Macro Perspective: Ein Jahr Krieg … und die Implikationen für die langfristige Inflationsentwicklung 

Kriegsdynamik und Kriegswirtschaft – die Kehrseite der Zeitenwende

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Aufnahme aus früheren Jahren: Siegesparade zum 9. Mai in St. Petersburg. Bild: stock.adobe.com

«Der grösste Erfolg besteht darin, den Widerstand des Gegners ohne Kampf zu brechen.» Strategische Maxime

Wenn auch die Bilder und Schlagzeilen des Ukraine-Kriegs allgegenwärtig sind, so findet doch das tatsächliche Kriegsgeschehen in weiter Ferne statt. Und obwohl manches störend ist, in Westeuropa herrscht das «normale» Alltagsleben vor. Die Kanonen sind weit entfernt – und doch finden Kriegshandlungen der anderen Art ihren Niederschlag selbst in einsamen Alpentälern. Der moderne Krieg ist asymmetrisch.

Inzwischen ist wohl der Mehrheit bewusst geworden, dass es für Russland zu keinem Zeitpunkt nur um die Ukraine gegangen ist. Vielmehr sind die Länder des westlichen Bündnisses, ja, das System als Ganzes der Feind. Der «Gas-Krieg» und der «Kornkrieg» waren kein Zufallsprodukt, sondern vielmehr lange im Voraus orchestrierte Akte der erweiterten Kriegsführung.

Inflationärer Schock

Zwar sind die Preise für Gas und Weizen inzwischen wieder da, wo sie vor Kriegsausbruch waren, aber die Panik der westlichen Politiker und Versorgungsunternehmen hat erst zu einer Preisexplosion geführt, die dann wiederum zu Zwangs-Eindeckungen auf erhöhtem Preisniveau führte. Die Verbraucher in ganz Europa stöhnen unter den teils vervielfachten Energiekosten, obwohl die Energie-Preise tatsächlich schon lange wieder niedrig sind.

Erdgaspreis Chart
Die Grosshandelspreise für Erdgas befinden sich mittlerweile wieder auf dem Niveau von vor Beginn des Ukrainekriegs. Grafik: www.bundesnetzagentur.de
Psychologische Kriegsführung

Ob Marktversagen oder stümperhafte Beschaffungspolitik, die Ziele Putins wurden erreicht, darunter auch höhere Erlöse für Gas- und Ölexporte, trotz der westlichen Sanktionen. Zu den Zielen zählt auch, die europäische Bevölkerung von Anfang an in Opposition zu militärischem Engagement und Waffenlieferungen zugunsten der Ukraine zu bringen. Und tatsächlich ist die Bevölkerung, je weiter westlich, desto weniger enthusiastisch für militärische Abenteuer. Wohl auch, weil selbst dem Mann und der Frau auf der Strasse klar ist, dass die europäischen Armeen im Ernstfall zahnlose Tiger sind.

Die Energie-Waffe

Die asymmetrische Kriegsführung Putins hat nicht erst 2022 oder mit der Besetzung der Krim 2015 begonnen, sondern schon viel früher. Die Strategie war darauf ausgerichtet, Westeuropa in eine ständig zunehmende Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu locken. Dabei halfen auch Freunde wie der deutsche Ex-Bundeskanzler Schröder, später Aufsichtsratsmitglied von Gazprom. Dazu kommt die ebenfalls von langer Hand vorbereitete Bündelung der Interessen und der Energieströme Richtung Westen mit anderen Produzenten in Zentralasien wie Kasachstan. Die Intensivierung der Beziehungen mit China und Indien sorgte zugleich für neue Abnehmer von Öl und Gas aus Russland.

Polarisierung der Lager

Ein weiterer Aspekt ist die so verschärfte Spaltung der Welt in polarisierte Lager. Plötzlich steht der Westen einem recht breiten eurasischen Machtblock gegenüber, wobei insbesondere Russland und China jeweils ausgeprägte Einfluss-Sphären geltend machen können. Diese sind teils historisch bedingt, teils erkauft, teils erzwungen. Die in Europa weitverbreitete Vorstellung, dass Russland nun der «Böse» ist und China ganz normaler Handelspartner bleibt, ist eine Chimäre, die wohl noch zu einem bösen Erwachen führen wird. Amerikanische Top-Militärs erwarten einen Krieg gegen China bis spätestens 2027!

