Healthcare Aktien: Wie der Hype um KI und Abnehmspritzen die Börse prägt

Medtech zwischen regulatorischem Blindflug und KI-Innovationen

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Ypsomed partizipiert an dem Boom rund um die sogenannten Abnehmspritzen. Bild: ypsomed.com

Die erfolgsverwöhnte Schweizer Medtech-Industrie bewegt sich seit längerem in einem Spannungsfeld. Einerseits sind die rund 1500 Schweizer Medtech-Unternehmen durch den weggefallenen «privilegierten Marktzugang zur EU» in einem regulatorischen Blindflug, und andererseits revolutionieren technologische Fortschritte und insbesondere die Künstliche Intelligenz den margenträchtigen Medtech-Markt in nie dagewesenem Tempo. Der Umbruch schlägt sich in einer zunehmend differenzierten und volatilen Kursentwicklung nieder.

Die meisten Schweizer Branchenvertreter sind von den Unsicherheiten negativ betroffen, die von dem fehlenden «privilegierten Marktzugang zur EU» ausgehen. Ypsomed habe 20 Mio. CHF aufgewendet und 30 Mitarbeitende drei Jahre lang damit beschäftigt, die Neuzulassung in der EU für 400 Produkte in München zu erreichen, so Ypsomed CEO Simon Michel in einem aktuellen Interview. Nicht jedes Medtech-Unternehmen kann sich solche, eigentlich überflüssige Aufwände leisten. Damit steht zumindest ein Teil der Unternehmen vor schwierigen Entscheidungen, die so oder so Kosten und administrativen Aufwand verursachen, Wettbewerbsnachteile bringen sowie die Margen schmälern.

Die Kluft zur EU wird tiefer

Das grösste Problem ist aber, dass das Bundesamt für Gesundheit blind ist, weil kein Zugriff auf die Eudamed-Datenbank mehr gegeben ist. Pro Jahr gibt es in Europa, so Michel in dem Interview, 6000 Todesfälle oder Verletzungen durch fehlerhafte Medizinalprodukte. Die Identifikation solcher fehlerhaften Produkte wird durch die Eudamed-Datenbank stark erleichtert. Doch nun haben Schweizer Adressen keinen Zugriff mehr. Und ähnliche Schwierigkeiten kommen auf 19 weitere Branchen zu, denn die Medizintechnik war nur die erste, die den privilegierten Marktzugang zur EU verloren hat!

Top-Performer Ypsomed

Ypsomed will bis 2030 neue Produktionsstätten errichten, neue Arbeitsplätze schaffen und 1 Mrd. CHF investieren. Es sollen zwar F&E-Mitarbeitende in der Schweiz eingestellt werden, doch die neuen Fabriken werden in den USA, Deutschland und China entstehen. Als Spezialist für Diabetes und Selbstmedikation und -monitoring profitiert Ypsomed von dem Boom rund um die sogenannten Abnehmspritzen sowie der ständigen Zunahme der Diabetes- und Adipositas-Fälle. Nachdem eine Kooperation mit dem amerikanischen Marktführer Eli Lilly geplatzt war, gelang ein Deal mit dem europäischen Marktführer Novo Nordisk. Damit gewann Ypsomed starken Rückenwind. Die Aktie kann sogar mit den Super-Performern des vergangenen Jahres Novo Nordisk mit 73% Kursgewinn und Eli Lilly mit 114% mithalten. Durch den Hype sind Lilly mit einer Marktkapitalisierung von 700 Mrd. USD und Novo Nordisk mit 526 Mrd. USD zu den teuersten Pharma-Unternehmen weltweit geworden. Mit 83% Kursanstieg in den letzten 12 Monaten zählt Ypsomed an der SIX zu den herausragenden Gewinnern.

Der Kurs der Ypsomed-Aktie hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt. Chart: six-group.com

Life Sciences-Index noch im Abwärtstrend
Der Life-Sciences-Index des SIX hat zwar seit Ende November von 5300 Punkten auf 6300 Punkte zugelegt, doch der längerfristige Abwärtstrend seit dem Hoch bei mehr als 8400 Punkten Ende 2021 ist noch nicht gebrochen. Im Januar 2022 war auf schweizeraktien.net untersucht worden, wie lange Baissen im Healthcare Sektor andauern können. Das Ergebnis war, dass es im ungünstigen Fall 3 bis 4 Jahre sind. Weiterhin wurde die Prognose gewagt, dass die Trendsetter Straumann, Bachem und Lonza erst nachhaltig steigen müssen, bevor der Healthcare-Sektor eine breite Trendwende vollziehen kann.

Bei der Straumann-Aktie scheint sich ein neuer Aufwärtstrend zu bilden. Chart: six-group.com

Leit-Aktien treten auf der Stelle

Danach sieht es aber bisher nicht aus, wenn auch alle drei Titel in den letzten Monaten zulegen konnten. Bachem dümpelt nahe dem Tief, Lonza wenig darüber; lediglich der Straumann-Chart zeigt ein konstruktives Bild, da die Tiefs nicht wieder erreicht wurden und sich ein neuer Aufwärtstrend zu bilden scheint. Allerding kämpft die Aktie immer noch mit den Widerständen bei 135 CHF respektive 153 CHF, die bereits im Dezember 2022 auf schweizeraktien.net als Hürden benannt waren.

