Im Brennpunkt: Polio, Masern, Affenpocken, HIV – die Rückkehr der Infektionskrankheiten

Mächtiges Comeback nach Covid-Monomanie und Vernachlässigung sonstiger übertragbarer Krankheiten

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Sie zählen auch zu den grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: neue und vermeintlich ausgerottete Viren-Infektionskrankheiten. Bild: stock.adobe.com

In der Covid-Pandemie macht sich im Jahr 3 allmählich Entspannung breit. Das Schlimmste scheint überstanden, Hospitalisierungen und Todesfälle sind deutlich gesunken. Doch unterhalb des Radars der Massenmedien und auch der Politik breiten sich mittlerweile viele andere Infektionskrankheiten gefährlich schnell aus, darunter auch Polio und Masern, die eigentlich schon als ausgerottet galten. Neue Herausforderungen stellen sich.

In die Schlagzeilen geschafft haben es die Affenpocken, die zwar nicht unbekannt waren, aber sich bisher auf räumlich eng begrenzte Territorien beschränkt haben. Nach wenigen Monaten sind bereits 25’000 US-Amerikaner, 3’600 Deutsche und 500 Schweizer infiziert. Der Schwerpunkt liegt in Europa und den USA. Global werden aktuell 65’000 Fälle in 104 Ländern gezählt. Die Symptome sind selten schwer, Todesfälle die Ausnahme. Die FDA hat bisher einen Impfstoff des dänischen Biotechunternehmens Bavarian Nordic zugelassen, allerdings stehen wiederum zu wenig Produktionskapazitäten zur Verfügung, die ärmeren Länder haben das Nachsehen.

Zoonosen und «sexually transmitted diseases» im Vormarsch

Wie der Name schon nahelegt, handelt es sich bei den Affenpocken um eine weitere Zoonose. Der Ursprung liegt in West- und Zentralafrika. Es sind jedoch offensichtlich nicht die Touristenströme oder die Migranten, die für die Verbreitung verantwortlich sind. Vielmehr sind zu 99% Männer betroffen, und die Ansteckung erfolgt durch «engen oder intimen» Kontakt. Viele Infizierte haben durch Vorerkrankungen wie HIV ein geschwächtes Immunsystem. Städte wie Berlin und Los Angeles weisen die höchsten Infektionsraten auf.

Die Affenpocken sind somit eine weitere «sexually transmitted disease» (STD). Bis vor kurzem wurden solche Infektionskrankheiten noch venerische Krankheiten genannt, nach der Liebesgöttin Venus. Ihre schnelle Verbreitung passt ins Bild. Denn auch die Fälle von HIV, Gonorrhoe und sogar Syphilis steigen kräftig an. Besonders drastisch ist der Anstieg der Syphilisinfektionen. Die bakterielle Infektionskrankheit war nach den 1940er-Jahren durch Antibiotika und erfolgreiche Aufklärungsarbeit fast bedeutungslos geworden. 1998 wurde in den USA mit 7’000 Neuansteckungen das Tief erreicht. Doch seitdem steigen die Fallzahlen beträchtlich. 2021 wurde mit 52’000 Neuansteckungen der höchste Wert seit 1948 verzeichnet. Der Anstieg zu 2020 beträgt 26%. Bei HIV liegt die Steigerungsrate zum Vorjahr bei 16%. Spiegelbildlich sind die Kondomverkäufe rückläufig, ebenso die staatlichen Mittel für Aufklärung und Prävention, zumindest in den USA und den meisten Emerging Markets. Die Folgen sind weitreichend, da der Erreger u.a. bei Schwangerschaften die Ungeborenen schädigt.

Triebkräfte vs. Prävention

Die Gründe für den steilen Anstieg der STDs sind zwar vielfältig, doch der aufgestaute Lebens- und Liebeshunger sowie die Kontaktarmut während der Einschränkungen infolge der Covid-Pandemie spielen bei den zweistelligen Zuwachsraten seit 2020 eine wesentliche Rolle. Im Juli erklärte die WHO die Affenpocken wegen der rapiden Ausbreitung zu einer «public health emergency of international concern». Das war seit 2009 das siebte Mal, dass die WHO diese höchste Alarmstufe ausgerufen hat, das letzte Mal 2020 bei Covid.

