Neues Stromgesetz: Die Energie wird teurer, der Handel wird intensiver – neue AKW bleiben chancenlos

Das Schweizer Volk hat ein Jahr nach einer «Fast-Strommangellage» ein neues Gesetz gutgeheissen. Wie sind die Auswirkungen?

0
388
Erneuerbare Energie
Wasser-, Wind- und Sonnenkraft erhöhen in Kombination die Versorgungssicherheit. Bild: stock.adobe.com (KI)

Mit dem Volksentscheid zum «Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» hat das Schweizer Stimmvolk einen Grundstein gelegt, um die Versorgungsprobleme zu lösen. Noch im Herbst vor einem Jahr schrammte unser Land nur knapp an einer Strommangellage vorbei. In dieser Abstimmung wurden insbesondere die Fehler aus der Energiestrategie von 2017 korrigiert, die sich zu stark auf den Import von ausländischem Strom verliess.

Die Grundidee des Gesetzes ist die Versorgungssicherheit. Dies bedeutet, dass man als Verbraucher die gewünschte Menge Elektrizität jederzeit, ausreichend, unterbruchsfrei, in der erforderlichen Qualität und zu angemessenen Preisen beziehen kann. Versorgungssicherheit bedeutet, dass die nationalen und internationalen Kraftwerke sowie die Netze in der Lage sind, die Nachfrage zu decken. Durch die Zunahme der lokalen Produktion und Nachfrage wie zum Beispiel für die E-Mobilität wird es herausfordernd, diese Anforderungen zeitgleich zu erfüllen.

Bestärkung im Investitionsverhalten

Hat die Volksabstimmung unmittelbare Auswirkungen auf das Investitionsverhalten der Versorger, werden die Finanzmittel nun anders verwendet? Die WWZ – ein Energieversorger im Raum Zug, ursprünglich Wasserwerke Zug – sieht sich durch den Volksentscheid in der bisherigen Strategie bestärkt. «Unser Unternehmen hat lange vor diesem Bundesgesetz angefangen, in die erneuerbare Energieversorgung zu investieren. Wir bauen seit Jahren die Fernwärme im Kanton Zug aus und betreiben mehrere Verbünde», sagt WWZ-Sprecherin Manuela Steffen. Eines dieser Projekte ist der Wärmeverbund Ennetsee. Seit 2023 ist der erste Abschnitt in Rotkreuz in Betrieb. In diesem Frühling wurde mit den Arbeiten für die Transportleitung von Rotkreuz nach Cham begonnen.

Die Axpo-Tochter CKW habe bereits vor der Stromgesetz-Abstimmung mehrere Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien gestartet. «Wir hoffen, dass sich diese Projekte im Bereich Solar, Wind und Wärme etwas rascher realisieren lassen – sofern sie wirtschaftlich umsetzbar sind», sagt Martin Stutz, Mediensprecher der Axpo.

«Derzeit gehen wir nicht davon aus, dass sich unsere Projektpipeline in den nächsten zwei bis drei Jahren Jahren verändert», erklärt Hans-Kaspar Scherrer, CEO von Eniwa. Die massive Photovoltaik-Einspeisung könne aber mittel- bis langfristig zu höheren Aufwendungen für Netzverstärkungen, das Laden von Speichern und der Digitalisierung der Netze führen. Die Eniwa bezeichnet sich als nachhaltige Energiedienstleisterin für die Region Aarau.

Wasser-, Wind- und Solarkraft-Projekte

Anders sieht es bei der BKW aus; das Energieunternehmen hat eine Projektpipeline von über 1 Mrd. CHF in der Schweiz und plant den Bau von alpinen Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen. «Das Ja zum Stromgesetz gibt diesen Ausbauprojekten Rückenwind. Vor allem auch den bereits weit fortgeschrittenen Generationenprojekten wie dem neuen Speichersee an der Trift oder der Erhöhung der Staumauer an der Grimsel», sagt Tobias Habegger, Mediensprecher der BKW. Diese beiden Wasserkraftprojekte sind im Stromgesetz explizit genannt und können dank dessen Annahme nun schneller realisiert werden.

