
Trotz hoher Erwartungen an den Schweizer Primärmarkt und angeblich «voller IPO-Pipelines» gab es doch tatsächlich nur sehr wenige Börsengänge an der SIX in diesem Jahr. BioVersys und SMG, die beiden einzigen IPOs in 2025, verloren beträchtlich. Das dämpft das Interesse. Doch das einzige IPO des Vorjahres, Galderma, erfüllt dafür Anlegerträume. Der Kurs liegt mehr als 200% über dem Emissionspreis. Was für Lektionen lassen sich aus dem Marktgeschehen ablesen?
Die Schweizer Börse hat in den letzten 10 Jahren eine ganze Reihe von Börsengängen gesehen. Darunter sind High-Flyer wie VAT mit um die 800% Steigerung in der Spitze und Galenica mit mehr als einer Kursverdoppelung. Darunter sind aber auch viele unspektakuläre Performer wie Montana Aerospace und Sensirion und relativ viele Verlustbringer. Stadler Rail, Klingelnberg, medmix und PolyPeptide liegen auch Jahre nach dem IPO noch immer deutlich im Minus, nicht selten hat sich der Kapitaleinsatz der Erstzeichner sogar halbiert.
Die Anzahl IPOs ist in den vergangenen Jahren überschaubar geblieben. Abb.: ZKB IPO-Newsletter Q3 2025IPOs an der SIX in der Post-Covid-Ära
Im Covid-Jahr 2021 gab es zwar fünf Börsengänge an der SIX, doch danach war die IPO-Pipeline vielleicht gut gefüllt, der Output blieb jedoch überschaubar. Ende 2023 ging die R&S Group auf dem unkonventionellen Weg über das erste und einzige in der Schweiz zugelassene SPAC an die SIX. Anfangs nur zögerlich von den Marktteilnehmern wahrgenommen, entwickelte sich die Aktie des Trafo-Herstellers bis Sommer 2025 prächtig. Der Kurs stieg von 11 CHF auf über 40 CHF. Der Elektrifizierungstrend hatte neben ABB und weiteren Herstellern von Investitionsgütern für die Energieerzeugung und -distribution auch die R&S Group erfasst. Beschleunigt wurde das Wachstum durch die Übernahme der irischen Kyte Powertech Mitte 2024, deren geografische Positionierung komplementär zur R&S Group ist.
Analysten-Coverage und Kursziele für die R&S Group
Zunächst gab es keine Analysteneinschätzungen, doch als diese nach und nach aufgenommen wurden, katapultierten die Investoren die neue Aktie nach oben. Kursziel jagte Kursziel. Im Juli 2025 nahm die Aktie die 30 CHF-Marke mit Bravour, einen Monat später sprang die Aktie auf über 40 CHF. Das war eine Folge der hervorragenden vorläufigen Zahlen zum ersten Semester, die am 29. Juli publiziert worden waren. Der Ausblick war positiv. Gewinnmitnahmen liessen den Kurs abbröckeln. Anfang November lag der Kurs noch über 25 CHF.
Die Aktie der R&S Group hat nach einer Gewinwarnung stark korrigiert. Chart: six-group.comAbgesenkte Guidance lässt Kurs purzeln
Am 6. November 2026 veröffentlichte die R&S Group dann ihre neue Guidance. Wegen mangelnder Installationskapazitäten bei einigen Kunden verschieben sich Projekte, weshalb die erwartete Wachstumsrate von 10% bis 13% auf nun 8% bis 12% gesenkt wurde. Weiterhin wird in der ad-hoc-Mitteilung 2026 zum «Jahr des Investments» ernannt. Die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit soll die Gesellschaft in die Lage versetzen, die Wachstumschancen optimal nutzen zu können. Damit steht auch in Zusammenhang, dass zukünftig nicht mehr das EBIT die Messgrösse des operativen Erfolgs sein soll, sondern das EBITDA, was nur folgerichtig ist. Mittelfristiges Ziel ist eine EBITDA-Marge von 19% bis 21%. Im ersten Halbjahr 2025 lag der Gewinn je Aktie bei 0.77 CHF. Beim aktuellen Kurs von 17.40 CHF errechnet sich somit ein geschätztes KGV 2025 von 12. Das Tief der Aktie Ende November lag bei 15.90 CHF. Die Bewertung ist somit attraktiv, die Risiken erscheinen begrenzt. Und der Elektrifizierungstrend ist noch lange nicht vorbei.
