Börsengänge Schweiz/International: 2021 ist stärkster IPO-Jahrgang seit 20 Jahren!

Primärmärkte zwischen Boom und Bust

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Börsengänge nahmen im 2021 nochmals an Dynamik zu. Bild: stocks.adobe.com

Die Party-Stimmung an den globalen IPO-Märkten sorgte im Pandemie-Jahr II für historische Rekordwerte. Laut dem EY-IPO-Report gingen insgesamt 2’388 Unternehmen an die Börse. Die Emissionserträge beliefen sich auf 453.3 Mrd. USD. Auch in der Schweiz kam der Primärmarkt ans Laufen. Die meisten IPOs an der SIX stammen aus dem Healthcare-Segment.

Letzter Neuzugang an der SIX war der Spezialist für Reinraumtechnik, SKAN, Ende Oktober. Die Performance liegt bei rund 50%. Lesen sie hierzu auch das aktuelle schweizeraktien.net-Interview mit dem SKAN-CEO Thomas Huber. Als Eisbrecher an der SIX fungierte im Frühjahr 2021 PolyPeptide Group, der schwedische Experte für die Peptid-Produktion, der ebenso wie SKAN zahlreiche der weltweit führenden Life-Sciences-Unternehmen zum Kundenkreis zählt. Weitere echte IPOs an der SIX waren der Sulzer Spin-off Medmix sowie Montana Aerospace. Die beste Performance lieferte mit 100% zum Jahresende PolyPeptide Group. Die Strategie der SIX, den in Europa führenden Marktplatz für Life-Sciences-Unternehmen weiter auszubauen, geht offensichtlich auf. Weiterhin bereicherte die Kursaal Bern die Berner BX Exchange. Die Aktie war zuvor ausserbörslich auf OTC-X gehandelt worden.

Die Aktie der Polypeptide Group zeigte die beste Performance aller Börsengänge an der SIX im letzten Jahr. Chart: www.moneynet,ch
Rekordjahr 2021

Gegenüber dem schon starken Vorjahr nahmen 2021 laut dem EY-IPO-Report zum vierten Quartal die IPOs um 64% nach der Anzahl und um 67% nach Erträgen zu. Während die US-Märkte weiter boomten, kam es in Europa zu einer kräftigen Belebung nach einem noch gedämpften IPO-Klima im Vorjahr. In Asien-Pazifik stagnierte die Primärmarktaktivität dagegen auf hohem Niveau, was hauptsächlich auf China zurückzuführen ist. Die Wachstumsabschwächung, die verschärfte Regulierung und Einmischung der Regierung sowie die zunehmenden Spannungen zwischen den Super-Mächten USA und China waren die wichtigsten Faktoren hierfür. Seit Ende Juli sind die zuvor boomenden cross-border IPOs chinesischer Emittenten in Richtung US-Börsen zum Erliegen gekommen.

Amerika sticht Asien-Pazifik aus

Als Region überflügelte Amerika mit 174.6 Mrd. USD erstmals seit langem wieder Asien-Pazifik, wo sich die IPO-Erträge auf 169.3 Mrd. USD beliefen. Somit entfielen 39% der globalen Emissionserlöse auf Amerika, 37% auf Asien-Pazifik und 24% auf Europa, Nahost, Afrika und Indien, die sogenannte EMEIA-Region.

Regionale Verteilung der Börsengänge in den letzten fünf Jahren. Abb: 2021 EY Global IPO Trend, S. 6
Rivian Automotive mit grösstem Emissionsvolumen des Jahres

Die Dynamik an den globalen Primärmärkten schwächte sich im vierten Quartal allerdings gegenüber der ersten drei Quartale des Jahres ab. Die Anzahl der Börsengänge betrug 621, das Emissionsvolumen 112.2 Mrd. USD. Doch gegenüber dem vierten Quartal 2020 repräsentiert das immer noch eine Steigerung um 16% respektive 9%. Das grösste IPO des Jahres fiel in das vierte Quartal. Der E-Mobility Anbieter Rivian Automotive sammelte 13.7 Mrd. USD ein. Mit Volvo Car kehrte ein bekannter Name an die Börse zurück. Das IPO spielte 2.7 Mrd. USD ein und war das grösste in Schweden seit dem Jahr 2000.

IPO-Aktivität in Europa mit kräftiger Belebung

Die europäischen Börsen sahen nach fünf Jahren mit rückläufiger IPO-Aktivität eine bemerkenswerte Trendwende. Es war der beste Jahrgang seit 2007. Bei 157 Börsengängen vervierfachte sich das Emissionsvolumen auf 55.8 Mrd. Euro, wie die Bank Berenberg errechnet hat. In Deutschland ist die Bilanz gemischt. Kein einziges deutsches IPO ist unter den Top-Performern zu finden, mehrere jedoch unter den grössten Verlierern. Die Aktie des Online-Gebrauchtwagenhändlers Auto1 verlor zum Emissionspreis bis Jahresende um 39%, die des Online-Optikers Mr. Spex sogar um 51%.

