Rolf Keller + Eugenio Peduzzi, Geoterra Holding: «Bei unseren Aktionären handelt sich meist um langfristige Anleger»

Ingenieurgesellschaft ist ein Unikum am ausserbörslichen Aktienmarkt mit zahlreichen Qualitäten

0
1246
Rolf Keller, CFO, und Eugenio Peduzzi, CEO, von Geoterra im Gespräch. Bild: schweizeraktien.net

Seit Juni 2025 wird die Aktie der Geoterra Holding ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Die Aktie startete mit 2000 CHF und bewegt sich aktuell bei 2770 CHF. Das Ingenieurunternehmen wächst seit Jahren mit durchschnittlich 11% p.a., zahlt steigende Dividenden und vergrössert sich auch durch Fusionen und Übernahmen. Die Eigenkapitalquote ist dennoch mit 41,4% stark. Ebenfalls stark ist die EBITDA-Marge mit über 15%. 2024 erzielte das Unternehmen bei einem Umsatz von 92.1 Mio. CHF ein EBITDA von 13.9 Mio. CHF.

Im Gespräch mit schweizeraktien.net erklären CEO Eugenio Peduzzi und CFO Rolf Keller, wie der Markt funktioniert, warum es keine vergleichbaren Wettbewerber gibt, welche Wachstumstreiber das Geschäft mit Rückenwind versehen und was Geoterra in den nächsten Jahren vorhat.

Herr Peduzzi, bitte beschreiben Sie für unsere Leser kurz, was Ihre Holding von Ingenieurgesellschaften für Investoren ausmacht.

Eugenio Peduzzi: Die Geoterra Holding zählt zu den grössten Ingenieur- und Vermessungsdienstleistern in der Schweiz mit 43 Standorten und einem Angebot, das auf drei Säulen basiert: Boden & Tragwerk, Geomatik & Infrastruktur sowie Messen & Dokumentieren. Unser Unternehmensmodell ist dem Schweizer Erfolgsmodell, dem Föderalismus, nachempfunden: eigenständige, lokal verankerte Gesellschaften, die jedoch gruppenweit stark verbunden sind. Seit 1963 ist das Unternehmen am Markt etabliert und steht für Stabilität und Kontinuität. Geoterra ist schweizweit führend in Bereichen wie Spezialvermessung, Überwachung und  Monitoring und insbesondere bei Dienstleistungen entlang der Megatrends Klimawandel und Bevölkerungswachstum. Besonders im Verkehrsmanagement ist das Unternehmen mit der Swiss-Traffic-Lösung in einem skalierbaren Markt aktiv, der potenziell europaweit und international ausbaubar ist.

In der Schweiz gibt es keine direkt vergleichbaren Unternehmen, die börsenkotiert sind oder ausserbörslich gehandelt werden. Aber bspw. Fugro und Arcadis an der Euronext Amsterdam sind in den gleichen Marktsegmenten wie Sie tätig, ist das eine passende Peer-Group?

Vergleichbare Wettbewerber gibt es weder in der Schweiz noch international im gleichen Geschäftsmodell und in vergleichbarer Breite; internationale Vergleichsgruppen sind meist deutlich grösser und in anderen Sektoren tätig. Geoterra agiert gezielt in einem Nischensegment, das weniger Wettbewerbsdruck aufweist und so hohe Resilienz bietet.

«Vergleichbare Wettbewerber gibt es weder in der Schweiz noch international (…)»

Herr Keller, Ihr Unternehmen besticht mit einer langfristigen Wachstumsrate von durchschnittlich 11% p.a. Da Geoterra stark durch Zusammenschlüsse wächst, wie sieht die organische Zuwachsrate aus, und in welchen Bereichen wachsen Sie vor allem organisch?

Rolf Keller: In den letzten Jahren wuchs Geoterra durchschnittlich um 11% pro Jahr. Etwa die Hälfte dieses Wachstums ist organisch, die andere Hälfte durch Übernahmen und Zusammenschlüsse entstanden. Wir haben vor einigen Jahren die Strategie Hekto 25 verabschiedet. Dieses Ziel, im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 100 Mio. CHF zu erreichen, haben wir geschafft.

