
Nach dem IPO im April 2019 startete Medacta mit Kursen um die 100 CHF an der SIX. Meist ist es ruhig um den Orthopädie-Spezialisten aus dem Tessin, die Aktie zeigt eine stetige, doch unspektakuläre Entwicklung, war jedoch im Jahr 2025 einer der best-performenden Medizinaltechnik Unternehmen mit einer Wertsteigerung von über 40%. Tatsächlich hat sich das Umsatzvolumen jedoch seit dem Börsengang auf 683.8 Mio. Euro gut verdoppelt. Der Gewinn stieg 2025 um 31% auf 95.5 Mio. Euro, die adjustierte EBITDA-Marge erreicht eindrucksvolle 29%.
Im Interview mit schweizeraktien.net erklärt CEO Francesco Siccardi, was Medacta auszeichnet, wie es sich von Konkurrenten differenziert und wie die Covid-Krise das Wachstum sogar beschleunigt hat. Siccardi macht auch das Hauptdifferenzierungsmerkmal der individualisierten Lösungen von Medacta deutlich und sagt, warum die patientenorientierte Herangehensweise das Wachstum weiterhin antreiben wird.
Herr Siccardi, das Geschäftsjahr 2025 war für Medacta ein aussergewöhnliches Jahr. Der Umsatz stieg um 18,5 %, der Nettogewinn um 31 %, und die Dividende soll in Ihrer Berichtswährung Euro um bis zu 59,4 % steigen. Was sind die Hauptgründe für dieses starke Wachstum und die Margenausweitung?
Ich freue mich sehr über unser weiterhin aussergewöhnliches Wachstum von 18,5 % im Jahr 2025, das trotz starker Vergleichswerte aus dem Vorjahr erzielt wurde. Um solche Wachstumsraten zu erreichen, die etwa viermal über dem Markt liegen, benötigen wir nicht nur differenzierte innovative Produkte, Techniken und Technologien, sondern auch eine starke Unternehmenskultur, die Talente anzieht und Chirurgen gewinnen.
«Ich freue mich sehr über unser weiterhin aussergewöhnliches Wachstum von 18,5 % im Jahr 2025»
Innovation und Kultur sind die zwei Schlüsselelemente, auf die ich mich jeden Tag konzentriere. Wir werden die Strategie der vergangenen Jahre fortsetzen. Das bedeutet, dass wir weiterhin überdurchschnittliches Wachstum in unseren Kerngeschäften erwarten, also bei Hüft- und Knieimplantaten. Darüber hinaus gibt es weitere Bereiche wie Schulter, Wirbelsäule und Sportmedizin. Auch diese Bereiche werden künftig tragende Säulen unserer Entwicklung sein. Unser Ziel ist es, weiterhin schneller als der Markt zu wachsen.
Bevor wir ins Detail gehen: Können Sie den Leserinnen und Lesern bitte kurz und prägnant erklären, was Medacta genau macht, wie sich das Unternehmen von anderen Medtech-Unternehmen an der SIX und anderen Börsen unterscheidet und worin die Wettbewerbsvorteile liegen?
An der SIX sowie an anderen Börsen sind viele unterschiedliche kotierte Medtech-Unternehmen vertreten, darunter Orthopädie, Dentaltechnik, Hörgeräte, kardiovaskuläre Geräte, Diagnostik und viele weitere Bereiche. Sie unterscheiden sich alle stark voneinander.
Medacta ist ein globaler Schlüsselakteur, der differenzierte und innovative orthopädische Implantate, Produkte, chirurgische Techniken und Technologien für Hüfte, Knie, Schulter, Wirbelsäule und Sportmedizin anbietet. In der Schweiz ist Medacta das einzige kotierte Orthopädieunternehmen, das personalisierte und nachhaltige Lösungen für Gelenkersatz, Sportmedizin sowie Wirbelsäulenchirurgie anbietet.
Wir engagieren uns dafür, die Versorgung und das Wohlbefinden der Patienten zu verbessern und gleichzeitig einen starken Fokus auf die Entlastung der Gesundheitssysteme zu legen. Dank unserer engen Zusammenarbeit mit führenden Chirurgen weltweit, unserer kontinuierlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie dem Einsatz modernster Technologien priorisieren die differenzierten Innovationen von Medacta minimalinvasive Chirurgie und personalisierte Lösungen für jeden Patienten. Darüber hinaus unterstützt Medacta über das M.O.R.E. Institute Chirurgen mit einem umfassenden und massgeschneiderten Programm zur Förderung der medizinischen Weiterbildung und ermöglicht gleichzeitig ein globales Netzwerk sowie eine Austauschplattform für Chirurgen weltweit.