Zu weiteren von der BKW geplanten Projekten gehören die Windanlagen Tramelan und Jeanbrenin im Berner Jura sowie mehrere alpine Solaranlagen im Kanton Bern. Am 9. Juni habe die Gemeinde Saint-Imier im Berner Jura Ja gesagt zum Projekt «MontSol», an dem unter anderem BKW und Société des Forces Electriques de La Goule beteiligt sind. Das Projekt sieht den Bau einer Solaranlage auf dem Mont-Soleil vor. Des Weiteren plant die BKW gemeinsam mit dem Flughafen Bern und der EWB den Bau der grössten Freiflächen-Solaranlage der Schweiz. Diese soll auf dem eingezäunten Areal des Flughafens Bern-Belp entstehen.

Gemäss Thomas Habegger werden alle diese Massnhamen zu einer Zunahme der erneuerbaren Energien führen. Damit steigt die Nachfrage nach einer flexiblen Stromproduktion, und der Strom aus Speicherseen wird betriebswirtschaftlich interessanter. «Weil es immer mehr Solar- und Windenergie geben wird, nimmt der Anteil des fluktuierenden Stroms im Gesamtsystem zu – und so steigt der Wert der steuerbaren Stromproduktion und damit auch der Stromspeicher», erklärt der BKW-Sprecher.

Anforderung an die Netze steigt

Durch den Ausbau der Wind- und Solarenergie werden die Anforderungen an das Stromnetz und die bedarfsgerechte Bereitstellung von Energie steigen. Dies führt zu zusätzlichen Investitionen in die Netzinfrastruktur. «Die Netzinvestitionen werden durch eine intelligente Netzsteuerung und Stromspeicher minimiert», führt die WWZ-Sprecherin aus.

Die Zustimmung zum Gesetz ist auch ein entscheidender Schritt, um das Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen. Wenn die Schweiz von fossilen Energieträgern wegkommen will, geht das nur, wenn dafür genügend einheimischer Strom zur Verfügung steht – das ist vor allem Wasserkraft und in Zukunft vermehrt auch Sonnen- und Windenergie. Der Löwenanteil der Energie wird dabei auf bereits bestehender Infrastruktur produziert werden.

Schwankungen zwischen den Jahreszeiten nehmen zu

Falls die Produktion von erneuerbaren Energien im Ausmass stattfindet, wie es die Energiekonzerne planen, wird es im Sommer zu einer Überproduktion kommen, welche zu Netzüberlastungen und Negativpreisen führen könnte, und im Winter werden vermehrt Mangellagen drohen. Die Strombranche arbeitet intensiv an Speicherlösungen mit oder ohne Elektrolyse, um den Strom vom Sommer in den Winter zu verschieben und diesen im Winter zu nutzen. Die Anforderungen an das Netz werden vor allem durch den Ausbau der solaren Energie generell steigen. «Wir arbeiten daher vermehrt an Lösungen, welche dezentral produzieren. Also dort, wo der Strom direkt am Ort der Produktion verbraucht wird», erklärt die WWZ-Sprecherin.

Um diese hohen Schwankungen auszugleichen, wird es neben Speichern – im Gesetz sind 16 Wasserkraftprojekte explizit erwähnt – Notkraftwerke und vermehrten Energiehandel erfordern. WWZ beschafft sich bereits heute einen wesentlichen Teil der Elektrizität an den Strommärkten. Die Preise sind bereits volatil. Das WWZ sei bestrebt, den Anteil eigener Anlagen, Beteiligungen oder langfristigen Bezugsverträgen zu erhöhen. Die Sprecherin erklärt: «Dies reduziert den Handelsanteil und erhöht die Preisstabilität. Die Anforderungen an den Handel werden aber eher steigen.» Das neue Gesetz ermöglicht den Versorgern zusätzliche Geschäftsfelder und eröffnet neue Chancen wie zum Beispiel Energieberatungen, den Betrieb von lokalen Elektrizitätsgemeinschaften und Dienstleistungen mit Stromspeichern.

«Die BKW ist mit ihrem grossen Portfolio von flexibel einsetzbaren Wasserkraftwerken gut gerüstet, um auf diese zunehmend volatile Produktionseinspeisung zu reagieren», so Habegger. Es sei aber mit einer erhöhten Handelsaktivität insbesondere an den Kurzfristmärkten (Systemdienstleistungs- und Intradaymärkte) zu rechnen.

