
Der Konsens scheint klar, die Staatengemeinschaft ergreift Massnahmen, um die Erderwärmung einzudämmen – wenn möglich den Anstieg im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad zu beschränken. Damit würden die schlimmsten Folgen der Klimakrise vermieden. Dazu soll auch die Finanzindustrie ihren Teil beisteuern.
Die internationalen Grossbanken riefen die «Net Zero Banking Alliance» ins Leben. Der Anwendungsbereich dieser Allianz umfasst bilanzwirksame Anlage- und Kreditgeschäfte von Banken. Konkret verpflichten sich Mitglieder, ihre zurechenbaren Treibhausgasemissionen aus den Anlage- und Kreditportfolios bis spätestens 2050 mit den Netto-Null-Absenkungspfaden zu alignieren.
Die Allianz ist Geschichte
Im Laufe des US-Wahlkampfes 2024 und dem Wahlsieg von Donald Trump, der unmittelbar den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen bekannt gab, traten alle US-Grossbanken aus dieser Klima-Allianz aus – im Jahr 2025 folgten auch die britischen Institute HBSC und Barclays Bank und die UBS. In der Folge dieses Exodus’ hat die Net Zero Banking Alliance ihre Aktivitäten Anfang Oktober 2025 eingestellt.
«Solche Austritte stellen oft eine strategische Entscheidung dar, die unter erheblichem politischem und wettbewerblichem Druck getroffen wurde und darauf abzielt, die Handlungsfähigkeit und Flexibilität der Banken zu sichern, insbesondere im Hinblick auf den US-Markt», erklärt dazu die ZHAW-Professorin und Expertin für Sustainable Finance, Julia Meyer.
Ziel könne es sein, mehr Spielraum für einen eigenständigen Kurs zu gewinnen und die geschäftlichen Einschränkungen so gering wie möglich zu halten. Zudem laufen gemäss Meyer in den USA kartellrechtliche Beschwerden, die zusätzlichen Druck auf die Banken ausüben könnten. «In einigen Bundesstaaten besteht darüber hinaus die Sorge vor Boykotten aufgrund einer als zu klimafreundlich wahrgenommenen Positionierung», so die Professorin.
UBS bleibt ihren Zielen treu
Ein solcher Schritt, wie das Verlassen dieser Allianz, kann gemäss Meyer auch dazu dienen, diese Ziele auf einem eigenständigeren und flexibleren Weg zu verfolgen. «Von aussen ist es aber schwierig zu beurteilen, ob sich die Strategie nun geändert hat oder nicht», so Meyer. Die UBS relativierte ihren Rückzug jedenfalls: Der Schritt sei nach der jährlichen Überprüfung der Mitgliedschaften der Bank im Bereich Nachhaltigkeit und Klima erfolgt.
An den eigenen Klimazielen wolle man jedoch festhalten. Der Anspruch, eine führende Rolle im Bereich Nachhaltigkeit einzunehmen, bleibe unverändert. «Wir treiben unsere Nachhaltigkeits- und Impact-Strategie weiter voran, gestützt auf drei strategische Pfeiler: Protect, Grow und Attract», schreibt die Bank. Die Kunden würden beim Übergang in eine «kohlenstoffarme Welt» weiter unterstützt.
Der Wind in der Klimapolitik hat sich gedreht. Was bedeutet das konkret für die Bankgeschäfte? Wirkt sich die Klimapolitik der Banken auch auf ihre Kunden aus und werden diese dem Klimaschutz auch weniger Gewicht geben? Kleinere Banken haben oft kleine Unternehmen als Kunden, die Mühe haben, den eigenen CO₂-Abdruck festzustellen. Die kleinen Banken profitieren von der Erfahrung und dem Wissen, das die grösseren Player bereits gesammelt haben. «Kleinere Banken verlieren damit eine wichtige, kostensparende Referenz- und Peer-Plattform für die Entwicklung von Zielsetzungen und Methoden; zugleich gehen Fachwissen und der Zugang zu zentralen Ressourcen verloren», sagt Meyer.