Sand im Getriebe Europas

Dieser Stärkung auf der anderen Seite des Lagers steht eine fortschreitende Fragmentierung im Westen gegenüber. Polen und Ungarn blockieren seit Jahren Fortschritte in der EU, weil alle Entscheidungen einstimmig sein müssen. Die Briten haben die EU verlassen. Der NATO-Partner Türkei blockiert den Beitritt von Schweden und Finnland zum Bündnis und verfolgt eigene Grossmachtpläne, wenn es sein muss, auch mit Russland und China als Partner. Und Saudi-Arabien, der traditionelle Verbündete der USA im Nahen Osten, ist ebenfalls nah an China und Russland gerückt. Japan, seit 1945 ohne Armee, ändert die Verfassung, um angesichts der bedrohlichen Lage aufrüsten zu können. Die geopolitische Landkarte verändert sich definitiv.

Schutzmacht USA

Europa hat weder Energie noch Rohstoffe noch die militärische Stärke, um ernsthafte und andauernde Konflikte gut meistern zu können. Die USA als grosser und starker Partner sind unverzichtbarer denn je. Aber egal, ob nun erneut ein Demokrat ins Weisse Haus einzieht oder ein Republikaner, die Forderung an die NATO-Partner und andere Verbündete ist schon lange, dass sie ihre Ausgaben für Verteidigung deutlich steigern sollen. Das ist jedoch bis 2022 nicht oder kaum erfolgt. Es sind eher die kleinen Länder wie Dänemark und Griechenland, welche gesteigerte Verteidigungsausgaben vorweisen können. Die Nuklearmächte UK und Frankreich verfügen wohl über die schlagkräftigsten Armeen in Europa, weisen aber die gleichen operativen Schwächen auf wie die von anderen europäischen Ländern.

Krieg ist immer inflationär

Ein kurzfristiges Ende des Krieges in der Ukraine ist möglich, wenn auch nicht unbedingt wahrscheinlich. Andererseits sind lang andauernde Kriege am Ende desaströs und kein Zeichen guter Feldherren. Aber selbst wenn der Krieg zu einem raschen Ende käme, würde es nichts an der Forderung der Schutzmacht USA nach mehr Eigenbeitrag der Europäer zu ihrer Verteidigung ändern. Krieg, so lehrt es die Geschichte, ist immer inflationär. Das ist auch ein Grund, warum die Bevölkerung selten je kriegsbegeistert ist, schliesslich zahlt sie die Rechnung gleich mehrfach – in Form von Steuern, von Inflation und durch Zwangsmassnahmen und erzwungenen Verzicht.

Wurzeln der Migration

Wunschvorstellungen sind eines, ökonometrische Modelle etwas anderes, und die manchmal harten Realitäten sind wieder etwas anderes. Die oberen 1% bis 10% sind in den letzten Jahren noch reicher geworden, doch der Rest der Bevölkerung, besonders in armen Ländern, kämpft darum, den Kopf über Wasser zu halten oder sogar ums nackte Überleben. Das setzt wie in der Vergangenheit immer wieder Migrationswellen in Gang, etwa wie im 19. und 20. Jahrhundert aus dem absolutistisch regierten, überbevölkerten und von Missernten geplagten Europa nach Nord- und Südamerika, Südafrika oder Australien. Die Auswanderungsgründe waren meist religiöser oder weltanschaulicher Art sowie Flucht vor Verfolgung, Zwangsrekrutierung, Hunger und Armut. «Etwas Besseres als den Tod finden wir überall», heisst es schon im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Es sind heute die gleichen Motive. Und auch die Flüchtlingsströme in Richtung Europa sind Teil von Putins asymmetrischer Kriegsführung. Sie sollen spalten und schwächen. Die Spaltung übernehmen die populistischen und faschistoiden Kräfte in Europa für Putin.

