Hypo Lenzburg: Die goldenen Zeiten für Retailbanken sind angebrochen

Halbjahresgewinn legt um 13,7% auf 10.3 Mio. CHF zu

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Marianne Wildi
Hat allen Grund zur Freude: Marianne Wildi, CEO der Hypi Lenzburg, kann auf ein herausragendes 1. Halbjahr 2023 zurückblicken. Bild: Boris Baldinger/schweizeraktien.net

In der Diskussionsrunde am diesjährigen Branchentalk Banken sprach David Sarasin, noch CEO der Bank Linth, davon, dass den Retailbanken nun «goldene Zeiten bevorstehen» würden. Als Grund nannte er das klassische Zinsengeschäft, das mit der Abkehr vom Negativzinsregime der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wieder zu sprudelnden Erträgen führen soll. Der Halbjahresabschluss der Hypothekarbank Lenzburg (Hypi) bestätigt nun die Aussage eindrücklich. Der Netto-Erfolg aus dem Zinsengeschäft legte von Januar bis Juni um 34,4% auf 39.9 Mio. CHF zu. Unter dem Strich resultierte ein Halbjahresgewinn von 10.3 Mio. CHF, was einem Plus von 13,7% entspricht. Vor einem Jahr Ende Juni 2022 lag der Netto-Erfolg aus dem Zinsengeschäft nur bei 29.7 Mio. CHF (+ 2,7%), der Halbjahresgewinn ging mit 9.0 Mio. CHF sogar um 2,2% zurück.

Rund drei Viertel mehr verdient im Zinsengeschäft

Satte 10 Mio. CHF sind es also, welche die Hypi im «langweiligen» Zinsengeschäft im Vergleich zum Vorjahr mehr verdient hat. Der Ertrag aus dem Zinsengeschäft explodierte förmlich auf 45.1 Mio. CHF (+ 72,7%). Die Zunahme sei hauptsächlich auf die Einlagen auf dem Girokonto bei der SNB zurückzuführen, heisst es in einer Medienmitteilung. Allerdings nahm auch der Zinsaufwand gewaltig zu: Statt negativen 534’000 CHF musste die Aargauer Regionalbank nun wieder 7.8 Mio. CHF an Zinsen zahlen. Hier verweist die Hypi auf die höheren Zinsen für Spar- und Vorsorgegelder, welche die Kunden erhalten hätten. Nicht nur der Zinsaufwand zeigte wieder nach oben. Auch die Wertberichtigungen nahmen zu. Waren es im Vorjahr noch Wertberichtigungen in Höhe von 435’000 CHF, die aufgelöst wurden, so wurden in der aktuellen Berichtsperiode wieder 1.3 Mio. CHF ausfallbedingte Wertberichtigungen gebildet.

Angesichts der überproportionalen Verbesserung im Zinsengeschäft verblasst die Ertragssteigerung im indifferenten Geschäft etwas. Im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft konnten mit 7.9 Mio. CHF um 2,2% höhere Erträge als in der Vorjahresperiode erzielt werden. Der Erfolg aus dem Handelsgeschäft ging sogar um 5,1% auf 1.9 Mio. CHF zurück. Zulegen konnte die Bank hingegen in ihrem Banking-as-a-Service-Geschäft (BaaS) mit der eigenen Software Finstar. Die Erträge fielen mit 5.5 Mio. CHF um 4,3% höher als im Vorjahr aus. Der Geschäftsertrag erreichte insgesamt 54.5 Mio. CHF (+ 26,9%).

Investitionen in die Zukunft führen zu höherem Aufwand

Deutlich gestiegen ist im 1. Halbjahr 2023 auch der Geschäftsaufwand. Dieser legte um 16,2% auf 32.5 Mio. CHF zu. Sowohl Personal- (+ 8,0%) als auch Sachaufwand (+ 33,1%) fielen höher aus, was die Bank in ihrer Medienmitteilung mit der Umsetzung ihrer Strategie 2022 bis 2026 begründet. Mit den Investitionen würden der Ausbau des Geschäftsmodells in Richtung BaaS und die Stärkung des klassischen Bankgeschäfts finanziert. Nur dank der höheren Erträge aus dem Zinsengeschäft fiel die Cost/Income-Ratio auf unter 60%; dies trotz der höheren Kosten. Dass am Schluss der Geschäftserfolg mit 11.9 Mio. CHF nur um 13,0% und der Halbjahresgewinn um 13,7% höher ausfielen, hängt auch mit höheren Abschreibungen und vor allem mit höheren Rückstellungen zusammen. Die Zuweisung an die Rückstellungen in der Höhe von 6.7 Mio. CHF habe hauptsächlich Reservecharakter und diene zur Stärkung der Substanz, so die Bank in ihrer Medienmitteilung.