Raiffeisen behält Klimastrategie bei
«Bei Raiffeisen stand ein Austritt aus der Net Zero Bank Alliance nie zur Diskussion», sagt Jan Söntgerath, Mediensprecher von Raiffeisen Schweiz. Für Raiffeisen sei der Klimawandel eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. In diesem Zusammenhang habe Raiffeisen die Net Zero Banking Alliance (NZBA) als wichtige Plattform betrachtet. «Raiffeisen hat den Mehrwert der NZBA unter anderem in ihrer breiten und internationalen Abstützung der Bankenbranche gesehen», so der Sprecher. Das Finanzinstitut halte an seiner Klimastrategie sowie den bereits gesetzten Zielen fest und werde diese kontinuierlich weiterentwickeln, um einen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten.
Doch sind die Kunden überhaupt noch interessiert an ESG-Investments? Dieses Anlegen nach Vorgaben in den Bereichen Environmental, Social, Governance erlebte 2021 den grossen Durchbruch. Anleger wollten nicht nur Rendite, sondern auch Verantwortung übernehmen. Unternehmen überboten sich mit grünen Versprechen, Fondsgesellschaften schufen eine Vielzahl an ESG-Produkten, und Medien riefen das nachhaltige Investieren zum Megatrend aus. Doch bereits vor dem politischen Wechsel in den USA kamen Stimmen auf, die von der ESG-Blase sprachen – von Produkten, welche die Finanzdienstleister gerne verkaufen würden, aber die Kunden wenig Interesse hätten.
Zeugnis davon abgelegt hat etwa die Digitalbank Radicant. Sie scheiterte trotz ambitioniertem ESG-Fokus und wird nach zahlreichen Rettungsversuchen liquidiert: Weil das vermeintlich nachhaltige Fintech zu wenige Kunden gewann und hohe Verluste anhäufte, zog letztlich der Mehrheitsaktionär, die Basellandschaftliche Kantonalbank, den Stecker. Auch das Impact-Start-up Inyova soll gemäss Medienberichten mit Schwierigkeiten kämpfen. Die Expansion nach Deutschland werde abgebremst, und in der Schweiz komme es zu Entlassungen.
Start-ups haben es schwer
«Die Marktpositionierung bleibt schwierig, und es gibt mittlerweile stärkere Konkurrenz durch etablierte Banken mit Nachhaltigkeits-Produkten, kommentiert Julia Meyer die Probleme dieser Finanz-Start-ups, eine kritische Grösse zu erreichen. Die ESG-Müdigkeit sei ein Faktor, daneben spielten aber auch Regulierung, Vertriebskapazität, Skalierungskosten und Vertrauen eine wichtige Rolle. Das sind gemäss Meyer alles Herausforderungen, die auch nicht speziell nachhaltige Finanz-Start-ups betreffen.
Mit der Trump-Administration wurde ESG-Investing als «woke capitalism» verunglimpft. ESG-Strategien würden gesellschaftspolitische Agenden über wirtschaftliche Interessen stellen, lautet der Vorwurf. Diese Skepsis greift auch auf Europa über, wo Debatten über ESG-Ausschlusskriterien – etwa gegenüber Rüstungsunternehmen im Kontext geopolitischer Spannungen – für Aufsehen sorgen. In der Praxis hinterlässt das auch Spuren.
Gemäss Fonds-Anbieter Morningstar wurden in Europa allein im ersten Quartal diese Jahres 335 Fonds umbenannt, darunter 116, die ESG-Begriffe vollständig aus dem Namen strichen. Weitere 94 Fonds wurden aufgelöst oder mit konventionellen Produkten verschmolzen – eine Reaktion auf drohende Greenwashing-Regulierung durch die EU, aber auch ein deutliches Zeichen für einen strategischen Kurswechsel der Branche.
Verwaltete Vermögen in nachhaltigen Publikumsfonds. Quelle: IFZDieser Trend wird durch eine Untersuchung des Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) bestätigt. Innerhalb eines Jahres hat sich in der Schweiz sowohl die Anzahl der nachhaltigen Publikumsfonds als auch das Volumen der verwalteten Gelder deutlich reduziert. Die Anzahl ging von 2334 auf 2033 und die Assets under Management gingen von 1326 Mrd. auf 1229 Mrd. CHF (vgl. Grafiken) zurück.
