Indien: Healthcare-Markt setzt globale Impulse

Langfristige Wachstumsraten von 22% im Healthcare-Sektor locken

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Rund 40% der globalen Produktionskapazitäten der Pharma-Industrie sind heute in Indien angesiedelt. Bild: stock.adobe.com

Derzeit wird in der «grössten Demokratie der Welt» gewählt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 1.4 Mrd. Menschen sind sechs Wochen angesetzt, sodass jeder Wahlberechtigte komfortabel und in nächster Umgebung sein Wahlrecht ausüben kann. Das nationale Gesundheitssystem durchläuft einen beschleunigten Wandel und verbessert sich rapide. Nachdem Indien schon zur «Apotheke der Welt» avanciert ist, sorgen die Life Sciences weiterhin für schnell getaktete globale Wachstumsimpulse, die zunehmend auch von westlichen Konzernen und Investoren genutzt werden.

Die Gesundheit einer so grossen Bevölkerung nachhaltig zu verbessern, ist eine wahre Herkulesaufgabe. In den ersten sechs Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit wurden zwar Fortschritte erzielt, doch die Mittel für den Sprung nach vorne haben dem Entwicklungsland einfach gefehlt. Erst das Wirtschaftswunder des letzten Jahrzehnts, das Indien zur Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft hat werden lassen, hat dies geändert. Unter dem Premierminister Narendra Modi ist die indische Volkswirtschaft nun richtig ins Laufen gekommen. Die verbesserten Lebensbedingungen, sowohl wirtschaftlich als auch bei Bildung, Gesundheit und Infrastruktur, haben Modis Chancen, nun wiedergewählt zu werden, deutlich gesteigert.

BSE Sensex Index
Der BSE Sensex (Bombay Stock Exchange Sensitivity Index) zeigt sich mit mächtig Aufwind. Quelle: bseindia.com

Der Boom

Das Gesundheitssystem wurde von der Regierung in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut. 2022 flossen 2,1% des BIP oder 63 Mrd. USD in die Verbesserung. Ziel sind 2,5%. Noch 2016 lag das Healthcare-Marktvolumen in Indien bei 110 Mrd. USD. 2022 waren es bereits 372 Mrd. USD – und für 2025 werden 650 Mrd. USD prognostiziert. Die jährliche Wachstumsrate seit 2016 beträgt somit 22%.

Eckdaten des Gesundheitswesens

Nach Angaben der Weltbank, der staatlichen Statistikbehörde und ähnlicher Quellen verfügt Indien über 0.9 Ärzte je 1000 Einwohner. Das ist die Hälfte des globalen Durchschnittswerts von 1.8 und ein Bruchteil der Werte westlicher Länder. Die Anzahl der Krankenhausbetten liegt bei 0.5 je 1000 Einwohner und soll auf 3.5 erhöht werden. Die Herausforderungen sind vielfältig. Es braucht Kliniken auch in sogenannten Tier-2- und Tier-3-Städten jenseits der Metropolen, um den Zugang für weite Teile der ländlichen Bevölkerung zu verbessern. Viele Inder, nach staatlichen Angaben 80%, haben weder eine private noch staatliche Krankenversicherung, was im Krankheitsfall zu ruinösen Kosten führen kann. Hier sorgt das staatliche Universal Healthcare Coverage-Programm für Abhilfe. Es soll eine bessere Gesundheitsversorgung für 500 Mio. Inder bringen und wird konsequent ausgebaut.

Schwerpunkte Diagnostik, Telemedizin und Homecare

Die Schwerpunkte bilden Massnahmen, die einen grossen Impact haben. Dazu zählen laut Regierung Diagnostik, Telemedizin und Homecare. Durch die weite Verbreitung von Internet-Plattformen und -Tools sowie Smartphones hat sich die Nachfrage nach E-Health-Services stark belebt. Sogar Fern-Diagnosen und -Monitoring sind heute Realität. Auch wenn sich die Investitionen in Kliniken in den letzten Jahren vervielfacht haben, die weitaus meisten Patientinnen und Patienten werden noch immer zuhause behandelt. Am Anfang steht jedoch die Diagnostik, gerade bei Zivilisations- und Armutskrankheiten wie Diabetes, Krebs, Tuberkulose oder Eisenmangel. Geeignetes Fachpersonal muss erst ausgebildet werden, um die Transformation des indischen Gesundheitssystems nachhaltig und im gegenwärtigen Tempo weiterführen zu können.

