Schweizer Zucker AG: Süss sind nur die Rüben

Der Zuckerproduzent weist für das Berichtsjahr einen kleinen Überschuss aus – die Aussichten sind aber eher düster

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Zuckerfabrik Aarberg im Berner Seeland mit Holzkraftwerk. Bild: zucker.ch

Der Jahresabschluss der Schweizer Zucker AG per Ende September liest sich jeweils wie ein Wetterrückblick auf das vergangene Jahr. Denn das Klima ist entscheidend für das Wachstums des Rohstoffs Zuckerrübe. Für das Geschäftsjahr 2021/22 schreibt das Unternehmen im Aktionärsbrief: «Nach einem niederschlagsreichen und milden Winter konnten die Rüben im Frühjahr 2021 rechtzeitig gesät werden. Bereits die Jugendentwicklung wurde dann im kalten April verzögert. Ab Ende Juni setzten intensive Niederschläge ein. Nässe und zusätzlich verbreitet heftige Hagelstürme beeinträchtigten das Rübenwachstum. Obwohl die viröse Vergilbung dank den Notfallzulassungen für Insektizide weniger Schäden anrichtete, breitete sich die Blattverfärbung in den bekannten Befallsregionen aus, was zu einer tiefen Rübenernte führte.»

Produziert wurden insgesamt 210’000 t Zucker, davon 10’500 t Biozucker. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Minus von 8%. Neben Krankheiten und Wetterkapriolen war auch ein Rückgang der Anbaufläche für diese Reduktion verantwortlich. Das Volumen der verkauften Zuckermenge fiel dank Zukäufen durch das Unternehmen jedoch 2% höher aus als im Vorjahr und erreichte 250’000 t.

Vom Weltmarktpreis abgekoppelt

Das Zuckerangebot in der EU hat sich wegen sinkender Anbaufläche sowie dem trockenen und heissen Sommer 2022 innerhalb Jahresfrist deutlich verringert. Durch das knappe Angebot und die deutlich höheren Energiekosten für die Zuckerproduktion hat sich der europäische Preis gemäss Aktionärsbrief massiv vom Weltmarktpreis abgekoppelt. Die EU verfüge aktuell über zu wenig Zucker und importiert wieder grössere Mengen vom Weltmarkt. «Die Aussichten am Zuckermarkt haben sich deutlich verbessert, und die Schweizer Zucker AG wird die limitierte Produktionsmenge der Kampagne 2022 zu besseren Preisen am Markt verkaufen können», schreibt das Unternehmen.

Weil die Schweizer Zucker AG bereits in der Berichtsperiode für den produzierten Zucker höhere Preise lösen konnte, erhöhte sich der Umsatz 2021/22 im Vergleich zum Vorjahr leicht um 2% auf 221,5 Mio. CHF. Wie bereits im Vorjahr konnte wieder ein kleiner Gewinn (Geschäftsjahr 2021/22: 400’000 CHF) ausgewiesen werden. Im Jahr 2019/2020 schrieb das Unternehmen noch rote Zahlen. Mit einer Dividende dürfen die Aktionäre trotzdem nicht rechnen. Der erwirtschaftete Cashflow konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr um die Hälfte auf 17,4 Mio. CHF erhöht werden. «Aus rechtlichen Gründen dürfen Details zum Geschäftsjahr erst Anfang März beim Versand der Generalversammlungseinladungen publiziert werden», sagt Unternehmenssprecher Raphael Wild. Die GV der Schweizer Zucker AG findet am 31. März 2023 statt.

Angst vor knapper Energie

Ein bestimmendes Thema 2022 war die Angst vor einer Energieknappheit. Angesichts einer möglichen Gasmangellage kaufte das Unternehmen frühzeitig Erdöl ein und konnte damit einen Grossteil des benötigten Gases kompensieren. Am meisten Sorgen machte aber gemäss Raphael Wild ein möglicher Stromausfall. Denn die Brenner, ob mit Gas oder Erdöl gespeist, funktionieren ohne Elektrizität nicht. Ohne Strom hätten die Zuckerfabriken mit hohen Kostenfolgen abgestellt werden müssen.

Seit Frühling 2021 bezieht die Schweizer Zucker AG in Aarberg Ökostrom und Wärmeenergie aus dem Holzkraftwerk Aarberg. Im vergangenen Jahr nahm in Frauenfeld eine vergleichbare Anlage den Betrieb auf. Dabei handelt es sich aber um separate Gesellschaften, die auch Wärme und Energie an die umliegenden Gemeinden liefern.

Vorgezogene Gewinnverteilung

Die Aktien der Schweizer Zucker AG werden auf der ausserbörslichen Handelsplattform OTC-X der Berner Kantonalbank (BEKB) gehandelt. Die Titel haben zum Jahreswechsel etwas an Terrain verloren; der letztbezahlte Kurs beträgt 24 CHF. Zum Jahreswechsel vor zwölf Monaten bewegten sich die Titel auf vergleichbarem Niveau. Die Zusammensetzung des Aktionariats trägt dazu bei, dass die Schweizer-Zucker-Aktien für aussenstehende Investoren wenig attraktiv sind.