Ihr Familienunternehmen wird mittlerweile in der zweiten Generation geführt. Wie bauen Sie als CEO konkret auf den Leistungen Ihres Vaters auf – und was machen Sie anders?
Ich habe viel vom Führungsstil meines Vaters gelernt und versucht, dies so weit wie möglich umzusetzen, wenn es darum geht, Ziele zu definieren, sie mit meinem Team zu teilen und den täglichen Fokus aller Mitarbeitenden auf diese Ziele auszurichten. Angesichts der Tatsache, dass sich die Unternehmensgrösse seit 2018, als ich die Führung übernommen habe, nahezu verdreifacht hat, muss ich mich viel stärker auf mein Team verlassen, damit unsere Strategien erfolgreich umgesetzt werden. Gleichzeitig haben wir mit unseren Schlüsselpersonen ein sehr starkes Fundament geschaffen, auf dem wir unsere jüngsten Erfolge aufbauen.
«Ich habe viel vom Führungsstil meines Vaters gelernt und versucht, dies so weit wie möglich umzusetzen (…)»
Medacta wird heute in der zweiten Generation geführt. Seit mein Vater Medacta gegründet hat, richten sich unsere Entscheidungen darauf aus, das Wohlbefinden und die Behandlungsergebnisse der Patienten zu verbessern. Die Tatsache, dass unser Unternehmen von einem Patienten gegründet wurde, prägt unsere Kultur stark. Das ist kein Marketing, sondern gelebte Realität. Konsequentes Handeln und Entscheiden im Sinne von Innovation und Unternehmenskultur zahlen sich langfristig aus. Wenn man nah an seinen Kunden bleibt, ihre unerfüllten klinischen Bedürfnisse versteht und intern investiert, kann man Märkte verändern, statt ihnen nur zu folgen.
Das 1958 von Ihrem Grossvater gegründete Unternehmen Bieffe Biochimici wurde 1997 an den US-Konzern Baxter verkauft. Medacta wurde dann 1999 von Ihrem Vater gegründet. Was können Sie unseren Leserinnen und Lesern über Wettbewerbsvorteile, Kontinuität und Strategie sagen?
Obwohl das Unternehmen meines Grossvaters ebenfalls im Gesundheitssektor tätig war, verkaufte es Infusionslösungen und hatte daher keinen Bezug zur Orthopädie. Medacta wurde gegründet, nachdem mein Vater nach zwei Hüftoperationen negative Erfahrungen gemacht hatte. Er war überzeugt, dass man es in diesem Bereich besser machen und die Behandlungsergebnisse der Patienten verbessern kann. Deshalb gründete er Medacta im Alter von 57 Jahren mit dieser Mission und Philosophie: die Behandlungsergebnisse der Patienten zu verbessern. Das ist bis heute der Antrieb von Medacta. Wir richten unseren Fokus vollständig auf das Wohlbefinden der Patienten und treffen unsere Entscheidungen stets unter diesem Gesichtspunkt. Die Tatsache, dass unser Unternehmen von einem Patienten gegründet wurde, prägt unsere Kultur stark. Darüber hinaus verbinden wir Innovation mit medizinischer Ausbildung. Wir bringen neue Produkte auf den Markt, die häufig die Branche verändern. Gleichzeitig unterstützen wir Chirurgen dabei, diese neuen Produkte sicher anzuwenden.
Die Familie Siccardi hält 69,5 % der Aktien. Wird Medacta eines Tages ebenfalls einen neuen Eigentümer haben?
Wir haben offen kommuniziert, dass die Familie kurz- bis mittelfristig nicht beabsichtigt, ihre Beteiligung zu verkaufen.
Der Wettbewerb in den Bereichen Gelenkersatz, Schulter-, Wirbelsäulen-, Hand- und Fusschirurgie verschärft sich enorm, wobei chirurgische Roboter und KI eine immer wichtigere Rolle spielen. Wie behauptet sich Medacta gegenüber Branchengrössen wie Stryker und Zimmer Biomet, und wie differenzieren Sie sich?
Die Philosophie von Medacta besteht darin, die Behandlungsergebnisse der Patienten auf wirtschaftlich nachhaltige Weise für das Gesundheitssystem zu verbessern. Unsere digitalen Lösungen, die bei mehr als 40 % unseres Umsatzvolumens eingesetzt werden, basieren primär auf NextAR Augmented Reality. Darüber hinaus ist das personalisierte MySolutions-Ökosystem von Medacta ein Netzwerk fortschrittlicher digitaler Lösungen, das personalisierte Chirurgie ermöglicht und in den Mittelpunkt stellt.