Moderates Hypothekarwachstum

Trotz steigender Zinsen und weiterhin hoher Immobilienpreise ist es der Hypi gelungen, im 1. Halbjahr 2023 die Hypothekarforderungen um 2,4% oder 108 Mio. CHF auf 4.6 Mrd. CHF zu steigern. Mit einer Steigerung von 2,4% liegt das Wachstum zwar unter dem Wert für das gesamte Jahr 2022, in dem das Geschäft um 4,6% gewachsen war. Allerdings fiel das Wachstum im 1. Semester 2022 mit 1,5% noch geringer aus als in diesem Jahr.

Positiv entwickelten sich mit einem Plus von 2,6% auch die Kundengelder. Mit knapp 5.2 Mrd. CHF übersteigen diese mittlerweile die Ausleihungen in Höhe von 5.1 Mrd. CHF. Zum Wachstum beigetragen hat weiterhin die Kooperation mit dem Fintech-Unternehmen Neon. Bereits 2022 war Neon, das ohne Banklizenz arbeitet und seine Bankdienstleistungen über die Hypi abwickelt, der Wachstumstreiber bei den Kundengeldern. Erst kürzlich haben Neon, Hypi Lenzburg und die BX Swiss bekannt geben, dass sie beim Anlageprodukt «neon invest» zusammenspannen.

Fazit

Die «Eiszeit» im Schweizer Retailbanking scheint zu Ende gegangen. Es haben offenbar wirklich «goldene Zeiten» begonnen. Dies zeigen die ersten Semesterabschlüsse. Denn nicht nur die Hypi Lenzburg konnte im ersten Semester 2023 von den steigenden Zinsen profitieren. Auch andere Retailbanken, wie die Zuger Kantonalbank und die Clientis Sparkasse Oftringen, konnten seit Jahresbeginn dank eines starken Zinsergebnisses den Geschäftserfolg im zweistelligen Prozentbereich steigern. Von dieser Anpassungsphase dürften die meisten Retailbanken auch noch im 2. Semester profitieren. Wichtig ist allerdings auch, dass das Hypothekargeschäft nicht unter den steigenden Zinsen leidet und weiter wächst. Zudem müssen die Banken ihre Fristentransformation im Griff haben.

Die Hypothekarbank Lenzburg profitiert ausserdem vom Kundengeldzufluss, der auch dank der Kooperation mit Neon zustande kommt. Überschüssige Liquidität kann bei der SNB derzeit zu 1,75% angelegt werden. Einen weiteren Wachstumsschub, diesmal im Anlagegeschäft, könnte die Zusammenarbeit bei «neon invest» bringen. Denn die Wertschriftentransaktionen von Neon-Kunden werden über die Aargauer Regionalbank abgewickelt, ebenso führt die Hypi die Depotkonten von «neon invest». Auch wenn nur ein kleiner Teil der 160’000 Neon-Kunden das Angebot in Anspruch nimmt, so dürfte sich die Kooperation auch hier für die Hypi mittelfristig auszahlen.

Aktienkurs Hypothekarbank Lenzburg
Die Hypi-Aktien haben seit Jahresbeginn um mehr als 5% zugelegt. Chart: www.six-group.com

Die an der SIX gehandelten Aktien der Hypothekarbank Lenzburg haben in diesem Jahr um 5,4% auf 4’320 CHF zugelegt. Sie notieren immer noch deutlich unter den Höchstständen der letzten fünf Jahre von 4’600 CHF. Bei einer gleichbleibenden Ausschüttung von 115 CHF je Aktie liegt die Rendite bei 2,7%. Per Ende 2022 lag das KGV bei 16. Dies dürfte sich in diesem Jahr angesichts der guten Semesterzahlen weiter reduzieren. Auch ist die Substanz stark: Das Eigenkapital pro Aktie liegt, ohne Berücksichtigung der Rückstellungen, bei rund 7’100 CHF je Aktie und damit weit über den aktuellen Kursen. Angesichts der guten Positionierung im Bereich BaaS und der Kooperationen im Fintech-Bereich sind die Aussichten für die Hypi Lenzburg positiv. Dies dürfte sich mittelfristig auch in steigenden Aktienkursen zeigen. Wichtig ist allerdings, dass die Bank nach dem laufenden Investitionsprogramm die Kostenentwicklung wieder stärker im Blick hat, denn die Cost/Income-Ratio von rund 60% liegt über dem Durchschnitt anderer Regionalbanken. Ebenso ist das Management der Risiken, die im Zusammenhang mit den Investitionen ins BaaS-Geschäft und den Kooperationen entstehen, wichtig.

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