24 CHF entfernt. Gegenüber dem Vorstellungskurs liegt die 3-Jahresperformance von SIG Combibloc bei 84%. Das Schlusslicht bildet Geberit mit einer leicht negativen 3-Jahresperfomance von -4%.

Chance und Risiko

Aus diesen Performancezahlen errechnet sich ein Durchschnittswert von über 37% in drei Jahren. Das ist zwar eindeutig weniger berauschend als die 2-Jahresperformance von 76%, in der relativen Betrachtung hat jedoch der Outperformance-Faktor von 2 auf 5 zugenommen. Bis August 2021 waren die vier Aktien im Verhältnis zum SPIEXX doppelt so stark gestiegen, doch bis August 2022 um fünf Mal mehr als der SPIEXX! Insofern hat sich die Erwartung von 2019 bestätigt: Mehr Performance mit den Aktien der ESG-Leaders bei gleichzeitig weniger Risiko.

Resilienz

Damit hat sich die Hypothese von 2019 auch über einen aussagekräftigeren Zeitraum von drei Jahren bestätigt. Die Ergebnisse wiegen umso schwerer, als die Zeitspanne von mehreren Jahrhundert-Ereignissen geprägt ist, die nicht prognostizierbar waren: die Pandemie, der Inflationsschub und der Krieg. Wirklich nachhaltig geführte Unternehmen zeichnen sich eben auch durch Resilienz aus, weil ihre Produkte und Dienstleistungen in jedem Umfeld gebraucht werden und weil sie weitsichtig und risikobewusst agieren und investieren.

Margendruck

Genau das spiegelt sich auch in den Geschäftszahlen wider. Natürlich sind die vier ESG-Leader auch von höheren Preisen für Rohstoffe, Materialien, Transport und Energie betroffen, aber weil die Produkte wesentlich für die Wertschöpfung der Kunden sind, werden auch Preiserhöhungen akzeptiert. Typisch in der gegenwärtigen Situation ist, dass die höheren Kosten erst nach und nach in die Erfolgsrechnung einfliessen. Für die Auslieferung älterer Aufträge gelten in aller Regel die alten Preislisten. Wie sich die neuen Preise im Umsatz niederschlagen, werden erst die kommenden Quartale zeigen. Einstweilen zeigen die meisten Halbjahresabschlüsse einen Knick beim operativen Gewinn, denn höhere Lagerhaltung und steigende Kosten fordern ihren Tribut. Das sollte sich in den kommenden Quartalen jedoch wieder ändern. Die meisten Unternehmenslenker der Leader senken ihre Jahresziele für EBITDA- und EBIT-Margen nur geringfügig und erwarten, das schwierige erste Semester noch ausgleichen zu können.

SIG Combibloc

SIG Combibloc meldet für das ersten Halbjahr ein adjustiertes EBITDA von 280.5 Mio. Euro gegenüber 264.1 Mio. Euro im Vorjahressemester. Das unbereinigte EBITDA fiel dagegen von 283.5 Mio. Euro auf 238 Mio. Euro. Der Unterschied besteht in den Kosten für Akquisition und Integration von Scholle IPN in den USA. Der Umsatz stieg organisch um beachtliche 7,5%, aber in Summe um 18,3% auf 1.14 Mrd. Euro. Die höheren Kosten zeigen sich in der bereinigten EBITDA-Marge, die von 27,3% auf 24,6% zurückging. Für das Gesamtjahr erwartet das Management ein Umsatzwachstum 22% bis 24% und eine EBITDA-Marge von 26%.