Gegenwärtig überbieten sich Banken und Broker mit Kaufempfehlungen und Kurszielanhebungen sowohl für Siegfried wie insbesondere für Lonza. Die Aktie von Siegfried bewegt sich allerdings nur 10% unter dem Hoch Ende 2021, Lonza dagegen trotz kräftiger Erholung noch 45%.

Die Aktie von Lonza ist noch sehr weit von ihren einstigen Höchstkursen entfernt. Chart: six-group.com

Novo Nordisk mit strategischer Akquisition

Eine überaus interessante Entwicklung gab es bei dem US-Konkurrenten in der Auftrags-Abfüllung Catalent. Novo Nordisk kauft den Contract Manufacturer mit 4.2 Mrd. USD Umsatz im letzten Geschäftsjahr für 11 Mrd. USD. Die industrielle Logik besteht für Novo Nordisk darin, sich Kapazitäten für die sterile Abfüllung injizierbarer Wirkstoffe langfristig zu sichern und sich so von CDMOs (Contract Development and Manufacturing Organisation) unabhängig zu machen. Die Prämie zum Börsenkurs betrug nur 16,5%. Und selbst mit 63 USD je Aktie bezahlt Novo Nordisk deutlich weniger als die Hälfte des Spitzenkurses bei über 140 USD in 2021. Es sieht so aus, als ob Contract Manufacturer während der Covid-Pandemie ins Scheinwerferlicht rückten, jedoch inzwischen wieder als das betrachtet und bewertet werden, was sie eigentlich sind – Auftragsproduzenten und -abfüller. Somit sind sie abhängig von ihren Auftraggebern. Es ist zwar anspruchsvoller, als Mineralwasser oder Coca-Cola in Flaschen abzufüllen, doch das Geschäftsmodell ist im Grunde nicht anders. Wie die angekündigte Übernahme von Novo Nordisk zeigt, kontrollieren die forschenden Arzneimittelunternehmen die Produktion und die Wertschöpfung. Sie agieren opportunistisch. Die Frage, die sich nach der Catalent-Übernahme stellt, ist, ob der Marktwert der beiden Schweizer CDMO-Unternehmen wirklich dem Preis der Aktien entspricht.

Weltmarktführer SKAN

Für SKAN ist die Catalent-Übernahme ein starkes Signal. Denn für Novo Nordisk geht es um drei Standorte für die sterile Abfüllung injizierbarer Wirkstoffe. Rund 75% der neuen personalisierten Gen- und Zell-Therapien, so wie die Diabetes- und Adipositas-Medikamente, sind flüssig und dürfen nicht erhitzt werden. Für die aseptische oder aseptisch-toxische Abfüllung werden Isolatoren benötigt. SKAN ist mit Weltmarktanteilen von über 50% am High-End Marktführer und erfreut sich insbesondere seit dem erfolgreichen IPO an der SIX 2021 wachsender Nachfrage. Die Aktie zeichnet sich durch einen steten Aufwärtstrend aus und dürfte trotz der hohen Bewertung ihr Post-IPO Hoch von 92 CHF Ende 2021 in absehbarer Zeit überspringen. Am 26. März 2024 wird das Jahresergebnis 2023 veröffentlicht. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu Lonza und Siegfried ist, dass SKAN der technologisch führende Lieferant einer Schlüsseltechnologie ist, die sowohl von Pharmaunternehmen wie Auftragsabfüllern benötigt werden. Mehr zu SKAN im schweizeraktien.net Interview vom vergangenen September.

Skan könnte schon bald neue Höchstkurse erreichen. Chart: six-group.com

Peptid-Hersteller

Anders als bei Lonza und Siegfried sind die Peptid-Hersteller Bachem und Polypeptide Lieferanten von Life-Sciences-Unternehmen, die jedoch sehr komplexe Vorarbeiten leisten müssen, damit die Vorprodukte die von den Kunden gewünschten Eigenschaften aufweisen. Hier liegt der Schwerpunkt des Terminus CDMO auf D wie Development.

Kostenentwicklung und Markttrends

Das Gesundheitswesen und auch die Medikamentenentwicklung sind sehr teuer geworden. Diese Entwicklung belastet die Staatshaushalte, die Akteure und nicht zuletzt die Patienten. Ein Medikament zu entwickeln und durch die klinischen Versuchsreihen zu bringen, kann heute bis zur Zulassung 4 Mrd. USD verschlingen – und nur 10% bis 20% nehmen alle Hürden bis zur Zulassung. Durch die globale Arbeitsteilung ist Europa und der Westen hochgradig von Lieferanten aus China und Indien abhängig, was sich beispielsweise in der Mangellage bei zahlreichen Medikamenten zeigt. Ein neuer Trend ist Reshoring, also die Heimholung der Produktion in die eigene Region. Ob dies gelingen kann, hängt weniger an plakativen Ankündigungen der Regierungen als an der Rentabilität solcher Projekte. So oder so, der Effekt ist auf jeden Fall für die Kostenträger in den Gesundheitssystemen des Westens kostentreibend.