Um den Lesern ein schärferes Bild zu ermöglichen: Wie setzt sich Ihre Kundschaft in groben Prozentsätzen zusammen nach öffentlichen Körperschaften, supranationalen Organisationen, Unternehmen und Privaten?

Rund ein Drittel der Kunden stammt aus dem öffentlichen Sektor – dazu zählen Gemeinden, Kantone, Bund und öffentlich-rechtliche Unternehmen wie die SBB. Zwei Drittel sind Unternehmen aus dem Privatsektor, oft grosse Immobiliengesellschaften oder andere Unternehmen, aber auch einzelne Privatpersonen. Oft werden Aufträge zudem von Generalunternehmern oder Architekten vermittelt. Die Aufträge sind stark diversifiziert mit Schwerpunkt auf dem privaten Sektor, da dieser weniger reguliert und unkomplizierter ist als die öffentliche Hand. Das grösste Einzelvolumen stammt mit 1.6 Mio. CHF von einem Grosskunden, dem Flughafen Zürich. Die breite Kundenbasis sorgt für Sicherheit und eine stabile Umsatzbasis.

Bitte geben Sie uns noch eine Vorstellung davon, über welche Zeiträume sich die Auftragsprojekte erstrecken und wie die branchentypischen Abrechnungsmodalitäten aussehen, also Vorab-, Zwischen- und Abschlusszahlungen?

Eugenio Peduzzi: Die Projekte variieren stark in ihrer Laufzeit: von kurzfristigen Aufgaben im amtlichen Vermessungswesen, also wenigen Tagen, bis hin zu langfristigen Infrastruktur- und Überwachungsprojekten, die über mehrere Jahre dauern können, etwa im Tunnelbau oder im Bereich der Naturgefahren. Durchschnittlich läuft ein Auftrag zwischen 3 Monaten und 1,5 Jahren, wobei vor allem kleinere Aufträge überwiegen. Die Abrechnung erfolgt projektspezifisch, und das Risiko von Zahlungsausfällen ist durch die breite Kundenbasis und effizientes Cashflow-Management minimiert.

Wie schätzen Sie die Schadenrisiken bei Ihren Projekten ein, und welche Haftungsrisiken ergeben sich daraus?

Das Risiko durch Messfehler ist äusserst gering, da im Unternehmen hohe qualitative Standards und mehrfach redundante Kontrollmechanismen Anwendung finden. Schadensfälle auf Millionenniveau sind selten; Geoterra ist mit Versicherungen gegen etwaige Schäden umfassend abgesichert. Im Schadensfall greift diese Versicherung; bei Bauprojekten liegt das Haftungsrisiko meist ohnehin eher auf Seiten des ausführenden Unternehmers als beim Vermessungsdienstleister.

Was sind gegenwärtig die stärksten Nachfragekräfte und Wachstumstreiber?

Es sind die zwei Megatrends Klimawandel und Bevölkerungswachstum. Der Klimawandel führt beispielsweise zum Auftauen des Permafrosts und Rutschungen, die überwacht werden müssen. Das Bevölkerungswachstum führt zu einem Anstieg des Verkehrs, der ebenfalls überwacht, gesteuert und geregelt werden muss. Die Klammer dieser beiden Megatrends ist das Bedürfnis der Gesellschaft nach mehr Sicherheit. So gesehen profitieren wir auch von der zunehmenden Regulierung.

«Wachstumstreiber sind die zwei Megatrends Klimawandel und Bevölkerungswachstum»

2025 haben Sie den bisher in der Schweiz verfolgten Konsolidierungskurs indirekt auch auf Frankreich und Slowenien ausgedehnt. Wird es für Geoterra mittlerweile im Heimatmarkt zu eng?

Im Heimatmarkt Schweiz gibt es weiterhin grosse Expansionsmöglichkeiten, insbesondere in der Westschweiz, im Raum Basel und Winterthur, wo die Präsenz noch ausgebaut werden kann. Internationale Aktivitäten finden derzeit vor allem vereinzelt als Verkaufsstellen in Frankreich und Slowenien statt. Die Gruppenstrategie bleibt mittelfristig klar auf die Schweiz fokussiert; der Schritt in angrenzende Märkte könnte aber folgen.