IPO von Galderma – wenn Investorenträume wahr werden
Galderma ging im März 2024 an die SIX und blieb das einzige IPO des Jahres. Zugeteilt zu 53 CHF am oberen Ende der Bookbuildingspanne, lag der Kurs am ersten Tag bei 64 CHF. Von gelegentlichen kleineren Korrekturen abgesehen, stieg die Aktie inzwischen auf 167 CHF in der Spitze. Galderma ist einst aus einer Kooperation von Nestlé und L’Oréal hervorgegangen, und nach diversen Besitzerwechseln ist der französische Beauty-Gigant mittlerweile wieder mit 20% an Galderma beteiligt, wie erst am 7. Dezember bekannt wurde. Die seit August 2025 bestehende Beteiligungsquote von 10% wurde durch Paketkäufe von institutionellen Altaktionären verdoppelt.
Der Aktienkurs der Galderman Group hat neue Höchststände erklommen. Chart: six-group.comÄsthetische Therapien als Wachstumstreiber
Mit der Aktie konnten nach dem Börsengang zunächst die wenigsten Marktteilnehmer viel anfangen. Erst im Dezember 2024 stieg der Kurs über 100 CHF. Galderma stellt nicht nur Haut- und Sonnenschutzcremes her, sondern ist ein weltweit führender Player im schnell wachsenden Markt für ästhetische Injektionen wie Botox-Therapien. Darüber hinaus hat Galderma zwischenzeitlich auch Fortschritte mit selbstentwickelten Therapeutika wie gegen Neurodermitis erzielt. Weniger als 10% des Umsatzes entfallen auf verschreibungspflichtige Medikamente. Die sonstigen Produkte sind frei erhältlich. Vor allem profitiert der Beauty-Konzern von der wachsenden Nachfrage im Bereich ästhetischer Massnahmen wie Faltenglättung. Auf sogenannte Injectables entfallen über 50% des Umsatzes. Der sensationelle Siegeszug der GLP-1 Abnehmmittel steigert die Nachfrage, da Gewichtsverluste mit erhöhter Faltenbildung einhergehen. Die Haut erneuert sich langsamer im Verhältnis zum Tempo, in dem Körpermasse abgebaut wird.
Guidance wurde 2025 zweimal angehoben
Das Resultat sind beschleunigte Wachstumsraten sowohl beim Umsatz wie beim operativen Ergebnis. Im laufenden Jahr ist die Guidance bereits zweimal angehoben worden. In den ersten neun Monaten erhöhte sich der Umsatz um 14,7%. Im dritten Quartal lag die Zuwachsrate allerdings bei 28,9%. Ein Grund waren die Brände in Kalifornien zu Beginn des Jahres, bei denen mehrere Beauty-Kliniken abgebrannt sind. Also teilweise ein Nachholeffekt. Für das Gesamtjahr erwartet Galderma nun ein Umsatzwachstum von bis zu 17,7%. Auch das Ziel bei der EBITDA-Marge wurde auf nun bis zu 23,6% erhöht. Die aktuelle Marktkapitalisierung von 38 Mrd. CHF liegt beim Zehnfachen des Umsatzes von 2024. Das scheint hoch, doch bei Straumann liegt der Faktor sogar bei 15, obwohl die Aktie schon vier Jahre seitwärts läuft. Kurskorrekturen bei Galderma wird es zweifellos geben, doch deutlich zweistellige Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn können in der gegenwärtigen Konjunkturflaute nur wenige Unternehmen bieten. Der Ausblick für die Aktie bleibt somit positiv.
Hohe Erwartungen wurden 2025 enttäuscht
Im Jahr 2025 waren die Erwartungen an den Schweizer Primärmarkt hoch. In Bankenkreisen und aus dem Umfeld der SIX war die Rede von bis zu 15 IPOs, wenn sich das IPO-Fenster öffnen würde. Konzernabspaltungen, Tech-Einhörner, Familiengesellschaften und junge, innovative Unternehmen, also die gesamte Bandbreite von potenziellen Börsenkandidaten, würden den Markt beleben. Immerhin zwei Börsengänge gab es dann tatsächlich, erst BioVersys, dann die Swiss Marketplace Group (SMG). Weltweit kamen die Primärmärkte nach zögerlichem Start im Laufe des Jahres ziemlich in Fahrt, vor allem in den USA und China. Einzig die europäischen Börsenplätze verzeichneten Rückgänge. Im Nachbarland Deutschland gab es beispielsweise auch nur zwei echte IPOs, Pfisterer und Ottobock. Laut EY stiegen die globalen Emissionserträge 2025 um einen Drittel auf 1.64 Mrd. USD. In Europa sank die Zahl der Börsengänge von 131 im Vorjahr auf 100.
