Norbert Patt, CEO Titlis Bahnen: «Wir rechnen nicht vor 2024 mit kompletter Erholung»

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Die Titlis Bahnen haben die negativen Auswirkungen der Pandemie auf den Geschäftsverlauf im Geschäftsjahr 2021/22 zum Teil hinter sich lassen können. Der Umsatz stieg um 39,1% auf 53.5 Mio. CHF. Unter dem Strich verblieb ein Gewinn von 3.3 Mio. CHF. Grundsätzlich könnte die Bahngesellschaft mit dem per Ende Oktober 2022 abgeschlossenen Geschäftsjahr zufrieden sein. Doch in der Schwebe ist derzeit das 2018 geplante Generationenprojekt TITLIS 3020, das in Projekt TITLIS umbenannt wurde.

Norbert Patt erläutert vor Besuchern das Projekt TITLIS, zu dem der Richtstrahlturm gehört. Bild: Sandra Blaser, schweizeraktien.net

Im Interview mit schweizeraktien.net sagt CEO Norbert Patt, wann er damit rechnet, dass bei den für den Titlis wichtigen Gruppenreisen wieder Normalität einkehrt, wie es mit dem Projekt TITLIS weitergeht und warum der Winter 2022/23 ein Rekordergebnis bringen wird.

Sie schreiben in Ihrer Ad hoc-Mitteilung zum Geschäftsjahr 2021/2022, dass das Unternehmen auf dem Weg zurück in die Normalität sei. Wie viel fehlt Ihnen noch auf der Strecke, um sagen zu können, dass Sie wieder da angelangt sind, wo Sie sein wollen?

Im Segment Schneesport und Schweizer Individualreisende sind wir über dem Niveau vor Corona. Bei den internationalen Individualreisenden sind wir zurück im Bereich der Vor-Corona-Normalität. Der Bereich internationale Gruppenreisende hat erst lediglich ein Niveau von rund 20%; wir gehen davon aus, dass sich dies im laufenden Geschäftsjahr erholen wird. Mit anderen Worten, es fehlt noch rund ein Drittel der Ersteintritte bis zum Niveau Vor-Corona.

Sie vergleichen das Geschäftsjahr 2021/22 mit dem vorherigen, als Sie empfindlich durch Corona getroffen worden sind. So sehen 64% mehr Ersteintritte und ein Umsatzplus von knapp 40% beeindruckend aus. Schaut man aber Ihr letztes Geschäftsjahr vor der Pandemie 2018/19 an, relativieren sich die Zahlen. Der Betriebsertrag liegt im Jahr 2021/22 über 30% unter dem Vor-Corona-Jahr, das EBITDA 45%. Wann denken Sie, können Sie die Lücke zu den Vor-Corona-Zeiten wieder schliessen?

Ganz schliessen werden wir die Lücke, wenn die Reiserestriktionen (VISA und Flugkapazitäten u.a.) komplett wegfallen und die Märkte genug Vorlaufzeit für die Buchungen haben werden. Dies braucht offensichtlich noch ein wenig Zeit, d.h. wir rechnen nicht vor 2024 mit einer kompletten Erholung.

Es fällt auf, dass insbesondere Ihre Betriebskosten im Berichtsjahr mit 25% stark angestiegen sind. Vor der Pandemie lagen sie bei 47.1 Mio. CHF, jetzt bei 37 Mio. CHF. Was sind die Kostentreiber?

Einerseits sind dies variable Kosten, welche mit der Erholung des Umsatzes auch gestiegen sind, wie umsatzabhängige Abgaben oder Warenaufwendungen. Andererseits sind mit der Rückkehr in den Normalbetrieb auch die Personalkosten wieder gestiegen, da das Angebot wiederum erweitert wurde.

Gibt es Massnahmen, die Sie in Erwägung ziehen, um einen weiteren überproportionalen Anstieg der Kosten in den Griff zu kriegen?

Vor Corona hatten wir, bedingt durch die hohen Umsätze, eine sehr gute Kostenstruktur, und während der Coronazeit reduzierten wir die Kosten erheblich. Die jetzige synchrone Entwicklung der Kosten mit der Erholung der Umsätze ist gegeben und auch nicht systemkritisch.