Skandinaviens Primärmärkte mit Aufschwung

Die Musik spielte 2021 vor allem in Skandinavien. Allein 45 Mrd. Euro an Kapitalaufnahmen durch IPOs und Kapitalerhöhungen entfällt auf Schweden und Norwegen. Neben Volvo Car sorgte auch das IPO des Batterieladegerätherstellers CTEK für Schlagzeilen. Mit 183% Performance war es das beste in ganz Europa. Allerdings liefert Schweden auch das schlechteste IPO. Die Aktie des Batterie-Produzenten Nilar verlor um 92%. Offensichtlich zahlt sich in den skandinavischen Ländern aus, dass spezielle Segmente für KMU mit geringeren regulatorischen Anforderungen entwickelt werden. An interessierten Privatinvestoren und geeigneten Unternehmen mangelt es nicht. Schwerpunkte sind Software, IT und Internet. Der zweitbeste Performer unter den europäischen IPOs ist die Aktie des italienischen Internet-of-Things Spezialisten Seco, die um 162% zulegte.

Tech- und Biotech-IPOs gefragt

Viele Trends seit Beginn der Pandemie beschleunigten sich. Auf Technologie entfielen 2021 volle 33% der globalen Emissionserträge. Healthcare zog 15% des Emissionsvolumens auf sich, wobei davon allein 43% auf Biotech-Unternehmen entfielen. Die Pandemie hat die Nachfrage nach Anbietern zeitgemässer und forschungsbasierter Lösungen kräftig angekurbelt. Aktien aus dem Umfeld der mRNA-Technologie, aber auch Tele-Health werden gesucht.

SPAC-Welle schwappt nach Europa

Die SPAC-Welle ist zwar zeitweilig abgeflaut, hat sich zum Jahresende hin allerdings wieder belebt. Insgesamt stiegen die SPAC-Emissionserlöse 2021 um 97% zum Vorjahr. Es finden immer wieder Transaktionen statt – De-SPACing im Fachjargon genannt. Doch die weitaus meisten SPACs suchen noch Übernahmeziele. Das gilt auch für das erste Schweizer SPAC mit Namen VT5. Das IPO fand allerdings erst Ende des Jahres statt. Neben Technologie sind verstärkt ESG-konforme Unternehmen wie Anbieter von E-Mobility oder erneuerbaren Energien im Visier der SPACs.

ESG und IPO
Das Thema ESG ist auch bei den IPOs ein wichtiges Kriterium geworden. Quelle: 2021 EY Global IPO Trends

EY hebt in dem IPO-Report im Ausblick auf 2022 hervor, dass ESG ein Hauptthema in 2022 sein wird. Jedes Unternehmen, ob kotiert oder auf dem Sprung an die Börse und ganz unabhängig von der Branche, benötigt eine klar artikulierte ESG-Strategie. Die Investoren suchen gezielt Aktien von Unternehmen, die Lösungen für die Umwelt- und Klimaprobleme des Planeten bieten können.

Ausblick

Vordergründig sieht es weiterhin nach einer Fortsetzung der Trends der letzten zwei Jahre aus. Doch manches am Umfeld hat sich auch geändert. Steigende Inflationszahlen führen über kurz oder lang auch zu steigenden Zinsen. Dazu tragen höhere Rohstoffpreise, Lieferengpässe, enge Arbeitsmärkte und auch die andauernden Pandemie-Bedingungen bei. Zwar ist es richtig, dass Sachwerte wie Aktien den besten Inflationsschutz bieten, doch ebenso richtig ist, dass das Börsen-Klima unter Preissteigerungen und einem höheren Zinsniveau leiden wird. Dazu können auch eine Abkühlung der weltwirtschaftlichen Dynamik, eine rückläufige Gewinnentwicklung der Unternehmen, Naturkatastrophen und geopolitische Konflikte – Kasachstan, Ukraine, Nahost – beitragen. Auch die innere Spaltung in der EU und in den zunehmend polarisierten USA inspirieren nicht gerade zu Vertrauen. Dennoch ist der Anlagebedarf vorhanden, und Lösungen für zahlreiche Probleme werden dringend benötigt. Auch in der Schweiz werden sich viele börsenfähige Unternehmen derzeit mit der IPO-Planung beschäftigen. Der Schwerpunkt dürfte weiterhin bei Spin-offs von Konzernen, Familiengesellschaften und Private-Equity finanzierten Unternehmen liegen.

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