Schweizer Zucker: Aktie klettert nach sehr guten Geschäftszahlen um fast 50 Prozent

Haben das gute Jahresresultat und die Ankündigung einer Dividende Investorengruppe angelockt?

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Die Produktion von Zucker soll schon bald ohne fossile Energieträger erfolgen – mit Holzkraftwerk, Niedertemperaturtrockner und Wärmepumpen. Quelle: Schweizer Zucker AG

Nach einigen flauen Jahren mit knapp ausgeglichenem Resultat hat die Schweizer Zucker AG für das Geschäftsjahr 2022/23, das am 30. September 2023 endete, ein Umsatzplus von 28,7% auf 285 Mio. CHF ausgewiesen. Der Überschuss erreichte eine Höhe von 4.5 Mio. CHF. Der konsolidierte Jahresabschluss weist ein Plus bei den Nettoerträgen von 24,1% auf 345.8 Mio. CHF aus. Der Reingewinn konnte mit 7.3 Mio. CHF (Vorjahr: 2.6 Mio. CHF) mehr als verdoppelt werden. Erstmals seit dem Jahr 2013/14 soll den Aktionären wieder eine Dividende von 30 Rappen ausgeschüttet werden. Für das laufende Geschäftsjahr ist das Management wegen der weiterhin hohen Zuckerpreise zuversichtlich; doch zahlreiche Einflussfaktoren wie Klima, Schädlinge, Veränderung im globalen Angebot, Gesundheits- und Energiepolitik können die gute Ausgangslage schnell wieder zunichte machen.

Dies war der letzte Jahresabschluss von Guido Stäger. Ende 2024 tritt er nach 13 Jahren als CEO von Schweizer Zucker altersbedingt zurück. «Alles geht einmal zu Ende, jetzt gilt es eine gescheite Beschäftigung zu finden», sagt der scheidende Chef auf die Frage, ob er gerne geblieben wäre. In seine Amtszeit fielen für die Zuckerbranche entscheidende Ereignisse, wie der Abschluss der Fusion der Zuckerfabriken Frauenfeld und Aarberg zur Schweizer Zucker AG, das Ende der EU-Zuckerordnung, Preiseinbrüche und Missernten. «Der Zusammenschluss der beiden Fabriken war wichtig, im Ausland sind alle Produzenten grösser, da braucht es nicht zwei Unternehmen, die sich konkurrenzieren», fügt Stäger an. Oft hätten sie mit tiefen Preisen zu kämpfen gehabt, aber die Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft seien jeweils gut gewesen.

Anbauflächen erhalten

Ziel der vielen Anstrengungen muss es gemäss Stäger sein, die Anbaufläche zu erhalten. Wegen Klimaveränderungen und strengeren Auflagen für Pflanzenschutzmittel als im angrenzenden Europa werden die Erträge tendenziell sinken. «Die Zuckerrübe ist aber robust und kann gewisse Klimabedingungen abfedern», erklärt der CEO.

Überall in Europa protestieren die Bauern, seit einigen Wochen auch in der Schweiz. Sie fordern höhere Preise für ihre Produkte. «Ich kann ihren Frust verstehen», sagt Stäger. Im Moment sei der Preis gerade recht gut, aber er komme immer wieder unter Druck. Die Lebensmittelpreise sind über 20 Jahre weniger gestiegen als der Preis für andere Produkte. Die Politik müsse den Produzenten mit geeigneten Massnahmen ein Auskommen garantieren. Entscheidend für den Preis sei, wie viel Zucker in Europa produziert werde – wenn in Europa ein Überschuss herrsche, werde es auch für die Schweizer Produzenten schwierig. An der Grenze wird die heimische Produktion mit einem Zoll von 7 Rappen pro Kilo auf ausländische Zuckereinfuhren geschützt. «Das ist der tiefste Satz für Ackerkulturen», hält Stäger fest.

Hohe Direktzahlungen

Die Produzenten erhalten aber auch Direktzahlungen. Die Zuckerrübe ist unter den Ackerkulturen das am stärksten subventionierte Produkt. Die Unterstützung wurde in den vergangenen Jahren schrittweise erhöht, auch weil ein bisher häufig eingesetztes Pflanzenschutzmittel verboten wurde und die Branche sich anpassen muss. Der Bauer erhält pro Jahr 2100 CHF pro Hektar Zuckerrüben. Bei einer Anbaufläche von rund 16’500 Hektar im Vorjahr sind das rund 35 Mio. CHF pro Jahr für den Rübenanbau in der Schweiz.

Die Schweizer Bauern können wegen der vergleichsweise kleinen Betriebsgrössen und der oft hügeligen Anbaufläche nicht ohne Unterstützung mit ausländischen Pflanzern konkurrieren. Die Direktzahlungen sind bis 2026 gesichert, als Überbrückung geplant und werden jeweils vom Parlament gutgeheissen. Die Zuckerrübenbranche kämpft momentan darum, dass die befristete Regelung beim nächsten Parlamentsentscheid im Jahr 2026 zum Dauerzustand wird. Die Herstellung von Zucker bleibe aber auch mit diesen Massnahmen ein volatiles Geschäft, hält der CEO fest.

