Gerhard Schwarz, Head of Equity Strategy Baader Bank: «Schweizer Unternehmen kommen oft gestärkt aus schwierigen Situationen»

Der Aktienmarkt befindet sich in einem spätzyklischen Umfeld

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Gerhard Schwarz ist seit 15 Jahren für die deutsche Baader Bank tätig. Dort verantwortet er die Aktienstrategie. Schwarz verfügt über mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Finanzindustrie. Bild: schweizeraktien.net

Die Anlegerkonferenz Investora ist seit 14 Jahren ein Treffpunkt für Schweizer Small- und Mid-Cap-Unternehmen sowie Investoren. Auch in diesem Jahr gaben wieder über 30 Unternehmen ein Update zum laufenden Geschäft und zu den aktuellen Aussichten. Weil das Umfeld angesichts der geopolitischen Verwerfungen nicht einfach ist, zwingt es die Firmen zu Anpassungen.

Gerhard Schwarz, Head of Equity Strategy der deutschen Baader Bank, attestiert den Unternehmen allerdings eine hohe Resilienz. Im Gespräch mit schweizeraktien.net erklärt er zudem, warum er Schweizer Mid-Cap-Aktien weiterhin für attraktiv hält und welche Perspektiven sich für 2027 ergeben.

Herr Schwarz, wir sind hier auf der Investora. Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Schweizer Unternehmen wahr?

Gerhard Schwarz: Ich darf jetzt zum zweiten Mal hier auf der Investora sein, nachdem wir im letzten Jahr als Baader Bank das Sponsoring begonnen haben. Die Stimmung ist wie immer sehr gut, weil es einen intensiven Austausch zwischen Investoren und Unternehmen gibt. Ich denke, es ist eine sehr interessante Plattform für Unternehmen und Investoren gleichermassen, um sich mit dem Schweizer Mid-Cap-Markt auseinanderzusetzen.

Wie sehen Sie generell die Chancen für die Unternehmen, die hier präsentiert haben? Und wie ist das Potenzial für Small und Mid Caps in der Schweiz angesichts der geopolitischen Turbulenzen? Auch die jüngste Zinserhöhung in den USA könnte Druck auf die internationalen Aktienmärkte ausüben.

Gut. Die Schweizer Mid Caps profitieren von besonderen Eigenheiten, die sich teilweise von der globalen Entwicklung abkoppeln. Das heisst, wir haben hier in der Regel ein sehr stabiles Umfeld mit niedrigen Finanzierungskosten und einem stabilen Währungshintergrund. Das hilft den Unternehmen, besser zu planen und sich auf ihr Geschäftsfeld zu konzentrieren, anstatt sich von allen Entwicklungen links und rechts ablenken zu lassen. Die langfristige Perspektive bleibt dadurch im Fokus. Das ist ein wichtiger Faktor, den wir hier sehen.

Ich habe das auch in den Präsentationen so wahrgenommen. Die Unternehmen sind sicherlich nicht völlig immun gegen internationale Schwankungen, Handelskonflikte oder Störungen von Handelsrouten. Nichtsdestotrotz haben wir schon viele Phasen erlebt, in denen Schweizer Unternehmen solche Herausforderungen sehr gut gemeistert haben und oft gestärkt daraus hervorgegangen sind.

Die Investora zeigt ein breites Spektrum an Sektoren, von Finanzdienstleistern über Beteiligungsgesellschaften bis hin zu Industrie- und Bauunternehmen. Können Sie differenzieren, welche Branchen derzeit gut laufen und welche eher zu kämpfen haben?

Ja, auf der Sektorebene habe ich mir vor allem die Finanzwerte angeschaut, weil ich diesen Bereich betreue. Im Finanzsektor sehen wir deutliche Veränderungen. Die Kantonalbanken haben in meinen Augen stark davon profitiert, dass die Credit Suisse verschwunden ist. Das zeigt sich in hohen Wachstumsraten und einer deutlich gesteigerten Profitabilität bei einigen Instituten.

«Die Kantonalbanken haben in meinen Augen stark davon profitiert, dass die Credit Suisse verschwunden ist»

Wenn Sie sich beispielsweise den Bereich strukturierte Kredite beziehungsweise Syndicated Loans anschauen, gibt es in der Schweiz nur vier Banken, die das anbieten können. Drei davon sind Kantonalbanken. Das zeigt, dass hier ein erheblicher Bedeutungsgewinn stattgefunden hat.

Bei Immobilienwerten zeigt sich ebenfalls ein differenziertes Bild, die Unternehmen bleiben aber grundsätzlich zuversichtlich. Chancen bestehen insbesondere bei Titeln, die unter dem NAV notieren. Ähnliches gilt für Beteiligungsgesellschaften. Die Unternehmen versuchen, Katalysatoren zu identifizieren und zu aktivieren, um diesen Bewertungsabschlag abzubauen. Spannend wird sein zu beobachten, ob ihnen diese Bewertungsaufholung in den kommenden zwölf Monaten gelingt.

Im Finanzsektor wurde kürzlich bekannt, dass Revolut in den Schweizer Markt einsteigen will. Das Unternehmen hat nicht nur eine Banklizenz bei der Finma beantragt, sondern will offenbar auch 150 Mio. CHF investieren. Welche Auswirkungen hat das auf Schweizer Retailbanken?

Das ist sicherlich eine grosse Hausnummer. Es gibt verschiedene Diskussionen darüber, was die Schweizer Bankenwelt verändern könnte. Das eine Thema ist AI, das andere sind neue Wettbewerber wie Revolut.