Private Equity im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Für den Transformationsprozess ist Kapital und Know-how aus entwickelten Ländern wichtig, um die ambitionierten Ziele auch erreichen zu können. Der Boom im Hospital-Sektor während der letzten Jahre ist nicht nur durch staatliche Investitionen, sondern auch durch westliche Kapitalinjektionen zustande gekommen. Viele Milliarden USD sind geflossen, oft über sogenannte Public Private Partnerships, kurz PPP. Den Grossteil des Investments haben jedoch Private-Equity-Investoren wie Apollo und Fortis geleistet, allein 4 Mrd. USD in 2023. Diese Player expandieren nun ihre Klinik-Ketten jenseits der Metropolregionen. Laut EY entfielen 62% der PE/VC-Investitionen im Healthcare-Segment 2023 auf Kliniken. Der Erwerb der Mehrheit an Manipal Health durch Temasek, den Staatsfonds Singapurs, für 3 Mrd. USD war die bisher grösste Transaktion im indischen Healthcare Universum.

Big Pharma

In ähnlicher Weise agiert die westliche Pharma-Industrie. Nahezu alle internationalen Player wie Roche, Novartis, Bristol Myers Squibb, Sanofi und GSK nutzen die Expertise und die vergleichsweise tiefen Kosten in Indien für ihre Forschung & Entwicklung. Da es oft um hohe Milliardenumsätze geht, kann ein Zeitvorsprung über kommerziellen Erfolg oder Fehlinvestition entscheiden. Wie agil die indische Industrie ist, zeigt sich schon daran, dass sie zum grössten Produzenten von Generika aufgestiegen ist und nun das Ziel verfolgt, zum grössten Impfstoffhersteller zu werden.

Grosse Ambitionen

Während der Pandemie haben indische Pharma-Produzenten fast 160 Länder mit dringend benötigten Medikamenten versorgt, was das Ansehen des Landes in den Ländern im globalen «Süden» gesteigert hat. Wenig verwunderlich sind aus der Schweiz auch Lonza und Sandoz schon lange in Indien präsent. Heute sind in Indien rund 40% der globalen Produktionskapazitäten der Pharma-Industrie angesiedelt. Insgesamt sind rund 12’500 indische Unternehmen im Healthcare-Sektor aktiv: Kliniken, Versicherungen, Pharma, Biotech, Medtech, Klinische Versuche, Telemedizin und Medizin-Tourismus.

Tropische Krankheiten und Vakzine im Fokus

Die westlichen Pharma-Konzerne hatten bis zur Covid-Pandemie die Vakzin-Forschung stark vernachlässigt oder ganz aufgegeben. Dabei nimmt die Ausbreitung von Infektionskrankheiten auch durch Kriege und Naturkatastrophen beständig zu. Nicht zuletzt durch die globale Temperaturerwärmung sind übertragbare tropische Krankheiten wie Malaria auch in gemässigten Zonen auf dem Vormarsch.

Medtech vor Wachstumsschub

Auch der Medtech-Subsektor floriert. Noch 2020 lag das Marktvolumen bei 10.6 Mrd. USD, ist aber nun auf bestem Kurs, die 50-Mrd.-USD-Marke bis 2030 zu erreichen. Innovative Medizingeräte und wissenschaftliche Fortschritte in der Diagnostik setzen vielfältige Wachstumsimpulse, die auch von internationalen Marktführern wie Medtronic, Roche Diagnostics und Thermo Fisher Scientific durch ihre Produktion in Indien ausgehen respektive als Marktchance genutzt werden. Der indische Markt ist gross, nur sind die im Westen produzierten Geräte für den Markt zu teuer. Es gibt jedoch wenig Zweifel, dass indische Hersteller, auch in Zusammenarbeit mit westlichen Playern, innerhalb weniger Jahre eine dominierende Rolle einnehmen werden. Vier neue Medtech-Parks werden im Rahmen einer Incentive-Initiative der Regierung geschaffen.

