Urs Neuhauser, CEO Griesser: «Schwierigkeiten in der Lieferkette haben sich entspannt»

EBIT-Marge wird in den nächsten 2 Jahren zurückgehen

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Urs Neuhauser ist seit Februar 2019 CEO der Griesser AG in Aadorf. Er übernahm die operative Führung von CEO und Miteigentümer Walter Strässle. Neuhauser war zuvor sieben Jahre Mitglied der Gruppenleitung bei der Schweizer Jansen AG. Bild: schweizeraktien.net

Die im Thurgau an der Grenze zum Kanton Zürich ansässige Griesser Gruppe produziert und vertreibt Sonnenschutzsysteme in der Schweiz und Europa. Am Standort Aadorf werden in einer neuen Produktionshalle Lamellenstoren hergestellt. Die Produktion von Markisen erfolgt in der deutschen Stadt Möckern bei der Weinor GmbH & Co. KG, an der Griesser mit 76,5% beteiligt ist. Weinor ist ein führender Anbieter von Sonnenschutzsystemen in Deutschland. Im Gespräch mit schweizeraktien.net spricht CEO Urs Neuhauser über das aktuelle wirtschaftliche Umfeld, künftige Investitionen und Klimaschutz als Chance für Griesser.

Herr Neuhauser, der ausgewiesene Umsatzzuwachs im Jahr 2022 von 0,6% auf 372.2 Mio. CHF verklärt, dass das Wachstum währungsbereinigt und organisch bei immerhin 4,4% liegt. Wie gehen Sie mit der fortgesetzten Frankenstärke um, oder anders gefragt, wie managen Sie die Schwäche des Euro?

Das Wechselkursverhältnis ist in der Tat eine Herausforderung. Allerdings haben wir den Vorteil, dass wir natürlich abgesichert sind, also «naturally hedged». Die Exporte von Produkten ins Ausland und Importe von Produkten unserer Tochtergesellschaften halten sich ungefähr die Waage. Hinzu kommt, dass wir einen Grossteil der Rohmaterialien in Euro bezahlen. Einzig bei der Konsolidierung der Jahresrechnung haben wir das Translationsrisiko, mit dem wir aber umgehen können.

Das Wechselkursverhältnis ist in der Tat eine Herausforderung

Bei den operativen Massnahmen fällt auf, dass Sie in Voraussicht von Material- und Lieferengpässen die Lagerhaltung signifikant ausgeweitet haben. Die Bilanz zeigt einen Anstieg um rund 9 Mio. CHF, darunter auch eine Aufwertung. Werden Lagervolumen und aktive Lagerbewirtschaftung angesichts der unverändert angespannt scheinenden Lage an den Beschaffungsmärkten ein Dauer-Feature oder zeichnen sich eine Entspannung und ein Lagerabbau ab?

Die Schwierigkeiten in der Lieferkette haben sich zwischenzeitlich entspannt. Lediglich bei elektronischen Bauteilen gibt es ab und zu noch Engpässe. Grundsätzlich sind wir bemüht, die Lagerbestände tief zu halten, um so das Nettoumlaufvermögen besser zu managen.

Wie haben die Kunden und Vertriebspartner die drei Preiserhöhungen im Jahr 2022 aufgenommen, und sind weitere inflationsbedingte Anhebungen zu erwarten?

Mit unseren Produkten sind wir im gehobenen Wohnungsbau tätig. Ausserdem können wir auch dank der Digitalisierung sehr stark auf individuelle Wünsche eingehen. Unser Ziel ist es, auch in der Krise Marktanteile zu gewinnen.

Mittlerweile haben wir September. Sicher können Sie schon sagen, wie sich die Umsätze im laufenden Jahr entwickeln und ob Sie Ihrem Ziel näher gekommen sind.

Wir können uns trotz der Turbulenzen an den Märkten gut behaupten. Die Entwicklung ist jedoch sehr unterschiedlich: In Deutschland verzeichnen wir eine starke Reduktion der Nachfrage, gerade im Neubau. In Frankreich und Italien ist die Nachfrage leicht rückläufig, während sie in der Schweiz nur etwas gebremst ist. Wir gehen allerdings besser als unsere Wettbewerber durch diese Krise, weil wir sehr kapitalstark sind und unsere Projekte weiterverfolgen können.

