Silvan Hilfiker, CEO Hypothekarbank Lenzburg: «Weil der Markt für Finstar in der Schweiz begrenzt ist, müssen wir in den EU-Raum»

Die Aargauer Bankengruppe setzt voll auf Diversifikation

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Silvan Hilfiker leitet seit 2024 die Hypothekarbank Lenzburg. Bild: schweizeraktien.net/Luca Uloth

Während sich andere Regionalbanken mit Themen wie der Digitalisierung und der Diversifikation der Erträge schwertun, gibt die Hypothekarbank Lenzburg hier seit Jahren Vollgas. Die von Marianne Wildi als CEO der Bank gestartete Strategie wird nun von Silvan Hilfiker fortgesetzt. Sie belastete aber auch den Halbjahresgewinn, der mit 7.8 Mio. CHF niedriger ausfiel als im Vorjahr. Ein Grund dafür ist die erstmalige Konsolidierung der Swiss Bankers Prepaid Services AG (Swiss Bankers).

Im Gespräch mit schweizeraktien.net erklärt Hilfiker, warum Swiss Bankers gekauft und eine Beteiligung an der deutschen Sutor Bank eingegangen wurde. Auch nimmt er Stellung zum tiefen Aktienkurs. Es entsteht ein Bild, das zeigt, dass sich die kleine «Hypi» Lenzburg in den kommenden Jahren zu einem national und sogar international tätigen Finanzdienstleister entwickeln könnte.

Herr Hilfiker, Sie haben vor etwas mehr als einem Jahr als CEO der Hypothekarbank Lenzburg begonnen. Wie haben Sie rückblickend Ihr erstes Jahr erlebt?

Silvan Hilfiker: Der Start war sehr spannend. Ich durfte viele neue Themen kennenlernen. Lassen Sie mich zwei Punkte herausgreifen: das Stammhaus «Hypi» und die Akquisitionen.  Zum Stammhaus: Das Feedback zu meinem Wechsel war positiv. In der Bankenbranche scheint man genau zu beobachten, was die «Hypi» macht. Auch hätte ich nicht erwartet, wie beliebt die Hypothekarbank Lenzburg ist. Wir sind wirklich ein «Love brand». Man liebt die «Hypi». Junge Leute wollen daher auch gerne bei uns arbeiten. Wir hatten bisher nie Probleme, Lernende zu finden. Es ist cool, Teil der «Hypi» zu sein.

Sie sprachen auch die Akquisitionen, Swiss Bankers AG und die Beteiligung an der Sutor Bank in Deutschland, an.

Genau. Der Zukauf von Swiss Bankers, die Beteiligung an der Sutor Bank und die Ausgliederung von Finstar in eine eigenständige Tochtergesellschaft sind Themen, die uns neben dem Stammhaus beschäftigen. Es ist ohne Zweifel eine interessante Ausgangslage für unser Haus. Aber es ergeben sich auch ganz neue Herausforderungen. Gerade die Integration von Swiss Bankers in das Stammhaus wird uns nun beschäftigen.

Sie kommen von der Credit Suisse, einer (ehemaligen) Grossbank, und waren dort zuletzt im CEO Office tätig. Welche Erfahrungen nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird. Gelernt habe ich vor allem, wie wichtig der Fokus ist. Und dass man in Krisen Ruhe bewahren muss und mit Entscheidungen nicht zuwarten sollte. Lieber fällt man einen Fehlentscheid als gar keinen. Einen Fehlentscheid kann man später wieder korrigieren. Wichtig ist es auch, zu einem falschen Entscheid zu stehen. Das sorgt für Glaubwürdigkeit bei den Mitarbeitenden und Kundinnen und Kunden.

«Lieber fällt man einen Fehlentscheid als gar keinen»

Wenn Sie nun auf die Hypothekarbank Lenzburg schauen: Wo sehen Sie die Chancen für das regionale Bankhaus, und welches sind die grossen Herausforderungen?