Viel mehr Sorgen bereiten uns die Einkaufskosten, auf die wir wenig Einfluss haben, da die Lieferanten ihre Preise erhöhen. Ein grosser Kostenfaktor bildet ebenfalls die Energie, welche um Faktoren zunehmen wird.

Zudem ist es für uns wichtig, dass wir als Arbeitgeber gute Bedingungen anbieten und unseren Mitarbeitern marktgerechte Löhne bezahlen können. Beispielsweise haben wir beschlossen, dass im gesamten Unternehmen inkl. der Gastronomie und Hotellerie der Mindestlohn für eine 100%-Anstellung 4’000 CHF ist.

Das Projekt TITLIS 3020, das Investitionen von rund 100 Mio. CHF vorsieht, wird sich Ihrer Berechnung nach um 20% verteuern. Neben Teuerung und Lieferengpässen machen Sie neue Auflagen und Erkenntnisse dafür verantwortlich. Welche neuen Auflagen und Erkenntnisse sind gemeint?

Auflagen sind behördliche Auflagen, bspw. im Bereich Brandschutz oder Sicherheit. Im Bereich Brandschutz haben wir uns verpflichtet, den Turm zusätzlich mit einem Vollschutz auszurüsten, das bedeutet den Einbau einer Sprinkleranlage. Die neuen Erkenntnisse ergeben sich aus den weitergeführten Planungen im Projekt.

Der Verwaltungsrat soll jetzt das Gesamtprojekt 3020 nochmals unter die Lupe nehmen und dann entscheiden, ob es in Angriff genommen werden soll. Gibt es nur «hopp oder top» oder wäre es auch denkbar, dass Sie das Projekt redimensionieren oder von Etappe zu Etappe vorgehen?

Das Projekt TITLIS, ehemals TITLIS 3020, gründet auf einem Masterplan, d.h. das Projekt kann im Endzustand nur aus dem Gesamtpaket bestehen. Selbstverständlich haben wir über die lange Bauzeit Mechanismen vorgesehen, um bei einem ungeplanten Verlauf, seien es Marktentwicklungen oder Projektentwicklungen, das Projekt steuern zu können.

Wie schätzen Sie die Situation mit Reisegruppen, und hier vor allem solchen aus dem asiatischen Raum, ein? Wann kommen die wieder im Umfang wie vor der Pandemie zurück?

Für uns sind die beiden Länder China und Indien wichtige Quellmärkte. Die Entwicklung in China ist noch unsicher, hingegen rechnen wir, dass der Reisemarkt Indien sich im laufenden Geschäftsjahr auf 70% erholen wird.

Das Winterhalbjahr ist ja bereits wieder zur Hälfte vorbei. Wie läuft es?

Das Winterhalbjahr hat sich bei uns gut entwickelt. Vor allem mit dem Bereich Schneesport sind wir auch aufgrund der schwierigen Schneeverhältnisse zufrieden. Hier hilft uns, dass wir einerseits durch die Höhenlage ein tolles Pistenangebot hatten, die Talabfahrt nach Engelberg seit Saisonbeginn durchgehend geöffnet ist und die technische Beschneiung hervorragenden Schnee produzieren konnte. Anfangs Saison konnten wir 20% mehr Saisonkarten verkaufen als im Vorjahr und ein neues Rekordergebnis in diesem wichtigen Produkt erwirtschaften.

Wie sind Ihre Aussichten auf das Geschäftsjahr 2022/23?

Wir schauen zuversichtlich ins 2022/23, obwohl eine Prognose sehr verfrüht ist. Entscheidend wird sein, ob der internationale Tourismus zurückkehren wird oder nicht. Wir denken, dass wir auf dem geplanten und budgetierten Erholungspfad bleiben können.

Die Aktie der Titlis Bahnen ist an der SIX kotiert und kostete zuletzt 47.90 CHF.

Die Aktie der Titlis Bahnen hat sich seit Anfang Jahr deutlich erholt. Quelle: six-group.com

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