Die Verteidigungsausgaben werden steigen

Die Kriegswirtschaft wirft schon ihre Schatten voraus. Einstweilen eher in der vorbereitenden Propaganda für unpopuläre Massnahmen wie sie bei der Pandemiebekämpfung umgesetzt wurden. Aber auch die EU-Kommission will zukünftig die Haushaltspolitik der Mitgliedstaaten einzeln verhandeln und so das stringente und strenge geltende Regelwerk als Vorbereitung für aussergewöhnliche Anforderungen ausser Kraft setzen. Wenn auch die Schlagkraft des Militärs in Europa fragwürdig ist, es kann als sicher gelten, dass die Verteidigungsausgaben steigen werden. Das könnte der ultimative Inflationstreiber werden, je nachdem, wie lange, wie heftig und in welchem Ausmass sich kriegerische Handlungen fortsetzen.

Inflations- und Klimamodelle beweisen Untauglichkeit

Die Inflationsmodelle von Banken, Notenbanken und Forschungsinstituten mögen ihre Vorzüge haben, in Summe haben sie sich jedoch während der letzten drei Jahre als weitgehend untauglich für ein Umfeld erwiesen, das von exogenen Faktoren bestimmt wird. Damit sind sie respektive der Glaube an ihre Unfehlbarkeit selbst zu einem Teil des Problems geworden. Trotzdem werden dieselben Modelle weiterhin verwendet, zitiert und für Prognosen benutzt. Das ist ganz ähnlich den Klimamodellen, die für dynamische und sich selbst verstärkende Entwicklungen nicht geeignet sind. So rutschen Gletscher 30mal schneller als es die Modelle vorhersagten, weil das abgeschmolzene Wasser zur Rutsche wird. Jedem Kind leuchtet es dabei intuitiv ein, dass ein Eiswürfel auf einer nassen Oberfläche schneller gleitet als auf einer trockenen – ohne umfangreiche, langwierige und teure Datenerhebung!

Der alte Krieg

Vieles ändert sich im Lauf der Geschichte, doch manches bleibt auch immer gleich. Wasser fliesst vom Berg ins Tal, und nicht umgekehrt. Und so tendieren Generäle immer dazu, den letzten Krieg noch einmal zu führen. Panzer und Maschinengewehre sind aber Waffensysteme des 20. Jahrhunderts, zwar immer noch wichtig, aber in schwindendem Ausmass, so wie eine Armbrust oder ein Speer auch heute noch eine tödliche Waffe ist, aber in der Praxis weniger bedeutsam.

Der neue Krieg

Cyberangriffe zur Lahmlegung von IT-Systemen, Infrastrukturen und Organisationen sind dagegen neu. Social Bots und Troll-Fabriken zur Streuung von Propaganda und Desinformation sind in dieser Form auch neu. Von einer fünften Kolonne spricht heute niemand, doch in der Geschichte der Konflikte und Kriege spielen sie regelmässig eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Jedes chinesische Kind kennt Geschichten vom Messer in der Hand eines anderen, mit dem der Gegner getötet wird. Offensichtliche Kandidaten für indirekte nukleare Optionen sind Nordkorea, Pakistan und Iran. Indirekte und asymmetrische Strategien sind jedoch nicht die Stärke der ausschliesslich auf territoriale Verteidigung ausgelegten europäischen NATO-Mitglieder.

Subventionswettlauf und Inflation

Neue Herausforderungen verlangen nach neuen Antworten und Lösungen. Wie viel das kosten kann, zeigen schon die erneuten Bemühungen der westlichen Länder bei Halbleitern um Autarkie und Unabhängigkeit von China. 90% der globalen Produktion findet nicht in Nordamerika und Europa statt. Es bleibt fragwürdig, ob selbst die dreistelligen Milliardenbeträge etwas bewirken werden. Die Deutsche Bundesbank warnt bereits vor einem transatlantischen Subventionswettlauf. Wenn aus politischen Gründen dann europäische und amerikanische Chips trotz höherer Kosten eingekauft werden, zahlt es am Ende wieder der Verbraucher. Gleichzeitig sinkt die Wettbewerbsfähigkeit.