Kein Monopol

Stäger winkt aber ab, wenn man die Schweizer Zucker AG und ihre Zulieferer als Monopolist bezeichnet. Das Verhältnis mit den Abnehmern aus der Lebensmittelindustrie, etwa Schokoladen-, Backwaren- oder Süssgetränkehersteller, sei kein einfaches. Diese möchten möglichst tiefe Preise, und es gebe keine Verpflichtung oder Mindestabnahmemenge für Schweizer Zucker – die Schweizer Industrie kann beliebig ausländischen Zucker verwenden. Aber natürlich sei der Zusatz mit «Schweizer Zutaten» und damit die Swissness-Regelung für Lebensmittel ein gutes Verkaufsargument.

Die Zuckerrübenanbaufläche nahm 2022/23 leicht ab, von 16’434 auf 15’867 Hektar. Wegen der guten Ernte kletterte die Zuckerproduktion von 211’000 auf 227’000 Tonnen. Für die laufende Kampagne nahm die Fläche erstmals seit vielen Jahren wieder etwas zu. Die Verlängerung der bestehenden Stützungsmassnahmen des Bundes für den Anbau und die Erhöhung der Rübenpreise wirkten sich positiv aus. Der Betriebsgewinn von Schweizer Zucker verdreifachte sich vor allem dank hoher Marktpreise für Zucker 2022/23 im Vergleich zum Vorjahr auf 18.9 Mio. CHF. Erstmals seit 2016/2017 erreicht die Betriebsmarge (EBITDA) mit 10,42% wieder einen zweistelligen Prozentwert.

In der Schweiz stammen rund 70% des konsumierten Zuckers aus dem Inland. Hier nicht mit einberechnet ist jedoch der Zuckeranteil von Lebensmitteln, die bereits verarbeitet importiert werden. Vom im Inland hergestellten Zucker werden überraschenderweise nur rund 15% als Kristall-, Beutel- oder Würfelzucker verkauft. 85% gehen in die Industrie, also in verarbeitete Produkte.

Zucker ist die neue Zigarette

Es ist auf den ersten Blick widersprüchlich, wenn der Staat Geld ausgibt, um Rüben anzubauen und auf der anderen Seite hohe Kosten wegen eines zu hohen Zuckerkonsums der Bevölkerung stemmen muss. Doch eine Schlechterstellung und damit ein Reduzieren der Inlandproduktion würde kaum zu tieferem Konsum führen.

Zucker ist in den vergangenen Jahren ins Visier der Gesundheitspolitik geraten. Der Zuckerkonsum soll reduziert werden. «Da wird politisch etwas übertrieben», sagt Stäger. Der Konsument lasse sich als Individuum nicht reglementieren. Es gebe zudem eine Eigenverantwortung. Man könne alles übertreiben: Ein Liter Süssgetränk pro Tag sei zu viel, eine Flasche Wein aber auch. «Wenn es in der Pizza 2% Zucker hat, geht es darum, dass der Teig aufgeht». Mehl ist wie Zucker auch Kohlenhydrat und wirkt sich auch als Energielieferant auf den Stoffwechsel aus. Zudem bietet die Industrie immer mehr Variationen von Lebensmitteln mit, ohne oder wenig Zucker an.

Aktien legen 50 Prozent zu

Ende der vergangenen Woche kletterten die Schweizer-Zucker-Aktien auf der OTC-X-Plattform der BEKB innert zwei Handelstagen von 30 auf 50 CHF – mittlerweile korrigierten die Valoren wieder auf 45 CHF. Am Markt gab es Gerüchte, eine Investorengruppe habe ein Auge auf die günstige Aktie geworfen – auch im Hinblick auf den Umstand, dass sich der Cash-Bestand des Unternehmens auf 82 Mio. CHF beläuft. Solche Gerüchte sind in den vergangenen Jahren immer wieder einmal aufgetaucht.

Aktienkurs Schweizer Zucker AG in Franken, Quelle: otc-x.ch

Er habe keine Kenntnis von einer solchen Investorengruppe, sagt Stäger. «Bei unserer Besitzerstruktur von rund 40% bei den Rübenbauern und 25% bei den Anbaukantonen könnten ein solche Gruppe ihre Anliegen schon auch anbringen oder auch ohne Wirkung ‚täubelen’». Er sehe keinen Anlass, dass sich diese Besitzerstruktur bald ändern würde.

Traditionell ist die Zuckerproduktion in der Schweiz eng mit den lokalen Landwirten und Transportgenossenschaften verbunden. Die Landwirte, die die Zuckerrüben anbauen, haben oft einen direkten oder indirekten Anteil am Unternehmen, entweder direkt als Aktionäre oder über Verbandsstrukturen, die wiederum Anteile an der Schweizer Zucker AG halten.

