Re-Industrialisierung: Aktienchancen im Mega-Trend

Ein neuer Investitionsgüterzyklus hat begonnen – der Aktienmarkt ordnet sich um

1
369
Es geht vorwärts: Re-Industrialisierung im Zeitalter von KI und Infrastrukturboom: Der Ausbau von Rechenzentren, Energie- und Verkehrsnetzen sowie industrieller Produktion treibt weltweit milliardenschwere Investitionen an und schafft neue Wachstumsimpulse für Bau-, Technologie- und Industrieunternehmen. Bildquelle: KI-generiertes Symbolbild / OpenAI DALL·E, 2026

Ob Infrastruktur, Energiewende, Verteidigung oder KI und Rechenzentren – immer sind Mega-Investitionen notwendig, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Es geht um nicht weniger als die Sicherung von Wachstum, Wohlstand und Frieden, die wichtigsten Voraussetzungen für langfristige Investitionen in die Wirtschaft.

Der boomartige Trend hat längst begonnen. Die Aktienkursverläufe erzählen die Geschichte. An der Schweizer Börse ragt ABB heraus, der global anerkannte Experte für Elektrifizierung und Automatisierung. Die Aktie hat sich in den letzten Jahren vervierfacht. Siemens und Schneider Electric sind europäische Pendants, in den USA ragt die aus GE hervorgegangene GE Vernova hervor, deren Kurs sich seit 2024 fast verzehnfachte. Dass sogar noch mehr geht, zeigt die amerikanische Sterling Infrastructure. Der Kurs legte allein im letzten Jahr 350% zu. Ähnlich wie bei ABB bewegte sich die Aktie viele Jahre seitwärts, bis es dann zu einem kometenhaften Anstieg kam. Das Unternehmen hat sich zunehmend auf die Ingenieur- und Bauarbeiten von Datenzentren konzentriert. Die Gewinne sind zuletzt explosionsartig gestiegen.

Attraktiv bewertete Implenia

Auch an der Schweizer Börse sind neben ABB weitere Titel zu finden, die direkt vom grössten Investitionsboom der letzten Jahrzehnte profitieren. Ein solcher Titel ist Implenia. Die Aktie ist zwar im Kalenderjahr 2025 mit einer Performance von 167% bereits kräftig angestiegen, liegt derzeit jedoch bei 62 CHF deutlich unter dem Hoch von 83 CHF. Implenia ist nicht nur Spezialist für Tunnelbauten, Brücken, Klinikkomplexe und Schienen-Infrastruktur, sondern in stark wachsendem Mass auch für Datenzentren. Die benötigen spezifisches Know-how, ebenso wie Kliniken oder Tunnel. In der Schweiz ist Implenia «an einer Handvoll Data-Center Projekten im Volumen von jeweils mehreren hundert Mio. CHF beteiligt». Im zweitwichtigsten Markt Deutschland sind Projekte in Aussicht. Der Auftragsbestand hat sich 2025 um einen Viertel auf 8.5 Mrd. CHF erhöht, und die Projekte sind laut CEO Jens Vollmar profitabler als zuvor. Für 2025 wurde die Dividende um 50 Rappen auf 1.40 CHF je Aktie angehoben. Der CEO will das Geschäftsvolumen in den nächsten 10 Jahren verdoppeln und die Margen kräftig ausweiten. Das KGV 2025 liegt bei 13.5 und ist somit ausbaufähig.

Chart Implenia May26
Der Kurs von Implenia hat in den zwei letzten Jahren zugelegt. Chart: six-group.com

Starkes Wachstum bei Belimo

Ein anderer Profiteur des Data-Center-Booms ist Belimo. Die Bewertung der Aktie bewegt sich allerdings am anderen Ende des Spektrums. Das KGV 2025 beträgt aktuell 53. Aufgrund des starken Wachstums ermässigt sich das geschätzte KGV für 2026 auf 41. Da die Börse aber in die Zukunft blickt, ist interessanter, was für 2027 und 2028 zu erwarten ist. Die Analystengemeinde der internationalen Banken ist geteilter Ansicht. Da bereits rund 20% des Geschäftsvolumens auf Datenzentren, insbesondere Kühlungstechnik, entfallen, erwarten die Bullen ein beschleunigtes Umsatz- und Gewinnwachstum. Bei 20% p.a. würde sich das KGV 2027 auf 33 und für 2028 auf 26 ermässigen. Bei branchenüblichen Wachstumsraten in der Heizungs- und Klimatechnik würden die zugestandenen Bewertungsmultiples dagegen deutlich tiefer liegen.