«Personalisierte Lösungen zusammen mit minimalinvasiver Chirurgie sinD die zwei wichtigsten Prioritäten im Bereich Innovation»
Wir haben Roboter und unterschiedlichste Instrumente eingesetzt, um während der Operation eine exakte Positionierung zu erreichen, doch dies verbesserte die Behandlungsergebnisse der Patienten nicht. Eine Studie aus Australien vor rund eineinhalb Jahren zeigte, dass es keinen Unterschied in den Ergebnissen zwischen Patienten gab, die mit Unterstützung eines Roboters operiert wurden, und solchen, bei denen dies nicht der Fall war. Um ein Beispiel im Bereich Knie zu geben: Als wir verstanden haben, dass jeder Patient eine patientenspezifische Positionierung seines Knieimplantats benötigt, konnten wir eine deutliche Verbesserung der Behandlungsergebnisse erzielen. Dies ist unabhängig davon, ob ein Roboter oder andere chirurgische Navigationstechnologien eingesetzt werden. Deshalb sind personalisierte Lösungen zusammen mit minimalinvasiver Chirurgie die zwei wichtigsten Prioritäten im Bereich Innovation. Darauf konzentriert sich Medacta. Wir müssen kontinuierlich innovativ sein und nach Lösungen suchen, die die chirurgischen Ergebnisse für Patienten verbessern. Das Schlimmste wäre, wenn wir aufgrund unseres Erfolgs selbstzufrieden würden und aufhören würden, das wirklich Wichtige zu tun – nämlich die Zufriedenheit der Patienten durch Innovation zu verbessern.
Ausbildung, Wissenstransfer sowie medizinisches und soziales Engagement heben Medacta deutlich hervor. Wie gelingt es Ihnen angesichts des massiven Kostendrucks in den Gesundheitssystemen, trotz solcher Bildungsangebote hochprofitabel zu bleiben?
Die medizinische Weiterbildung und die personalisierte Ausbildung von Chirurgen sind eine der drei wichtigsten Säulen des Erfolgs von Medacta. Die medizinische Weiterbildung ist in der Erfolgsrechnung unter Marketing und Vertrieb enthalten, und dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren gemessen am Umsatz sogar zurückgegangen. Zudem haben wir aus der Coronavirus-Pandemie gelernt. Wir haben die Lieferkette von einem Problem in eine Chance verwandelt. Während andere Unternehmen Mitarbeitende entliessen, holten wir unsere Produktionsmitarbeitende in die Schweiz. Wir brachten sie in Hotels in der Umgebung unter, damit wir weiterhin mit voller Kapazität produzieren und unsere Lagerbestände aufbauen konnten. Nach der Krise waren wir sofort lieferfähig, während viele Wettbewerber keine Produkte auf Lager hatten. Gleichzeitig senkten wir die Produktionskosten und steigerten das Volumen durch Automatisierung – das Unternehmen konnte seine Grösse verdoppeln und die Bruttomarge stabil halten.
Was können Sie uns über Ihre Stiftung erzählen?
Die Stiftung, die 2011 gegründet wurde, unterstützt Projekte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Sie begann mit der Einrichtung einer betrieblichen Kinderkrippe namens My Baby 0-3, um Berufs- und Privatleben besser vereinbaren zu können: eine betriebliche Kindertagesstätte, die auch Familien aus der Region offensteht. Ziel war und ist es, Eltern zu unterstützen, den Wiedereinstieg von Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub ins Berufsleben zu fördern und die Vereinbarkeit von Arbeit, Ausbildung und Familie zu stärken. Anschliessend weitete die Stiftung ihre Aktivitäten auf umfassendere Bildungsangebote und sozial nützliche Projekte aus – Letztere nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Drei zentrale Bereiche der Stiftung sind: Förderung der neuen Generation mit My School Ticino 0-10, Beteiligung an sozialen Projekten mit My Giving sowie medizinische Unterstützung mit My Mission.
Bei Medacta herrscht eine Innovationskultur, und der Patient steht im Mittelpunkt. Wie gelingt es Ihnen, den Markt mit konstant überdurchschnittlichen Wachstumsraten zu durchdringen, obwohl Gesundheitssysteme immer weniger Zeit pro Patient haben und generell Automatisierungslösungen gegenüber individualisierten Behandlungen bevorzugen?