Masern und Polio – vom Status «ausgerottet» zur akuten Bedrohung

Während die Affenpocken also weit weniger gefährlich sind als beispielsweise das Covid-Virus, trifft dies nicht auf Polio und Masern zu. Beide Infektionskrankheiten waren gefürchtet, doch sind durch umfassende Impfprogramme praktisch ausgerottet worden – bis sie jetzt zurückgekehrt sind. Masern sind extrem infektiös, potenziell tödlich und schwächen das Immunsystem nachhaltig, sodass andere Erreger leicht nachfolgen. In den USA gab es bei der letzten Epidemie im Jahr 1960 über 400’000 Fälle. Die Fälle sind 2021 auf nur noch 13 zurückgegangen. Die Quarantänebedingungen zu Beginn der Covid-Pandemie trugen ihren Anteil dazu bei.

Den Masen geht der Ruf voraus, dass sie aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr viel über Defizite in Gesundheits- und Impfsystemen sagen. Nehmen die Masern-Fälle zu, folgen meist andere ansteckende Krankheiten nach. In fast allen Weltregionen wurden die Masern als eradiziert, also ausgerottet, eingestuft. Das geschieht, wenn mehrere Jahre keine Fälle beobachtet wurden. Doch in den letzten Jahren, und insbesondere seit den Lockerungen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie, steigen die Fallzahlen. In den ersten beiden Monaten 2022 wurden weltweit 17’400 Infektionen verzeichnet, das sind 79% mehr als die 9’700 Fälle in der Vorjahresperiode.

«Perfekter Sturm»

Die WHO und UNICEF warnten im April vor dem «perfekten Sturm», der sich zusammenbraut. Die meisten Masern-Fälle kommen in Ländern vor, die sich in humanitären Katastrophen befinden, wie Somalia, Jemen, Afghanistan, Äthiopien und Nigeria. WHO und UNICEF sehen den Grund der unheilvollen Entwicklung vor allem darin, dass 23 Mio. Kinder im Jahr 2020 nicht geimpft wurden, wegen der Priorisierung von Covid und der Vernachlässigung sonstiger Impf- und Präventionsprogramme.

Folgen ausgesetzter Impfprogramme

Die Problematik in den entwickelten Ländern sieht anders aus. Zwar ist der Grossteil der Bevölkerung geimpft, doch meist mit sogenannten Totimpfstoffen, wie sie vor Jahrzehnten üblich waren. Doch der Masern-Erreger mutiert über die Zeit, und das Immunsystem verliert seine Reaktionsfähigkeit. 2018 gab es einen Ausbruch mit 643 Infizierten in den USA, die alle von einem ungeimpften Kind nach der Rückkehr von einer Reise nach Israel angesteckt wurden. Auffrischungsimpfungen mit Lebendimpfstoffen und Aufklärungsarbeit sind erforderlich. Zwischen April 2021 und April 2022 fanden global 21 «Outbreaks» statt. Eine Folge der 53 ausgesetzten Impfkampagnen in 43 Ländern, die vor allem die betroffenen 200 Mio. Kinder gefährden. Die WHO bezeichnete im Juli  die unterbrochenen Impfprogramme als den grössten Rückschritt der letzten 30 Jahre. «»

Polio Disaster Emergency in New York

Bei Polio, früher Kinderlähmung genannt, ist der Fall ähnlich gelagert. Das Virus galt nach den erfolgreichen Impfkampagnen seit den 1950er-Jahren eigentlich als ausgerottet. Waren in den USA noch 1952 über 20’000 Lähmungsfälle infolge einer Polioinfektion zu beklagen, wurde die Krankheit seit 1979 als ausgerottet eingestuft. Seit der Jahrtausendwende sind nur 10 Fälle aufgetreten. Und auch weltweit war das 1988 von der WHO mit Partnerorganisationen aufgesetzte Programm zur Eradizierung von Polio überaus erfolgreich. 1988 gab es noch 350’000 Fälle in 125 Ländern, bis 2021 war die Zahl auf weltweit nur noch sechs Fälle abgesunken.

Jetzt sieht es jedoch nach einem Comeback aus. Die Gouverneurin von New York erklärte eine «Disaster Emergency» für New York, nachdem ein Fall aufgetreten war. Untersuchungen des Abwassers ergeben immer mehr Spuren des Polio-Virus in immer mehr Stadtteilen. Es könnten Hunderte oder Tausende von Infektionsfällen sein. Polio-Infizierte können ohne das Auftreten von Symptomen das Virus weiterverbreiten. Die Impfquote in New York liegt bei 79%, in manchen Stadtteilen aber auch bei weniger.

