Marc E. Possa, SaraSelect: «Wir ändern ganz wenig an der Zusammensetzung des Fonds»

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Der SaraSelect der VV Vermögensverwaltung AG ist ein reiner Aktienfonds und gehört zur Flagship-Palette der Bank J. Safra Sarasin AG. Der Anlagefonds wurde im Jahr 1996 aufgelegt und investiert in Schweizer Nebenwerte, mit Fokus auf Qualität und Stabilität, und hat deshalb einen hohen Bezug zum Small-Cap-Segment. Mit rund 1.4 Mrd. CHF per Ende Mai 2023 gehört der Fonds zu den Schwergewichten in diesem Bereich. Im Gegensatz zu vielen anderen Small-&-Mid-Cap-Fonds wird ein von der Benchmark unabhängiger Ansatz verfolgt.

Herr Possa, die Zentralbanken drehen an der Zinsschraube. Die Märkte, so scheint es, haben die Zinserhöhungen freudig erwartet. Wie schätzen Sie die Zinssituation ein? Werden wir weiter steigende Zinsen sehen, auch um die Inflationstendenzen in den Griff zu kriegen?

Ja, ich erwarte eine nachhaltig hohe Inflation in den USA, was vermutlich mehr «Schmerz» auf der Zinsseite bedingen wird. Dieses immer noch grösste, hochverschuldete Land hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die Verschuldung nachhaltig runterzubringen. Erstens über Steuererhöhungen oder zweitens über das Zulassen von Inflation, was ja auch das zu lange Zuschauen des FED erklären würde.

YTD schneiden Sie mit Ihrem Fonds deutlich besser ab als der SPI Small & Mid Cap Index. Auf was ist die verhältnismässig gute Performance zurückzuführen?

Auf die Tatsache, dass wir ganz wenig geändert haben. Auf starke Übertreibungen der Börsen in den Jahren 2020 und 2021 folgten die grossen Rückschläge im 2022. Dies gab dann 2023 den nötigen Boden, um weiter Richtung Trendwachstum zu gehen. Die Finanzindustrie lebt von Volatilität und wird sie deshalb auch immer wieder bewusst oder unbewusst suchen. Wir versuchen mehr, die nachhaltigen strukturellen Wachstumstrends zu verstehen, welche sich langfristig bestätigen und entwickeln. Nur so kann man vernünftig investieren. Wir haben das Glück, in der Schweiz doch viele der sehr innovativen Gesellschaften vorzufinden, was auch eine Funktion der Rechtsstaatlichkeit ist. Man kann nicht genügend Unternehmer haben, welche aus all den Risiken entsprechend eine Opportunität machen. Deshalb ist der Anstieg der Staatsquote für mich ein alarmierendes Zeichen, welches wir alle ernst nehmen müssen. Der Staat ist nie der «Best Owner», da gibt es weltweit genügend Evidenz. Es braucht diesen unternehmerischen Geist, dieser ist unbezahlbar.

Schon seit längerer Zeit ist Bachem eine der grössten Positionen in Ihrem Fonds. «Sei wie eine Briefmarke. Bleib an einer Sache dran, bis du am Ziel bist», zitieren Sie dazu den amerikanischen Schriftsteller Josh Billings. Sie sind der Meinung, dass Bachem in ein KGV von 45x für 2024 hineinwachsen wird. Was stimmt Sie so optimistisch bezüglich der Wachstumschancen für Bachem?

Die von der Gesellschaft propagierten 15% jährliches Umsatzwachstum für die nächsten 5 Jahre scheinen absolut erzielbar und hoch wahrscheinlich. Leider ist im Leben nichts linear, sondern auch für Bachem und ihre Kunden etwas backend-loaded. Wir sehen gerade, wie sich quasi per Zufall die ursprünglich für Diabetes entwickelten Medikamente auch zur Gewichtsabnahme eignen und zu diesen Life-style-Produkten mutieren, für welche Experten ein jährliches Volumen von über 100 Mrd. USD erwarten. Damit ist der für Bachems peptidische Wirkstoffe adressierbare Markt massiv organisch gewachsen und wird es Bachem erlauben, dank dem starken Wachstum in die nur optisch aktuell hohe Bewertung schon innerhalb weniger Jahre reinzuwachsen.

Polypeptide, die im gleichen Markt wie Bachem unterwegs sind, kommen nicht von ihren Tiefstständen von unter 25 CHF pro Aktie weg. Was macht Polypeptide falsch?

Vieles, die Gesellschaft hat nicht die gleiche Kultur und den gleichen Mindset, wie es Bachem hat. Man sieht dies an der Remuneration des Managements, an der Volatilität der wichtigen Personen mit mehrfachem Wechsel des CEO, an den operativen Problemen und Fabrikationsunterbrüchen.

Wie bei Bachem, so sind Sie auch bei Ypsomed davon überzeugt, dass das Unternehmen in das KGV von 43x innert weniger Jahre hineinwachsen wird. Überzeugend ist die Kursentwicklung allemal. Wie gehen Sie mit dieser Position trotz der Kursgewinne von mehr als 100% seit Juli 2022 weiter um?

Der Free-float in Ypsomed ist mit 26% sehr limitiert, dies ist vermutlich der einzige Nachteil dieser ansonsten sehr gut aufgestellten Gesellschaft. Auch Ypsomed profitiert und ermöglich mit ihren Produkten gewisse starke Megatrends, z.B. hin zu injektierbaren Medikamenten. Wenn Sie seit Jahrzehnten den klaren Fokus auf dem Design und der qualitativen Produktion von Autoinjektoren und Pens haben, dann sind Sie nicht nur Innovationsführer, sondern eben auch Kostenführer. Somit gewinnen Sie 7 von 10 Ausschreibungen und profitieren von den starken Trends hin zu subkutaner Verabreichung von Medikamenten.

