HT5/Centiel: Transformation vom Milchverarbeiter zum High-Tech Innovator

Ungewöhnlicher Börsengang an der SIX durch Reverse-Takeover

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Unterbrechungsfreie Stromversorgungen (USV) von Centiel sind auch in Containern untergebracht. Bild: centiel.com/solutions

Wenn es auch bisher 2026 noch kein IPO an der SIX gab, mit dem Reverse Takeover der ehemaligen Hochdorf Holding kommt nun mit Centiel ein neuer Name auf den Kurszettel. Der Spezialist für die unterbrechungsfreie Elektrizitätsversorgung wird am 17. April erstmals an der Börse gehandelt.

Die Transaktion ist von langer Hand vorbereitet. Nachdem Fehlentscheidungen wie die überambitionierte Expansion beim Milchverarbeiter Hochdorf zu einem Desaster geführt hatten, wurde das Geschäft 2024 eingestellt, die Tochtergesellschaften veräussert und die Bilanz restrukturiert. Die Aktionäre und Gläubiger stimmten der Neuausrichtung mehrheitlich zu. Die Inhaber der Wandelanleihe akzeptierten die Wandlung in Aktien. Ziel war ein börsenkotierter Mantel, dessen Attraktivität vor allem in den substanziellen Verlustvorträgen lag sowie in der Tatsache, dass die Aktie von HT5, wie die Nachfolgegesellschaft genannt wurde, über eine Börsenkotierung verfügte.

Was ist ein Reverse Takeover?

Diese Ausgangssituation eröffnete die Gelegenheit zu einem Reverse Takeover, wie auch bei SPAC-Transaktionen üblich. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass nicht extra eine Zweckgesellschaft quasi als Blackbox für eine geplante Übernahme gegründet wurde, sondern das Vehikel als inoperative Mantelgesellschaft bereits börsenkotiert war. Und darüber hinaus mit den bestehenden Verlustvorträgen einen zusätzlichen monetären Vorteil bot.

Nutzung der Marktlücke

Die Ähnlichkeit zum unkonventionellen Börsengang der R&S Group über die einzige Schweizer SPAC-Gesellschaft VT5 kommt nicht von ungefähr. Der Initiator Gregor Greber war bereits bei der VT5-Gründung federführend und nutzte sein Know-how und die Netzwerke, um nach der R&S Group einen weiteren unkonventionellen Börsengang durchzuführen.

Beispiel Dell

Reverse Takeovers sind in Europa zwar selten, doch nicht in den USA. Beispielsweise kam der Computerhersteller Dell via einem Reverse Takeover des Tracking Stocks von VMware 2018 erneut an die Börse. Nach dem originalen IPO hatte Dell ein Taking-Private erlebt ∼ und ging dann ein zweites Mal an die Börse.

Der Kostenfaktor

Es ist zwar ein Börsengang, was Centiel jetzt vollzieht, doch kein öffentliches Angebot, wie es für das regulierte IPO notwendig ist. Und es macht auch einen Unterschied aus. Der Gang an die Börse kann auf diesem Weg sehr viel schneller vollzogen werden. Typischerweise hat die börsenkotierte Mantelgesellschaft, im Englischen shell company, kein operatives Geschäft mehr und kann vom übernehmenden privaten Unternehmen so strukturiert und ausgerichtet werden, wie es den Anforderungen am besten entspricht. Eine solche Transaktion kann bestenfalls in einigen Wochen durchgeführt werden, ein echtes IPO kann dagegen Jahre der Vorarbeit in Anspruch nehmen. Das schlägt sich auch in den Kosten des Börsengangs nieder, weshalb der Reverse Takeover auch «poor man’s IPO» genannt wird.

Reverse Takeover-Statistik

Statistisch gesehen ist die langfristige Performance von echten IPOs besser als die von Reverse Takeovers. Zu den Gründen zählt, dass das Management des bislang privaten Akquisiteurs nicht mit den Reporting- und Kommunikationsanforderungen von Publikumsgesellschaften vertraut ist. Statistisch ist auch die Überlebensrate der IPO-Unternehmen höher als die der über einen Reverse Takeover an die Börse gekommenen Unternehmen, wie diverse Kapitalmarktstudien zeigen. Ein Risiko für Investoren besteht darin, dass die Altaktionäre, anders als beim IPO, generell keinen Lock-up-Verpflichtungen unterliegen und somit durch Aktienverkäufe den Kurs unter Druck bringen können. Es können aber auch freiwillige Lock-up-Verpflichtungen wie jetzt bei Centiel eingegangen werden.

Banken sorgen für Aufmerksamkeit

Nicht zuletzt fehlt auch, dass die beim IPO üblichen Konsortialbanken die neue Aktie mit Einschätzungen und Research beim Anlegerpublikum bekannter machen. Der Rückblick auf die noch kurze Börsenhistorie von R&S Group zeigt den Effekt. Anfangs wurde der Titel ignoriert und erst mit erheblicher Zeitverzögerung an der Börse dann von Investoren, Banken und Medien entdeckt. Dadurch kam es innerhalb kurzer Zeit zu einem schnellen und steilen Anstieg auf über 40 CHF, dann, infolge von Enttäuschungen der zu hochgesteckten Erwartungen, zu einem rapiden Kurszerfall.