Im Winter muss der Wind helfen

Wasser-, Wind- und Sonnenkraft ergänzen sich gut und erhöhen in Kombination die Versorgungssicherheit. «Die CKW macht beispielsweise mit dem Windkraftwerk Lutersarni gute Erfahrung mit der Winter-Stromproduktion; zwei Drittel der gesamten Produktion fallen im Winter an», erläutert der Axpo-Sprecher. Reservekraftwerke seien eine Art Versicherung für die Stromversorgung, mit der Teilnahme an der Ausschreibung des Bundes leiste die Axpo dazu einen Beitrag.

«Wir versuchen, den Verbrauch über tarifliche Massnahmen vermehrt in den Tagesbereich zu lenken – 5 Stunden Niedertarif von 12 bis 17 Uhr – in die Phase, in der viel PV-Strom ins Netz kommt», sagt Hans-Peter Kaspar. PV steht für Photovoltaik, also Energie aus Sonnenlicht. Mit Langfristverträgen und dem eigenen Laufwasserkraftwerk sei Eniwa aktuell recht gut und auch robust aufgestellt.

Die BKW setzt auf eine Kombination aus verschiedenen erneuerbaren Energien und Speichermöglichkeiten, um diese Schwankungen auszugleichen. Die Wasserkraft macht einen grossen Teil des Energieportfolios der BKW aus, sie kann Schwankungen im Energie-Gesamtsystem ausgleichen. Die Solarenergie hat ein grosses Potenzial, insbesondere in Verbindung mit guten Speicherlösungen. Die Windenergie spielt eine besonders wichtige Rolle in den Wintermonaten. «Während andere erneuerbare Energiequellen wie die Solarenergie aufgrund der kürzeren Tage und geringeren Sonneneinstrahlung weniger Strom produzieren, können Windkraftanlagen gerade in dieser Zeit ihre Stärken ausspielen», sagt der BKW-Sprecher.

Warten auf Zulassungsentscheide

Der Stromverbrauch wird durch die Elektrifizierung, Stichwort Elektromobilität, Wärmepumpen etc, generell zunehmen. Kleine regionale Anbieter haben jedoch nicht die Möglichkeit und die finanziellen Mittel, um selbst Grossprojekte wie Wind-, Solar-, Wasserkraftwerke umzusetzen. Die kleinen (und natürlich auch die grossen) Energiedienstleister erwarten vor allem, dass die neue Regulierung zu einer beschleunigten Bewilligung führen wird. «Im Moment prüfen wir mögliche Beteiligungen an grösseren Projekten, die hohe Investitionen erfordern und in die wir gemeinsam mit Partnern investieren», erklärt Manuela Steffen.

Eniwa wartet noch auf die Gerichtsentscheide bezüglich ihres Aare-Kraftwerkes, welches komplett erneuert werden muss und derzeit noch durch wenige private Einsprachen blockiert ist. Die Investitionen in den nächsten 10 Jahren werden gemäss CEO zum grössten Teil im Versorgungsgebiet für das Aare-Kraftwerk, Stromnetzinfrastruktur, Fernwärme, Trinkwasser und FTTH-Projekte (Internet-Anschluss) eingesetzt. §

Die Preise machen die Stimmung

In Deutschland hat sich gezeigt, dass die Stimmung im Volk schnell kippen kann, wenn die Preise stark steigen. Auch in der Schweiz haben die Gegner der Vorlage argumentiert, die Stromrechnungen würden bald nicht mehr zu bezahlen sein. Die Anbieter sind sich einig, dass die Entwicklung der Gesamtkosten schwierig abzuschätzen ist. Es wird davon ausgegangen, dass die Netzkosten steigen werden. «Für die Gesamtkosten sind jedoch vor allem die Preisentwicklungen an den Strommärkten und die Produktionskosten relevant», erklärt Manuela Steffen.

«Der Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion, der durch das Stromgesetz nun deutlichen Rückenwind erhält, ist die beste Medizin für nachhaltig akzeptable Strompreise. Aber die Schwankungen werden höher», sagt Tobias Habegger.  Also dürfte der Strompreis im Sommer künftig sehr tief sein. Und im Winter könnte es sein, dass er teurer wird, je nachdem, wie stark die BKW ausbauen könne.

Der Axpo-Sprecher weist darauf hin, dass die Netzkosten stark ansteigen, wenn eine gewisse Grenze von kleinteiliger Photovoltaik, insbesondere auf Dächern, überschritten wird – die Gesamtkosten dieses Stroms sind dann sehr hoch. «Wir sind in der Schweiz noch um einiges von diesem Punkt entfernt, müssen ihn aber bedenken», fügt er an.