Wie bereits erwähnt, verbinden wir Innovation und medizinische Weiterbildung. Wir bringen differenzierte und innovative Produkte auf den Markt, die diesen häufig verändern. Gleichzeitig unterstützen wir Chirurgen im Rahmen unseres medizinischen Ausbildungsprogramms dabei, diese neuen Produkte sicher einzusetzen. Auf diese Weise verändern wir nicht nur Technologien, sondern stellen auch sicher, dass sie korrekt angewendet werden – zum Nutzen der Patienten ebenso wie der Chirurgen. Schliesslich möchte wohl niemand der erste Patient eines Chirurgen sein, der etwas Neues zum ersten Mal ausprobiert.
«Wir verbinden Innovation und medizinische Weiterbildung»
Unsere Implantate machen nur einen Bruchteil der Gesamtkosten eines chirurgischen Eingriffs aus. Gleichzeitig bieten wir Techniken und Technologien an, die minimalinvasive sowie personalisierte Lösungen ermöglichen, was nicht nur effizientere Eingriffe unterstützt, sondern auch zur Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme beiträgt.
Ihr Unternehmen ist inzwischen in 70 Ländern aktiv. Sehen Sie bedeutende Unterschiede zwischen den Märkten in Europa, Amerika und Asien-Pazifik? Was könnte ein etwas stagnierendes Europa von anderen Regionen oder Ländern lernen, um sein Gesundheitssystem zu verbessern?
Ja, wir sind in mehr als 70 Ländern tätig, mit Schwerpunkt auf den Vereinigten Staaten, Europa, Australien und Japan. Betrachtet man die Wachstumsraten der vergangenen drei Jahre, haben all diese Regionen in unterschiedlichem Ausmass zum Gesamtwachstum der Gruppe beigetragen.
Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Anforderungen und regulatorische Standards. Diese hier alle aufzuzählen, würde wahrscheinlich den Rahmen dieses Interviews sprengen. Um jedoch ein Beispiel zu nennen: Die Zeit bis zur regulatorischen Zulassung kann je nach Region erheblich variieren. Während dies in den USA nur wenige Monate dauern kann, dauert es in der Europäischen Union derzeit zwei bis drei Jahre. Darauf muss man sich einstellen. Allerdings ist der längere Zeitraum bis zur regulatorischen Zulassung nachteilig für Patienten, die dringend auf innovative Lösungen für ungedeckte medizinische Bedürfnisse warten – insbesondere dann, wenn diese Lösungen in anderen Ländern bereits verfügbar sind.
Sie planen, weiterhin in hohem Tempo zu wachsen. Was können Medacta-Aktionäre bis 2030 erwarten?
Ein grösseres Unternehmen. Seit mehreren Jahren erzielen wir deutlich über dem Markt liegendes Wachstum, und unser Ziel ist es, weiterhin schneller als der Markt zu wachsen und in drei bis fünf Jahren einen Umsatz von einer Milliarde CHF zu erreichen. Wir haben einen klaren internen Plan, den jeder im Unternehmen kennt, und hoffen, dieses Ziel zu erreichen.
«Seit mehreren Jahren erzielen wir deutlich über dem Markt liegendes Wachstum»
Trotz Expansion und hoher Investitionen steigert Medacta kontinuierlich die EBITDA-Margen und erreicht bis 2025 bereinigt 27,9 %. Was ist Ihr Ziel, und wie sieht Ihre künftige Dividendenpolitik aus?
Mittelfristig erwartet Medacta eine kumulierte jährliche Wachstumsrate des Umsatzes (CAGR) von 12 % bis 15 % für den Zeitraum 2024–2027E bei konstanten Wechselkursen sowie eine schrittweise Verbesserung der bereinigten EBITDA-Marge gegenüber 2025, ebenfalls bei konstanten Wechselkursen und vorbehaltlich unvorhergesehener Ereignisse.
In Bezug auf die Dividende diskutiert der Verwaltungsrat jedes Jahr, wie hoch die Dividende für das kommende Jahr ausfallen soll, und unterbreitet seinen Vorschlag der Generalversammlung zur Abstimmung. In der Vergangenheit haben wir – mit Ausnahme eines Jahres nach COVID, in dem die Dividende unverändert blieb – unsere Dividende stets Jahr für Jahr erhöht.
Vielen Dank für die klaren Antworten, Herr Siccardi. Die Leser verstehen Medacta nun bestimmt besser.