Anzahl nachhaltiger Publikumsfonds. Quelle: IFZDer entscheidende Faktor für Anlagen ist die Rendite. Also stellt sich die Frage, wie gut ESG-Anlagen abschneiden. Zwei Analysen von McKinsey und MSCI (Morgan Stanley Capital International) legen nahe, dass ESG-Anlagen finanziell mithalten können. Gemäss diesen Studien lassen Unternehmen, die gemäss ESG-Kriterien wirtschaften, die Konkurrenz langfristig hinter sich, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. McKinsey kommt zum Schluss, dass eine starke ESG-Bewertung schwache Fundamentaldaten aber nicht ausgleichen kann.
Diskrepanz der Absichten
Gleichzeitig besteht gemäss Meyer häufig eine Diskrepanz zwischen dem Nachhaltigkeitsverständnis vieler Anleger, die sich oft eine tatsächliche nachhaltige Wirkung erhoffen, und dem bestehenden Angebot, das eher auf die Reduktion von Nachhaltigkeitsrisiken ausgerichtet ist. Diese Diskrepanz wird nun durch neue regulatorische Anforderungen adressiert.
Das sieht Raiffeisen aber etwas anders. «Raiffeisen Schweiz verzeichnet im Anlagegeschäft mit Schweizer Retailkunden keinen spürbaren Rückgang des Interesses an nachhaltigen Anlagelösungen. Die zukünftige Entwicklung können wir nicht abschätzen», sagt Jan Söntgerath. Raiffeisen biete seit rund 25 Jahren nachhaltige Anlagelösungen und -produkte unter dem Label «Futura» an. «Wir sind überzeugt, dass wir durch die systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien in unseren Anlageprodukten und -lösungen für Kunden langfristig einen Mehrwert schaffen können», fügt der Sprecher an.
Raiffeisen befrage seine Anlagekunden im Rahmen der Beratung schon seit vielen Jahren standardmässig auch zu ihren Präferenzen in Bezug auf Nachhaltigkeit. Dabei zeige sich, dass für die Mehrheit der Kunden Nachhaltigkeitsaspekte beim Anlegen eine wichtige Rolle spielen. Per Ende 2024 betrug der Anteil der nachhaltigen Futura Fonds am Gesamtfondsvolumen aller Raiffeisen-Fonds rund 90%.
Der Trend kann schnell drehen
Stärker auf Nachhaltigkeit fixiert als die Privatanleger sind in der Schweiz viele institutionelle Investoren, Pensionskassen, vor allem von Städten, Bund und anderen meist öffentlichen Einrichtungen. Diese Institutionen stehen politisch unter Druck, ESG-Anlagestrategien auch weiterhin zu verfolgen.
Klimarisiken bleiben für Finanzinstitute und ihre Kunden relevant. Der Trend könnte bald wieder kehren, denn die Klimaerwärmung ist real und zeigt bereits zahlreiche negative Auswirkungen. Längerfristig müssen die Banken bei Krediten und Investitionen Klimarisiken mit einkalkulieren. Die Finanzinstitute müssen sich vor Augen führen, dass fossile Energieinvestitionen wegen neuen Regeln stark an Wert verlieren dürften.
Bereinigung des Marktes
Viele Marktteilnehmer hoffen darauf, dass der Trend bald wieder kehrt – insbesondere mit dem Abtritt der Trump-Administration. «Ein politischer Kurswechsel kann regulatorischen und Marktdruck verändern; entscheidend sind aber auch wirtschaftliche Faktoren», sagt Meyer. Es sei zu erwarten, dass die globale Relevanz des Themas Nachhaltigkeit wieder an Bedeutung gewinnen werde, sich in der Zwischenzeit aber die Terminologie und die spezifischen Anlageansätze weiterentwickeln.
Dies führt gemäss ZHAW-Professorin zu einer gesunden und zielführenden Bereinigung und Reifung des Marktes. Die Rückkehr werde somit nicht als Hype oder Trend erfolgen, sondern aufzeigen, dass die Themen ein fundamentaler und unumgänglicher Bestandteil des Risikomanagements und der Anlagestrategie sein müssen. Zudem werde sich neben der Risikoperspektive die Entwicklung hin zu einem stärkeren Fokus auf Impact Finance und Transition Finance abzeichnen.