Kursverlauf der Aktie von SIG Combibloc seit 2019. Chart: six-group.com
Belimo

Belimo steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr um 8,2% auf 414.2 Mio. CHF – ein Rekordwert. Das EBIT stieg um 1.1 Mio. CHF auf 76.7 Mio. CHF, was einer EBIT-Marge von 18,4% entspricht. Das ist ein leichter Rückgang zum Vorjahreswert von 19,7%. Der Reingewinn sank um 2.6 Mio. CHF auf 61.3 Mio. CHF. Das exzellente operative Ergebnis wurde durch höhere Material- und Transportpreise, Neuanstellungen sowie die wiederaufgenommenen Marketing- und Reiseaktivitäten zwar auf der Stufe des Reingewinns geschmälert, allerdings fällt auch ins Gewicht, dass das erste Halbjahr 2021 noch weitgehend von den Pandemiebedingungen geprägt war. Der Ausblick ist angesichts der geopolitischen Unsicherheiten und dem möglichen Wiederaufflackern der Pandemie sowie der Engpässe in der Wirtschaft unsicher. Positive Faktoren sind die Aktivierung aufgeschobener Projekte sowie die generell erhöhte Aufmerksamkeit für den CO2-Ausstoss von Gebäuden. Letzteres hat zu vielen Initiativen geführt, was zu mehr Nachfrage für die Belimo-Produkte führen sollte. Fortgesetzte Investitionen in das Wachstum und die erhöhte Kostenbasis werden trotz Preiserhöhungen das EBIT vorübergehend belasten.

Rekordwert beim Umsatz im 1. Halbjahr bei Belimo. Chart: six-group.com
Geberit

Geberit erzielte ein Umsatzwachstum von 5,5% auf 1.93 Mrd. CHF im ersten Halbjahr. Ohne Währungseffekte betrachtet, lag das Wachstum bei mehr beeindruckenden 11,3%. Der Nettogewinn sank um 12,5% auf 402 Mio. CHF. Das repräsentiert eine imposante Nettogewinnmarge von 20,8%. Auch bei Geberit kann den stark gestiegenen Kosten für Material, Energie und Transport nur mit Preiserhöhungen entgegengewirkt werden, die allerdings erst zeitverzögert greifen. Die EBITDA-Marge nahm von 34,2% im ersten Halbjahr 2021 auf nun 29% ab. Die trotz der Herausforderungen positive Einschätzung zum weiteren Geschäftsgang drückt sich in gleichbleibend hohen Investitionen und Aufwendungen für F&E aus, ebenso in der leichten Erhöhung des Personals. Angesichts der als gut bezeichneten Lage der Bauindustrie erwartet das Management für 2022 ein Umsatzwachstum von nahe im hohen einstelligen Prozentbereich sowie eine EBITDA-Marge von 28%.

Umsatzwachstum bei der Geberit-Aktie. Chart: six-group.com
Bucher Industries

Bucher Industries überzeugt mit einem hervorragenden Zahlenwerk im ersten Halbjahr 2022. Der Umsatz nahm um 10,6% auf 1.78 Mrd. CHF zu, das EBITDA um 10,1%, das EBIT um 13,3% und das Konzernergebnis um 11,6% auf 153.9 Mio. CHF. Das entspricht einer Nettogewinnmarge von 8,7%. Der Ausblick bleibt positiv, denn der Auftragseingang lag 9,3% über dem Vorjahreswert. Der Auftragsbestand erhöhte sich um 57% auf 1.9 Mrd. CHF. Der Gewinn je Aktie belief sich auf 14.97 CHF. Aufs Jahr hochgerechnet also rund 30 CHF, woraus sich ein KGV 2022 von unter 12 errechnet. Die Dynamik ist in allen fünf Geschäftsbereichen zwar ungetrübt, aber nicht undifferenziert. So ist der Auftragseingang im Bereich Hydraulics leicht rückläufig, dafür bei Emhart Glas sehr viel stärker. Für das zweite Halbjahr wird eine Abschwächung der bisher sehr starken Nachfrage erwartet. Aufgrund der höheren Kosten und Engpässe sowie der allgemeinen Unsicherheiten rechnet das Management mit fortgesetztem Margendruck. Das Konzernergebnis wird jedoch auf Vorjahreshöhe erwartet.

Bucher Industries mit starkem 1. Halbjahr 2022. Chart: six-group.com
Fazit

Auch über den Beobachtungszeitraum von drei Jahren hat sich erwiesen, dass die Aktien nachhaltig geführter Unternehmen besser performen als der Gesamtmarkt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch die Zwischenbilanzen in den kommenden Jahren kein grundsätzlich anderes Bild zeigen werden.

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