Nicht zwangsläufig mehr Einnahmen

Die Energiepreise haben sich seit 2023 deutlich nach unten bewegt und tendieren wieder gegen Vor-Krisenniveau. Mit zunehmend schwankender Energieeinspeisung werden jedoch die Preisschwankungen gemäss BKW-Sprecher innerhalb eines Tages zunehmen. «Dadurch erhöhen sich ebenfalls die Anforderungen an die Prognosefähigkeit von Erzeugung und Bezug von Energie zur Minimierung von sogenannten Ausgleichsenergiekosten – Kosten für Abweichung von Plan zu Ist-Produktion/Last. Die Wasserkraft kann an dieser Stelle durch Anpassung der Einsatzplanung zur Reduktion dieser Kosten beitragen», so Habegger.

Für die Anbieter muss aber mehr nachhaltige Energie nicht zwangsläufig mehr Einnahmen bedeuten. Hans-Kaspar Scherrer führt aus: «Im Stromnetz und bei der Energie gehen wir von einer jährlichen Umsatzreduktion aufgrund des Eigenverbrauchs der PV-Betreiber aus. Bei den Dienstleistungen rechnen wir mit einem Mehrumsatz.» In der Tendenz ist gemäss Eniwa-CEO mit steigenden Netznutzungskosten zu rechen: «Die Netze müssten ausgebaut und partiell verstärkt werden, um die PV-Leistung überhaupt aufnehmen zu können. Geleichzeitig wird der PV-Zubau dazu führen, dass die Netzabsätze laufend zurückgehen und die spezifischen Netznutzungskosten steigen.»

Im vergangenen Jahr konnte die Branche von hohen Preisen für «Wasserstrom» profitieren; ist das eine nachhaltige Entwicklung, werden solche Opportunitäten nun zunehmen? «In den vergangenen Jahren hatten wir Marktpreise, die wesentlich über den Gestehungskosten lagen. Dies ist attraktiv für Stromproduzenten», sagt die WWZ-Sprecherin. Wie sich die Marktpreise jedoch zukünftig entwickeln, sei schwierig vorherzusehen, da viele nicht voraussehbare Faktoren wie die Geopolitik, das Wetter, die Verfügbarkeit von Kernkraft usw. einen Einfluss hätten. Vor der Energiekrise lagen die Marktpreise viele Jahre unter den Produktionsgestehungskosten. Scherrer wendet ein, dass nicht alle Versorger von den hohen Preisen für Wasserstrom profitiert hätten. «Wenn der Wasserstrom zu Gestehungskosten in die Grundversorgung geht, dann konnte nur der regulatorische Kapitalkostenzinssatz eingesetzt werden», erklärt er.

«Jetzt keine Grundsatzdiskussion»

Nach den Wahlen wurden schnell Stimmen laut, die ein Überdenken des Atomaustiegs und den Bau von neuen Kernkraftwerken fordern. «Bevor sich Investoren für neue AKW finden lassen, müssten zuerst die politischen Rahmenbedingungen geklärt werden. Dies ist momentan nicht absehbar», sagt dazu die WWZ-Sprecherin. Auch der Eniwa-CEO sieht derzeit keine Chance für die AKW, da diese zu Fixkosten-lastig seien und die benötigten Betriebsstunden aufgrund der Sommer PV-Produktion abnähmen. Nach Ansicht der BKW sollte die Schweiz jetzt keine Grundsatzdiskussion führen, die den Ausbau der Erneuerbaren verlangsamt. Der Fokus der BKW liegt auf dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Stärkung der Netzinfrastruktur.

Etwas anders sieht das erwartungsgemäss die KKW-Betreiberin Axpo. «Die Kernkraftwerke sind eine zentrale Stütze für die Versorgungssicherheit in der Schweiz. Axpo betreibt die bestehenden Werke weiter, solange sie sicher und wirtschaftlich betrieben werden können», sagt der Sprecher. Die Frage zum Neubau stelle sich für Axpo zurzeit nicht, solange in der Schweiz ein Neubauverbot gilt. In den Szenarien des Energiekonzerns spielen AKW vorerst keine Rolle, da der Bau eines neuen Kraftwerks rund 20 Jahre in Anspruch nehmen dürfte.

Kommentar verfassen