Bernexpo Groupe: Favoriten auf dem Prüfstand

Messebetreiber wird voll von Pandemie und Lockdown getroffen

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Zum Jahresauftakt waren die Perspektiven der Bernexpo Groupe noch intakt. Das profitable Unternehmen war auf bestem Weg, den Wert des Immobilienvermögens zu monetarisieren und, so die Erwartung der Anleger, eine schöne Sonderdividende auszuschütten. Doch dann kam das Corona-Virus. Wie ist nun nach dem ernüchternden Jahr 2020 der Ausblick auf das kommende Geschäftsjahr?

Der Geldkurs auf OTC-X liegt aktuell um 155 CHF oder 34,4% tiefer als Anfang Jahr. Die Marktkapitalisierung ist somit auf 23 Mio. CHF zurückgefallen. Das ist der tiefste Stand der Aktie seit 13 Jahren. 2006 war der Handel der Bernexpo Aktien aufgenommen worden. Bis 2010 konnte sich der Kurs auf 640 CHF mehr als verdoppeln. Es folgte eine lange Seitwärtsbewegung mit Kursen zwischen 370 CHF und 530 CHF. Am Jahresende 2019 zeichnete sich bei einem Kurs von 465 CHF aufgrund der als gut eingeschätzten Chancen eine Annäherung an den Buchwert von 765 CHF (2018) ab.

Aktienperformance der Bernexpo AG seit Handelsaufnahme im Jahre 2006. Chart: otc-x.ch
Zäsur im März

Doch dann kam alles anders. Im März stiegen erst die Infektionszahlen deutlich an, dann folgten Kontakt- und Veranstaltungsverbote, Quarantäne- und Lockdown-Massnahmen. Das Zugpferd der Veranstaltungen, die Publikumsmesse BEA, die im Jahr zuvor 290’000 Besucher verzeichnen konnte, musste schon Mitte März abgesagt werden. Die Aktie verzeichnete Ende März ein Zwischentief von 330 CHF. Trotz aller Bemühungen, alternative Ertragsströme zu generieren, konnte im Jahresverlauf das Ausfallen der Messen nicht kompensiert werden.

Virtuell statt physisch?

Zeitweilig wurden die Parlamentssitzungen auf dem Gelände der Bernexpo abgehalten, da hier grosszügige Abstandsregelungen auch umgesetzt werden konnten. Weiterhin wurde ein Corona-Testzentrum auf dem weitläufigen Areal eingerichtet. Manche Veranstaltungen wurden virtuell umgesetzt mit zum Teil durchaus akzeptablen Erfolgen – doch Geld floss bei den nicht physischen Events eben erheblich weniger.

Corona-Tests auf dem Bernexpo-Gelände im Bern. Bild: SRK, Remo Nägeli
Immobilienvermögen wird versilbert

Ende Mai kam die Meldung, auf die Anleger gewartet hatten. Die Beteiligung von 77,6% an der Messepark Bern AG sollte in zwei Schritten deutlich reduziert werden. Diese hält die Messehallen und Anlagen, also das in Immobilien gebundene Vermögen der Gesellschaft. Zwei Jahre zuvor hatten Management und Verwaltungsrat die strategische Entscheidung getroffen, sich zukünftig ausschliesslich auf das Kerngeschäft Messen und Kongresse zu konzentrieren. Im Juli übernahm dann ein Konsortium aus dem Immobilienentwickler HRS sowie den Versicherungen Mobiliar, Securitas und Visana einen Anteil von 45%. Bis zum ersten Quartal 2021 soll der Bernexpo-Anteil weiter auf unter 20% reduziert werden.

Dividendenverzicht

Der Gesellschaft floss somit ein nicht näher spezifizierter Betrag im wohl zweistelligen Millionenbereich zu. Da jedoch für das Gesamtjahr 2020 bereits im Sommer absehbar war, dass es zu weitreichenden Umsatzausfällen kommen würde und daher einem Millionenverlust, wurde auf die Ausschüttung nicht nur der regulären Dividende für 2019 verzichtet, sondern auch die Sonderdividende, von der Anleger geträumt hatten, platzte.

Restrukturierung und Abschied von CEO Somm

Mit den ab Oktober wieder steigenden Infektionszahlen waren die wenig fundierten Hoffnungen auf eine baldige Normalisierung Makulatur. Veranstaltungsverbote in Bern erzwangen weitere Restrukturierungsbemühungen bei der Bernexpo, darunter auch einen Stellenabbau. Zeitgleich kündigte CEO Jennifer Somm, die seit 2017 wesentlich für die strategische Neuausrichtung verantwortlich war, ihre Position.

Ausblick?
Ernst Bruderer, Interims-CEO der Bernexpo. Bild: interpersona.ch

Gegenwärtig gibt es für Anleger mehr Fragen als Antworten. Die Gesellschaft will nun unter dem Interimsleiter Ernst Bruderer konsequent die eingeschlagene Strategie verfolgen. Bruderer gilt als KMU- und Restrukturierungsexperte. Ein Personalabbau bei den bisher 130 Mitarbeitenden dürfte neben dem Verlust der Strategin Somm jedoch einem Braindrain gleichkommen. Die Zukunft wird in virtuellen Formaten gesehen, doch für deren erfolgreiche Entwicklung sind die Wettbewerbsvorteile, die auf festem Grund im Heimatmarkt Bern gelten, nicht anwendbar. Der Online-Markt ist kompetitiv und funktioniert nach anderen Regeln. Zudem sind virtuelle Events weit weniger umsatzträchtig als physische Messen.

Fazit

Die Pandemie kam zur Unzeit. Doch das gilt auch für die meisten anderen Unternehmen. Was spezifisch an Bernexpo und anderen Messeveranstaltern ist, liegt in der praktisch 100%igen Abhängigkeit von Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, die nun eben stark eingeschränkt und für Veranstalter von Massenevents sogar aufgehoben ist. Eine Pandemie, wie wir sie derzeit erleben, ist ein Jahrhundertereignis und war so weder von Bernexpo noch den Anlegern erwartet worden.

Aufgrund der starken Bilanz und der ergriffenen Massnahmen dürfte das Unternehmen jedoch die noch andauernde Krise überstehen. Zumindest in der zweiten Jahreshälfte 2021 sollte aus heutiger Sicht allmählich wieder ein Stück weit Normalität in das Wirtschaftsleben in der Schweiz zurückgekehrt sein. Ob und wie schnell und unter welcher Führung Bernexpo wieder zur alten Form auflaufen wird, ist allerdings zur Stunde noch weitgehend offen.

Vieles spricht dafür, dass die Entwicklung des Messe- und Kongressgeschäfts nach der Pandemie nur schrittweise vor sich gehen wird. Auf der anderen Seite könnte der aufgestaute Hunger nach Neuigkeiten und Austausch mit Fachkollegen auch zu einem unerwartet stürmischen Wachstum führen. Gegenwärtig überwiegen auf OTC-X jedoch die Verkäufer gegenüber den Käufern, und der letztbezahlte Kurs bewegt sich nun unter 300 CHF. Zwar wird der Buchwert von Ende 2019 in Höhe von 635 CHF wohl durch den absehbaren Verlust in 2020 weiter reduziert, dennoch scheint der aktuelle Kurs, der einem KBV von geschätzt 0.6 entspricht, die negative Entwicklung hinreichend zu reflektieren. Die Nachrichten werden in einigen Monaten bestimmt einen spürbar positiven Unterton haben.

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