Die grossen Chancen sehe ich in unserem dreiteiligen Geschäftsmodell: der Verbindung vom Bankgeschäft mit Technologie und dem Open Banking. Dank diesen drei Pfeilern können wir unsere Erträge diversifizieren. Dass das funktioniert, zeigt unser Halbjahresabschluss bereits. Im klassischen Banking ist das Lokale wichtiger geworden. Das spüren wir ganz deutlich. Doch durch den Wegfall der Credit Suisse bzw. der NAB in unserer Region sind wir als eine der verbleibenden regionalen Banken bei der Kreditvergabe mit der höheren Eigenkapitalunterlegung durch das Regelwerk Basel III konfrontiert, was sicherlich eine der grösseren Herausforderungen für uns ist. Mit der Überführung von Swiss Bankers in das Stammhaus haben wir eine weitere Herausforderung, die wir in diesem Jahr bewältigen müssen.

Die Übernahme von Swiss Bankers kam für Aussenstehende etwas überraschend. Was hat die Hypi dazu bewogen, diesen Anbieter von Reisezahlungsmitteln und Prepaid-Kreditkarten zu kaufen?

Swiss Bankers passt sehr gut in unsere Strategie als Anbieter von Open-Banking-Lösungen. Wir sehen hier vier Vorteile: die schweizweit bekannte Marke Swiss Bankers, die Karte und die damit verbundene sehr grosse Payment-Erfahrung, im Sales die grosse Anzahl an Vertriebspartnern und die E-Geld-Lizenz in Liechtenstein, die uns Zugang zum EU-Raum verschafft.

Also wollen Sie unter dem Namen Swiss Bankers das Angebot der Hypothekarbank Lenzburg schweizweit ausrollen und über die Banklizenz in Liechtenstein in den EU-Raum expandieren?

Dies sind alles Fragen, mit denen wir uns im Rahmen einer Strategieüberprüfung beschäftigten.

Mit Marianne Wildi haben Sie eine sehr unternehmerisch agierende Vorgängerin, die nun Ihre VR-Präsidentin ist. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit? Oft wird kritisiert, dass ehemalige CEO im VR dem neuen Management zu viel reinreden und sich weiterhin operativ betätigen, statt sich nur auf die Strategie zu fokussieren.

Wir pflegen hier eine sehr offene, vertrauensvolle Zusammenarbeit und befinden uns in regem Austausch. Dabei kommt auch der Humor nie zu kurz. Auch ist es für mich gut, Marianne als Sparring-Partnerin für operative Fragestellungen zu haben. Sie ist eine grosse Unterstützung für die Weiterentwicklung der Unternehmung.

In der Berichterstattung war die Hypothekarbank Lenzburg immer eine der ersten Banken, die ihre Jahres- und Halbjahresergebnisse publiziert hat. Nun hat es etwas gedauert, auch weil es erstmals eine konsolidierte Rechnung gegeben hat. Nennen Sie doch kurz die wichtigsten Eckpunkte aus dem 1. Semester 2025.

Wir sind mit den Halbjahresergebnis sehr zufrieden und konnten den Reingewinn im Stammhaus um 1,5% auf 9.3 Mio. CHF steigern. Die Erträge sind angestiegen, was im Vergleich zu den Wettbewerbern als sehr gut bezeichnet werden kann. Der Geschäftsertrag hat insgesamt um 3,9% auf 56.7 Mio. CHF zugelegt. Sehr erfreulich war es, dass wir die Einbussen im Zinsgeschäft durch höhere Erträge im Anlagegeschäft und im Banking-as-a-Service-Geschäft (BaaS) kompensieren konnten. Andererseits ist aufgrund unserer Investitionen in die Transformation unseres Geschäfts auch der Aufwand gestiegen.

Die erstmals veröffentlichte Konzernrechnung wurde allerdings durch die Konsolidierung von Swiss Bankers negativ beeinflusst. Es blieb ein Konzerngewinn von 7.8 Mio. CHF übrig.

Eine Interpretation des Halbjahresergebnisses ist angesichts der neuen Einheiten schwierig geworden. Können Sie bitte kurz erläutern, welchen Einfluss Swiss Bankers auf die Halbjahresrechnung hatte?