Impfstoff-Problematik als Ursache

Das Spezielle am Wiederauftauchen von Polio ist, dass in Entwicklungsländern das vereinzelte Überspringen des Wildvirus durch mangelnde Impfung zu bisher begrenzten Infektionsherden führen kann. In den USA dagegen ist gar nicht das Wildvirus die Ursache, sondern die Infektionen resultieren aus dem verwendeten Impfstoff-Spray. Das in den Rachen applizierte Spray vermeidet, dass Infektionen stattfinden können. Doch der Geimpfte scheidet bei diesem Vakzin als Reaktion Viruspartikel aus, die Ungeimpfte infizieren können. Da auch bei Polio die Impfquoten rückläufig sind, gibt es nun auch mehr Möglichkeiten für Ansteckungen.

Langya Virus in China identifiziert

Natürlich tauchen zudem immer wieder neue Erreger auf, manche sind weniger gefährlich wie der in China neu entdeckte Langya Virus, der von der Spitzmaus auf den Menschen überspringt. Mensch-zu-Mensch-Infektionen wurden nicht nachgewiesen. Todesfälle sind nicht bekannt, die Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Husten und Muskelschmerzen sind dennoch unangenehm.

Alptraum der Epidemiologen: das Marburg Virus

Eine ganz andere Kategorie stellt das Marburg Virus dar. Bei den 12 grösseren Ausbrüchen seit 1967 sind in Süd- und Ostafrika 24% bis 88% der Infizierten gestorben. Das hochinfektiöse Virus ist mit dem Ebola-Virus verwandt. Letztes Jahr kam es zu einem Todesfall in Guinea, im Juli dieses Jahr wurden drei Verstorbene im ersten Ausbruch in Ghana verzeichnet. Zusammen mit Ebola ist das Marburg Virus der Alptraum der Epidemiologen. Beide Viren sind hochansteckend, tödlich und bisher ohne Impfstoffe und wirksame Therapeutika. Der Name verweist auf den Ort der ersten Infektion – Marburg in Deutschland. Den Forschern waren 1967 Viren entwichen und hatten so den ersten Outbreak ausgelöst. Das Beispiel zeigt, dass solche extrem gefährlichen Viren auch in Europa und der nördlichen Hemisphäre Schaden auslösen können. Die Gesundheitssysteme wären bei mehr als einer überschaubaren Anzahl von Infektionen schnell überfordert.

Fazit

Infektionskrankheiten und multiresistente Keime (MRSA) stellen eine der grössten Herausforderungen für das 21. Jahrhundert dar. Neben den angeführten Infektionskrankheiten gibt es viele mehr: Zika, Malaria, Cholera, Röteln, Lassa, Hanta, Chikungunja, … und für HIV gibt es bis heute keinen Impfstoff. Die Anzahl der daran Verstorbenen beträgt bis 2021 rund 40 Mio. weltweit.

Die Kosten für die Gesundheitssysteme und die Volkswirtschaften sind enorm und können die Vorstellungskraft der meisten übersteigen. Die SARS-Epidemie von 2003, heute fast vergessen, kostete nach Schätzungen der WHO 30 Mrd. USD. Der Ebola-Outbreak von 2013 bis 2017 in Westafrika kostete 2.2 Mrd. USD. Die globalen Kosten einer moderaten Influenza-Pandemie werden auf 570 Mrd. USD jährlich geschätzt. Und bis 2050 können sich die kumulierten Kosten und Schäden durch MRSA auf über 100 Bio. USD summieren, ein Betrag, der über dem gegenwärtigen globalen BIP liegt.

Hohe Investitionen in F&E allein reichen nicht aus, um die sich auftürmende Welle von neuen und alten Infektionskrankheiten zu brechen. Es kommt auch auf die konsequente Umsetzung sinnvoller Präventionsmassnahmen auf globaler Ebene an. Zudem sollten aufgrund der jahrzehntelangen Vernachlässigung der Infektionskrankheiten mehr Mittel für deren Erforschung, aber auch die Schaffung von Produktionskapazitäten vorgesehen werden. Beispielsweise ist Indien weltweit der mit Abstand grösste Impfstoffproduzent – eine weitere Abhängigkeit!

Der Markt ist schon durch die Covid-Pandemie in Bewegung geraten. Für Investoren bieten sich weiterhin gute Chancen in der Life-Sciences-Industrie. Neben direkten Investments in den Diagnostika-Marktführer Roche, Impfstoffhersteller wie Pfizer oder innovative Biotechs wie Moderna und BionTech bieten auch die Schweizer Beteiligungsgesellschaften BB Biotech und HBM Healthcare mit ihrem Fokus auf Life-Sciences gute Chancen. BB Biotech war beispielsweise schon vor dem Auftauchen von Covid an Moderna beteiligt.

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