Finanztitel mit Fantasie

Vom Datencenter-Boom profitiert auch Swiss Re, denn hohe Investitionsvolumina wollen auch gegen Risiken unterschiedlicher Art versichert werden. Je höher der Wert, desto höher sind auch die Prämien. Für Swiss Re und auch Zürich Versicherung ist es ein Geschäftsfeld, das als Wachstumstreiber identifiziert ist und fokussiert wird. Ebenfalls aus der Finanzbranche kommt die Partners Group, die als Private Equity Investor sehr aktiv ist im Bereich Infrastruktur.

Andere Industrietitel

Unter den börsenkotierten Industrieunternehmen zählen Dätwyler und Comet zu den Profiteuren. Dätwyler stellt hochleistungsfähige Glasfaserkabel, Module und Systeme speziell für Datenzentren her. Comet liefert Radio-Frequency-basierte Komponenten, die in der Produktion von Halbleitern für Datenzentren unverzichtbar sind. Der Umsatzanteil, der auf Datencenter entfällt, liegt bei Comet bei 40%, bei Dätwyler bei steigerungsfähigen 10%.

Ist Ford eine Data-Center-Aktie?

Die Wachtumsimpulse sollten nicht unterschätzt werden. Allein Microsoft, Amazon & Co investieren 2026 rund 750 Mrd. USD in den Ausbau der KI-Infrastruktur. An der Börse sind in Sachen KI und Datacenter nicht nur Netzwerkausrüster wie Broadcom und Halbleiterhersteller wie der Börsendebütant Cerebras gefragt, sondern auch Old-Economy-Aktien wie Caterpillar. Der KI-Nachfrageboom verlangt auch Baumaschinen, die für Erschliessung und Bau benötigt werden. Die Aktie hat sich in den letzten drei Jahren vervierfacht und allein in den letzten 12 Monaten um 150% zugelegt. Das KGV 2025 beträgt 44. Und seit vergangener Woche ist auch Ford plötzlich eine Data-Center-Aktie. Die Tochter Ford Energy will Batteriespeichersysteme «Made in USA» an Datenzentren liefern. Die Aktie legte um 20% zu.

Kapazitätsauslastung steigt

Die Beispiele zeigen die breite Vielfalt der Unternehmen und Industrien, die bereits am amerikanischen Aktienmarkt von dem beginnenden Boom beflügelt werden. Aber auch breitgefasste Finanz- und Wirtschaftsindikatoren signalisieren, dass der von Investitionen getragene Aufschwung real ist. Aktuelle Zahlen der Fed zur Kapazitätsauslastung im April zeigen einen Anstieg von 75,7% auf 76,1%. Die Industrieproduktion erhöhte sich zum Vormonat um 0,7% (she. Abb.).

Grafik: fred.stlousfed.org

White House Liste der Investitionen in den USA

Den Schwerpunkt der Investitionen bilden neue Produktionsstätten und Infrastruktur. Führend auf der Liste des White House sind Apple, Meta, Nvidia und Amazon mit Programmvolumina bis zu 600 Mrd. USD, aber auch TSCM, Hyundai, Roche und Novartis werden stolz aufgeführt. Davon profitieren fast alle Wirtschaftssektoren, mehr oder weniger. Für 2026 zeichnet sich laut Analystenkonsens ab, dass neun der elf Sektoren im S&P 500 ein prozentual zweistelliges Gewinnwachstum auf per-share-Basis erreichen. Angesichts der hohen Profitabilität bleiben Aktienrückkaufprogramme der Unternehmen ein wichtiger Nachfragefaktor am Aktienmarkt

Der perfekte Sturm

Verschiedene miteinander verbundene Nachfragekräfte wirken zusammen und entfesseln so eine Welle der Re-Industrialisierung. Dazu zählt die starke weltweite Aufrüstung als Impulsgeber für andere Industrien. So erwägen u.a. Mercedes und VW den (Wieder-)Einstieg ins Verteidigungsgeschäft. KI und Datencenter sind die entscheidenden Treiber der technologischen Entwicklung, und ebenfalls Luft- und Raumfahrt. Dafür werden Rohstoffe in wachsendem Ausmass benötigt, darunter viele, die, wie der Name Rare Earths sagt, rar gesät sind. Und, es braucht sehr viel mehr Energie, um die Re-Industrialisierung praktisch umzusetzen. Photovoltaik, Windkraft, E-Mobility, Konnektivität und Datencenter benötigen kritische Mineralien wie Kupfer, Silber und Neodym, die jedoch hauptsächlich aus China kommen, knapper werden und von der Volksrepublik immer stärker als Waffe eingesetzt werden.