Bei der R&S Group handelte es sich um einen SPAC, der als Hülle an die Börse gebracht wurde und später R&S übernommen hat. Chart: six-group.com

Investment Case

Der Investment Case von HT5/Centiel macht aus Investorensicht auf den ersten Blick Sinn. Es ist eine Win-Win-Situation, bei der beide Seiten respektive die Eigentümer beider beteiligter Unternehmen gewinnen. Die ehemaligen Aktionäre und Gläubiger von Hochdorf sind nun an einem wachstumsstarken High-Tech-Unternehmen beteiligt, die Eigentümer von Centiel ersparen sich das langwierige IPO-Prozedere, das viel Management-Kapazität binden kann, was wiederum zulasten der Unternehmens- und Geschäftsentwicklung gehen kann. Zudem sind die Unternehmensgewinne von Centiel durch die nutzbaren Verlustvorträge erstmal von der Steuer befreit.

Centiel – ein neuer Name an der Börse

Centiel wurde 2015 in Lugano gegründet. Der Umsatz lag 2025 bei 45.7 Mio. CHF und damit 25% höher als im Vorjahr. Das EBIT erreichte 10.3 Mio. CHF, die EBIT-Marge lag bei 22,5%. In den vergangenen Jahren wurde ein Umsatzwachstum von durchschnittlich 30% verzeichnet. Der Geschäftsgegenstand ist die unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) durch eine transformatorlose USV-Architektur. Es handelt sich hierbei nicht um simple Ersatzstromanlagen, sondern um eine Technologie, die bei sicherheitskritischen Anwendungen wie in Krankenhäusern, in der Kommunikation und Verteidigung, in Daten- und Rechenzentren oder bei Eisenbahnstellwerken sicherstellt, dass es weder zu Unterbrüchen noch Über- oder Unterspannungen, Frequenzabweichungen oder Oberschwingungen kommt. Auslöser für Störungen können Einschaltströme grosser Elektromotoren, Blitzeinschläge oder Kurzschlüsse sein. Details zum Produkt-Portfolio finden sich auf der Centiel Homepage. Die Produkte und Systeme werden bereits in über 60 Ländern auf allen Kontinenten vertrieben.

Die Transaktion

Centiel wurde mit 125 Mio. CHF bewertet. Dafür erhalten die Eigentümer 61.3 Mio. neue HT5-Aktien, die jeweils mit 2.04 CHF bewertet wurden. U.a. bringt HT5 Liquidität in Höhe von 11.9 Mio. CHF ein. Das Gründerteam platziert 11.5 Mio. Aktien. Anlässlich des Börsengangs werden zudem 3.9 Mio. neue Aktien angeboten, sodass der Free-Float 15.4 Mio. Aktien beträgt. Die Aktien wurden vollumfänglich zu 2.04 CHF bei interessierten Investoren platziert. Erster Handelstag ist der 17. April. Verwaltungsratsmitglieder und Management unterwerfen sich einer Lock-up-Verpflichtung von 12 respektive 24 Monaten. In den Verwaltungsrat wurden an der Generalversammlung Anfang dieser Woche drei Vertreter von Centiel gewählt. Die drei Verwaltungsräte von HT5 wurden wiedergewählt.

Seit der Bekanntgabe der Pläne für den Zusammenschluss mit Centiel hat sich der Aktienkurs von HT5, der früheren Hochdorf, mehr als verdoppelt. Chart: six-group.com

Strategische Positionierung

Durch die Reduzierung und bestenfalls Eliminierung von Vorfällen, die die Stromversorgung bedrohen und unterbrechen, ist Centiel in einem Sweet Spot der KI- und elektrifizierungsgetriebenen Entwicklung in allen High-Tech-Industrien. Besonders im Fokus sind Daten- und Rechenzentren, die derzeit mit Billionen-Investitionen erstellt werden. Die gewaltigen Investitionen können sich nur auszahlen, wenn die Reputation der Betreiber keinen Schaden nimmt. Der Aufwand für die unterbrechungsfreie Stromversorgung ist nur ein winziger Teil des gesamten Investitionsvolumens. Aber ein möglicher Reputationsschaden durch einen Black-out infolge von Blitzschlag oder Frequenzabweichungen würde ein Vielfaches an Schaden verursachen und muss deshalb buchstäblich um jeden Preis vermieden werden. Die Nachfrage nach den modularen und skalierungsfähigen Lösungen von Centiel dürfte daher weiter steigen. Auch wenn sich der Wettbewerb in den kommenden Jahren beleben wird. Durch die strategische Positionierung sind hohe Gewinnmargen wohl auch längerfristig durchsetzbar.

Fazit

Der Börsenneuling kommt auf kreative und unkonventionelle Weise an den Markt. Centiel ist mit unter 50 Mio. CHF Jahresumsatz zwar ein Micro-Cap, kann aber mit hohen Wachstumsraten und Gewinnmargen überzeugen. Das Unternehmen ist schuldenfrei, verfügt über Liquidität und erfährt eine starke und wachsende Nachfrage aus allen Kontinenten. Beste Voraussetzungen also für ein Engagement? Es kommt auf den Anlegertypus an. Der Free-Float ist gering, und damit für erratische Kursoszillationen prädisponiert. Im Datencenterumfeld entwickelt sich an der Börse allmählich ein Hype, was ebenfalls auf eine potenziell hohe Volatilität hinweist. Nicht zuletzt dürfte sich auch der Wettbewerb in den kommenden Jahren intensivieren. Für risikobereite Investoren ohne Schwindelneigung stellt Centiel trotz der voraussichtlich hohen Bewertung mit einem EBIT-Multiple zwischen 20 und 30 eine wirkliche Bereicherung der Kursliste der SIX dar.

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