
Ein Börsengang ist einer der prägendsten Schritte in der Geschichte eines Unternehmens – oftmals sogar der wichtigste. Die Beweggründe für ein Initial Public Offering (IPO) können dabei sehr unterschiedlich sein: Mit dem frischen Kapital soll Wachstum finanziert, die Kapitalstruktur gestärkt oder Fremdkapital refinanziert werden. Teilweise geht es auch darum, Altaktionären einen geordneten Ausstieg zu ermöglichen oder die Nachfolge im Aktionariat zu regeln. Genau diese Vielfalt wurde am Kick-off-Event der fünften SIX IPO Academy deutlich.
Neun Unternehmen werden in den kommenden Monaten das Ausbildungsprogramm der SIX Swiss Exchange durchlaufen. Das Ziel: sich organisatorisch, finanziell und strategisch auf einen möglichen Börsengang vorzubereiten. Wenn das Marktumfeld mitspielt, könnte eines dieser Unternehmen bereits in ein bis zwei Jahren den Kurszettel der SIX bereichern.
Das IPO-Fenster ist derzeit nur halb geöffnet
Das oft zitierte «Fenster für Börsengänge» steht derzeit in der Schweiz lediglich halb offen. Zwar befinden sich die Aktienmärkte grundsätzlich in einer konstruktiven Verfassung: Der US-Markt notiert nahe historischen Höchstständen, die Bewertungen liegen vielerorts über den langfristigen Durchschnittswerten, und auch die Zinsen entwickeln sich zunehmend IPO-freundlich. Gleichzeitig sorgen geopolitische Unsicherheiten und eine erhöhte Volatilität für Zurückhaltung.
Insbesondere die jüngsten geopolitischen Spannungen und die erhöhte Unsicherheit an den Finanzmärkten erschweren den optimalen Zeitpunkt für einen Börsengang. Denn Unternehmen und die involvierten Investmentbanken verfolgen dasselbe Ziel: Bei einer Transaktion den bestmöglichen Preis für die Aktien zu erzielen.
Entsprechend überschaubar präsentiert sich bislang die Bilanz an der SIX in diesem Jahr: Mit dsm-firmenich und Centiel gab es lediglich zwei neue Listings in Zürich. Gleichzeitig betonten Vertreter der SIX am Anlass, dass die IPO-Pipeline gut gefüllt sei und das aktuelle Zinsumfeld grundsätzlich für mehr Aktivität sprechen würde.
Mindestens 5 IPOs pro Jahr möglich
Fabian Gerber, Head Origination bei der SIX Swiss Exchange, hält in einem normalen Marktumfeld mindestens fünf Börsengänge pro Jahr in der Schweiz für realistisch. Auch wenn diese Zahl in den vergangenen Jahren nicht erreicht wurde, erscheint die Einschätzung nicht unrealistisch. Über 60 Unternehmen haben allein in den vergangenen fünf Jahren die IPO Academy durchlaufen.
Dass aus Teilnehmern tatsächlich Börsenkandidaten werden können, zeigen Beispiele wie BioVersys oder die SMG Swiss Marketplace Group, die beide Alumni des Programms sind. Dennoch zeigt sich aktuell auch die Herausforderung des Marktumfelds: Sowohl SMG als auch BioVersys notieren derzeit unter ihrem Ausgabepreis – ein Faktor, der potenzielle Emittenten vorsichtig werden lässt.
Die Einschätzung von Fabian Gerber und Sascha Hilber, Head Primary Markets bei der SIX, fällt deshalb differenziert aus: Die IPO-Ampel stehe derzeit auf «gelb-grün». Attraktive Bewertungen und hohe Aktienkurse sprechen für Börsengänge, geopolitische Risiken und eine teilweise enttäuschende Entwicklung jüngerer IPOs dagegen.
Wachstum, Schuldenabbau oder Exit: Die Gründe sind vielfältig
Der Blick auf vergangene Schweizer Börsengänge zeigt, wie unterschiedlich die Motive sein können. Während Unternehmen wie Centiel, Medmix oder BioVersys den Kapitalmarkt zur Finanzierung ihres Wachstums nutzten, stand bei Galderma die Refinanzierung von Verbindlichkeiten im Vordergrund. Beim Börsengang von Stadler wiederum spielte die Möglichkeit für bestehende Aktionäre, einen Teil ihrer Beteiligung zu veräussern, eine wichtige Rolle.
Auch unter den diesjährigen Teilnehmern der IPO Academy befinden sich Unternehmen mit unterschiedlichen Zielsetzungen: Wachstum finanzieren, Schulden reduzieren oder Altaktionären eine Exit-Möglichkeit bieten. Auffällig ist zudem die steigende Bedeutung von Private-Equity-Gesellschaften.
«Wir werden künftig mehr IPOs aus dem Private-Equity-Umfeld sehen, da viele Fonds nach acht bis zehn Jahren auslaufen und Beteiligungen veräussern müssen», erklärte ein Corporate-Finance-Berater einer Investmentbank am Rande des Kick-off-Events.
IPO Academy: Mehr als nur Theorieunterricht
Die SIX IPO Academy versteht sich als praxisorientiertes Ausbildungsprogramm für potenzielle Börsenkandidaten. Über mehrere Monate werden die Teilnehmer systematisch auf die Anforderungen des Kapitalmarkts vorbereitet. Themen reichen von IPO-Strukturen und rechtlicher Vorbereitung über Finanzberichterstattung und Corporate Governance bis hin zur Equity Story, Investor Relations und Krisenkommunikation. Workshops zu Prospekterstellung, Vergütungsmodellen nach dem Börsengang oder Bewertungsfragen ergänzen das Programm. Ein besonderer Fokus liegt auf Pitching-Sessions und dem direkten Austausch mit institutionellen Investoren. «Wir spüren bei Schweizer Unternehmen weiterhin ein grosses Interesse für das Thema IPO», berichtet Fabian Gerber, der die IPO Academy seit fünf Jahren begleitet.
Vom Industrieunternehmen bis zum Robotik-Spezialisten
So unterschiedlich die Beweggründe für einen Börsengang sind, so breit ist auch das Teilnehmerfeld der diesjährigen Academy. Reife Industrieunternehmen mit globalem Vertrieb gehören ebenso dazu wie Wachstumsunternehmen aus den Bereichen Life Sciences oder Robotik.
Wer in einigen Jahren an der SIX den Sprung aufs Parkett wagt, entscheidet letztlich nicht nur die Qualität des Unternehmens, sondern auch das Marktfenster. Die IPO Academy sorgt jedoch dafür, dass die Kandidaten vorbereitet sind, wenn sich dieses Fenster wieder vollständig öffnet.