Das Gespenst der Inflation

In diesem geopolitischen Umfeld bleibt steigende Inflation nicht aus. Gerade in den letzten Tagen kam es an den internationalen Bondmärkten zu einem Ausverkauf über alle Laufzeiten hinweg. In der Schweiz ist Teuerung schon immer ein weniger gravierendes Problem als im sonstigen Europa und den USA. Selbst in Japan haben die Anleiherenditen ein Niveau erreicht wie zuletzt vor 30 Jahren. Die 10-jährigen Schweizer Staatsanleihen werfen 0,49% ab, die deutschen Bunds 3,17% – der höchste Stand seit 2011. Im UK sind es 5,2%, in den USA 4,6% und in Japan 2,7%, jeweils langjährige Extremwerte.

Rohstoffinflation – nach 45 Jahren zurück?

Der anziehenden Nachfrage bläst somit ein eisiger Wind von der Inflationsfront ins Gesicht. Bisher war Kapital im Überfluss vorhanden, doch steigende Kapitalkosten bedrohen nun den vor allem in Europa herbeigesehnten Konjunkturaufschwung. Die Ironie des Geschehens liegt darin, dass nicht etwa eine wirtschaftliche Überhitzung oder eine Politik des zu billigen Geldes zu dem Inflationsschub führt, sondern der Krieg im Golf, der die Preise für Öl & Gas sowie deren Derivate stark verteuert hat.

«Verankerte» Inflationserwartungen wanken

Waren die Investoren nach dem Kriegsbeginn erst verunsichert, setzte sich doch schnell eine Einschätzung durch, dass der Krieg bis Sommer beendet sein würde und sich die Preise der fossilen Energien mehr oder weniger normalisieren. Die Situation im dritten Monat des Iran-Krieges ist jedoch anders. Die kriegerischen Aktivitäten sind seit geraumer Zeit minimiert, doch nach einer Normalisierung der Öl-Produktion und Verschiffung oder normalisierten Preise sieht es bisher nicht aus.

Halbleiter-Index auf Rekordstand

In dieser Gemengelage hat sich das Interesse der Anleger stark auf den boomenden Tech-Sektor konzentriert. Stellvertretend sagt der Halbleiter-Index SOX mehr als tausend Worte. In den letzten 12 Monaten stieg der Index um 135%, in den letzten drei Jahren vervierfachte sich der Punktestand. Eine vergleichbare Performance in so kurzer Zeit gab es bisher nur einmal, und das war 1998 bis 2000. Den Rekordstand von 2000 erreichte der SOX allerdings erst wieder 2017.

SOX Index 6M
SOX PHLX Semiconductor – Indexverlauf in den letzten 3 Jahren. Abb: nasdaqomx.com

Fazit

Die Börse nimmt vorweg und übertreibt naturgemäss. Doch genau dieser Überschwang ist gleichzeitig die Kraft, die das Kapital motiviert, dahin zu fliessen, wo es gebraucht wird. Nicht jedes Projekt und Unternehmen wird erfolgreich sein bei der Anpassung an die gegenwärtig ablaufenden Umbrüche. Richtig positioniert und in führender Position sind ABB, Belimo, VAT – doch deren Bewertungen sind bereits ambitioniert. Dennoch dürfte das Anlagekapital weiterhin Marktführer mit tiefen Burggräben anderen Valoren vorziehen. Davon könnte die nicht überbewertete Implenia profitieren. Aber auch Schindler, Sika, Geberit und Huber & Suhner sind gut positioniert, um eine Rolle in der Re-Industrialisierung Europas zu spielen. Es muss sich nur in den Zahlen niederschlagen und die Investoren überzeugen, dass der Trend langfristiger Natur ist.

Die Ankündigungen der europäischen Regierungen sind zwar gross, in Zahlen gefasst aber doch nur ein Bruchteil des US-Kraftaktes. Dass der Kontinent uneinig und kopflos im Weltgeschehen wirkt, hat Gründe, die es entschlossen zu überwinden gilt. Der Draghi-Plan wird zwar viel gelobt, harrt jedoch bereits seit 2023 seiner Umsetzung. Allerdings fehlt es auch an Staatsmännern und -frauen, die das Zeug dazu haben, Europas «Selbstverzwergungskomplex» zu überwinden, um die noch starke Position des Kontinents in der neuen Welt-Unordnung zu behaupten und stärken.

1 Kommentar

Kommentar verfassen