Lassen Sie uns zu zwei Unternehmen kommen, die nicht in Ihren grössten Positionen zu finden sind, die Sie aber in der Vergangenheit immer wieder hervorstrichen. «Bei Meyer Burger scheiden sich die Geister», sagten Sie uns im Gespräch vor einem Jahr. Wie sehen Sie die aktuelle Performance des Unternehmens aus Thun, das sich auf PV spezialisiert hat?

Meyer Burger war während über 3 Jahrzehnten der absolute Innovator der PV-Industrie. Die Gesellschaft ist auch über gute, zielführende Akquisitionen zu dem geworden. Leider hat sie zusammen mit den Milliarden Deutschen Subventionen die chinesische Solarindustrie mit aufgebaut, ohne dabei selbst genügend profitieren zu können. Daran ist die «alte» Meyer Burger auch gescheitert. Aufgrund der neuen bi-polaren Weltaufstellung und dem starken Begehren, Abhängigkeiten zu reduzieren, wird der «neuen» Meyer Burger und ihren dank Innovation besser performenden Modulen der Weg förmlich ausgerollt.

Ein weiteres Unternehmen, das im Bereich erneuerbarer Energien unterwegs ist, ist der Windturbinen-Hersteller Gurit. Warum kommt das Unternehmen, zumindest kurstechnisch, nicht vom Fleck?

Auch der Windmarkt entwickelt sich nicht linear. 50% des Markts sind in China, dort gibt es rollende Pläne und Umsetzungen, welcher immer wieder zu Boom- und Bust-Zyklen führen. Diese gilt es zu überleben. Ähnlich sieht es in den USA mit den Tax Credits aus, nur in einem kleineren Umfang. Relevant ist jedoch, dass Wind zum zukünftigen Energiemix gehört und damit auch die Lösungen von Gurit gebraucht werden. Auch ihre systematische Umstellung vom «giftigen» PVC zu PET oder sogar green PET wird erfolgreich umgesetzt. Der adressierbare Markt wächst stark, neben dem «one stop shop» Gurit wird auch Schweiter gut davon profitieren können.

Wie gehen Sie in Ihrem Portfolio mit den Positionen Gurit und Meyer Burger um?

Ich bin von der Strategie und vom Management in beiden Fällen überzeugt. Somit brauchen wir nur noch die nötige Geduld aufzubringen, dies im Wissen, dass die Produkte beider Gesellschaften strukturell weiter auf eine hohe Nachfrage stossen werden.

Welche Titel in Ihrem Portfolio möchten Sie des Weiteren herausstreichen?

Bobst ist immer noch ein Investment wert. Viel mehr Angleichung kann man nicht bekommen. Die Gesellschaft hat über die letzten 15 Jahre massiv in die Digitalisierung investiert und dies auch jeweils «expensed», d.h. EBIT wirksamer ausgegeben und nicht einfach kapitalisiert, wie es andere tun. Durch den Wegfall dieser grossen Aufwendungen wird sich die EBIT-Marge erheblich verbessern. Dazu kommt, dass die Familie sich für das going private mit ca. 400 Mio. CHF hat verschulden müssen (die Aktie wird seit Anfang 2023 auf otc-x gehandelt). Deshalb wollen sie diesen Schuldenberg rasch über generöse Dividendenauszahlungen reduzieren. Dies wird allen Aktionären zugutekommen. Es gibt deshalb 3 Stellhebel, welche der Rendite zuträglich sein werden. Erstens Margenexpansion dank Wegfall der grossen digitalen Aufwendungen, zweitens hohe Diviendenzahlungen und drittens Bewertungsexpansion dank des sichtbar werdenden Profils.

Von welchen Titeln würden Sie zurzeit eher die Finger lassen?

Grundsätzlich alle schlecht geführten Gesellschaften, wo angestellte Manager ihre Partikular-Interessen vertreten und nicht diejenigen der Eigentümer. Wir haben dies mit dem Untergang der CS exemplarisch vor Augen geführt bekommen, wie schädlich es ist, wenn die Interessensangleichung fehlt.

Was ist Ihr Motto für das Jahr 2023?

Endlich spielen die Märkte wieder vermehrt, und das repressive Umfeld zu tiefer Zinsen kommt zu Ende. Jetzt kommt der «Lackmustest», sozusagen die Bewährung der Geschäftsmodelle und Strategien. Erst jetzt wird man zu sehen bekommen, wer gut aufgestellt ist und wirklich auch dank Innovation Mehrwert für seine Kunden erbringt. So sieht es ja die Natur auch vor, ein gesunder, darwinistischer Selektionsprozess, welcher über die Zeit ja auch zu mehr systemischer Robustheit führt. Es gibt nichts Besseres als die disziplinierende Wirkung der Marktkräfte, dies hält fit und bereinigt. Eine kategorische Ausschliessung dessen mündet letztlich nur in Ineffizienz und Fehlallokationen.

Etwas mehr Volatilität ist zu erwarten, diese vor allem aus Amerika herkommend, was dann aber Einstiegs- bzw. Aufstockungsmöglichkeiten in den strukturell wachsenden Positionen ergeben wird.

Herr Possa, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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