BioVersys bereichert SIX
Der Spin-off von der ETH Zürich, BioVersys, kam im März 2025 als erstes IPO des Jahres an die SIX. Der Spezialist für Therapeutika gegen multiresistente Keime sammelte den überschaubaren Betrag von 80 Mio. CHF ein. Mit dem Emissionserlös werden die laufenden und geplanten klinischen Studien finanziert. Die Aussichten für die Marktzulassungen sind positiv einzuschätzen. Die Wirksamkeit ist überzeugend und der medizinische Bedarf hoch. Die Sterberaten bei MRSA-Infektionen von Tuberkulose-Patienten können bis zu 50% betragen. Die herkömmlichen Antibiotika haben ihre Wirksamkeit weitgehend verloren. Laut WHO ist TBC mit über 1.3 Mio. Sterbefällen jährlich schon seit 2023 die tödlichste Infektionskrankheit.
Längerfristiger Anlagehorizont gefragt
Die Aktie wurde zu 36 CHF platziert, ist jedoch zwischenzeitlich bis auf 21.50 CHF Ende November gefallen. Das Kursmuster entspricht dem anderer Schweizer Biotechs, die den Gang an die Börse vollzogen haben. Es liegt an den langwierigen Studien und dem entsprechenden News-Flow. Fantasie kommt bei den Marktteilnehmern erst auf, wenn Fakten geschaffen werden, wie zuletzt bei Cosmo nach sehr überzeugenden Ergebnissen von zwei Phase-III-Studien zur Wirksamkeit eines neuartigen Mittels gegen Haarausfall bei Männern. Es handelt sich um einen Multi-Milliarden-Markt. Die Aktie schoss innerhalb weniger Tage um 40% in die Höhe. BioVersys ist bis 2028 durchfinanziert. Investoren brauchen Geduld, denn die Studien der beiden Lead-Kandidaten befinden sich zwar auf gutem Weg, sind jedoch vom Ende der Phase III noch entfernt. Im Jahresverlauf 2026 dürfte es weitere News zur Entwicklung geben.
Der Aktienkurs von BioVersys ist seit dem IPO stark zurückgekommen. Chart: six-group.comGutes Timing der Verkäufer beim SMG IPO
Beim Börsengang der Swiss Marketplace Group im September schien alles zu stimmen. Der Markt sehnte sich nach einem IPO und war durch Pre-Marketing auch gut auf die Wachstumsstory eingestimmt. Rückblickend hohe Wachstumsraten, eine steigende und hohe EBITDA-Marge sowie eine beherrschende Marktstellung in der Schweiz liessen ein starkes Interesse der Investoren erwarten. Zudem verpflichteten sich zwei namhafte Cornerstone Investoren zum Kauf eines beträchtlichen Teils der angebotenen Aktien bis hin zum Höchstpreis der Bookbuilding-Spanne. Nicht zuletzt konnte beim IPO auf die starke Performance der Peer-Group-Unternehmen verwiesen werden sowie deren Bewertungen. Zugeteilt zu 46 CHF, stieg die Aktie des Börsendebütanten am ersten Handelstag bis auf 50 CHF. Danach jedoch ging es in zwei grossen Wellen abwärts bis auf 28.70 CHF im Tief.
Das IPO von SMG war für die Erstzeichner bisher ein Verlustgeschäft. Chart: six-group.comVergleich zu Spin-offs an der SIX
Die bei der IPO-Analyse auf schweizeraktien.net geäusserte zurückhaltende Einschätzung zu den Kursperspektiven hat sich leider vom zweiten Handelstag an bestätigt. Wer nicht sofort am ersten Handelstag verkauft hat, liegt im Verlust. Bei den Aktien der Peer-Group-Unternehmen hat sich die im Sommer begonnene Korrekturbewegung verstetigt. Aus Investorensicht zahlt es sich eben immer aus, auch über die Motive und das Timing der Aktienverkäufer zu reflektieren, insbesondere, wenn der Börsengang nicht der Finanzierung des Unternehmens dient. Eine vergleichende Analyse der Spin-offs an der SIX im Zeitraum 2023 bis 2025 zeigt, dass die drei Aktien keine Verluste gebracht haben. Bei Sandoz hat sich der Kurs seit dem ersten Handelstag mehr als verdoppelt. Sunrise bewegt sich nach zeitweilig höheren Kursen zumindest auf dem Kursniveau des ersten Handelstages, und Amrize liegt immerhin 10% höher.