Verlust der Innovationsführung

Insbesondere Europa hat keine überzeugende Geschichte im High-Tech Segment vorzuweisen. Aus der einstigen Marktführung im Solar-Bereich ist durch eine wechselhafte Förderpolitik und zögerliche Adoption ein Multi-Milliarden-Grab geworden. Die Weltmarkt-Führung ging an den anfänglichen Kopisten China. Im Bereich der Elektromobilität sieht es ganz ähnlich aus.

Hybris

Wie in den autoritär geführten «Reichen» Russland und China ist die masslose Selbstüberschätzung und Selbstbeweihräucherung auch im Westen sehr verbreitet. Diese Überheblichkeit ist kennzeichnend für die Hybris, die dem Niedergang einer Epoche vorausgeht. Karl Popper sagt: «Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.» Beispiele hierfür gibt es in der Geschichte viele.

Lehrstück Caracalla

Besonders lehrreich könnte der Fall des ersten römischen Soldatenkaisers Caracalla sein. Er ist heute noch für seine Therme bekannt, doch tatsächlich steht seine Regierungsperiode für den Anfang vom Ende des Römischen Reiches. Er regierte von 211 bis 217. Um das im Zenit seiner Macht stehende Reich auszudehnen und seine Stellung zu festigen, brauchte er Soldaten. Um diese zu binden, wurde der Sold mehrfach erhöht. Das war auch nötig, da insbesondere in den östlichen Teilen des Reiches, heute Südukraine und Rumänien, Influenza-Epidemien aus dem Inneren Asiens immer wieder Opfer in grosser Zahl forderten. Die überall errichteten Thermen fungierten als idealer Übertragungsweg für die Viren.

Gutes und schlechtes Geld

Eine Münzreform sollte die eskalierenden Kosten des Militärapparates stemmen helfen. Dabei wurde der Silbergehalt erst um 25%, dann um 50% reduziert. Auch bei Goldmünzen wurde der Edelmetallgehalt reduziert. Das Resultat war, dass das «gute Geld» gehortet wurde und das «schlechte» im Umlauf blieb. Dieses «Currency Debasement» wiederholt sich seitdem immer wieder im Lauf der Jahrhunderte. Dieser Prozess wird heute «Gresham´s Law» genannt. Die Stärke des Schweizer Frankens ist zu einem guten Teil auf die Hortung von gutem Geld zurückzuführen.

Lehren der Geschichte

Nach Caracallas Münzreform stiegen Inflation und Unmut. 217 wurde Caracalla ermordet. Die Destabilisierung führte in der Konsequenz zum allmählichen Zerfall des Römischen Reiches. Das endgültige Ende für das weströmische Reich brachte um 550 eine weitere Pandemie, das erste Auftreten der Pest im Mittelmeerraum, die heute Justinianische Pest nach dem oströmischen Kaiser Justinian genannt wird. Und dann kamen die Barbaren! Während das Römische Recht die Frau in weiten Teilen gleich behandelte, etwa bei Scheidungen, folgte danach der Rückfall ins Faustrecht des Stärkeren. Und während in der römischen Zivilisation selbst die meisten Sklaven lesen und schreiben konnten, Frauen sowieso, folgte danach der Abstieg ins allgemeine Analphabetentum, mit Ausnahme des Klerus. Dann kamen die dunklen Zeitalter, die bis zu Renaissance und Aufklärung reichen – und teilweise bis heute.

Eine Ausweitung der kriegerischen Aktivitäten ist das Letzte, was der fragil gewordene Planet und seine unterschiedlichen Bewohner brauchen. Stellvertreterkriege, schmutzige Kriege und hegemoniale Grossmachtgebärden werden kaum zu Lösungen der Konflikte und globalen Herausforderungen führen. «Der beste Sieg ist der, bei dem das Schwert in der Scheide bleibt», lautet eine strategische Maxime, die von Kriegstreibern und -gewinnlern nicht gelernt wird.

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