In der Landwirtschaft sei man immer in Kontakt mit den Bauern und den Besitzern der Verarbeitungsbetriebe. «Es sind nicht die gleichen Personen in den Gremien, z.B. im Aktionariat und bei den Lieferanten», präzisiert der CEO. Ihre wichtigsten Ansprechpartner kämen aber aus diesem Umfeld. Zudem hätten Aktionäre, Bauern und Verarbeiter ähnliche Interessen: «Sie möchten einen hohen Rübenpreis und eine moderne Zuckerfabrik, sonst überlebt die Industrie langfristig nicht.»

Gewinnoptimierung nicht erstes Ziel

Der Grund für die Kursavance sieht Stäger im Umstand, dass Schweizer Zucker in einem vorteilhaften wirtschaftlichen Umfeld mit einem hohen Weltmarktpreis für Zucker ein erfreuliches Resultat ausgewiesen habe und zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder eine Dividende ausschütte.

«Dafür machen wir jedes Jahr eine Beurteilung und auch eine Einschätzung der Zukunft», antwortet der CEO auf die Frage, ob sich die Investoren nun auf eine stete Ausschüttung freuen könnten. Doch Unternehmen ändern ihre Dividendenpolitik nicht leichtfertig – und das Cash-Polster spricht auch für Ausschüttungen in den kommenden Jahren.

«Wir sind kein Unternehmen, das möglichst viel Gewinn machen will, wir sind vielleicht auch näher an einer Genossenschaft, die auch im Interesse der Bauern, der Standortkantone und der Angestellten handelt», dämpft der scheidende CEO die Hoffnungen auf hohe zukünftige Gewinne.

Abschied von fossiler Energie

Die grössten Herausforderungen sind gemäss Stäger die Sicherung des Zuckerrübenanbaus und der Schutz vor Schädlingen, Krankheiten und konkurrierenden Ackerkulturen. Schweizer Zucker wolle ein modern aufgestelltes Unternehmen sein, dazu gehöre auch die Nachhaltigkeit. Das Unternehmen betreibt neben den Produktionsstätten in Frauenfeld und Aarberg je zwei Holzkraftwerke.

In Aarberg werden daraus 60% des Energiebedarfs gewonnen, in Frauenfeld etwa 10% – in der thurgauischen Hauptstadt wird die Energie als Fernwärme auch zum Heizen verwendet und an die Stadt verkauft. «Die Energie aus den Holzkraftwerken ist aber auch nicht gerade billig», sagt Stäger. Langfristig wolle man weg von Gas und fossilen Brennstoffen, dazu brauche es komplexe Anlagen. In Frauenfeld baue man einen Niedertemperaturtrockner. Aber alle diese Massnahmen würden viel elektronischen Strom benötigen. Es gebe auch die ökonomische Nachhaltigkeit; all dieses Geld, das man investieren wolle, müsse zuerst verdient werden.

Fazit

Innert Jahresfrist haben sich die Kennzahlen für die Gesellschaft deutlich verbessert – der konsolidierte Cashflow stieg auf 34.4 Mio. CHF (+ 52,9%) und der Bestand an flüssigen Mitteln wurde von 70.5 Mio. CHF auf 82.0 Mio. CHF markant erhöht. Doch wer hier «versteckte» Werte sieht, betreibt eine reine Kennzahlenbetrachtung. Den hohen Bestand an Barmitteln braucht das Unternehmen beispielsweise, um den Produzenten die Ernte abzukaufen. Der Erlös aus dem Zuckerverkauf fliesst erst Monate später zurück zu Schweizer Zucker. Einzelne Beteiligungen des Unternehmens, etwa beispielsweise der Blumenerdenhersteller Ricoter, sind zwar attraktiv und erzielen hohe Margen. Ricoter verarbeitet allerdings Erdreste sowie weitere Abfälle aus der Zuckerrübenproduktion zu torffreier Gartenerde, ist somit eng in den Produktionsprozess eingebunden.

Mit dem jüngsten Kursanstieg auf zuletzt 42.50 CHF ist die Dividendenfantasie mehr als eingepreist (die Dividendenrendite beträgt momentan bescheidende 0,7%). Obwohl der ausgewiesene Buchwert zum Ende des Geschäftsjahres bei über 77 CHF je Aktie lag und auch das Kurs-/Gewinnverhältnis mit unter 10 sehr niedrig ist, so müssen Aktionäre die spezielle Konstellation des Unternehmens beachten. Im Unternehmen herrschen eher «genossenschaftliche Verhältnisse», und die Interessen der Aktionäre stehen nicht unbedingt an erster Stelle. Zudem ist es kaum möglich, die Ernteerträge, regulatorische Veränderungen und den Weltmarktpreis für Zucker vorauszusehen. Die Aktien sind trotz der tiefen Bewertung und der hohen Substanz für Investoren daher wenig attraktiv, so lange sich an den Eigentumsverhältnissen nichts ändert.

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