Natürlich belastet das teilweise die Aktienkurse. Am Ende des Tages muss man aber sehen, dass sich die Banken grösstenteils auf Geschäftsfelder fokussiert haben, in denen persönliche Beratung gefragt ist. Viele Kunden möchten nicht ausschliesslich digital oder von einem AI-Assistenten beraten werden. Als Ergänzung ist das hilfreich, aber die persönliche Beratung bleibt wichtig.

Die Expertise und die starke Marktposition vieler Banken werden daher nicht sofort unter Druck geraten. In transaktionsbasierten und standardisierten Bereichen wie dem Zahlungsverkehr dürfte allerdings der Margendruck zunehmen.

Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf die Baader Bank. Was verfolgt Ihr Haus in der Schweiz für eine Strategie?

Wir haben vor dreizehn Jahren Helvea übernommen und sind bereits seit vielen Jahren in der Schweiz aktiv. Vor einigen Jahren haben wir zudem neue Büroräumlichkeiten in Zürich bezogen und organisieren dort – neben unserer jährlichen Konferenz in Bad Ragaz – zahlreiche Veranstaltungen mit Unternehmen und Kunden, um unsere Präsenz zu stärken.

Wir sind als Bank breit aufgestellt und neben dem Wertpapierhandel, Corporate Access und Kapitalmarktgeschäft auch im klassischen Brokerage tätig. Unser Fokus liegt auf der DACH-Region, wobei wir bewusst nicht nur grosse Titel, sondern auch Mid und Small Caps analysieren. Insgesamt covern wir knapp neunzig Schweizer Aktien vertieft.

Kommen wir von der Mikro- zur Makroebene. Wie schätzen Sie derzeit die wirtschaftliche Situation in Deutschland ein? Und welche Auswirkungen hat das auf die Schweiz?

Die schweizerische und die deutsche Volkswirtschaft sind eng miteinander verflochten. In Deutschland haben wir im vergangenen Jahr die Ankündigung grosser Infrastrukturprogramme gesehen. Die Umsetzung dauert allerdings länger als erwartet, sodass sich die Hoffnungen bisher nur teilweise materialisiert haben.

Es wird sicherlich positive Effekte geben, denn das Wachstum in Deutschland wird derzeit stark vom Staat getragen. Wir sehen auch, dass in einzelnen Branchen der Optimismus zunimmt. Wünschenswert wäre allerdings, dass sich die angekündigten Investitionen auch tatsächlich in den Auftragseingängen widerspiegeln.

«In der Breite zeigt die deutsche Industrie bislang jedoch noch keinen klaren Aufwärtstrend»

In der Breite zeigt die deutsche Industrie bislang jedoch noch keinen klaren Aufwärtstrend. Die Unternehmen müssen investieren, damit der Impuls der öffentlichen Ausgaben auf private Investitionen überspringt. Gleichzeitig bestehen in vielen Bereichen weiterhin strukturelle Herausforderungen.

Blicken wir auf die Aktienmärkte im Jahr 2027. Mit welchen Szenarien arbeitet die Baader Bank derzeit?

Das ist schwierig, weil wir bereits mehrere gute Jahre hinter uns haben, sofern sich der Rest von 2026 ähnlich entwickelt wie bisher. Nach vier guten Jahren ist der Zyklus bereits weit fortgeschritten.

Generell würde ich von einem spätzyklischen Umfeld sprechen. In solchen Phasen entwickeln sich Rohstoffwerte häufig besonders gut. Das sehen wir derzeit auch beim Ölpreis. Gleichzeitig steigen die langfristigen Zinsen deutlich an. Die Finanzierungskosten nehmen zu. Das ist ein Punkt, bei dem man sich fragen muss, wie nachhaltig der derzeitige Konjunkturaufschwung tatsächlich ist.

Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft?

Wir haben gesehen, dass der von S&P Global veröffentlichte PMI auf ein Mehrjahreshoch gestiegen ist. Das spricht aktuell für eine robuste wirtschaftliche Entwicklung. Die Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähiger, als viele befürchtet hatten.

«Grundsätzlich ist aus meiner Sicht eine gewisse Vorsicht angebracht»

Ein Teil dieser Entwicklung ist allerdings auf Lageraufbau zurückzuführen. Deshalb sollte man die aktuellen Zahlen nicht einfach fortschreiben. Grundsätzlich ist aus meiner Sicht eine gewisse Vorsicht angebracht. Anleger könnten wieder stärker auf Qualität und defensive Titel setzen, anstatt sich ausschliesslich auf Wachstumsfantasien zu konzentrieren.

Meinen Sie damit auch das Thema künstliche Intelligenz? Wann platzt die AI-Blase, falls es sie überhaupt gibt?

Das ist die grosse Frage. Ich habe einmal die provokante These aufgestellt, dass der Höhepunkt vielleicht erreicht ist, wenn der letzte grosse AI-Anbieter an die Börse gegangen ist. Bei SpaceX konnte man beobachten, wie schnell der Hype an den Märkten abklingen kann. Derzeit ermöglicht das Interesse am Thema AI eine enorme Kapitalbeschaffung und damit weitere Investitionen. Das hält die Entwicklung am Laufen.

Marktforschungsinstitute gehen zwar weiterhin von hohen Wachstumsraten bei AI-Investitionen aus. Das aktuelle Wachstumstempo dürfte jedoch in den kommenden Jahren kaum aufrechterhalten werden können. Vor allem dann nicht, wenn die Zinsen weiter steigen und damit die Renditeanforderungen an Investitionen zunehmen.

Der AI-Boom bleibt momentan das dominierende Thema. Dennoch sollte man die Entwicklungen in den kommenden ein bis zwei Jahren aufmerksam und mit einer gewissen Vorsicht verfolgen.

Herr Schwarz, vielen Dank für das Gespräch.

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