Talente, Wissenschaft und Innovation

Die von der indischen Healthcare-Industrie erzielten Erfolge basieren im Wesentlichen auf der Fähigkeit, das Beste aus beschränkten Mitteln zu machen und dabei sowohl innovativ als auch kosteneffizient zu sein und zu bleiben. Gute Ausbildung und ein grosser und junger Talent-Pool sind wesentlich. Die technologischen und wissenschaftlichen Fortschritte beschleunigen die Entwicklungen, nicht zuletzt durch den Einsatz von IT und KI. Galten bisher durchschnittlich 10 bis 12 Jahre als Entwicklungszeitraum für ein neues Medikament, so sind es heute teilweise weniger als fünf Jahre. Den Schlüssel zu dem erstaunlichen Wachstumstempo bilden die Schaffung von Zugang zu Medikamenten und deren Bezahlbarkeit für den ärmeren Teil der Weltbevölkerung.

Vom Generika-Hersteller zum integrierten Pharma-Konzern

Generika boten der indischen Pharma-Industrie die Gelegenheit, eine Massenproduktion aufzubauen. Heute entfallen 90% aller Verordnungen auf Generika, da diese viel preiswerter als die Originalpräparate sind, deren Patentschutz abgelaufen ist. Generika sind heute überall verfügbar und preiswert. Auf dieser Basis ist es vielen indischen Pharma-Produzenten gelungen, auch anspruchsvollere Segmente zu erschliessen, darunter Vakzine, Biosimilars, HIV-Medikamente und Mittel gegen tropische Krankheiten, da diese von den westlichen Konzernen bisher vernachlässigt worden sind. Mankind erzielte in den letzten fünf Jahren ein jährliches Wachstum von 12%, Sun von 8,4%. Der Marktanteil der grössten 10 Pharma-Produzenten hat sich auf 45,8% erhöht. Weitere Konsolidierung liegt in der Luft. Die M&A Aktivität belebt sich.

Hohes Wachstumstempo

Vor dem Hintergrund eines Wirtschaftswachstums, das auf nahe 10% jährlich bis zum Ende der Dekade geschätzt wird, sollte auch der Gesundheitssektor in Indien sein hohes Tempo von 22% jährlich halten können. Der Sektor erzielte 2023 ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 31%. Wachsender Wohlstand und höhere verfügbare Einkommen, steigende Investitionen und die Multi-Milliarden-Programme der Regierung zur Reformierung und Entwicklung des Gesundheitswesens wirken zusammen und schaffen so einen starken Auftrieb für das gesamte Healthcare-Universum. 14 IPOs aus dem Healthcare-Sektor in 2023 nach 12 im Vorjahr zeigen die Dynamik. Trotz höherer Zinsen stiegen die Kurse der sieben höchstkapitalisierten Healthcare-Aktien 2023 um durchschnittlich über 50%. Damit liegen die Bewertungen aber auch deutlich über den 5-Jahres-Durchschnittswerten und gemessen an KGV- und EV/EBITDA-Kennzahlen auch höher als im Westen. Die KGVs der Pharma-Aktien erreichen teilweise über 40, die EV/EBITDA- Bewertungen reichen bis nahe 30.

Investment mit Discount

Einzelne Investments an der Börse Bombay herauszufiltern und marktnah zu verfolgen, ist schwierig, wenn auch zahlreiche Wirtschaftspublikationen wie «Economic Times» oder «Hindu Business Line» ausführlich berichten. Zudem erscheinen die Bewertungen zu hoch. Um die Chancen in den verschiedenen heissen Sub-Segmenten nutzen zu können, sind eine fundierte Auswahl und eine angemessene Diversifikation notwendig.

Chart HBMN
5-Jahres-Kursverlauf bei HBM Healthcare. Chart: six-group.com

Die an der SIX kotierte Beteiligungsgesellschaft HBM Healthcare ist zwar nicht auf Indien fokussiert, ist dort jedoch als spezialisierter Investor seit vielen Jahren aktiv. Als technologie-orientierter Investor ist HBM zudem in allen interessanten Segmenten des indischen Healthcare-Marktes engagiert – von Telemedizin über Biotech und Medtech bis hin zu Healthcare-IT. Von Börsengängen und M&A-Transaktionen profitiert HBM. Aus Anlegersicht besonders interessant ist die Tatsache, dass der Einstieg mit einem erheblichen Discount erfolgt. Während die Bewertungen an der indischen Börse hohe Prämien aufweisen, liegt der aktuelle Kurs von HBM mehr als 20% unter dem Netto-Inventarwert von 254 CHF.

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