Mit hohen Investitionen in der Schweiz und Deutschland erweitern Sie die Produktionskapazität und optimieren die Prozesse. Auch das Ziel der Klimaneutralität bis 2035 wird Kosten verursachen. Nach einer EBIT-Marge von 5,8% in 2021 und 4,8% in 2022: Was ist Ihr Zielband für 2023 und die kommenden Jahre?

Dank der Corona-Effekte können wir auf zwei aussergewöhnlich gute Jahre zurückblicken, was sich auch in der EBIT-Marge zeigt. Unsere Investitionen in die Digitalisierung werden sich auf die EBIT-Marge auswirken. Auch sind die Energiepreise gestiegen. Wegen unserer energieintensiven Produktion spüren wir dies ebenfalls deutlich. Wir rechnen über einen Zeitraum von zwei Jahren mit einer niedrigeren EBIT-Marge. Wenn 2025 der Aufschwung erfolgt, wovon wir heute ausgehen, wird sich die EBIT-Marge wieder auf dem früheren Niveau bewegen.

Unsere Investitionen in die Digitalisierung werden sich auf die EBIT-Marge auswirken

Klimaschutz ist derzeit das zentrale Thema. Neben Wärmepumpen sollen auch Energieeffizienz und die Gebäudesanierung einen Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstosses leisten. Inwiefern kann Griesser davon profitieren?

Klimaschutz ist ein langfristiges Thema und wird sich über die kommenden Jahrzehnte verstärken. Unsere automatisch gesteuerten Lamellenstoren verhindern die Wärmeentwicklung in Gebäuden, sodass weniger gekühlt werden muss. Mit kleinen Solarzellen betriebene Elektromotoren machen unsere Produkte unabhängig vom Stromnetz. Im Bereich der Sonnenstoren verwenden wir heute schon Stoffe aus rezykliertem PET. Damit sind wir Pionier in Europa.

Wie setzen Sie das Thema Nachhaltigkeit in Ihren Betrieben um?

Wir sind überzeugt, dass Investitionen in Klimaneutralität und wirtschaftliches Handeln Hand in Hand erfolgen müssen. Daher sind wir auch Fördermitglied bei Swiss Cleantech. Bei Griesser orientieren wir uns dabei an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN. Die ergriffenen Massnahmen zahlen schon heute auf einem Grossteil der SDGs ein. Bis 2030 soll unsere gesamte Firmenflotte emissionsfrei sein, die Produktionsstandorte sollen bis 2035 klimaneutral arbeiten.

Die Markenkampagne «Raus ins Leben» von Weinor war erfolgreich und wird 2023 weitergeführt. Sie sind zudem Sponsor von namhaften Sportvereinen und haben auch 2022 zahlreiche Awards u.a. für Design, als beispielhaftes Familienunternehmen und als vorbildlicher Corporate Health Arbeitgeber erhalten. Wie würden Sie die daraus folgenden Effekte auf das Unternehmen und den Geschäftsgang charakterisieren?

Neben der Nachhaltigkeit im ökologischen Sinne liegt es quasi in unserer DNA als Familienunternehmen, dass wir uns auch in sozialer Nachhaltigkeit engagieren. Zum Beispiel mit einer Griesser Stiftung, den jährlichen Gesundheitswochen oder unseren hochstehenden Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Der Indikator für den unternehmerischen Nutzen sind womöglich die hochqualifizierten Fachkräfte, denen wir ein bisschen mehr bieten können als andere. Die Sponsoringaktivitäten halten wir hingegen auf einem recht tiefen Niveau – es gilt Prioritäten zu setzen.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Seit Jahresbeginn ist die Aktie von Griesser etwas unter Druck geraten. Chart: otc-x.ch

Die Aktien der Griesser Holding AG werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden 1’020 CHF für eine Aktie bezahlt.

Transparenzhinweis: Dem Autor nahestehende Personen sind Aktionär der Griesser Holding AG.

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