Die Mehrheit der Aktien wird durch Zuckerrübenbauern gehalten. Diese sind vor allem an hohen Preisen für ihre Rüben interessiert. Der Gewinn wird also teilweise bereits während des Geschäftsjahres in Form von Entgelt für Rüben verteilt. Ein Vermögensverwalter erzählt, dass er einst einen Investor vertrat, der einen namhaften Aktienbesitz aufgebaut habe und die Schweizer Zucker AG zu einer aktionärsfreundlicheren Politik drängen wollte. Das sei misslungen. Der Vermögensverwalter weist darauf hin, dass die Finanzchefin und der Geschäftsführer «kommunikativ und offen für neue Ideen» wären. Sie würden aber jeweils vom Verwaltungsrat «zurückgepfiffen».

Höhere Preise

Anfangs Juni 2022 einigten sich die Schweizer Zucker AG und der Schweizerische Verband der Zuckerrübenpflanzer auf eine Preiserhöhung von 13% oder 8 CHF pro Tonne Zuckerrüben. Mit der bereits im vergangenen Jahre beschlossenen Erhöhung um 5 CHF ergibt sich eine Steigerung von mehr als 20%. Gesamtschweizerisch wird noch auf rund 15’700 Hektaren Zuckerrüben geerntet. Die Anbaufläche für Biorüben konnte dagegen ausgedehnt werden.

Dank verschiedener Massnahmen ist die Zuckerrübe gemäss Raphael Wild wieder zu einer attraktiven Feldfrucht für Schweizer Bauern geworden. Diese Massnahmen umfassen neben den erwähnten Preiserhöhungen die Einzelkulturbeiträge von 2100 CHF pro Hektare und den gesetzlich verankerten Grenzschutz bis ins Jahr 2026. Diese Massnahmen macht aber den Schweizer Zucker gerade für Grossabnehmer aus der Industrie kostspielig. Ein Problem bleibt zudem der Krankheitsbefall der Pflanzen. «So ist es wenig befriedigend für einen Ackerbauern, wenn er im Sommer vor einem Feld mit verdorrten Blättern steht.»

Das Unternehmen kann weiterhin auf Rückendeckung aus der Politik hoffen. In den beiden Kantonen Bern und Thurgau – die Standortkantone der Werke Aarberg und Frauenfeld – ist durch die Parlamente mit grossen Mehrheiten je eine Standesinitiative zur zusätzlichen Unterstützung von Schweizer Zucker verabschiedet worden.

Braucht es eine oder zwei Zuckerfabriken?

In den letzten Jahren wurde wegen der sinkenden Zuckerrüben-Anbaubereitschaft wiederholt die Zukunft der Zuckerfabriken in Frage gestellt. Im vergangenen Jahr gesellten sich zu diesen Problemen noch die Enerigiekrise und ein Fachkräftemangel. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Frage aufkommt, ob es in der Schweiz eine Zuckerverarbeitung braucht – und wenn ja, ob dies an zwei Orten geschehen soll.

Gemäss Unternehmenssprecher ist eine Zusammenlegung der Fabriken aber keine Lösung. Die sogenannte «Kampagne», d.h. die Verarbeitung der Zuckerrüben zu Zucker, dauert von Oktober bis Dezember. In diesem Zeitraum wird in Frauenfeld und Aarburg im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet. Die Rüben liessen sich nur einige Woche lagern. Anschliessend an die Kampagne werde auch der sogenannte Dicksaft, der zurückgehalten worden sei, zu Zucker verarbeitet. Des Weiteren wird aus Melasse Ethanol gewonnen. Anschliessend sei das Überholen und Reparieren der Riesenanlagen sehr aufwendig.

Fazit

Die Aktien der Schweizer Zucker AG sind für Investoren wenig attraktiv – auch wenn die Probleme mit Schädlingsbefall und abnehmender Anbaufläche gelöst würden. Falls ein ausserordentlich gutes Zuckerrübenjahr eintreffen würde, wird der grösste Teil des Gewinns vorgängig durch die Pflanzer abgeschöpft. Die Aktien sind zudem «verpolitisiert», d.h. von Zuschüssen und Importzöllen abhängig. Um attraktiver zu werden, bräuchte es zudem auch mehr Transparenz, etwa bezüglich stille Reserven in der gemäss OR bilanzierten Unternehmensrechnung.

Die Aktie von Schweizer Zucker hat etwas an Terrain eingebüsst. Chart: otc-x.ch

1 KOMMENTAR

  1. durch die Parlamente mit grossen Mehrheiten je eine Standesinitiative zur zusätzlichen Unterstützung von Schweizer Zucker verabschiedet worden.
    Und – «verpolitisiert», d.h. von Zuschüssen und Importzöllen abhängig.
    Neben all den anderen Problemen. Teuer, ungesund, hoch subventioniert und verhältnismässig mit eher schlechter Qualität.
    Abschaffen, stilllegen. sobald wie möglich und auf den Feldern etwas anpflanzen, was gesundheitspolitisch Sinn macht. Ein System Fehler, wie bei der Tabak Anbau – Subvention.

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