Durch die Übernahme von Swiss Bankers ist die Bilanz erstmals auf über 8 Mrd. CHF gewachsen. Unsere Gruppe beschäftigt nun 500 Mitarbeitende. Die Verluste von Swiss Bankers haben wir erwartet, weshalb wir einen Badwill bei der Übernahme verbuchen konnten.

Wenn man die Ertragsseite anschaut, dann hat Swiss Bankers auch zu positiven Effekten geführt. Der Zins- und Dividendenertrag auf Finanzanlagen, der Kommissionsertrag übriges Dienstleistungsgeschäft und der Erfolg aus dem Handelsgeschäft haben zulegt. Im Handel sind es vor allem die Devisentransaktionen aus den Reisezahlungsmitteln, welche das Ergebnis positiv beeinflusst haben. Durch die Überführung in die Hypothekarbank Lenzburg AG werden wir nun einige Synergien realisieren können. Interessant für uns sind auch die aktiven Kundinnen und Kunden, welche wir von Swiss Bankers übernehmen konnten.

«Durch die Überführung von Swiss Bankers in die Hypothekarbank Lenzburg AG werden wir einige Synergien realisieren können»

Kommen wir zur Bilanz. In den letzten Jahren kam das Wachstum der Kundengelder vor allem durch die Kooperation mit Neon zustande. Auch im 1. Semester 2025 sind die Kundengelder wieder um 11,6% oder 642 Mio. CHF gewachsen. Welchen Anteil hatte Neon daran? Andere Banken haben derzeit etwas Mühe mit Kundengeldern.

Rund 240 Mio. CHF gehen auf Swiss Bankers zurück. Im Stammhaus konnten wir durch Massnahmen in der Passivgeldbeschaffung, wie dem Aktionärskonto, 361 Mio. CHF Kundengelder anziehen. Neon hat mit 40 Mio. CHF nur noch einen kleinen Teil zum Wachstum beigesteuert. Dazu muss man erwähnen, dass Neon-Kundinnen und -Kunden ihre Gelder auch in Neon Invest überführt haben, was sich im Wachstum der verwalteten Vermögen im Asset Management widerspiegelt.

Bei den Hypotheken steht die «Hypi» hingegen auf der Bremse. Das Volumen stagnierte bei etwas mehr als 5 Mrd. CHF. Nennen Sie bitte die Gründe, und wann legen Sie den Hebel wieder auf Wachstum, d.h. rund 3% pro Jahr, um?

Strategisch streben wir ein Wachstum von 1 bis 3% an. In den vergangenen Jahren lagen wir immer darüber. Wir spüren zudem weiterhin die Auswirkungen der Credit Suisse-Übernahme durch die UBS. Den Aargau hat es bei den Grossbanken-Integrationen ja schon zweimal getroffen: zuerst mit der Integration der Neuen Aargauer Bank in die CS und jetzt mit der Integration der CS in die UBS. Gewisse Kunden wollen nicht bei der UBS sein und suchen nach Alternativen. Wir könnten also wesentlich stärker wachsen.

Allerdings müssen wir hier die Kapitalauslastung im Auge behalten. Da wir auch in Zukunft eine überdurchschnittliche Kapitalquote haben möchten, können wir nur gezielt wachsen. Mit der gezielten Anpassung der Kreditvergabepraxis werden die Kreditrisiken nachhaltig reduziert und die verschärften regulatorischen Anforderungen des Regelwerks «Basel III» angemessen umgesetzt. Bei Renditeliegenschaften und Promotionsprojekten sind wir daher sehr zurückhaltend. Auch wir spüren, dass die Refinanzierung anspruchsvoller geworden ist, obwohl wir bei den Passivgeldern zulegen konnten. Daher werden wir im Hypothekargeschäft weiterhin nur moderat wachsen.