Ein Ziel der Handelsaufnahme im ausserbörslichen Aktienmarkt ist ja, den Partnern der Gesellschaften, die oft im Rahmen der Nachfolgelösung zur Geoterra Holding gestossen sind, einen Exitkanal zu bieten. Müssen neue Investoren nicht einen Angebotsüberhang befürchten?

Rolf Keller: Mit der Aufnahme am ausserbörslichen Markt auf der Handelsplattform OTC-X wurde der Anteil der Aktien, die bei den Gründern liegen, reduziert. Aktuell liegt der Free Float bei ca. 20%, der Rest verteilt sich auf Management und Gründer, die auch weiterhin investiert bleiben wollen. Die neuen Aktionäre stammen überwiegend aus dem näheren Unternehmensumfeld – häufig Unternehmer, Family-Offices und bestehende Geschäftspartner. Es handelt sich meist um langfristige Anleger; Mitarbeitende haben ebenfalls Anteile übernommen. Ein Trading in unseren Aktien findet kaum statt.

Was können Sie zur Margenentwicklung sagen? Die Integration und quasi permanente Reorganisation der unter dem Geoterra-Dach versammelten unterschiedlichen Kernkompetenzen verursachen bestimmt auch Kosten. Werden die durch Skalierungs-, Effizienz- und Synergiegewinne mehr als kompensiert?

Die Margen sind seit Jahren stabil; grössere kurzfristige Steigerungen sind nicht zu erwarten. Rund 7% des Umsatzes werden gezielt in Entwicklung, Innovation und die nachhaltige Weiterentwicklung der Gruppe investiert.

Bisher war Geoterra immer sehr grosszügig mit den Ausschüttungen. Wie sieht Ihre Dividendenpolitik aus?

Die Ausschüttungsquote liegt bei ca. zwei Dritteln des Gewinns. Die Strategie fokussiert auf profitables Wachstum und attraktive Ausschüttung, die regelmässig und verlässlich kommuniziert wird.

«Die Ausschüttungsquote liegt bei ca. zwei Dritteln des Gewinns»

Blicken wir zum Abschluss noch etwas weiter in die Zukunft. Wie wird Geoterra in 3-5 Jahren aussehen, welche Grösse erreicht haben und in welchen Regionen und Fachgebieten besonders aktiv sein?

Eugenio Peduzzi: Wir sind auch in 2025 wieder zweistellig gewachsen und werden unserer Wachstumsstrategie treu bleiben. In 3 bis 5 Jahren möchte Geoterra etwa 1000 Mitarbeitende beschäftigen, wobei der Fokus regional nach wie vor auf der Schweiz liegt und die Expansion vorzugsweise in Richtung Westen und Nordwesten erfolgt. Akquisitionen werden für weiteres Wachstum weiterhin geprüft, Synergie- und Skaleneffekte sind mittelfristig möglich. Die Strategie setzt auf nachhaltige Entwicklung und Innovationsfähigkeit, ohne kurzfristige Gewinnmaximierung in den Vordergrund zu stellen.

Vielen Dank für die erhellenden Aussagen, Herr Keller und und Herr Peduzzi. Die Leser werden die Transparenz bestimmt zu schätzen wissen.

Mitarbeit: Karim Serrar

Der Aktienkurs von Geoterra bewegt sich seit dem Listing auf OTC-X in einer Bandbreite zwischen 2500 und 2800 CHF je Aktie. Chart: otc-x.ch

Die Aktien der Geoterra Holding werden ausserbörslich auf OTC-X gehandelt. Zuletzt wurden 2775 CHF für eine Aktie bezahlt. Für 2024 zahlte die Gesellschaft eine Dividende von 109 CHF je Aktie, was auf Basis des aktuellen Kurses einer Dividendenrendite von 3,9% entspricht.

Kommentar verfassen