KI und Healthcare

Eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Produktivität spielt bereits die Künstliche Intelligenz, der zweite Hype des vergangenen Jahres an der Börse. Nvidia ist mit einer Market Cap von aktuell 1.7 Billionen USD allein mehr wert als die gesamte chinesische Börse! Die Aktie gewann in den letzten 12 Monaten 240%. In der Medizinaltechnik kommt KI bereits umfangreich zum Einsatz. Den Schwerpunkt bildet die Diagnostik, da durch KI selbst minimale Veränderungen oder Übereinstimmungen auf Bildern identifiziert werden, und dies sehr viel schneller und umfassender, als es menschlichen Diagnostikern möglich wäre. Frühere Erkennung von Krankheiten ist wesentlich für die Senkung der Gesundheitskosten und die Gesundheit der Bevölkerung. Das Wachstum für die kommenden Jahre in diesem Segment wird bei 29% p.a. erwartet.

KI-Anwendungsbeispiele

Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Klinik Management. Die KI unterstützt bei der Optimierung der Kapazitätsauslastung, der Personalplanung und der individualisierten Therapie der Patienten. Das führt zu Kostensenkungen, sodass sich die Investitionen schnell amortisieren. In den anderen Segmenten des Healthcare-Universums sind die Anwendungsmöglichkeiten vielfältig und unterscheiden sich bei Medikamentenentwicklung, Medizingeräten oder Dentaltechnik. Ein gutes Beispiel liefert SKAN. Dort sollen über die kommenden Jahre die Service-Umsätze von zuletzt 25% auf 50% gesteigert werden. Die Margen sind höher als im Anlagengeschäft und können durch den Einsatz von KI signifikant gesteigert werden.

Künstliche Intelligenz soll die Medikamentenentwicklung schneller und effizienter machen. Abb: Präsentation Bellevue AI Health

Laut Bellevue Asset Management ist KI bei den Trendsettern des Healthcare-Universums bereits ein integraler Bestandteil des Geschäfts. Amgen beschleunigt die Medikamentenentwicklung, Oracle ist in Partnerschaften für das Administrative, z.B. mit der Versicherung United Healthcare, und Boston Scientific und GE Healthcare sorgen für AI-gestützte Diagnosen, Geräte, Therapie- und Operationsmethoden sowie Patientenüberwachung. Anfang Jahr hat Bellevue Asset Management einen neuen Fonds, den Bellevue AI Health, lanciert, der auf KI im Healthcare-Sektor fokussiert. Die grössten Positionen sind United Health Group, Lilly und Novo Nordisk. Auf die USA entfallen 72%, auf die Schweiz 7% und Dänemark 5%.

Fazit

Der Healthcare-Markt ist im Umbruch. Neue Technologien und Forschungsergebnisse revolutionieren die Life Sciences. Neu sind personalisierte Therapien mit Gen- und Zelltherapien, die bisher für unmöglich gehaltene Heilwirkung entfalten. Die KI ist eine Querschnittstechnologie, die nach und nach alle Segmente des Gesundheitsmarktes durchdringen wird. Die Wertschöpfungskette entwickelt sich entlang der sogenannten «Patient Journey» von Prävention über Screening und Diagnostik hin zu Therapie und Nachsorge. Nicht alle Segmente sind gleichermassen geeignet, um durch KI skalierbar oder kostengünstiger zu werden. Dazu zählen auch Subsegmente im Medtech-Bereich. Wo aber die KI-Strategie den Kern des Geschäftsmodells ausmacht und Produkte und Dienstleistungen deshalb im Wettbewerb die Nase vorn haben, antizipiert die Börse fortgesetzt hohe Gewinnsteigerungen. Beispiele sind Amgen, Boston Scientific und SKAN. Kurssteigerungspotenziale entstehen, wo eine KI-Strategie zumindest definiert ist wie bei Roche. Die weitaus meisten Branchenvertreter sind davon noch weit entfernt und bestenfalls dabei, sich zu orientieren.

Der technologische Wettlauf um die Weltgesundheitsmärkte ist voll entbrannt. Und weil Gesundheit mit über 10% BIP-Anteil ein riesiger Markt mit hohen Margen ist, wird der Wettbewerb mit harten Bandagen ausgetragen. Dazu zählt auch der Schutz der eigenen Industrie, wie im Fall der EU oder auch der USA. Schweizer Unternehmen mit internationalen Geschäftsinteressen weht nicht nur die Frankenstärke eisig ins Gesicht, auch die von der EU neu errichteten Handelshemmnisse kommen einem Würgegriff des übermächtigen Partners EU gleich. Eigentlich ein Anachronismus im aufgeklärten 21. Jahrhundert inmitten Europas – und ein Fall für diplomatische Lösungen.

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