«Auch wir spüren, dass die Refinanzierung anspruchsvoller geworden ist»

Sie schreiben in der Medienmitteilung, dass die Hypothekarbank Lenzburg die Erträge aus dem indifferenten Geschäft, also auch aus der Software Finstar, Swiss Bankers, Kooperationen etc., steigern möchte. Wie sieht hier Ihr Zielbild aus?

Es ist unser Ziel, das bisherige Geschäftsmodell mit Embedded Finance weiter auszubauen. Durch die Ausgliederung von Finstar in eine eigene Gesellschaft kann diese noch aktiver werden und wird weiterwachsen. Der Fokus wird bei Finstar ganz klar auf Sales liegen. In Deutschland braucht die Sutor Bank eine neue Software. Dies ist eine weitere Chance für Finstar, denn wir werden unsere Kernbankenlösung gemeinsam mit Sutor für den deutschen Markt weitereinwickeln. Finstar wird dann EU-tauglich sein. Die Sutor Bank passt sehr gut zur «Hypi». Auch Sutor bietet Banking-as-a-Service-Dienstleistungen an.

Gibt es denn überhaupt einen Markt für Finstar in Deutschland und dem EU-Raum? Der Markt ist ja wesentlich kompetitiver. 

Wir haben dazu eine Studie erstellen lassen, die bestätigt, dass es Chancen gibt, die wir nutzen möchten. Da der Markt in der Schweiz für Finstar begrenzt ist, müssen wir in den EU-Raum gehen, um weiter wachsen zu können.

Wie passt Swiss Bankers dann in die «Hypi»-Gruppe?

Die Geschäfte sollen in die Hypothekarbank Lenzburg überführt werden. So können wir unsere Schlagkraft ausbauen. Wir bekennen uns klar zum Kartengeschäft. Wachstumschancen bieten aber auch die zahlreichen Kundinnen und Kunden, die teilweise sehr inaktiv sind. Ausserdem verfügen Swiss Bankers über Vertriebspartner, darunter viele Banken, mit denen auch die Hypothekarbank Lenzburg nun zusammenarbeiten kann.

In der Schweiz setzen Sie auf die Zusammenarbeit mit Finfluencern wie Finanzfabio und der Plattform Ellexx. Wo sehen Sie hier den Nutzen für die Hypothekarbank Lenzburg, und in welchem Stadium befinden sich die Projekte?

Bei Finanzfabio ist die «Hypi» Teilnehmerbank bei BlueBudget, einer Multibanking-App. Und bei Ellexx erwarten wir das Go Live für eine Anlagelösung im zweiten Halbjahr 2025. Unsere Services bei den Projekten sind das Kundinnen-Onboarding und Investieren, aber als Execution only, ohne Beratung unsererseits. Wir haben noch weitere Projekte mit Fintechs in der Pipeline. Diese Kooperationen sind alle Bestandteile unserer Diversifikationsstrategie.

Der Aktienkurs der Hypothekarbank Lenzburg (blau) hat sich in den vergangenen Jahren, im Vergleich zurm SPI (grün) oder der Valiant Bank (rot), wenig bewegt. Chart: six-group.com

Blicken wir zum Abschluss auf den Aktienkurs der Hypothekarbank Lenzburg. Dieser befindet sich seit einem Jahr auf dem gleichen Niveau von 4’000 CHF. Andere Regional- und Kantonalbank-Aktien haben im selben Zeitraum zweistellig zulegen können, der Kurs der Valiant Bank liegt sogar mit über 30% im Plus. Welche Perspektiven ergeben sich für Ihre Aktionäre?

Vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass es sehr wenig Liquidität im Handel mit der HLBN-Aktie gibt. Auch verfügen wir über kein offizielles Rating, sodass es für institutionelle Investoren schwierig ist, in die Aktie zu investieren. Unser Ziel ist es, die Diversifikationsstrategie konsequent und effizient umzusetzen. Wenn wir die Ertragsbasis nachhaltig stärken, wird sich das auch positiv auf den Aktienkurs auswirken. Denn es ist natürlich unsere Ambition, dass der Aktienkurs den Wert unserer Bank widerspiegelt.

Herr Hilfiker, vielen Dank für das Gespräch.

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